mini|William Faulkner (1924) Moskitos (engl. Titel Mosquitoes) ist ein 1927 veröffentlichter RomanWilliam Faulkner: „Mosquitoes“. Boni & Liveright New York, 1927. des US-amerikanischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers William Faulkner. Die deutsche Übersetzung von Richard K. Flesch erschien 1960 im Rowohlt Verlag.William Faulkner: „Moskitos“. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1960. Der Autor porträtiert satirisch das Künstlermilieu New Orleans der 1920er Jahre während eines viertägigen Yachtausflugs auf dem Pontchartrain-See.
Überblick Die Geschichte über den Ausflug einer Künstlergruppe mit der Nausikaa, der motorisierten Yacht einer reichen Kunstmäzenin auf dem Pontchartrain-See beginnt und endet in der Stadt New Orleans. Die eingeladene Schar der Künstler und Ästhetiker hat sich überraschenderweise um einige Jugendliche erweitert und v. a. die beiden jungen Frauen bringen Unruhe in die Gesellschaft und greifen in ihre Strukturen ein. Der Autor porträtiert diese gemischte Gruppe bei ihren Vergnügungen und wechselnden Verknüpfungen der homo- und heteroerotischen Beziehungen sowie den dadurch ausgelösten Gesprächen über traditionelle und moderne geschlechtliche Rollenbilder. Entsprechend konträr verlaufen die Diskussionen über moderne Lyrik, den Kunstbegriff und ästhetische Fragen der Gegenwartsliteratur. Die Handlung spielt im August, in der Zeit der Moskito-Plage, unter der die Passagiere leiden.
Der Roman ist in sechs Abschnitte unterteilt: den Prolog, in dem die Situation vor der Reise vorgestellt wird, vier Kapitel mit Stundenunterteilungen, in denen der Verlauf der viertägigen Yachtreise dokumentiert wird, und einen Epilog, in dem das Leben in New Orleans nach dem Ausflug geschildert wird. → Kapitelübersicht Prolog: Vorstellung der Protagonisten Talliaferro, Bildhauer Gordon, Gastgeberin des Ausflugs Mrs Maurier und ihrer Nichte Pat, Schriftsteller Fairchild, Kunstkritiker Kauffman. Erster Tag: Eintreffen der Gäste. Neben den im Prolog genannten sind es die Künstlerinnen und Künstler Eva Wiseman, Dorothy Jameson und Mark Frost, der Geschäftsmann Ayers sowie die Jugendlichen Jenna, Pete und Pats Zwillingsbruder Josh. Unterhaltungen an Bord. Bridge, Whisky, Schwimmen im See, neue Bekanntschaften.
Zweiter Tag: Die Yacht läuft auf eine Sandbank und sitzt vier Tage lang fest. Dadurch sind die Aktivitäten auf das Schiff beschränkt und die Abläufe des ersten Tages wiederholen bzw. intensivieren sich.
Dritter Tag: Pat verlässt heimlich mit dem Stuart das Schiff, sie wandern durch den Sumpf am Ufer und kehren erschöpft zurück. Der Versuch, die Yacht mit dem Ruderboot freizuziehen, misslingt. An Bord setzen sich die Beziehungen fort, während andere Passagiere über das Leben und die Kunst diskutieren.
Vierter Tag: Ein Schlepper zieht die Yacht von der Sandbank und sie kann in der Nacht nach New Orleans zurückkehren. An Bord werden einige Handlungen weitergeführt (Kunstgespräch), andere abgeschlossen: David kündigt und verlässt das Schiff, Gordon und Pat streiten sich, Talliaferro wird zur Verlobung mit Mrs. Maurier verleitet.
Epilog: Die Passagiere nehmen wieder wie zuvor ihre Beschäftigungen auf. Nur Gordons Kunstauffassung hat sich durch die Reise verändert. In seinen Plastiken will er nicht mehr die Oberfläche, sondern die durch ihre Erlebnisse geprägte Seele der Mensch abbilden.
Handlung Prolog Der Prolog stellt, anhand von Talliaferros Besuchsstationen, in neun Abschnitten die Ausgangssituation und sechs der Teilnehmer des Yachtausflugs vor.
Im Atelier des 36-jährigen Bildhauers Gordon in New Orleans unterhält Ernest Talliaferro den Künstler mit seinem Lieblingsthema, seinem Sexualinstinkt. Der 38-jährige Einkäufer für Damenmode hat sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet und seinen Namen Tarver gegen den an die einflussreiche Familie Taliaferro erinnernden ausgetauscht. Er ist seit acht Jahren Witwer und auf der Suche nach Partnerinnen (1, 4). Er behauptet, die Bedürfnisse der Frauen zu kennen, und spricht immer wieder über seine Erfahrungen und seine neuen Verführungsstrategien. Seine stets erfolglosen Versuche sind als Running Gag in die Handlung eingebaut. (5).
Die Kunstmäzenin Patricia Maurier, eine wohlhabende Witwe, kommt ins Atelier (3). Sie will ihrer zu Besuch weilenden achtzehnjährigen Nichte „Pat“ Robyn den Flair einer Kunstwerkstatt zeigen und lädt Gordon zu einer viertägigen Fahrt mit ihrer Yacht auf dem Pontchartrain-See ein. Gordon hat eigentlich kein Interesse, sagt aber später seine Teilnahme zu, weil er sich für das androgyne kecke Mädchen interessiert.
In Broussards Restaurant trifft Talliaferro den ca. vierzigjährigen Romancier Dawson Fairchild und seinen Freund, den Kunstkritiker Julius Kauffman und unterhält sich mit ihnen über die Kunstszene und die Teilnehmer des Ausflugs (5–7).
Der erste Tag An Bord der „Nausikaa“ sammeln sich die Gäste (Zehn Uhr). Neben den aus dem Prolog bekannten Personen sind es:
Mark Frost, ein junger Dichter, Julius Kaufmanns Schwester Eva Wiseman, eine lesbische Dichterin, und Dorothy Jameson, eine Malerin fader Stillleben,
Major Ayers, ein britischer Geschäftsmann,
Vier junge Leute, die durch Verwandtschaft mit der Gastgeberin oder als Zufallsbekanntschaften aufs Schiff gekommen sind: Theodore „Josh“ Robyn, Pats Zwillingsbruder und zukünftiger Yale-Student, außerdem Genevieve (Jenny) Steinbauer, die von Pat aus einer Laune heraus eingeladen wurde, und ihr Freund Pete Ginotta, beide aus einer anderen Gesellschaftsschicht als die Künstler.
Nach der Begrüßung durch Patricia Maurier führen die Gäste vor und nach dem Mittagessen (Ein Uhr) lockere humorvolle Unterhaltungen über Ayers Handel mit Abführmitteln, erfundene Anekdoten über die Einwanderer in Louisiana und die Schlacht von New Orleans. Nachher (Zwei Uhr) teilt sich die Gruppe. Einige spielen Bridge auf dem Sonnendeck. Die meisten Männer trinken, wie auch an den folgenden Tagen unter Deck Whisky und hören sich Major Ayer Kritik an der Kriegsunlust des Volkes und seine Schwärmerei vom freien Leben an: „Freiheit gibt es nur im Krieg“. Pat und Josh besichtigen den Maschinenraum, Jenny und Pete grübeln an der Reling über das Leben der reichen Leute („Sie wollen nirgendwo hin, und sie haben nichts zu tun … beinahe wie im Kino“) und Jenny überlegt, was sie alles kaufen würde, wenn sie Geld hätte.
Dann vergnügt man sich beim Schwimmen im See (Vier Uhr), bis das Schiff bei Sonnenuntergang sich dem Ufer nähert und die Passagiere von den Moskitos vom Deck vertrieben werden (Sechs Uhr). Beim Abendessen (Sieben Uhr) wird die spaßige Unterhaltung, die Mrs Maurier bei Frivolitäten zu steuern sucht, vom Mittag fortgesetzt und auf das am nächsten Tag geplante Angeln im Tchufuncta River ausgedehnt. Nach dem Essen verläuft sich die Gesellschaft wieder (Zehn Uhr): Die Männer trinken Whisky. Talliaferro holt Fairchilds Rat ein, wie er eine der Damen erobern kann. Die Frauen spielen Bridge. Mrs. Maurier versucht vergeblich, ihre Gäste zum Tanzen zu animieren. Josh bastelt an einer Pfeife, baut dafür im Maschinenraum eine Metallstange ab und demoliert damit vermutlich die Ruderanlage. Jenny und Pete betrachten den Mond. Pat und Gordon, die sich beim Schwimmen näher gekommen sind, haben sich zurückgezogen. Dann gehen alle müde und gelangweilt in ihre Kabinen (Elf Uhr).
Der zweite Tag Durch einen Sturm in der Nacht ist die „Nausakaa“ auf eine Sandbank getrieben worden und wegen der defekten Ruderanlage nicht mehr manövrierfähig (Acht Uhr). Der Vormittag vergeht deshalb ohne gemeinsame Aktionen, man ruht sich aus und macht sich miteinander bekannt, z. B. erzählt Fairchild Josh von seiner Fabrikarbeit und seinem Stipendium für ein konfessionelles College (Elf Uhr), Jenny und Pat tauschen sie über ihr Liebesleben aus. Beide verbindet eine Phase der Orientierungssuche (Zehn Uhr). Pat phantasiert mit dem Stuart David West über eine Flucht aus der Gesellschaft und entwirft eine unrealistische Europareise (Zwei Uhr). Abends wird in kleinem Kreis getanzt, während andere ihre eigenen Wege gehen. Es entwickeln sich einige erotische bzw. sexuelle Kontakte. Die Malerin Dorothy Jameson denkt über ihre Beobachtungen bekümmert nach. Sie selbst hat eine ganze Serie unglücklicher Künstlerbeziehungen hinter sich und hofft nun auf Mark Frost. Vielmehr scheinen sich die Männer junge Frauen, die sich nicht für Kunst und geistige Dinge interessieren, zu umwerben: Talliaferro, Ayers und Josh suchen Kontakte zur sanften passiven Jenny. Gordon, Fairchild und Pete zur sportlichen unbekümmerten Pat. Diese wiederum geht mit dem Stuart David West in romantischer Abenteuerlust nachts schwimmen (Zwölf Uhr), nachdem sie zuvor mit Jenny in der gemeinsamen Kabine (Zehn Uhr) eine angedeutete lesbische Begegnung hatte.
Mrs. Maurier ist unglücklich über den Verlauf der Party. Es ist für sie als Gastgeberin schwer, die Gruppe zusammen zu halten, zu unterschiedlich sind die Persönlichkeiten und die Interessen. Gordon entdeckt in der auf Formen bedachten Gesellschaftsdame die vom Leben enttäuschte Frau, die er später porträtiert, als sie ihm bekennt: „So wenige Menschen nehmen sich die Zeit, innerlich zu werden und über sich selbst nachzudenken […] Es muss wohl an dem Leben liegen, das wir führen. Nur die Schöpferischen haben die Fähigkeit nicht verloren, ihr Leben zu vollenden, indem sie in sich selbst leben. […] Es gibt so viel Unglück auf der Welt. […] Sie gehen durchs Leben, ohne sich von ihm einfangen zu lassen; Sie gewinnen ihm nur die Inspiration für ihr Schaffen – oh, Mr. Gordon, wie glücklich seid Ihr schöpferischen Menschen. Wir andern, wir können höchstens hoffen, dass es uns irgendwie, irgendwann einmal vergönnt sein möchte, Ihr Stein zu sein, aus dem Ihr Stahl den Funken schlägt.“ Dann versucht sie sich als Mäzenin in die Kunstszene einzureihen: „Zu denken, dass man der Kunst sein Scherflein geopfert hat […] die armselig sich mühende […] auch sie hat ihren Platz im großen Plan; auch sie hat der Welt etwas gegeben, ist dort gegangen, wo Götter geschritten sind“ (Zehn Uhr).
Der dritte Tag Am dritten Tag wiederholen sich auf dem festliegenden Schiff zwischen den Mahlzeiten die Unterhaltungen der zunehmend gelangweilten Gäste. Zur ersten überraschenden Aktion kommt es, als Pat den in sie verliebten David überredet, mit ihr die Yacht zu verlassen und in die Stadt Mandeville zu laufen (Fünf bis zwölf Uhr). Sie setzen zum Ufer über und waten von Moskitos zerstochen bis zur Erschöpfung durch den Dschungel. Schließlich geben sie dehydriert ihre Flucht auf und lassen sich von einem Mann mit seinem Motorboot zum Schiff zurückbringen. Pat entschuldigt sich bei David über ihre verrückte Idee und er sieht sich in seinen Hoffnungen auf eine Freundschaft enttäuscht.
Die zweite Aktion löst Fairchilds Vorschlag aus, die Yacht mit dem Ruderboot durch ein Seil zu verbinden und es von dort aus freizuziehen. Doch der Versuch muss abgebrochen werden, als das Boot zu kippen droht und Talliaferro und Jenny ins Wasser fallen. Gordon nutzt die Konzentration der Beteiligten auf die Rettungsaktion, wie sich am nächsten Tag herausstellt, zu einer Flucht und schwimmt ans Ufer. Er wird vermisst und man befürchtet, dass er ertrunken ist. An Bord der Yacht zurückgekehrt, nimmt sich Mrs. Wisemann des Mädchens liebevoll an, verarztet es und kostümiert es mit ihren eigenen Kleidern (Drei Uhr).