mini|Pokut Yayla bei Rize Die Yaylas sind wohnortnahe Sommersiedlungen größerer Dauersiedlungen im inneranatolischen Hochland der Türkei und eine Sonderform der Transhumanz.

Yaylacılık Obwohl Lebens- und Wirtschaftsweise des Nomadismus in der Türkei weitgehend der Vergangenheit angehören, haben die zahlreichen Turkmenen-Gruppierungen, die seit dem 11. Jahrhundert aus Zentralasien nach Anatolien einwanderten, mit ihrem Nomadismus nicht nur eine für Anatolien der damaligen Zeit neue Lebensform in diesen Raum gebracht. Sie schufen damit gleichzeitig Grundlagen für eine Form des Freizeitverhaltens in der Türkei, dem bis in die Gegenwart noch große Teile der türkischen Bevölkerung nachgehen: das , das ‚auf die Yayla gehen‘. Aus dem anfangs rein weidewirtschaftlich notwendigen Pendeln der Nomaden zwischen Winterweiden (Kışla) und Sommerweidegebieten (Yayla) für ihre Herden übertrug sich der sommerliche Yayla-Aufenthalt mit der Zeit – zumeist aus klimatischen Gründen – auch auf Teile der sesshaften Bevölkerung. Aufgrund hoher Sommertemperaturen und Luftfeuchtigkeit (Schwüle) besonders in den Küstengebieten wurde das saisonale Pendeln zwischen tiefer gelegenen Regionen (im Winter) und kühleren Hochlagen (im Sommer) in einigen Regionen der Türkei zu einer regelmäßigen Gewohnheit. Mit vermehrter Ansiedlung der Nomaden und Zunahme fester Siedlungen an Zahl und Größe vor allem in Binnenbecken und Küstenhöfen des Landes entwickelte sich der Yaylabesuch während der osmanischen Spätzeit für Teile der Landbewohner und insbesondere für Städter immer mehr zu einer festen Institution.

mini|Blockhäuser der Sommersiedlung Sahara Yaylası nahe Şavşat, Nordost-Pontus bei Artvin: Die traditionelle Blockhaus-Bauweise der Yayla-Häuser zieht sich über den gesamten bewaldeten pontischen Gebirgsbereich bis an die georgische Grenze.

Verbreitung Sommeraufenthalte dieser Art findet man unter verschiedensten Bezeichnungen im gesamten türkisch- und iranischsprachigen Raum Südwest- und Zentralasiens. Der Begriff beinhaltet traditionell in erster Linie hoch gelegene Gebiete, die von der Bevölkerung während des Sommers aufgesucht werden – aus allerdings unterschiedlichen Gründen: Zur reinen Erholung, für reine Almwirtschaft und für Urlaub und Almwirtschaft. Man kennt dieses Phänomen der „Sommerfrische“ unter anderem auch in Afghanistan, wo die Oberschichtler großer Städte seit langem saisonal zwischen Sommer- und Winterwohnsitz pendeln. Vergleichbares erfährt man von Eckart Ehlers und Bernard Hourcade über die städtische Elite Teherans bzw. von Gerhart Bartsch für Kayseri.

mini|Kleine Sommersiedlung auf 2500 m Höhe am Ovitdağı-Pass bei Rize (Pontisches Gebirge): Mittlerweile haben mancherorts moderne Betonbauten die traditionellen Blockhäuser des Pontus verdrängt.

In der Türkei existieren neben den etwa 36000 ländlichen Gemeinden rund 26000 saisonale Siedlungen in Yaylagebieten, die im Winter im Allgemeinen unbesiedelt bleiben. Erste klare Informationen über derartige Yaylas, die Städter als Sommerfrische nutzten, findet man verschiedentlich bei dem türkischen Reisenden Evliya Çelebi für die Mitte des 17. Jahrhunderts z. B. für Regionen im anatolischen Hochland bzw. im Taurus, später dann vermehrt im 19. Jahrhundert bei Adam Christian Gaspari für Adana, bei Tschihatscheff für Tarsus, Antalya und andere Küstenorte sowie für Istenar (heute Korkuteli im Taurus) sowie bei Carl Ritter für Antalya. Da das Wort Yayla zunächst einmal als Bezeichnung für hochgelegene Orte bzw. Plateaus, Hochflächen verwendet wird, findet man Yaylaorte als saisonale (Sommer-)Siedlungen überall in Gebirgen der Türkei, allerdings mit unterschiedlicher Bedeutung:

mini|Die alte Sommerhaus-Siedlung Bürecek/Tekir Yaylası auf den Gülek-Pass (Kilikische Pforte) galt bis zum Bau der Autobahn durch den Taurus von Adana in Richtung Ankara als eine der traditionellen Yaylas im Hinterland der türkischen Südküste. Sie ist mittlerweile stark verstädtert.

Der klassischen Typ der Yayla mit rein wirtschaftlicher Nutzung als Alm mit Almwirtschaft (Viehhaltung, z. T. marginal Feldbau) ist ein Sommeraufenthalt in (weidewirtschaftlicher) Ergänzung der stationären Landwirtschaft von Dörfern in tieferen Lagen. Diese Art ist vor allem in Nordanatolien noch weit verbreitet (z. B. Kaçkar-Gebirge bei Rize), findet sich aber auch im Taurus (Yazır bei Antalya) sowie in inneranatolischen Gebirgslandschaften (Tekir bei Kayseri). Bei Dorfgemeinschaften, die zur sesshaften Landwirtschaft übergegangen sind und nur aus Tradition bzw. wegen der sommerlichen Hitze die Yayla aufsuchen, steht der Almauftrieb, wenn sie überhaupt einen solchen noch durchführen, deutlich im Hintergrund. Sie nutzen den Yayla-Aufenthalt weitgehend zur Erholung. Dieser Typus ist mittlerweile vor allem im Pontischen Gebirge, aber auch in den sommerlich heißen Regionen Südanatoliens weit verbreitet. Beispiele dafür sind Namrun (Çamlıyayla) bei Mersin, Çarşamba und Perşembe bei Ordu oder Kadırga bei Trabzon. Dazu zählen auch ländliche Gemeinden Inneranatoliens mit sesshafter Landwirtschaft und saisonalem Pendeln zwischen festem (Winter-)Dorf (oder Stadt) und dem Yaylaaufenthalt im relativ nahegelegenen (mittlerweile „festen“) Sommerdorf auf gleichem Höhenniveau in einer Art „Yayla-Bauerntum“, wie es Wolf-Dieter Hütteroth für Inneranatolien und Teile des mittleren Kurdischen Taurus beschreibt. Beispiele bilden u. a. noch heute die bäuerlichen Siedlungen und ehemaligen Yaylas rund um die Kreisstadt Karapınar. Nur tritt hier der Erholunksfaktor hinter dem wirtschaftlichen deutlich zurück. Yaylaaufenthalte als reine Sommerfrische zur Entspannung und Erholung von der sommerlichen Hitze und von den Umweltproblemen der Städte sind besonders als Sommerferien der Bewohner großer Ballungszentren beliebt, so z. B. Bürecek und Tekir (für Adana und Tarsus), Abant und Gölcük (für Istanbul), Korkuteli und Elmalı (für Antalya), Bozdağı und Gölcük (für İzmir) oder Soğukoluk/Belen (für İskenderun und Antakya). Es ist offensichtlich, dass sich diese „städtischen“ Yaylas vorrangig an Auswahlkriterien wie frischer Luft, Wasserreichtum, angenehmen Temperaturen, ausreichend Schatten, beschaulicher Ruhe und idyllischer Lage orientieren. Zusätzlich zu diesen Merkmalen, die man in Städten kaum findet, tritt die günstige Erreichbarkeit der Yayla für den Besucher. In Gebieten um Erzurum, Kars und Bolu unterhält jedes zweite oder dritte Dorf eine Almwirtschaft des klassischen Typs. Man trifft sie im Nordosten auf den Hochebenen von Tortum, Narman, Kars, Güllü, Karasu, Allahuakbar und des Flusses Araxes (Aras Nehri) ebenso wie generell im Schwarzmeergebiet oberhalb der Baumgrenze auf über 2000 m Höhe. Hier sind die Yaylas fast immer als Ergänzungsweiden für die Viehhaltung an feste Tieflanddörfer gekoppelt, während man anderswo Yayla-„Wirtschaft“ (Transhumanz; Almwirtschaft) nur bedingt betreibt. So zieht sich in Nordanatolien eine Kette klassischer Hochalmen von den Yalnızçam Dağları (Ardahan) bis nach Kastamonu. Während sie zwischen Trabzon und Giresun im Hinterland von Görele ausdünnen, erreichen sie im Kaçkar-Gebirge, südlich von Ünye, Ordu und Gerze sowie in den Gebirgen nördlich von Boyabat und Taşköprü ihre größte Dichte. Eine weitere Yaylakette im östlichen Schwarzmeergebiet umfasst die Yaylaflächen von Ardahan und Şavşat, von Aşkale, Koyulhisar, Suşehri, Tokat, Gümüşhacıköy und Ilgaz. Im Westen sind es die Hochebenen nördlich von Ankara, Çankırı und Eskişehir sowie zwischen Gerede und Bolu mit hoher Dichte nördlich von Kızılcahamam. Dort sind sie sehr häufig weilerartig als locker gestreute Siedlungsnester verbreitet.

mini|Moderne Sommerhäuser teils fertig, teils im Rohbau in Gözne im Taurus-Hinterland von Mersin im April 1984: Auch in den Yaylas in den Taurusgebirgen sind die traditionellen Unterkünfte meistens modernen Ferienhäusern gewichen.

Im Mittelmeergebiet ist die Situation in mancher Hinsicht etwas anders. Das Taurus-Gebirge enthält ausgedehnte Yaylagebiete zumeist zwischen 1000 und 2000 m. Während sie im Hinterland von Alanya und um den Suğla-See gehäuft auftreten, liegen sie in den östlichen Eğridir-Bergen, in den Sultan Dağları, im Aladağ- und Erciyes-Dağı-Massiv eher vereinzelt. Sehr viele gehen auf saisonale nomadische Sommerorte zurück, andere gehören seit langem zu alten Küstensiedlungen. Sie dienen hier vorrangig der Erholung vor den hohen Sommertemperaturen. Man trifft sie auf den Taurus-Vorhöhen um einen zentralen Siedlungskern oft als Streusiedlungen, die sich locker über riesige Flächen verteilen (Çamlıyayla). Die bekanntesten unter ihnen und von der Südküste aus auch auf einem Wochenendausflug leicht zu erreichen sind Aslanköy, Ulaş, Meşelik, Çamalan, Damlama, Gözne, Belen, Kuzucubelen, Fındıkpınarı und Çamlıyayla, die mit unzähligen Sommerhäusern ausgedehnte Plateaulandschaften zersiedeln.

In der Ägäisregion gibt es deutlich weniger dauerhaft eingerichtete Yaylaorte. Sie liegen in den Aydın Dağları, Honaz Dağı und in den östlichen Menteşe-Bergen (Madran Dağı) in Höhen um 1800–1900 m.

Aussehen und Bauweise mini|Mit steigendem Wohlstand in der Türkei sind typische einfache Sommerhütten (Çardaklar) mittlerweile sowohl in den Gebirgs- als auch in den Küsten-Sommerfrischen bis auf Relikte verschwunden.

Noch weit bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde die türkische „Sommerfrische“ in oft sehr einfachen Gebäuden auf althergebrachte Weise verbracht. Selbst von Städtern wurden überwiegend einfache Holzbauten errichtet, wie man sie auch heute noch unter den umgangssprachlichen Bezeichnungen oder in Sommersiedlungen des Taurus vorfindet, und die sich mit Verlagerung der sommerlichen Ferienzeit als Küsten-Sommerhäuser anfangs auch an den Stränden des Mittelmeeres etablierten, ehe der moderne Massentourismus der Europäer die türkischen Strände eroberte. In den kühlen und feuchteren Bereichen des Pontischen Gebirges dagegen ist traditionell das Blockhaus als Yaylagebäude üblich, auf den trockeneren Hochflächen von Ardahan eher flache Steinbauten. Während man in den Taurus-Yaylas wegen der sommerlichen Trockenheit bisweilen heute noch in einfachen Laubhütten und Zelten wohnt, finden in der Schwarzmeerregion derartige Behausungen kaum Verwendung, da Niederschläge zu allen Jahreszeiten dort feste Unterkünfte erfordern. Die Bauweise der Yayla-Häuser erfolgt nicht unbedingt nach klimatischen Gesichtspunkten, sie ist vielmehr abhängig von der jeweiligen Finanzkraft des Bauherrn. Der Standort der Gebäude ist ausschließlich vom persönlichen Geschmack der Besitzer geprägt. Das planlos verlaufende Wegenetz zwischen den oft weitläufig gestreuten Sommerhäusern und Siedlungsteilen macht deutlich, dass Anlage und Ausbau einer Sommersiedlung spontan erfolgt und jede Planung fehlt. Offensichtlich entstehen zunächst einmal die Häuser, ehe man Verbindungswege zwischen ihnen anlegt oder feste Zufahrten heranführt.

Herkunft und Sozialstruktur der Yaylabesucher Herkunftsgebiete der Sommerbevölkerung in den Yaylas lassen sich meist recht genau abgrenzen. Hinweise darauf geben schon Berichte z. B. für die Ova- und Plateaulandschaft von Elmalı und Korkuteli aus dem 19. Jahrhundert: