Anna Göldin. Letzte Hexe ist ein historischer Roman der Schweizer Schriftstellerin Eveline Hasler aus dem Jahr 1982. Er beschreibt das Leben Anna Göldins, die am 24. Juni 1782 in Glarus durch das Schwert hingerichtet wurde. Sie gilt als eine der letzten Frauen, die in Europa als Hexen hingerichtet wurden, auch wenn der Begriff „Hexe“ im Prozess vermieden wurde. Bereits Zeitgenossen bezeichneten die Verurteilung Anna Göldins als Justizmord.
Anna Göldin. Letzte Hexe war der erste kommerzielle Erfolg Eveline Haslers im Genre des historischen Romans bzw. der fiktionalen Biografie. Das Buch wurde 1991 unter der Regie von Gertrud Pinkus verfilmt.
Inhalt Der Roman ist in drei Teile gegliedert. Die Haupthandlung des Romans umfasst die Zeit vom Stellenantritt Anna Göldins bei der Familie Tschudi im September 1780 bis zu ihrer Hinrichtung im Juni 1782. Diese Ereignisse werden chronologisch erzählt. In der Haupthandlung gibt es immer wieder Rückblenden in Annas Vergangenheit.
Teil 1 Rückblende: Anna Göldin wird 1734 in Sennwald in der Grafschaft Sax geboren. Diese hat ihren Namen (lateinisch saxum, Stein') von dem Geröll und den Felsen, die man auf jeder Wiese findet. Im Feld von Annas Vaters steht ein gewaltiger Felsbrocken, den der Vogt sprengen lässt, da er sich vom felsfreien Boden mehr Fruchtbarkeit verspricht. Aus dem Felsen werden viele kleine Steine. Schon früher hiess es: „An den Steinen soll sich keiner vergreifen.“
Im September 1780 bewirbt sich Anna um eine Stelle als Magd im Herrenhaus der Familie Tschudi in Glarus. „Sich festsetzen. Für ein und alle Mal. Das war ihr bisher vergönnt.“ Elsbeth Tschudi, die Frau des Hauses, empfängt sie, zögert aber, ihr die Stelle zu geben. Erst als der Hausherr, Arzt und Fünferrichter Tschudi, sich ebenfalls einbringt, weist Anna ihre Referenzen vor. Das Empfehlungsschreiben der Frau Zwicki aus Mollis imponiert; Anna erhält die Stelle. Frau Tschudi führt sie durch das Haus und stellt sie den anwesenden drei ihrer fünf Kinder vor. Das zweitälteste Kind, Anna Maria, auch Anna Migeli genannt, spielt Anna einen Streich, indem sie ihr statt ihrer Hand eine Hühnerklaue reicht, und besteht darauf, ihr die Mägdekammer zu zeigen.
Die Glarner Elite ist zum Essen eingeladen und Anna kocht ihre erste Mahlzeit bei den Tschudis, für die sie viel Lob erhält. Während die Damen im Esszimmer den neusten Klatsch austauschen, tun sich die Herren im Cabinet des Gastgebers mit einem Vortrag des Camerarius, des ersten Pfarrers von Glarus, schwer. Als die Herren in ihrem Gespräch auf die geplante Verehelichung von Melchior Zwicki zu sprechen kommen, fällt Anna eine Tasse zu Boden und zerspringt in viele kleine Scherben.
Rückblende: Im Herbst muss Adrian Göldin, Annas Vater, für den Vogt Frondienst leisten. Zusammen mit Anna und Barbara macht sich die Mutter auf den Weg zu ihrem Mann. Unterwegs entdeckt Anna Forellen in einem Bannbach, die aber dem Vogt gehören. Viele Männer, einschliesslich ihres Vaters, schuften schwer. Sie müssen auf Geheiss des Vogts den Rhein begradigen. Als der Winter kommt, muss sich die Familie die kargen Vorräte gut einteilen. Die Mutter kann mit dem Spinnen einen kleinen Batzen verdienen, der Vater versucht es mit dem Mesmeramt.
Anna erwischt Anna Migeli dabei, wie sie in ihrer Kammer in den Schubladen wühlt. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, Butter zu kaufen. Frau Tschudi missbilligt es, dass sich Anna vorher im Spiegel anschaut. Beim Einkauf treffen sie auf Ruedi Steinmüller, einen alten Freund Annas, der ihr erzählt, er „probiere in seiner Giftküche allerlei Rezepte aus“. Auf dem Rückweg singt Anna Maria ein Lied über ein buckliges Männlein, das sie von der vorherigen Magd gelernt hat. Sie erzählen sich Geschichten von Gespenstern, Mumien und vom Tod.
Rückblende: Im Leben der Menschen ist der Tod allgegenwärtig. Annas Vater verletzt sich beim Holzholen am Knie. Trotz des sonst immer wirkenden Kuhmists entzündet sich die Wunde. Als der Doktor endlich eintrifft, ist es schon zu spät; der Vater stirbt.
Anna Maria will Anna unbedingt noch vor dem Einschlafen sehen, was Frau Tschudi gar nicht gefällt. Nach der Bemerkung des Ehemannes, dass die Kinder die neue Magd gerne hätten und dies sie doch entlaste, meint sie, „die Magd binde die Kinder an sich, auf eine Art, die ihr jedenfalls nicht ganz geheuer sei.“ Darauf denkt sich Tschudi, dass man es den Frauen nie rechtmachen könne und schon Plato gesagt habe, dass dies mit der Gebärmutter zusammenhänge.
Anna hat viel zu tun bei den Tschudis. Nach dem Einkochen von Zwetschgen gönnt sie sich eine „kleine süsse Rache“, indem sie von den guten Esswaren nascht, die eigentlich nur für die Herrschaft bestimmt sind.
Rückblende: Frau Zwicki wundert sich, dass Anna den Gelehrten Lavater nicht kennt und schenkt ihr dessen Sittenbüchlein für das Gesinde. Frau Zwicki stellt verwundert fest, dass sie sich mit der Magd wie mit ihresgleichen unterhalte, da man schon so lange zusammenlebe.
Nach der Lektüre des Sittenbüchleins denkt Anna über ihre vergangenen Anstellungen nach, als plötzlich Anna Migeli in der Kammertür steht, aus Angst vor der Mumie in der Sennwaldner Kirche.
Rückblende: Anna geht, ein schwächliches Kind an sich gedrückt, durch die Strassen von Strassburg. Sie bräuchte mehr Lohn, um der Amme mehr Kostgeld für ihr Kind geben zu können.
Frau Tschudi will wegen der Kopfschmerzen durch den Föhn starken Kaffee. Als Anna dafür in die Küche geht, will Anna Migeli wissen, ob Anna auch eine gewöhnliche Magd sei, was die Mutter bejaht. Frau Tschudi denkt darüber nach, wie gut es Mägde doch eigentlich hätten, da sie sich frei bewegen könnten. Frauen wie sie müssten hingegen immer tun, was der Mann von ihnen verlange, auch im gemeinsamen Bett. Auf die erste Schwangerschaft im Alter von knapp 16 Jahren folgten neun weitere.
Anna nimmt Anna Maria mit zu einem Besuch bei Steinmüller. Dieser gibt der Kleinen ein Buch mit schönen Kupferstichen, um Anna ein Buch mit Geheimrezepten und ein selbstgemischte Medizin zu zeigen. Plötzlich steht das Kind mit einem toten Frosch in der Tür.
Rückblende: Nach dem Tod des Ättis geht es für die Familie Göldin nur noch bergab. Es ist Brauch, dass der Vogt nach dem Tod eines Untertanen dessen bestes Stück Vieh bekommt. Als der Schlossknecht kommt, fleht die Mutter ihn an, ihnen die einzige Kuh bis im Frühjahr zu lassen, da deren Milch ihre einzige Nahrung sei. Aber der Knecht bleibt hart, „Gesetz sei Gesetz.“ Nach einer Fehlgeburt der Mutter wird alles noch schlimmer. Der Vogt bestimmt, dass ein Knecht angestellt wird; er ist ein weiterer Esser am Tisch. Da Anna mithelfen muss, muss sie die Schule aufgeben. Als Anna ihre erste Menstruation hat, gibt ihr die Mutter Ratschläge, wie sie sich von nun verhalten solle. Der Knecht will trotzdem mit Annäherungsversuchen nicht aufhören und so beschliesst die Mutter, dass Anna ab jetzt ihr eigenes Brot verdienen müsse. Sie wird Magd bei einem Bauern in Meyenfeldt.
Eines Morgens, Anna ist gerade am Einfeuern und sich Waschen, steht plötzlich Tschudi in der Küchentür und betrachtet sie. „Noch immer starrt er, der Herr. Er nimmt sich das Recht.“ Anna hält seinem Blick stand, bis er endlich geht.
Beim Frühstück will Anna Migeli, dass Anna ihr sofort die Haut von der Milch schöpft, sonst stosse sie die Tasse um. Als Anna zuerst den Geschwistern einschenkt, macht es seine Drohung wahr. Anna wird laut, das Kind beginnt zu weinen und sagt der Mutter, Anna habe es geschlagen, was nicht stimmt. Auf Annas Antwort geht Frau Tschudi nicht ein.
Eines Nachts steht Tschudi in der Kammertür und blickt Anna wieder begehrlich an. Anna weist ihn ab, mit der Begründung, dass Anna Maria fast jede Nacht zu ihr komme. Nachher liegt sie lange wach und denkt sich, sie wolle sich nicht mehr übertölpeln lassen: „Sie weigert sich, es von neuem zu spielen, das Spiel mit dem uralten Regeln: die Aussaat der halbbatzigen Komplimente, das rasche Streicheln, wenn die Frau den Rücken dreht, das Handauflegen da und dort […] Schliesslich das Knarren der Kammertür. […] Schuldgefühle auch nach hastig vollzogenem Coitus“. Sie will nicht ein drittes Mal schwanger werden.
Teil 2 Anna Göldin arbeitet ein gutes Jahr bei den Tschudis, als es einen Zwischenfall gibt. Anna Maria zieht Anna die Haube vom Kopf und Anna gibt ihr daraufhin einen Stoss. Als Susanna ihrer Mutter davon erzählt, wird sie von dieser geschlagen, obwohl die Schuld bei ihrer Schwester Anna Maria liegt. Anna findet das ungerecht und spricht Frau Tschudi darauf an. Diese droht ihr: „Noch ein Wort, Anna, und Ihr könnt gehen.“
Wenige Tage später findet Anna Maria erstmals eine Stecknadel in ihrer Frühstücksmilch. Nachdem dies des Öfteren passiert ist, wird Anna zur Rede gestellt. Sie entgegnet jedoch: „Was soll ich mit dieser Geschichte zu tun haben? […] Haltet Ihr mich im Ernst für so dumm?“ Als in einem Brotstück eine weitere Stecknadel gefunden wird, wird Anna entlassen. Sie geht direkt zu Steinmüller, der ihr rät mit dem Landammann Tschudi darüber zu reden. Von diesem wird sie zum Camerarius geschickt, der der Onkel von Frau Tschudi ist, von dieser bereits von den Vorfällen gehört hat und Anna für schuldig hält. Als sie von ihm mit dem Stock fortgejagt wird, sucht sie erneut den Landammann auf. Der hat inzwischen Besuch von Herrn Tschudi erhalten und rät Anna wegzugehen.
Als die Leute anfangen, über die Stecknadeln zu reden, verlässt Anna Glarus und geht zu ihrer Base Katharina Göldin nach Werdenberg. In Glarus hat Anna Maria erste Anfälle: Sie zuckt, schreit und spuckt immer wieder Stecknadeln. Das Gerücht geht um, Anna habe etwas damit zu tun: „Die Göldin, hiess es, habe das Kind 'verderbt'.“ Damit nicht der Eindruck entsteht, Herr Tschudi wolle Anna schonen, erstattet Tschudi Anzeige gegen sie und der evangelische Rat lässt sie per Steckbrief suchen.
Als Annas Aufenthalt in Werdenberg bekannt wird, fordert der Landvogt, dass sie den Ort verlässt. Anna geht zu ihrer Schwester Barbara nach Sax. Dort kommt Jost Spälti vorbei, der von Melchior Zwicki geschickt wurde, um Anna wegen des Haftbefehls zu warnen.
Bei Anna Maria kommt zum Stecknadelspucken eine Lähmung des linken Beines hinzu. Inzwischen hat sie bei jedem Anfall ein Publikum, das das Geschehen mitverfolgt und sie bedauert. Die Leute entnehmen aus ihren schmerzerfüllten Schreien das Wort „Anna“. Sie fangen an, zu schimpfen und Anna die Schuld zuzuschieben. „Einfangen. Umbringen. Nicht schonen.“
Anna flüchtet nach Sennwald zu Pfarrer Breitinger, bei dem sie vor zwanzig Jahren gearbeitet hat. Dieser erlaubt ihr, eine Nacht in seinem Haus zu bleiben.
Rückblende: Als sie beim Pfarrer arbeitet, lernt sie Jakob Roduner, einen Tischlerlehrling, kennen. Dieser schwängert sie. Als er von der Schwangerschaft erfährt, verschwindet er und wird Söldner.
Tschudi bittet den evangelischen Rat, zu handeln: „Die Sache müsse vorangetrieben werden, zumal das Gerücht umlaufe, die Göldin sei von ihm schwanger. Er habe seine Ehre zu wahren.“ Der Rat beschliesst darauf, zwei Männer loszuschicken, um Anna nach Glarus zu bringen.
Rückblende: Anna verheimlicht ihre Schwangerschaft und hofft auf eine Fehlgeburt. Weil Anna zugenommen hat, denkt die Pfarrerin, dass sie ihre Pflichten vernachlässige und stattdessen esse. Als die Wehen einsetzen, schickt die Pfarrerin sie in ihre Kammer. Anna gebärt kurz darauf einen Jungen. Nachdem sie ihn in einen Stofffetzen eingewickelt und unter die Decke gelegt hat, schläft sie vor Erschöpfung ein. Als der Pfarrer und die Pfarrerin Anna nicht in der Küche finden, gehen sie in ihr Zimmer. Anna gesteht im Halbschlaf, dass sie ein Kind zur Welt gebracht hat. Als sie nach dem Kind schauen, ist dieses tot.
Die Herren der „Lesecommun“ sprechen über die Anfälle von Anna Migeli, wobei sich die Konservativen und die Aufgeklärten beim Diskutieren in die Haare geraten.