mini|hochkant=1.3|KZ-Außenlager Kempten: Die KZ-Häftlinge mussten im rauen alpinen Winter in dünner KZ-Häftlingskleidung das Gelände vom Schnee befreien. Im Hintergrund ist die Tierzuchthalle zu sehen, in welcher die Häftlinge von April 1944 bis zur Befreiung 1945 untergebracht waren. Diese und viele weitere Zeichnungen entstanden 1944/45 durch Paul Bermond, einen französischsprachigen KZ-Häftling. Laut Historiker Markus Naumann haben Bildnisse, die in den Kriegsjahren entstanden und aus dem Alltag eines KZ-Außenlagers stammen, Seltenheitswert.

Das KZ-Außenlager Kempten war vom 15. September 1943 bis 25. April 1945 eines der 169 Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. In ihm mussten mehr als 650 bis 850 männliche KZ-Häftlinge Zwangsarbeit leisten.Gleichzeitig 488 („Stärkemeldung“) bis 700 (Terrenoire), doch wurden allein ab Mai 1944 mind. 146 Kranke und Arbeitsunfähige mit 40 Transporten in das KZ Dachau abtransportiert und stets wieder „unverbrauchte“ KZ-Häftlinge aus Dachau zugeführt. Zum Aufbau gezwungen wurden die KZ-Gefangenen durch die Schutzstaffel (SS), die auch den Betrieb sicherstellte. Die Inhaftierten in Kempten (Allgäu) wurden vor allem im Auftrag von BMW bei der Helmuth Sachse KG eingesetzt. Zusätzlich gab es im heutigen Kempten ein zweites KZ-Außenlager in Kottern-Weidach.

Entstehungshintergrund mini|Doppelsternmotor BMW 801(D) Mit Fortschreiten des Zweiten Weltkriegs wurden die Ballungsräume immer stärker durch Luftangriffe der Alliierten gefährdet. Daher wurde die Waffenproduktion in die Provinz verlagert, auch ins Allgäu, unter anderem nach Kempten. Der frühere BMW-Entwicklungsleiter Helmuth Sachse (* 24. April 1900; † 26. Dezember 1971 in Lindau) hatte sich im April 1942 selbständig gemacht. Er richtete in der ein Jahr zuvor stillgelegten Textilfabrik Spinnerei und Weberei Kempten in der eine Fabrik ein und arbeitete zunächst mit dem Münchner Unternehmen Uher zusammen.

Nachdem die BMW-Produktion in Milbertshofen durch Bomben zerstört worden war, bat BMW ihn zwischen Frühjahr und Sommer 1943, er möge langfristig einen Großteil der Kommandogerätefertigung für den 801-Motor für die BMW Flugmotorenbau GmbH in Allach übernehmen. Dieser 14-zylindrige Doppelstern-Einspritzmotor wurde unter anderem im etablierten deutschen Jagdflugzeug Focke-Wulf Fw 190 eingesetzt. Die zu fertigenden Kommandogeräte(5 Fotos & Beschreibung) Kommandogerät für Flugmotor BMW 801, online unter digital.deutsches-museum.de, Item Nr. 79817. Abgerufen am 20. September 2020. automatisierten die Motorfunktionen. Sobald der Pilot Ladedruck und Drehzahl gewählt hatte, konnte er sich somit ganz dem Luftkampf widmen. BMW übernahm einen guten Teil der Fabrikkosten und beteiligte sich auch direkt an der „Helmuth Sachse KG Luftfahrt-Gerätebau, Kempten“. Dort wurden auch Planetenradträger, Luftschraubenwellen, Lagergehäuse, Schwinghebel und andere Kleinteile für den BMW-801-Motor sowie Regelungen für das Strahltriebwerk BMW 003 produziert und zu BMW nach München geliefert.

Errichtung und Betrieb des KZ-Außenlagers

Personalbeschaffung Im August 1943 wurden die ersten 100 Häftlinge vom KZ Dachau zum Aufbau des Außenlagers Kempten für die Arbeit in der Helmuth Sachse KG überführt, weitere folgten. Allein vom 27. Mai 1944 bis 13. April 1945 ließen die Nationalsozialisten laut Stärkemeldung des Außenkommandos KZ Dachau 14 Transporte von Häftlingen per Bahn und LKW vom Konzentrationslager Dachau nach Kempten durchführen.Edith Raim: Kempten, in: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 2 Frühe Lager Dachau, Emslandlager, C.H. Beck, 2005, 607 Seiten, ISBN 3-406-52962-3, S. 373–375. Darunter war am 2. August 1944 auch der Bahntransport von 300 bis 350 Franzosen, unter ihnen der Journalist und Widerstandskämpfer Louis Terrenoire, der seine Erlebnisse später veröffentlichte.

Organisation der Todesmaschinerie Vom 26. Mai 1944 bis 13. April 1945 veranlassten die Nationalsozialisten laut Stärkemeldung des Außenkommandos des KZ Dachau insgesamt 40 Transporte per Bahn und LKW von Kempten in das Konzentrationslager Dachau. Auf diese oft letzte Reise in den Tod wurden mindestens 146 Arbeitsunfähige, Kranke und Schwerstkranke geschickt. Auch einige der Verstorbenen wurden dorthin transportiert. Nur relativ wenige Inhaftierte wurden direkt in Kempten umgebracht und bestattet. Das Geschäft des Todes betrieben die SS-Totenkopfverbände vor allem zentralisiert im KZ Dachau und anderen Konzentrationslagern. In Kempten wurde selektiert und zugearbeitet.

Zwangsarbeit der KZ-Häftlinge mini|Standort bis April 1944 – Sheddachhalle Spinnerei Weberei Kempten (2011) Helmuth Sachse KG – im Auftrag von BMW Die ab Sommer 1943 ersten 100 Inhaftierten des KZ-Außenlagers mussten die Webstühle der ehemaligen Spinnerei und Weberei Kempten im Keller einlagern und diese Weberei zum Rüstungsbetrieb umbauen. Ein hoher Stacheldrahtzaun sowie Wachtürme umgaben das Gelände. Im März 1944 lief die Kommandogerätefertigung erfolgreich an,Gernot Römer: Für die Vergessenen, KZ Außenlager in Schwaben – Schwaben in Konzentrationslagern, Berichte, Dokumente, Zahlen und Bilder, Verlag Presse-Druck- und Verlags-GmbH, Augsburg 1984, 231 Seiten, ISBN 3-89639-047-3, ISBN 978-3-89639-047-9, S. 136–146 ab Sommer mit ca. 1.000 Stück im Monat.

Im Frühjahr 1944, nach Luftangriffen auf das BMW-Werk I in der Lerchenauer Str. 76 in München sowie das Werk mit KZ-Außenlager in München-Allach, verlagerte BMW einen Teil seiner Fertigung mit knapp 2000 KZ-Häftlingen in den Maurice-Lemaire-Tunnel bei Sainte-Marie-aux-Mines, damals „Markirch“. Ab September 1944 wurde diese Produktionsstätte wegen der näher rückenden Front aufgegeben, Maschinen und Häftlinge wochenlang mit der Bahn Richtung Osten transportiert, bis Ende Oktober 1944 unter anderem nach Kempten. Gefertigt wurden hier nun auch Präzisionsteile für BMW-801-Motoren, wie Zahnräder, Teile des Kurbelgehäuses, Zylinder und dergleichen. Hergestellt wurden sie unter dem Tarnnamen „Allgäuer Vertriebsgesellschaft“ in der Artillerie-Kaserne am Ostbahnhof, unter Einsatz von mehr als 750 Arbeitskräften an 340 Maschinen. Damit waren drei Viertel des geplanten Ausbaus realisiert.

Ende 1944 arbeiteten etwa 2000 Beschäftigte bei Sachse, darunter etwa 500 KZ-Häftlinge sowie 800 bis 1000 Zwangsarbeiter. Die meisten stammten aus westlichen Staaten, v. a. Frankreich, weitere aus Polen, Russland und der Ukraine. Die KZ-Häftlinge waren am Arbeitsplatz ähnlichen Arbeitsbedingungen unterworfen wie die Zwangsarbeiter und die übrige Belegschaft, diejenigen aus Polen und Russland wurden jedoch in eigenen Arbeitsbereichen abgegrenzt. Die Schutzstaffel (SS) hatte die Kontrolle vor Ort.Constanze Werner: Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit bei BMW: Im Auftrag von MTU Aero Engines und BMW Group, Oldenbourg Verlag, München 2006, 447 Seiten, ISBN 978-3-486-57792-1, S. 298–306

Sechs bis acht, zeitweise bis zu 40 Inhaftierte des KZ-Außenlagers bekamen andere Aufgaben und mussten unter anderem Sanitär- und Heizungsarbeiten für die ausländischen Arbeiterinnen und Arbeiter im Lager Kempten verrichten, unter ihnen auch der spätere Zeitzeuge Willi Rühle.

Stadt Kempten – Oberbürgermeister Kempten 18 Inhaftierte wurden ab Juni 1944 zu Aufräumarbeiten nach Bombardierungen gezwungen und im Stadtbauhof eingesetzt. Arbeitgeber war damit die Stadt Kempten, deren Oberbürgermeister damals der NSDAP-Funktionär Anton Brändle war. In der Auflistung des International Tracing Service (ITS) wird diese Gruppe als „Oberbürgermeister-Subcamp“ aufgeführt – nach dortigen Angaben bestand diese Gruppe vom 18. Juni 1944 bis 1. Dezember 1944.Gernot Römer: Kempten (Helmuth Sachse KG), in: Encyclopedia of camps and ghettos, 1933–1945 / 1,A : Early camps, youth camps, and concentration camps and subcamps under the SS-Business Administration Main Office (WVHA), part A, Indiana Univ. Press, Bloomington, 2009, 859 S., ISBN 978-0-253-35328-3, ISBN 978-0-253-35428-0, S. 490–493

Bau von Kasernen und andere Unternehmen in Kempten Etwa 100 Inhaftierte des KZ-Außenlagers mussten beim von den Nationalsozialisten geplanten Bau der Scharnhorstkaserne am Ostbahnhof arbeiten, allgemein auch Artillerie-Kaserne genannt. Weitere Kemptener Unternehmen haben von der Arbeit der Inhaftierten des KZ-Außenlagers wie auch der Zwangsarbeiter profitiert.

Internierung im KZ-Außenlager Kempten Bereits morgens um fünf Uhr mussten die KZ-Inhaftierten aufstehen, nach dem Frühstück folgte der Zählappell. Im Anschluss folgte bis 19 Uhr die Tagesschicht, zum Abschluss meist wieder ein Zählappell, der sich über ein bis zwei Stunden hinziehen konnte, auch im Winter bei Eiseskälte. Alle 14 Tage gab es einen arbeitsfreien Sonntag zur Erholung, mit nahendem Kriegsende auch den nicht mehr.Schülerinnen und Schüler der Fachoberschule und Berufsoberschule Kempten in: Monika Franz, Werner Karg: Einsichten und Perspektiven Themenheft 1|08, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, 10/2008, S. 9–10. Der französische Gefangene Louis Terrenoire, späterer Minister unter Charles de Gaulle, schrieb in seinem Buch „Sursitaires de la mort lente“ (Dem schleichenden Tod entkommen), dass er und seine Mitgefangenen im KZ-Außenlager Kempten Hunger litten. Ab Anfang 1945 sorgten Pakete des Roten Kreuzes für Besserung.Louis Terrenoire, KZ-Häftling und späterer Minister von Charles de Gaulle: Sursitaires de la mort lente (Dem schleichenden Tod entkommen), Sprache: französisch, Éditions Seghers, Paris 1976, 163 S., ISBN 978-2-232-14155-3,

1943 bis April 1944 in der Spinnerei und Weberei Kempten Der Lagerkommandant Georg Deffner hatte die Führung der Schutzstaffel (SS) im Lager bei der Spinnerei Weberei in der inne. Er wurde von Überlebenden als sehr brutal beschrieben, danach habe er mehrere Morde auf dem Gewissen. Im August 1943 ließen die Nationalsozialisten die ersten hundert KZ-Häftlinge von Dachau ins KZ-Außenlager Kempten transportieren, v. a. aus Polen und Russland. Sie waren in einem eigenen Gebäude auf dem Gelände der Spinnerei und Weberei Kempten untergebracht. Dieses war mit Stacheldraht eingezäunt und Wachtürmen aus Holz versehen, bewacht wurden sie von etwa 50 Wachleuten der Luftwaffe, die der Lagerleitung der SS unterstellt waren. Im Laufe der Monate kamen weitere KZ-Inhaftierte hinzu, so wurden es schließlich etwa 200 Häftlinge. Im Frühjahr 1944 wurde mehr Personal vor Ort benötigt, denn die Sachse KG benötigte Platz für Zwangsarbeiter-Unterkünfte. Schließlich wurden die KZ-Häftlinge im April 1944 in die Tierzuchthalle verlegt.

April 1944 bis 1945 in der Tierzuchthalle (heutige Allgäuhalle) mini|hochkant=1.5|Standort ab April 1944 – Tierzuchthalle, heutige Allgäuhalle (2014) mini|Innenansicht Tierzuchthalle, heutige Allgäuhalle (2015) Die Tierzuchthalle war innen Tag und Nacht beleuchtet, in der Arena standen dicht bei dicht Doppelstockbetten. Die Wachtposten unter dem neuen Kommandanten SS-Oberscharführer Emil Schmidt patrouillierten auf den Rängen. Vor beiden Eingängen standen Wachposten, daher wurde das Gebäude nicht eingezäunt. Im April 1944 waren es 300 Inhaftierte, im August kamen 300–350 Franzosen hinzu. Die nun 500–600 gefangenen KZ-Zwangsarbeiter kamen aus Frankreich, Polen, Russland, Italien, den Niederlanden und Deutschland; viele waren politische Gegner der Nationalsozialisten. Es wurde eine Krankenstation eingerichtet, in der minder schwere Fälle behandelt wurden. Wer schwerer krank wurde, wurde ins Konzentrationslager Dachau zurückgeschickt, für viele der sichere Tod. Die 50 SS-Wachmänner waren in einem Vorbau untergebracht.

Räumung des KZ-Außenlagers