mini|480x480px|Die Karte zeigt die Verteilung der Travertinkegel bei Ilıca Yaylası am Bolluk Gülü südlich von Cihanbeyli in der Provinz Konya (Türkei)
Der Ort Ilıca Yaylası ist eine kleine, weitgehend aufgelassene und wenig beachtete Sommersiedlung in der Türkei mit einer besonders auffälligen Häufung von natürlich entstandenen Travertinkegeln.
Lage links|mini|Die zahlreichen Gräber auf dem alten Friedhof von Ilıca Yaylası zeugen von der langen Nutzung dieser Sommersiedlung in der Vergangenheit. Heute wird der Friedhof nicht mehr verwendet und die Siedlung nur noch von wenigen Viehhaltern aufgesucht Der Platz Ilıca Yaylası liegt in der türkischen Provinz Konya südwestlich des Tuz Gölü ca. 4,5 km östlich der Fernstraße von Konya nach Ankara und etwa 10 km südlich der Kreisstadt Cihanbeyli am Nordende des Bolluk Gölü. Der Bolluk Gölü ist ein an Natriumsulfat reicher kleinerer, 11,5 km² großer Salzsee bei Kırkışla östlich der Fernstraße D715 mit einer Saline am Nordende des Sees. Heute gibt es einige kleine Sommerresidenzen (Yayla) von Bewohnern umliegender Dörfer, die dort im Sommer Vieh halten. Durch die Senke des Bolluk-Sees führt der Tahliye-Kanal (Konya ana tahliye kanalı), der als Entwässerungskanal die salzhaltigen Drainagewässer der Konya-Çumra-Ova zum nahegelegenen Tuz Gölü abführt.
Erforschungsgeschichte links|mini|Noch im September 1988 füllten die warmen Quellen bei Ilıca Yaylası den dortigen Quelltopf reichlich mit Wasser mini|links|alt=|Im November 2007 lag der Quelltopf bei Ilıca Yaylası ausgetrocknet, und die warmen Quellen waren versiegt
mini|Eine Studentengruppe im Herbst 2007 um eine Einsturzdoline bespricht die Bildung der Travertinkegel bei Ilıca Yaylası; im Hintergrund ein größerer Travertinkegel Das Auftreten einer besonders spektakulären Karsterscheinung in Form zahlreicher Travertinkegel in der zentralanatolischen Steppe beim Sommerdorf Ilıca Yaylası weckte bereits seit den späten 1930er Jahren das wissenschaftliche Interesse. Genauere Untersuchungen zum Phänomen der Travertinkegel von Ilıca Yaylası erfolgten dann in den 1960er Jahren zunächst durch Sırrı Erinç und besonders detailliert dann 1966 durch Oğuz Erol. Erste Aufmerksamkeit für den Tourismus erhielt der Platz aufgrund verschiedener Exkursionen durch Dozenten der Geographischen Institute der Universitäten Erlangen (W.-D. Hütteroth) und Tübingen (Volker Höhfeld) seit den 1970er Jahren. Die Travertinkegel von Ilıca Yaylası wurden jüngst durch Selahattin Polat und Mehmet Deniz auf dem 4. Internationalen Geographie-Syposium (23.–26. Mai 2016) in Antalya als touristisch bedeutsames Karstphänomen einer breiteren interessierten Öffentlichkeit vorgestellt. Jüngste wissenschaftliche Detailuntersuchungen erfolgten 2017 durch A. Pınar, A. D. Buldur und T. Tuncer.
Kegel-Vorkommen links|mini|Dieser Travertinkegel östlich von Ilıca Yaylası ist im November 1990 nahezu völlig mit Wasser gefüllt und zeigt einen typischen überstehenden Kraterrand mini|Dieser Travertinkegel mit Doppelkrater (Krater im Krater) bei Ilıca Yaylası deutet auf eine zweiphasige Kegelbildung hin Die Travertinkegel, die von den Umlandbewohner "Düden" genannt werden, verteilen sich über eine Fläche von ca. 25 km² innerhalb eines 3,6 km breiten und 8,7 km langen Korridors im und um den Bolluk Gölü, hauptsächlich allerdings über einen Senkenbereich im Nordosten des Sees bei Ilıca Yaylası. Dieser Korridor in der Senke des Bolluk Gölü liegt zwischen dem 1081 m hohen vulkanischen Karadağ im Osten und dem aus mesozoischen Kalken aufgebauten 1191 m hohen Bozdağ im Westen. Sechs Travertin-Kegel bilden im Bolluk-See kleine Inseln, weitere sechs verteilen sich auf einem früheren Teil des Sees, auf dem heute ein Salzpfannen-Unternehmen (Saline) betrieben wird. 14 Kegel liegen u. a. in Form von Halbinseln am Rande des Bolluk-Sees. Die restlichen Kegel sind im Norden und Nordosten des Sees um Ilıca Yaylası verstreut. Nach Untersuchungen von Oğuz Erol gab es 1966 nachweislich 63 Travertinkegel in verschiedenen Größen im Umfeld von Ilıca Yaylası und im Bereich des Bolluk Gölü. Salomon-Calvi und Kleinsorge sprechen 1939 von mehr als 50. Pınar, Buldur und Tuncer identifizierten 2017 nur 55 Travertinkegel und vermerkten, dass 5 der 63 von Erol erwähnten Travertinkegel mittlerweile durch menschliche Aktivitäten vollständig zerstört, 7 schwer und 11 mäßig beschädigt wurden und das Wasser in einigen Kegeln inzwischen ausgetrocknet sei. links|mini|In diesem ovalen Travertinkegel bei Ilıca Yaylası reichte der Wasserspiegel im November 1990 noch bis zur halben Höhe mini|17 Jahre später im Oktober 2007 war der gleiche Travertinkegel bei Ilıca Yaylası zur gleichen Jahreszeit vollständig trocken gefallen Vergleiche von Wasserständen in den Kegeln signalisieren, dass die Quellwasser-Zufuhr seit den späten 1980er Jahren deutlich zurückgegangen ist. Bei jüngsten Untersuchungen 2017 wurde festgestellt, dass die Zufuhr von Quellwasser, durch das die Travertinkegel in der Region gebildet werden, kontinuierlich zurückgegangen und gegenwärtig kaum noch vorhanden ist und auch keine aktuelle Travertinbildung mehr erfolgt. Während nur noch zehn der Travertinkegel ganzjährig kontinuierlich Wasser führen, haben drei Kegel lediglich saisonal überschüssiges Wasser. Somit kann man bei den meisten Travertinkegeln bei Ilıca Yaylası nicht mehr von aktiver Kegelbildung ausgehen, sondern eher von „fossilen“ Travertinkegeln.
Kegel-Bildung Diese Travertinkegel, d. h. Travertine generell, sind Carbonatformationen, die von kalten und heißen Wasserquellen abgelagert werden, in diesem Falle von artesischen Quellen, die Calciumbicarbonat [Ca(HCO3)2; auch Calciumhydrogencarbonat] enthalten. Das wärmste Wasser in den Kegel wurde mit 43 °C gemessen, alle anderen lagen unter 40 °C. Calciumhydrogencarbonat bildet sich bei der Verwitterung bzw. Lösung von Kalkstein, der im Wesentlichen aus Calciumcarbonat besteht, durch die Einwirkung von Wasser und Kohlenstoffdioxid (CO2). Travertine bilden sich an der Mündung der Quellen, aus denen das unter Druck stehende, an Calciumbicarbonat reiche Grundwasser austritt, der Druck abgebaut wird und sich das Kohlendioxid (CO2) mit dem Sauerstoff der Luft mischt und das Kalziumkarbonat (CaCO3) ausfällt. Diese hydrogeomorphologischen Strukturen, die man als Travertin-Akkumulationsformen bezeichnet, sind eher seltenere natürliche Formationen. In der Türkei allerdings sind Travertinvorkommen vergleichsweise häufiger. Am bekanntesten dort sind wohl die seit langem touristisch vermarkteten Kalksinter-Terrassen von Pamukkale, weniger populär ist dagegen der Travertin-Terrassenkomplex, auf dem die Stadt Antalya liegt.
Travertine werden in der Türkei hauptsächlich als Rohstoffe in der Industrie z. B bei der Herstellung von Kalk, Zement und Bausteinen verwendet. Da die Quellen bei Ilıca Yaylası neben Calciumcarbonat (Kalk) zudem auch Gips, Kali und Mirabilit (natürliches Glaubersalz) enthalten, wird ihnen in letzter Zeit aufgrund der möglichen wirtschaftlichen Werte viel Aufmerksamkeit geschenkt. Leider haben die Travertinkegel von Ilıca Yaylası trotz ihrer Besonderheit im Gegensatz zu den Travertinen von Pamukkale keinen speziellen Schutzstatus. Sie sind vor allem Bedrohungen durch den Menschen ausgesetzt und partiell bereits geschädigt, so dass es an der Zeit ist, sie entsprechend unter Schutz zu stellen. Immerhin ist die Senke des Bolluk Gölü das Gebiet mit der höchsten Anzahl und größten Dichte an Travertinkegeln in der Türkei.
Die Kegel erheben sich als rundliche, kuppelförmige kleine Hügel 1 bis 30 Meter über dem Talboden bzw. Seespiegel des Bolluk Gölü (938 m). Ihre Durchmesser liegen zwischen 3 und 500 m. Dabei bilden sie vereinzelt Häufungen und reihen sich in bestimmten Ausrichtungen von Südsüdwest nach Nordnordost. Manche Wissenschaftler sind der Meinung, dass diese Kegel, die sich aller bisherigen Kenntnis nach entlang von Bruchlinien erheben, von einer Art von „Geysiren“ gebildet wurden. Andere (Salomon-Calvi, H. Kleinsorge, Sırrı Erinç und Oğuz Erol) sagen, dass die Kegel das Ergebnis gewöhnlicher, möglicherweise etwas warmer artesischer Quellen sind, die entlang von Verwerfungslinien unter Druck austreten, also zumindest teilweise karstische artesische Verwerfungsquellen sind. Just bei Ilıca Yaylası schneiden sich zwei größere tektonische Störungssysteme: Die Yeniceoba-Cihanbeyli-Verwerfungzonen (İnönü-Eskişehir-Störungssystem; Nordwest-Südost verlaufend) und die Altınekin-Verwerfungszone (Nordost-Südwest verlaufend), in deren Verlauf der Bolluk Gölü angesiedelt ist. links|mini|Blick in die Öffnung eines aktiven Travertinkegels bei Ilıca Yaylası. Die meisten der Travertinkegel bei Ilıca Yaylası zeigten bereits 2007 einen deutlich reduzierten Wasserstand mini|Wasserentnahme aus einem Travertinkegel bei Ilıca Yaylası 2007. In trockenen Sommern pumpen Bauern und Hirten für die Viehtränken Wasser aus den Travertinkegel-Seen Demnach tritt Wasser, das in den mesozoischen und neogenen Kalksteinformationen im Westen des Bolluk Gölü versickert, entlang von Verwerfungslinien aus. Tatsächlich gibt es in den mesozoischen Kalksteinen des Bozdağ im Nordwesten der Ilıca Yaylası röhrenförmige Ponore und in den neogenen Kalksteinen bei Göl Yayla im Süden des Bolluk-Sees einige große beckenähnliche Ponore. Diese Karstgewässer nehmen wahrscheinlich den Gips aus den gipshaltigen neogenen Formationen auf, die hauptsächlich in der Ostflanke einer Verwerfungszone gefunden wurden. Zudem kann besonders durch Zufuhr von CO2 aus vulkanischen Entgasungen Wässer mit gelöstem CO2 angereichert und dadurch angesäuert werden und kann dann Calcium besonders gut aus Gesteinen lösen, insbesondere aus kalkhaltigen Gesteinen, wenn es diese durchsickert.
So wird z. B. Sickerwasser, das im Osten der Bolluk-Gölü-Region zu den Magma-Kammern des Karadağ absteigt, dort erhitzt und bildet Kohlensäure aus dem Kohlendioxid des Vulkanismus. Beim weiteren Durchlauf des Grundwassers durch die mesozoischen und neogenen Gesteinsformationen des Untergrundes sättigt sich die Kohlensäure aufgrund ihres hohen Lösungseffekts mit/zu Kalziumbikarbonat. Mit dem Austritt dieser Gewässer aus den Karst-Grundwasserleitern entlang von Verwerfungen und Rissen entstehen – bei frei werdendem Kohlendioxid und durch die Ausfällung von Calciumcarbonat – die Travertinkegel bei Ilıca Yaylası.
Kegel-Typen Nach den Untersuchungen von Erol beginnt die Entwicklung von Travertinkegeln als artesische Quelle, die im Wasser gelöste Mineralien, vorzugsweise Calciumcarbonat (CaCO3, Kalksinter, Kalziumkarbonat, kohlensaurer Kalk, Süßwasserkalk), ablagert. Dieses Wasser enthält neben Calciumcarbonat (Calciumbicarbonat) in hohen Anteilen auch Natriumsulfat und gewisse Mengen an Magnesiumsulfat. Man geht davon aus, dass diese Mineralien-Lösungen aus dem Kalkstein des Mesozoikums und des Neogens sowie aus Gipsschichten der Neogenformation im Untergrund stammen, die auch in den Gewässern des benachbarten Boluk Gölü (auch Acıtuz Gölü = bitterer Salzsee) neben Kochsalz und Kali in höheren Prozentsätzen enthalten sind. Zuerst entsteht am Wasseraustritt der Krater, dann wird nach und nach mit Überlauf des Wassers über den Kraterrand der kuppelförmige Travertinkegel aufgebaut, wobei an Rissen im Travertin-Kegelgewölbe Sekundär-Quellen mit vermutlich weniger Kalkgehalt austreten können, die in späteren Stadien der Entwicklung den Aufbau schildartiger flacher und breiter Travertinkegel fördern. Dabei werden vier verschiedene Typen unterschieden: