mini|Stich des 17. Jahrhunderts mit Darstellung des Palazzo Poggi, des Sitzes der Akademie Die Accademia delle Scienze dell’Istituto di Bologna („Akademie der Wissenschaften des Instituts von Bologna“) ist eine 1690 in Bologna gegründete und insbesondere in der Zeit der Aufklärung florierende Akademie. Heute ist sie eng mit der Universität Bologna verbunden.

Ursprünge Als gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Universität von Bologna nach einer langen Phase des Niedergangs, der Verkleinerungen und Teilungen im Bereich der Naturwissenschaften ihre Rolle als führendes Zentrum wissenschaftlicher Entdeckungen verloren hatte,Marta Cavazza: Women and Science in Eighteenth-Century Italy. In: Paula Findlen, Wendy Wassyng Roworth, Catherine M. Sama (Hrsg.): Italy’s Eighteenth Century. Gender and Culture in the Age of the Grand Tour. Stanford University Press, Stanford 2009, S. 275–302, hier S. 280. gründete Eustachio Manfredi im Jahr 1690 die Accademia degli Inquieti, um mit Gleichgesinnten wissenschaftliche Diskussionen insbesondere mathematischen Themen zu führen. Ihre Sitzungen, die zunehmend auch Vertreter anderer Disziplinen wie Anatomie und Physiologie aus Bologna und Umgebung anzogen, hielt die Akademie zunächst in Manfredis Haus ab. Im Jahr 1694 zog die Akademie in das Haus von Jacopo Sandri, Professor für Anatomie und Medizin an der Universität von Bologna. Im Jahr 1704 erhielt die Akademie mit der Ernennung eines Principe als Vorsitzenden und eines Sekretärs eine formelle Struktur, zum ersten Principe wurde Giovanni Battista Morgagni gewählt. Ein Jahr später zog die Akademie abermals um, nun in den Palazzo des Universalgelehrten Luigi Ferdinando Marsigli, eines Pioniers der Ozeanographie.Luciano Boschiero: The Young and the Restless: Scientific Institutions in the late 17th and early 18th Century. In: The Italian Academy for Advanced Studies in America (Hrsg.): Working Papers on the Academic Year 2004–2005. 22. September 2004, S. 13 f.

Im Jahr 1709 trat Marsigli an den Senat der Stadt Bologna mit dem Vorschlag heran, ein wissenschaftliches Institut zu gründen. Die Stadt sollte die Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, wofür Marsigli im Gegenzug seine umfangreiche Sammlung an Büchern, Instrumenten und naturwissenschaftlichen Artefakten der Stadt mit der Auflage vermachen wollte, sie in dem Gebäude unterzubringen. Der Plan scheiterte zunächst aus finanziellen Gründen. Auf den Rat des Senats hin wandte sich Marsigli an Papst Clemens XI., da die Stadt unter Verwaltung des Vatikans stand.Luciano Boschiero: The Young and the Restless: Scientific Institutions in the late 17th and early 18th Century. In: The Italian Academy for Advanced Studies in America (Hrsg.): Working Papers on the Academic Year 2004–2005. 22. September 2004, S. 14.

Marsigli hatte Erfolg und am 12. Dezember 1711 wurde die Satzung für die Accademia delle Scienze verabschiedet.The Istituto delle Scienze auf der Website des Museo Palazzo Poggi. Im Jahr darauf wurde der Palazzo Poggi für die Belange des Instituts umgestaltet,Luciano Boschiero: The Young and the Restless: Scientific Institutions in the late 17th and early 18th Century. In: The Italian Academy for Advanced Studies in America (Hrsg.): Working Papers on the Academic Year 2004–2005. 22. September 2004, S. 13 f. Marsigli schenkte seine Sammlung der Stadt Bologna, die im Palazzo Poggi untergebracht wurde.Accademia delle Scienze dell’Istituto di Bologna auf der Website Scholarly Societies Project der University of Waterloo Library.

Frühe Jahre Die Accademia degli Inquieti wurde 1714 umbenannt und als Accademia delle Scienze dell’Istituto di Bologna offiziell eingeweiht. Marsigli hatte in seinem Haus auch die von Papst Clemens XI. geförderte und zeitweise Accademia Clementina genannte Accademia di Belle Arti di Bologna untergebracht. Der Senat Bolognas erlaubte ihm, diese beiden Akademien räumlich zu vereinen.Accademia delle Scienze dell’Istituto di Bologna auf der Website Scholarly Societies Project der University of Waterloo Library. Die Accademia Clementina befand sich im ersten Stock des Palazzo Poggi, die Accademia delle Scienze im zweiten Stock. Das Dachgeschoss nahm als Provisorium das Observatorium ein.Giorgio Dragoni: Marsigli, Benedict XIV and the Bolognese Institute of Science. In: Judith Veronica Field, Frank A. J. L. James (Hrsg.): Renaissance and Revolution: Humanists, Scholars, Craftsmen and Natural Philosophers in Early Modern Europe. Cambridge University Press, Cambridge 1997, S. 229–238, hier S. 233.

Die Accademia delle Scienze hatte zunächst fünf Lehrstühle.Laurence Brockliss: Science, Universities, and Other Public Spaces: Teaching Science in Europe and the Americas. In: Roy Porter u. a. (Hrsg.): The Cambridge History of Science. Band 4: Eighteenth-Century Science. Cambridge University Press, Cambridge 2003, S. 44–86, hier S. 76. Marsiglis Vorstellung zufolge sollte die Akademie wissenschaftliche Forschungen in der Tradition Galileo Galileis und Isaac Newtons betreiben.Giorgio Dragoni: Marsigli, Benedict XIV and the Bolognese Institute of Science. In: Judith Veronica Field, Frank A. J. L. James (Hrsg.): Renaissance and Revolution: Humanists, Scholars, Craftsmen and Natural Philosophers in Early Modern Europe. Cambridge University Press, Cambridge 1997, S. 229–238, hier S. 233. Die Erwartung wurde nicht erfüllt, vielmehr wurde die Akademie nur als Ort intellektuellen Amüsements genutzt – ein must-see für Besucher der Stadt. Nur wenige Menschen besuchten die Vorträge oder wissenschaftlichen Vorführungen. 1723 kam es zu einem ernsthaften Streit zwischen Marsigli, der das Institut weitgehend finanziert hatte, und dem Senat von Bologna, unter dessen Verantwortung es geführt wurde. Der Senat hatte nach Ansicht von Marsigli die Bedingungen für seine Spende nicht erfüllt.Giorgio Dragoni: Marsigli, Benedict XIV and the Bolognese Institute of Science. In: Judith Veronica Field, Frank A. J. L. James (Hrsg.): Renaissance and Revolution: Humanists, Scholars, Craftsmen and Natural Philosophers in Early Modern Europe. Cambridge University Press, Cambridge 1997, S. 229–238, hier S. 234. Auf Druck des Papstes wurden die Probleme 1726 vorübergehend zu Marsiglis Zufriedenheit gelöst, doch in der Folge weiterhin hintertrieben. Im Jahr 1728 gab Marsigli, der zwei Jahre später starb, sein Projekt angewidert auf.Giorgio Dragoni: Marsigli, Benedict XIV and the Bolognese Institute of Science. In: Judith Veronica Field, Frank A. J. L. James (Hrsg.): Renaissance and Revolution: Humanists, Scholars, Craftsmen and Natural Philosophers in Early Modern Europe. Cambridge University Press, Cambridge 1997, S. 229–238, hier S. 236.

Am zweistöckigen Palazzo Poggi wurden verschiedene Umbauten vorgenommen, um den Bedürfnissen des Instituts gerecht zu werden.The Istituto delle Scienze auf der Website des Museo Palazzo Poggi. Der Turm des astronomischen Observatoriums, der Specola von Bologna, wurde 1725 von Carlo Francesco Dotti nach den Plänen des Architekten Giuseppe Torri erbaut.Antonio Raffagli: Intervention Methodology on Historical Structures subject to Distortions. In: Claudio Modena, Paulo B. Lourenço, Pere Roca (Hrsg.): Structural Analysis of Historical Constructions: Possibilities of Numerical and Experimental Techniques. Band 2. Taylor & Francis, London 2005, S. 787–794, hier S. 788. Laboratorien, Galerien und Werkstätten wurden eingerichtet, und das Institut wurde zu einer Forschungseinrichtung sowie zu einem Ort für den Informationsaustausch.The Istituto delle Scienze auf der Website des Museo Palazzo Poggi. Im Jahr 1727 vermachte Marsigli seine Materialsammlung aus Niederländisch-Indien und den Westindischen Inseln dem Institut.Giorgio Dragoni: Marsigli, Benedict XIV and the Bolognese Institute of Science. In: Judith Veronica Field, Frank A. J. L. James (Hrsg.): Renaissance and Revolution: Humanists, Scholars, Craftsmen and Natural Philosophers in Early Modern Europe. Cambridge University Press, Cambridge 1997, S. 229–238, hier S. 236. Das Institut veröffentlichte seinen ersten Sitzungsband im Jahr 1731, drei weitere Bände folgten von 1745 bis 1747 und fünf Bände in den verbleibenden Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts.Giorgio Dragoni: Marsigli, Benedict XIV and the Bolognese Institute of Science. In: Judith Veronica Field, Frank A. J. L. James (Hrsg.): Renaissance and Revolution: Humanists, Scholars, Craftsmen and Natural Philosophers in Early Modern Europe. Cambridge University Press, Cambridge 1997, S. 229–238, hier S. 232. Das Institut führte Bologna aus seiner provinziellen wissenschaftlichen Isolation und Kontakte zu europäischen Wissenschaftszentren wie der französischen Académie des sciences und der britischen Royal Society wurden aufgenommen.Marta Cavazza: Women and Science in Eighteenth-Century Italy. In: Paula Findlen, Wendy Wassyng Roworth, Catherine M. Sama (Hrsg.): Italy’s Eighteenth Century. Gender and Culture in the Age of the Grand Tour. Stanford University Press, Stanford 2009, S. 275–302, hier S. 281.

Die Akademie im Zeitalter der Aufklärung Prospero Lambertini, Erzbischof von Bologna, später Papst Benedikt XIV., war ein bedeutender Förderer des Instituts.The Istituto delle Scienze auf der Website des Museo Palazzo Poggi. 1741 zum Papst gewählt, arrangierte er den Kauf astronomischer Instrumente von dem Londoner Messinstrumentenhersteller Jonathan Sisson, dem Erfinder des modernen Theodolits, für die Specola von Bologna. Er startete die Umstrukturierung der Bibliothek des Istituto delle Scienze e della Arti und ließ den nach ihm benannten Benediktiner-Flügel der Aula Magna errichten, die heute Teil der Universitätsbibliothek ist. Die Sammlungen und die Bibliothek des Naturkundlers Ulisse Aldrovandi (1522–1605) wurden von der Universität an das Institut übertragen.Giorgio Dragoni: Marsigli, Benedict XIV and the Bolognese Institute of Science. In: Judith Veronica Field, Frank A. J. L. James (Hrsg.): Renaissance and Revolution: Humanists, Scholars, Craftsmen and Natural Philosophers in Early Modern Europe. Cambridge University Press, Cambridge 1997, S. 229–238, hier S. 231. Im Jahr 1742 wurde Ercole Lelli (1702–1766), Schüler des Mitbegründers der Accademia di Belle Arti, Giampietro Zanotti, gebeten, anatomische Wachsmodelle für das Anatomiemuseum des Instituts anzufertigen. 1743 erhielt das Institut die Naturaliensammlung des Marchese Ferdinando Cospi (1606–1686).Giorgio Dragoni: Marsigli, Benedict XIV and the Bolognese Institute of Science. In: Judith Veronica Field, Frank A. J. L. James (Hrsg.): Renaissance and Revolution: Humanists, Scholars, Craftsmen and Natural Philosophers in Early Modern Europe. Cambridge University Press, Cambridge 1997, S. 229–238, hier S. 231.