mini|hochkant=1|Manuskript der Rede, abgelegt von der National Archives and Records Administration Unter dem Titel Let Us Continue (deutsch „Lasst uns weitermachen“) ist eine Rede bekannt, die Präsident Lyndon B. Johnson am 27. November 1963, fünf Tage nach dem tödlichen Attentat auf seinen Amtsvorgänger John F. Kennedy, vor beiden Häusern des amerikanischen Kongresses hielt. Es war eine Trauerrede für den Ermordeten, als Versuch, die erschütterte amerikanische Nation aufzurichten, als Legitimierung der neuen präsidialen Macht Johnsons sowie als Skizze seines politischen Programms. Mit ihr würdigte er seinen Vorgänger und unterstrich den großen Verlust durch dessen Tod. Zugleich appellierte Johnson an den Kongress, zentrale Initiativen Kennedys zu vollenden. Hier betonte er, dass die Gleichberechtigung der Afroamerikaner endlich herzustellen sei, außerdem die Notwendigkeit umfassender Steuererleichterungen und die zügige Verabschiedung des Haushaltsplans. Die knapp 25-minütige Ansprache gilt als eine der wichtigsten in seiner politischen Laufbahn.
Vorgeschichte Anlass und Hintergrund mini|Lyndon Johnson bei seiner Vereidigung. Rechts neben ihm Jackie Kennedy. Foto von Cecil W. Stoughton. Am 22. November 1963 verübte Lee Harvey Oswald gegen 12:30 Uhr in Dallas ein Attentat auf John F. Kennedy. Die Ärzte des dortigen Parkland Memorial Hospital, die den 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten in einer Notoperation zu retten versuchten, konnten seinen Tod nicht mehr abwenden. Mit dem Ableben Kennedys wurde sein Vizepräsident automatisch zum Amtsnachfolger. Am selben Tag legte Lyndon Johnson an Bord der Air Force One den Amtseid ab und wurde 36. US-Präsident.Mit Blick auf Johnson zeichnet sein Biograf Robert A. Caro das Geschehen minutiös nach. Siehe Robert A. Caro: The Passage of Power, S. 307–336. Deutsch auch als Robert A. Caro: Der Nachfolger. Lyndon B. Johnson und der Tag, an dem John F. Kennedy starb.
Nach der Landung der Präsidentenmaschine auf der Andrews Air Force Base nahe Washington, D.C. richtete Johnson ein paar Worte an die Öffentlichkeit. Sein Auftritt dauerte keine 40 Sekunden.Remarks at Andrews AFB following the Assassination of John F. Kennedy, 11/22/63. Aufzeichnung der Rede durch CBS im YouTube-Kanal des Lyndon Baines Johnson Library & Museum. Abgerufen am 29. September 2020. Johnson stand dabei nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, denn Kameraleute und Fotografen konzentrierten sich auf den Abtransport des Sarges mit Kennedys Leichnam.Robert A. Caro: The Passage of Power, hier ab S. 364 f. Der Tote und die Hinterbliebenen – insbesondere seine Witwe Jackie Kennedy, sein Bruder Robert F. Kennedy und seine Kinder – blieben an den folgenden Tagen im Zentrum der medialen und öffentlichen Wahrnehmung;Ashley Barrett: Lyndon B. Johnson, "Let Us Continue" (27. November 1963), S. 101. Umfassend dazu Christian Morgner: Weltereignisse und Massenmedien: Zur Theorie des Weltmedienereignisses. Studien zu John F. Kennedy, Lady Diana und der Titanic (PDF; 2,3 MB) Transcript, Bielefeld 2009, ISBN 978-3-8376-1220-2. dies galt in hohem Maße für die Beerdigungszeremonien am 25. November 1963.Robert A. Caro: The Passage of Power, S. 378–388.
Der als machthungrig geltende Texaner Johnson hatte, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, in Washington Karriere gemacht, zunächst als Mitglied im Repräsentantenhaus, dann des Senats und dort schließlich als Mehrheitsführer.Details zu diesem Karriereweg ausführlich in den ersten drei Bänden von Robert Caros Johnson-Biografie: The Years of Lyndon Johnson. Alfred A. Knopf, New York City (siehe hierzu Paul Ingendaay: Der interessanteste Präsident. Besprechung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Mai 2019.) Seit Beginn seiner Vizepräsidentschaft (1961) betrachtete er sich allerdings als ins politische Abseits geraten, von vielen Beratern und Ministern Kennedys systematisch geschnitten, gedemütigt und am Ende.Robert A. Caro: The Passage of Power, S. 199–207. Robert Dallek: Flawed giant. Lyndon Johnson and His Times, S. 7 und S. 44. Die neue Lage sah er als Pflicht und Chance. Er ergriff bereits in Dallas, noch vor dem Rückflug nach Washington, die Initiative und begann mit dem Transfer der Macht.Ausführlich Robert A. Caro: The Passage of Power, hier ab S. 323. Robert Dallek: Flawed giant. Lyndon Johnson and His Times, S. 49 f. Unverzüglich nach der Ankunft im Executive Office Building, in dem sich sein Amtssitz als Vizepräsident befand, setzte Johnson diese Arbeit fort. Er sprach noch am 22. November mit Everett Dirksen, dem Führer der republikanischen Senatsfraktion, und mit John W. McCormack, dem demokratischen Sprecher des Repräsentantenhauses.Patricia D. Witherspoon: „Let Us Continue:“, S. 531. In den nächsten Tagen folgten Telefonate oder Treffen mit Gewerkschaftsvertretern wie George Meany, Walter Reuther, Alex Rose und David Dubinsky, mit Frederick Kappel, dem Sprecher von AT&T und Vorsitzenden des Business Council, und mit Vertretern der Bürgerrechtsbewegung wie Martin Luther King und Whitney Young. Auch die Meinungsführer des politischen Liberalismus und des Konservatismus im Kongress kontaktierte er.Robert A. Caro: The Passage of Power, S. 406–409. In diesen persönlichen Gesprächen erbat er Unterstützung und Hilfe bei der Aufgabe, die Vereinigten Staaten aus der Krise hinauszuführen, die durch die Ermordung Kennedys ausgelöst worden war. Diese Intention verfolgte er auch am 25. November 1963, als er mit Gouverneuren der Bundesstaaten zusammentraf.Robert A. Caro: The Passage of Power, S. 418–420. Kurt Ritter: Lyndon B. Johnson’s Crisis Rhetoric, S. 77.
Um die Kontinuität der Regierungsarbeit sicherzustellen und so öffentlich Stabilität herauszustreichen,Robert Dallek: Flawed giant. Lyndon Johnson and His Times, S. 49. bemühte sich der neue Präsident intensiv darum, wichtige Personen aus der Kennedy-Administration – zumindest für eine Übergangszeit – zum Bleiben zu bewegen. Das gelang unter anderem bei Robert McNamara (Verteidigungsminister), Dean Rusk (Außenminister) und McGeorge Bundy (Sicherheitsberater),Zur Bedeutung dieser drei Mitglieder der Kennedy-Administration für den Start der Präsidentschaft Johnsons siehe Robert Dallek: Flawed giant. Lyndon Johnson and His Times, S. 87–90. ferner überraschend schnell und umfassend auch bei Kennedyberatern oder -bewunderern wie Ted Sorensen (Rechtsberater und Redenschreiber), Pierre Salinger (Pressesprecher), Walter W. Heller und John Kenneth Galbraith (beide Berater für Wirtschaftsfragen), Samuel Beer (Südamerika-Experte), Paul A. Samuelson (Experte für Finanzwirtschaft), William Walton (Journalist und Kunstfachmann), Richard M. Goodwin (Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler), Adlai Stevenson (US-Botschafter bei den Vereinten Nationen) und Arthur M. Schlesinger (Historiker).Robert A. Caro: The Passage of Power, S. 409–414. Rowland Evans, Robert Novak: Lyndon B. Johnson. Geschichte eines Scheiterns, S. 287–291. Doris Kearns: Lyndon Johnson and the American Dream, S. 174 f. Selbst Robert Kennedy, Johnson seit ihrem ersten AufeinandertreffenBeschrieben bei Robert A. Caro: The Passage of Power, S. 61–63. in gegenseitiger Abneigung verbunden,Robert Dallek: Flawed giant. Lyndon Johnson and His Times, S. 32–38. Larry Tye: Bobby Kennedy. The making of a liberal icon, Random House, New York 2016, S. 115, ISBN 978-0-8129-9334-9. Siehe zum Konflikt insgesamt Jeff Shesol: Mutual Contempt. Lyndon Johnson, Robert Kennedy, and the Feud That Defined a Decade, Norton, New York u. a. 1997, ISBN 0-393-04078-X. Vergleiche hierzu die Besprechung: ließ sich überreden, seine Aufgaben als Justizminister weiterzuführen.Robert Dallek: Flawed giant. Lyndon Johnson and His Times, S. 50 und S. 57.
Zur Demonstration politischer Handlungsfähigkeit zählten zudem Einzelgespräche, die Johnson mit Staatsgästen führte, die nach Washington gekommen waren, um am Staatsbegräbnis teilzunehmen. Zu diesen Personen gehörten unter anderem Lester Pearson (Premierminister Kanadas), Ikeda Hayato (japanischer Premierminister), Anastas Mikojan (Stellvertretender Ministerpräsident der Sowjetunion) und Charles de Gaulle (Staatspräsident Frankreichs).Robert A. Caro: The Passage of Power, S. 417.
Entstehungsprozess Am Tag nach der Ermordung Kennedys führte Dwight D. Eisenhower mit Johnson ein Gespräch. Der Ex-Präsident schlug vor, Johnson solle vor beiden Häusern des Kongresses eine Rede halten. Das Kapitol schien geeignet zu sein, weil Johnson an diesem Ort zu einem führenden Politiker aufgestiegen war, zum Master of the Senate,Dieser Aufstieg ist Gegenstand des dritten Teils der Johnson-Biografie von Robert A. Caro: Master of the Senate. (The Years of Lyndon Johnson, Band 3), Alfred A. Knopf, New York City 2002, ISBN 978-0-394-52836-6. weil er dort viele Freunde und nur wenige Gegner wähnte, weil der Gang auf den Capitol Hill eine Geste der Wertschätzung für die Legislative und ihre Unabhängigkeit darstellte und weil sich hier zugleich politische Forderungen an den Gesetzgeber richten ließen. Am Nachmittag des 23. November 1963 stand der Termin dieser Rede fest: Sie sollte vier Tage später, also am 27. November, gehalten werden.Patricia D. Witherspoon: „Let Us Continue:“, S. 532. Zunächst hatte Johnson vor, sie bereits am 26. November zu halten, einen Tag nach der Beerdigung von John F. Kennedy. Bobby Kennedy hatte dagegen jedoch protestiert.Larry Tye: Bobby Kennedy. The making of a liberal icon, Random House, New York 2016, S. 298, ISBN 978-0-8129-9334-9. Es war klar, dass diese Rede die wichtigste sein würde, die Johnson in seiner bisherigen Karriere zu halten hatte. Viele Amerikaner kannten ihn nicht und es musste gelingen, Vertrauen in seine Person und Amtsführung zu schaffen.Robert A. Caro: The Passage of Power, S. 426. Die Ansprache würde vom Fernsehen übertragen werden, Millionen Amerikaner würden sie sehen.Irwin Unger, Debi Unger: LBJ. A Life, S. 293. Von Vorteil war, dass Fernsehsender nach dem 22. November Porträts ausstrahlten, die Johnson positiv zeichneten.Kurt Ritter: Lyndon B. Johnson’s Crisis Rhetoric, S. 75.
Johnson stellte ein Team zusammen, das Rede-Entwürfe ausarbeiten sollte. Es umfasste die drei Kennedy-Vertrauten Ted Sorensen, John Kenneth Galbraith und McGeorge Bundy; Horace Busby und Bill Moyers kamen aus dem engen Johnson-Umfeld hinzu.Patricia D. Witherspoon: „Let Us Continue:“, S. 533.
Eine Reihe weiterer Männer lieferte wesentliche Ideen und Gedanken für die in Aussicht genommene Ansprache; Eingaben kamen unter anderem von Dwight D. Eisenhower,Sein Memorandum an Johnson findet sich in dessen Memoiren. Siehe Lyndon Baines Johnson: Meine Jahre im Weißen Haus. Aus dem Amerikanischen von Hans-Heinz Werner. Edition Praeger, München 1972, ISBN 3-7796-8020-3, S. 40–42. Abe Fortas (ein mit Johnson befreundeter Anwalt in WashingtonRobert Dallek: Flawed giant. Lyndon Johnson and His Times, S. 26.), Hubert Humphrey (Exponent der Liberalen in der Demokratischen Partei), Mike Mansfield (Whip der Demokraten im Senat), Dean Rusk, Douglas Dillon (US-Finanzminister), Adlai Stevenson, Orville Freeman (US-Landwirtschaftsminister) und Kermit Gordon (Direktor des Bureau of the Budget).Ashley Barrett: Lyndon B. Johnson, "Let Us Continue" (27. November 1963), S. 103. Patricia D. Witherspoon: „Let Us Continue:“, S. 533. Kurt Ritter: Lyndon B. Johnson’s Crisis Rhetoric, S. 78.