mini|325px|Max Horkheimer (vorn links), Theodor Adorno (vorn rechts), Jürgen Habermas (im Hintergrund rechts) sowie Siegfried Landshut (im Hintergrund links) im Jahr 1964 in Heidelberg Als Kritische Theorie wird eine Gesellschaftstheorie aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Sie analysiert die Gesellschaft und ihre Macht­strukturen kritisch, um Mechanismen der Unterdrückung und sozialen Kontrolle aufzudecken. Sie verbindet marxistische Wirtschaftsanalyse mit kultureller, ideologischer und sozialpsychologischer Kritik, um die Entstehung und Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Herrschaftsverhältnisse zu verstehen. Dabei strebt sie eine transformative Veränderung der Gesellschaft an, die auf Idealen des Humanismus wie Freiheit und Demokratie basiert.

Ihre hauptsächlichen Vertreter Max Horkheimer, Theodor Adorno, Erich Fromm und Herbert Marcuse werden auch unter dem Begriff Frankfurter Schule zusammengefasst. Als Hauptwerk gilt das von Horkheimer und Adorno gemeinsam verfasste Buch Dialektik der Aufklärung (1944) – die bis heute größte Leserschaft haben hingegen Fromms Werke Die Kunst des Liebens (1956) und Haben oder Sein (1976). Ihr institutionelles Zentrum hatten die Vertreter der Kritischen Theorie im Institut für Sozialforschung – ihr publizistisches Organ in der Zeitschrift für Sozialforschung.

Die Kritische Theorie war hauptsächlich von Hegel, Marx und Freud inspiriert. Aus dem assoziierten Wirkungskreis von Autoren und Rezensenten bildete der Philosoph und Kulturtheoretiker Walter Benjamin die bedeutsamste Inspirationsquelle für die theoretischen Konstruktionen der Schule.

In Deutschland hatte die Kritische Theorie großen Einfluss auf die westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre sowie spätere linke Politik bis heute.

Gegenstand Gegenstand der Theorie ist die ideologiekritische Analyse der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, das heißt: die Aufdeckung ihrer Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen und die Hinterfragung ihrer Ideologeme mit dem Ziel einer vernünftigen Gesellschaft mündiger Menschen. Ihr Anspruch ist, die Totalität der gesellschaftlichen Verhältnisse und die Notwendigkeit ihrer Veränderung theoretisch darzulegen. Ihre Begriffe beschreiben, was ist, und antizipieren, was sein soll oder sein könnte. Wenn Theorie in diesem Verständnis als eine Form der Praxis begriffen wird – „Denken ist ein Tun“ (Adorno) –, heißt das: Mit der theoretischen Aufklärung werden die gesellschaftlichen Verhältnisse entschleiert, und mit dem neuen Blick auf sie beginnt die verändernde Praxis im Bewusstsein der aufgeklärten Menschen. Stand an ihrem Anfang das Projekt einer sozialwissenschaftlichen, interdisziplinären Zeitdiagnose mit emanzipatorischem Anspruch, so veränderte sie sich, unter dem Einfluss der zeitgeschichtlichen Ereignisse (Weltwirtschaftskrise, Krise der liberalen Demokratien, Aufkommen diktatorischer Regime, Zweiter Weltkrieg, Expansion der Kulturindustrie), in eine negative Geschichtsphilosophie ohne Hoffnung auf absehbare Umgestaltung der „totalitär“ (Horkheimer/Adorno) und „eindimensional“ (Marcuse) gewordenen gesellschaftlichen Verhältnisse.

Verschiedene Formen Von dieser „älteren“ oder „klassischen“ Kritischen Theorie, die hier fokussiert wird, ist die auf Jürgen Habermas zurückgehende „jüngere“ Kritische Theorie zu unterscheiden, die an den gesellschaftskritischen Motiven zwar festhält, aber die radikale Vernunftskepsis und die pessimistische Geschichtskonstruktion verwirft und mit dem Begriff der „kommunikativen Vernunft“ emanzipatorische Motive ins Zentrum der Theorie rückt. Zu beobachten ist auch, dass in anderen Wissenschaftsgebieten, vornehmlich im englischsprachigen Bereich, Theorieansätze mit dem Attribut „Kritisch“ versehen werden, z. B. Kritische Geographie oder Kritische Kriminologie, die ähnlich wie die hier dargestellte Theorie ihr spezifisches Wissensgebiet aus gesellschaftskritischer Perspektive erforschen.

Der engere Mitarbeiterkreis Zum engeren Personenkreis der Kritischen Theorie gehörten in den 1930er Jahren Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Erich Fromm, Leo Löwenthal, Herbert Marcuse und Friedrich Pollock. Walter Benjamin. Dieser war zwar nie hauptangestelltes Institutsmitglied, wird aber dem inneren Kreis als Autor bedeutender Beiträge für die Zeitschrift für Sozialforschung zugerechnet.Emil Walter-Busch: Geschichte der Frankfurter Schule. Kritische Theorie und Politik. Fink, München 2010, S. 26. Auch Felix Weil, der als Mitbegründer des Instituts und Financier bei vielen Entscheidungen mit einbezogen wurde, zählt dazu. Sie alle hatten denselben privilegierten, säkularisierten jüdischen Hintergrund.Stuart Jeffries: Grand Hotel Abgrund. Die Frankfurter Schule und ihre Zeit. Klett-Cotta, Stuttgart 2019, S. 27. Zwei weitere während mehrerer Jahre permanente Institutsangestellte waren der Ökonom Henryk Grossmann und der Sozialwissenschaftler Karl A. Wittfogel, Letzterer als einziger nichtjüdischer Herkunft und Parteikommunist. Beide arbeiteten auf ihren Feldern, ohne direkte Beiträge zur Kritischen Theorie zu leisten und unterschieden sich schon vom engeren Kreis durch ihre positive Sicht auf die Sowjetunion unter Stalin.Leo Löwenthal: Mitmachen wollte ich nie. Ein autobiographisches Gespräch mit Helmut Dubiel. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, S. 86. In den USA ergänzten die Juristen und Staatswissenschaftler Franz Neumann und Otto Kirchheimer den leicht erweiterten inneren Kreis der Institutsmitarbeiter.Emil Walter-Busch: Geschichte der Frankfurter Schule. Kritische Theorie und Politik. Fink, München 2010, S. 28.

Begriff und Adressaten Zur Genese des Begriffs Der Begriff Kritische Theorie wurde von Max Horkheimer im Exil geprägt „für das wissenschaftliche Projekt des Instituts [für Sozialforschung]“, ein von ihm „entwickeltes Forschungsprogramm eines interdisziplinären Materialismus“.Gerhard Schweppenhäuser: Am Ende der bürgerlichen Geschichtsphilosophie. Max Horkheimer Theodor W. Adorno: „Dialektik der Aufklärung“ (1947). In: Walter Erhard, Herbert Jaumann (Hrsg.): Jahrhundertbücher. Große Theorien von Freud bis Luhmann. Beck, München 2000, S. 188. Der Begriff wird das erste Mal in einem Aufsatz Horkheimers mit dem Titel Traditionelle und kritische Theorie von 1937 verwendet. Der Autor setzt sich kritisch mit dem Ideal und dem Betrieb der nachkopernikanischen Wissenschaft auseinander. Dabei werden als Gegenmodell die Grundzüge der Kritischen Theorie herausgearbeitet. Davor war die marxistisch undogmatische Gesellschaftstheorie des Instituts unter dem Namen Materialismus bekannt.Gerhard Schweppenhäuser: Kritische Theorie. In: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 8/I: Krisentheorien bis Linie Luxemburg-Gramsci. Argument, Hamburg 2012, Spalte 198. Das Adjektiv „kritisch“ verwies hier weniger auf die drei großen Kritiken Kants als auf die Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx,Emil Walter-Busch: Geschichte der Frankfurter Schule. Kritische Theorie und Politik. Fink, München 2010, S. 52. wie Horkheimer in einer Fußnote klarstellte:

Es geht Horkheimer um eine umfassende Neubegründung und kritische Erweiterung des Marxismus, denn die reine Lehre Marx’ und Engels’, zwar „noch immer unerläßlich zum Verständnis gesellschaftlicher Dynamik, reicht zur Erklärung der inneren Entwicklungen wie der äußeren Beziehungen der Nationen nicht mehr aus“.Zit. nach: Jean Améry: Zwei verfeindete Denkmethoden. In: Die Zeit vom 4. April 1969.

Nach der Veröffentlichung des Aufsatzes von Horkheimer wurde die Bezeichnung Kritische Theorie von fast allen Mitgliedern des Instituts übernommen.Helmut Dubiel: Wissenschaftsorganisation und politische Erfahrung. Studien zur frühen Kritischen Theorie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, S. 74 f. In einem Gespräch erklärte Herbert Marcuse, dass der Begriff Kritische Theorie von den Mitgliedern des Instituts zu dem Zweck benutzt wurde, „die traditionelle marxistische Theorie kritisch zu prüfen“.Radikale Philosophie der Frankfurter Schule. In: Gespräche mit Herbert Marcuse. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, S. 124. Ähnlich äußerte sich Leo Löwenthal im Gespräch mit Helmut Dubiel: „[…] die kritische Theorie [ist] eine fortgeschrittene Form des Marxismus, die nicht länger die Marxschen Kategorien und Analysen in einer veränderten historischen Situation mechanisch übernimmt. […] Aber die marxistischen Grundmotive sind doch nie aufgegeben worden.“Leo Löwenthal: Mitmachen wollte ich nie. Ein autobiographisches Gespräch mit Helmut Dubiel. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, S. 83. Kritische Theorie ist in der Interpretation von Dubiel „sowohl der Name für die theoriepolitische Orientierung des Kreises als auch das Zugehörigkeitssignal zur marxistischen Theorietradition und – wesentlich – Formulierung des Anspruchs, in dieser deren authentischen Gehalt zu vertreten“.Helmut Dubiel: Wissenschaftsorganisation und politische Erfahrung. Studien zur frühen Kritischen Theorie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, S. 79.

Zum Adressaten Als praktische Theorie, die auf die „Herstellung eines gerechten Zustands unter den Menschen“Max Horkheimer: Traditionelle und kritische Theorie. In: Ders.: Gesammelte Schriften, Band 4: Schriften 1936–1941. Fischer, Frankfurt am Main 1988, S. 216. ausgerichtet ist, bedurfte sie eines Subjekts als historischen Träger gesellschaftlicher Veränderungen. In der theoretischen Anfangsphase wurde dieses Subjekt in der Arbeiterbewegung gesehen. Im Rückblick schreibt Horkheimer:

Nach gescheiterter Revolution und der Niederlage durch den Sieg des Faschismus 1933 fiel das Proletariat als revolutionäres Subjekt aus. 1937 konstatiert Horkheimer: „Die Situation des Proletariats bildet in dieser Gesellschaft keine Garantie der richtigen Erkenntnis.“ Die Intellektuellen als Träger des die geschichtliche Situation als tiefstem erfassenden und zukunftsreichstem Denken bleiben isoliert und auf sich selbst gestellt.Max Horkheimer: Traditionelle und kritische Theorie. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Band 4: Schriften 1936–1941. Fischer, Frankfurt am Main 1988, S. 187 f. Nicht ohne Ironie bemerkt der polnische Philosoph Leszek Kołakowski dazu: „Das Proletariat hat seine Rolle als unfehlbares Subjekt der Geschichte eingebüßt, obwohl die Kritische Theorie weiterhin um seine Befreiung kämpft.“Leszek Kolakowski|: Die Hauptströmungen des Marxismus. Entstehung – Entwicklung – Verfall. Dritter Band. Piper, München und Zürich 1978, S. 389. Als Adressaten ihrer Theorie blieben nur mehr der „eingebildete Zeuge“Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung In: Max Horkheimer: Gesammelte Schriften. Band 5. Fischer, Frankfurt am Main 1987, S. 288. und die unter dem Terror dezimierten „bewundernswürdigen kleinen Gruppen“.Max Horkheimer: Traditionelle und kritische Theorie. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Band 4: Schriften 1936–1941. Fischer, Frankfurt am Main 1988, S. 211. Auch die Metapher von der „Flaschenpost“Vgl. Horkheimer in einem Brief vom 10. Juni 1940 an Saskia Viertel: „unsere gegenwärtige Arbeit […] eine Art Flaschenpost“. In: Max Horkheimer: Gesammelte Schriften. Band 16: Briefwechsel 1937–1940. Fischer, Frankfurt am Main 1995, S. 726. wurde bemüht, damit ihre theoretische Arbeit, wie Horkheimer hoffte, „doch nicht ganz mit uns untergeht“.Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung In: Max Horkheimer: Gesammelte Schriften. Band 5: „Dialektik der Aufklärung“ und Schriften 1940–1950. Fischer, Frankfurt am Main 1987, S. 288.

Institutionelle und publizistische Verankerung