Das Alpenhochwasser 2020 ist eine Naturkatastrophe, die sich Anfang Oktober 2020 in den West- und Zentralalpen ereignete. mini|Tiefdruckgebiet “Brigitte” (auch “Alex”) am 2. Oktober 2020 Ende September 2020 entwickelte sich über dem nördlichen Atlantik ein kräftiges Tiefdruckgebiet, das von Météo-France am 30. September den Namen „Alex“ und vom Meteorologischen Institut der Freien Universität Berlin den Namen „Brigitte“ zugeteilt erhielt. Freie Universität Berlin, 30. September 2020, abgerufen am 18. Oktober 2020. Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin. Es war das erste große Sturmtief der winterlichen Unwettersaison 2020–2021. Sein Zentrum lag zunächst über den Britischen Inseln und dem Ärmelkanal. In einigen Regionen Englands und Schottlands kam es am 30. September zu starkem Wind und schweren Niederschlägen. Das Sturmtief folgte einer meteorologischen Omegalage über Mitteleuropa und trieb viel feuchte Luft vom Atlantik über das Balearenmeer, den Golfe du Lion und das Ligurische Meer von Südwesten an den südlichen Alpenrand, was besonders in den Westalpen in mehreren Flussgebieten zu extremen und verheerenden Hochwassern und in den Zentralalpen zu einem starken Föhnsturm führte.

Ereignisse in Frankreich Das Sturmtief, das in Frankreich unter dem Namen Alex registriert wurde, erreichte am Freitag, 2. Oktober 2020, Nordwestfrankreich und verursachte schon in der Bretagne große Schäden. Es wurden Windstärken bis 186 km/h gemessen (Belle-Île-en-Mer), Windböen rissen Hausdächer fort, wegen beschädigter Freileitungen waren fast 100.000 Haushalte zeitweise ohne elektrischen Strom, Eisenbahnlinien waren wegen entwurzelter Bäume unterbrochen, mehrere Personen wurden im Sturm auf den Strassen verletzt.France: fortes crues dans la région niçoise, six personnes portées disparue, Le Nouvelliste, 2. Oktober 2020, abgerufen am 5. Oktober 2020.

Nachdem sie über Zentralfrankreichs und die Iberische Halbinsel gezogen war, traf die feuchte Atlantikluft an den Alpen, wie französische Meteorologen erklärten,Guillaume Woznica: Alpes-Maritimes : comment expliquer ces inondations catastrophiques ?. La Chaîne Info, 3. Oktober 2020, abgerufen am 6. Oktober 2020. auf sehr feuchte Luft, die vom aussergewöhnlich warmen Mittelmeer (20 bis 24 Grad Celsius Wassertemperatur) her gegen Norden strömte. In einer Staulage am Gebirge kühlten sich die Luftmassen rasch ab und entwickelten dort einerseits orkanartige Böen und entluden in heftigen Gewittern außerordentliche Regenmengen zunächst über den Küstenregionen und in den Meeralpen und den Ligurischen Alpen.Christophe Magdelaine: De puissants orages et de très fortes pluies se sont abattus sur les Alpes Maritimes (côte d'Azur) notre-planete.info, 3. Oktober 2020, abgerufen am 5. Oktober 2020. Dieses jahreszeitliche Wetterphänomen ist in Südfrankreich und Nordwestitalien als Épisode méditerranéen bekannt, es hat in der Vergangenheit oft zu Hochwasserereignissen geführt und ist deshalb für die Wettervorhersage wichtig;J.C. Rivrain: Phénomènes remarquables: Les épisodes orageux à précipitations extrêmes sur les régions méditerranéennes de la France. Météo-France. 1997. am 2. Oktober 2020 nahm die Wetterentwicklung jedoch eine ungewöhnliche Dynamik an und hatte dramatische Auswirkungen. Von Cannes und Antibes bis Nizza und in der Bergregion des Departements Alpes-Maritimes, der Region im Nationalpark Mercantour, kam es zu rekordhohen Niederschlagsmengen. Météo-France bezeichnete die Hochwasser als exceptionnelles (außerordentlich),Vincent-Xavier Morvan, Julie Pacorel: sudradio.fr, abgerufen am 5. Oktober 2020. betonte jedoch, dass solche Ereignisse als Folge der Klimaerwärmung eher noch zunehmen könnten.

In den Departementen Alpes-de-Haute-Provence, Hautes-Alpes, Alpes-Maritimes und Var wurde am frühen Morgen des 2. Oktober die Gefahrenstufe Orange für Regen und Hochwasser ausgerufen, seit 11 Uhr galt die höchste Gefahrenstufe Rot für Überschwemmungen.Tempête Alex dans les Alpes-maritimes : 2 corps retrouvés, l'un à Saint-Martin Vésubie l'autre à Vintimille. France 3 Régions Provence Alpes Côte d’Azur, 4. Oktober 2020, abgerufen am 5. Oktober 2020. Das Departement hatte auf Grund der Wettervorhersage schon am Vortag beschlossen, dass am 2. Oktober die Schulen im ganzen Gebiet geschlossen blieben, der Eisenbahnverkehr wurde eingestellt, ebenso der Flugverkehr am Flughafen von Nizza, das Betreten der Uferstrasse Promenade des Anglais in Nizza war wegen starker Windböen und hoher Wellen untersagt. mini|Hochwasser des Var am 3. Oktober 2020 Die Niederschläge in den Einzugsgebieten der Flüsse Var und Roya verursachten an vielen Stellen Überschwemmungen und große Sachschäden. Auch in der Umgebung von Monaco entstanden Hochwasserschäden. Im Tal der Tinée, des grössten Nebenflusses des Var, kam es zu Erdrutschen. Der Fluss Vésubie, ein anderer Nebenfluss des Var, führte besonders viel Wasser und stieg stellenweise in kurzer Zeit um etwa sieben Meter; der Fluss zerstörte viele Häuser, Straßenabschnitte der Route métropolitaine 565 und Brücken,Face à des inondations annoncées "historiques", le préfet sonne l'état d'alerte dans le haut pays. Nice-Matin, 3. Oktober 2020, abgerufen am 5. Oktober 2020. und in der Ortschaft Saint-Martin-Vésubie selbst die im Hochwassergebiet gebaute Feuerwehrkaserne (so wie schon im Jahr 2010 ein Hochwasser bei Draguignan das Dienstgebäude des Service départemental d’incendie et de secours SDIS mit mehr als 150 Rettungsfahrzeugen getroffen hatte). Der Boréon unterbrach die kurz vor seiner Mündung in die Vésubie bei Saint-Martin-Vésubie gelegene Maissabrücke und riss eine Tankstelle mit. Der Wolfspark Alpha bei Saint-Martin-Vésubie, der verschiedene Wolfsarten gehalten hatte, wurde zerstört. Der Var überflutete vor der Mündung in das Mittelmeer bei Saint-Laurent-du-Var Strassen und einen Teil der Ebene. mini|Spuren der Verwüstung nach dem Hochwasser bei Saint-Dalmas-de-Tende Im Osten des Departements überschwemmte der Fluss Roya das Zentrum der Ortschaft Breil-sur-RoyaPascal Charrier: À Breil-sur-Roya, l’incompréhension demeure après les inondations, 7. Oktober 2020, abgerufen am 7. Oktober 2020. und zerstörte die Strassen, so auch die Departementsstrasse 6204, an mehreren Stellen. In der weiteren Umgebung der grossen Flussmündungen spülte die Meeresbrandung riesige Mengen von Schwemmholz aus den Bergtälern an den Strand. In der Woche nach dem Hochwasser begannen die technischen Dienste der Gemeinden am Mittelmeer mit der Hilfe von vielen Freiwilligen das Holz von den Stränden und aus den blockierten Häfen zu entfernen, während gleichzeitig die Suche nach den Vermissten im Meer andauerte. mini|Zerstörte Brücke bei Roquebillière Zahlreiche Ortschaften waren wegen des Hochwassers, Steinschlägen, Murgängen und Erdrutschen von der Außenwelt abgeschnitten oder nur noch über Fusswege erreichbar. Das Telefonnetz sowie die Strom- und die Wasserversorgung fielen in einigen Gegenden aus. In den tief eingeschnittenen Tälern liegen viele alte Ortschaften auf schmalen Terrassen über den Flussbetten und sind üblicherweise vor den periodischen Hochwassern geschützt; das Oktoberhochwasser erreichte jedoch viele dieser Siedlungen, wie selbst auf aktuellen Satellitenfotografien zu sehen ist.Tempête Alex : les images des vallées dévastées de la Vésubie et de la Roya France bleu Alpes-Maritimes, 6. Oktober 2020, abgerufen am 7. Oktober 2020. Der Var überschwemmte eine Straße beim Flughafen von Nizza, eine Steinlawine verschüttete einen Teil der Ortschaft Malaussène, Campingplätze in den Flusstälern und der Vergnügungspark Marineland mit mehreren Wasserbecken für Meeressäugetiere bei Antibes wurden überschwemmt. Die Rettungskräfte mussten zahlreiche Straßen sperren und viele Personen evakuieren, einige davon auch mit Helikoptern der Gendarmerie, des Zivilschutzes und der Armee.

Die französische Talstrasse von Breil-sur-Roya zum Tendapass war an etwa fünfzig Stellen unterbrochen. Die teilweise überfluteten Ortschaften Tende, Fontan und La Brigue waren nur über Umwegen erreichbar. Das französische Zwischenstück der italienischen Staatsstrasse Strada Statale 20 del Colle di Tenda e di Valle Roja, die auch Teil der Europastraße 74 ist, erlitt besonders schwere Schäden. Sowohl auf der französischen wie auch auf der italienischen Seite des Col-de-Tende-Straßentunnels zerstörten Murgänge die Strassen bei den Tunnelportalen auf 1250 m Höhe. Ein Erdrutsch im Tälchen des Sturzbachs Rio della Cà, eines Quellbachs der Roya, riss unmittelbar vor der Tunneleinfahrt einen Teil der Tunnelzufahrt sowie Baustelleneinrichtungen vor dem in Bau befindlichen neuen Tendatunnel fort. Die Vermenagna verschüttete die Zufahrtsstrasse zum internationalen Tunnel auf der italienischen Seite und beschädigte ebenfalls Einrichtungen auf der Tunnelbaustelle. Somit war die Europastraße 74 unterbrochen und die Rettungskräfte mussten einige im Tunnel blockierte Autofahrer evakuieren.Dopo l’alluvione crolla anche il ponte "nuovo" all’imbocco della galleria del Tenda lato Francia La Stampa, 5. Oktober 2020, abgerufen am 6. Oktober 2020. Auch die Strecke der Tendabahn war im Royatal unterbrochen. Der nordöstliche italienische Abschnitt der Staatsstrasse 20 war an mehreren Stellen unterbrochen.Maltempo: crolla una parte della Statale 20 La Stampa, 2. Oktober 2020, abgerufen am 8. Oktober 2020. mini|Verwüstungen bei Roquebillière Die hochgehenden Flüsse erreichten vielerorts auch solche Stellen, die nach langjähriger Erfahrung ausserhalb der Gefahrenzone lägen. So riss die Vésubie bei Roquebillière ein Uferstück bis unmittelbar ans Fundament der tausendjährigen Pfarrkirche Saint-Michel fort. Und in den Tagen nach dem Unwetter berichteten die Regionalverwaltung und die Gemeindebehörden von Tende im Royatal und von Saint-Martin-Vésubie, dass in diesen Gemeinden die Friedhöfe überflutet und teilweise weggeschwemmt worden seien. Vom Friedhof Saint-Dalmas in Tende sei mehr als die halbe Fläche mit etwa 150 Gräbern verschwunden. Körper von Bestatteten seien danach an verschiedenen Stellen im Tal unterhalb von Tende entdeckt und von der Feuerwehr geborgen worden.Tempête Alex. 150 corps du cimetière de Tende emportés par les crues Ouest-France, 6. Oktober 2020, abgerufen am 10. Oktober 2020. Die Flüsse haben mehrere Leichen aus den Friedhöfen offenbar bis ins Mittelmeer getragen; man hat in den folgenden Tagen einige davon selbst noch am ligurischen Meeresstrand in Italien gefunden. mini|Das braune Wasser verteilte sich vor den Flussmündungen weit über das Mittelmeer. Fotografie: NASA Im Südosten Frankreichs kamen bei diesen Ereignissen mehrere Personen ums Leben, in der Nähe von Roquebillière stürzte ein Feuerwehrfahrzeug zusammen mit der unterspülten Strasse in den Fluss Vésubie und dabei starben zwei Feuerwehrleute, und mindestens zwanzig Menschen galten als vermisst.Vincent-Xavier Morvan: Dans les Alpes-Maritimes, la désolation après l’effroyable déluge. Au lendemain des graves inondations, les habitants des vallées alpines découvrent un paysage dévasté. Le Figaro, 4. Oktober 2020, abgerufen am 5. Oktober 2020.Ces Azuréens qui manquent à l’appel après le passage de la tempête Alex dans les Alpes-Maritimes Nice Matin, 11. Oktober 2020. Abgerufen am 11. Oktober 2020.