Die Vernichtung der weisen Frauen. Hexenverfolgung, Kinderwelten, Menschenkontrolle, Bevölkerungswissenschaft ist eine Monografie von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger aus dem Jahre 1979. Hauptthesen sind, dass Hebammen (die „weisen Frauen“) als Hexen verbrannt worden seien, weil sie durch ihr Geheimwissen eine Gefahr für die Kirche darstellten und dass Hexen die letzten Bewahrerinnen der „magisch-heidnischen Kultur“ gewesen seien. Das uralte Wissen der weisen Frauen sei durch die Hexenverfolgung ausgelöscht worden. Hintergrund ist ihrer Darstellung nach das politische Kalkül von Klerus und Adel, durch Geburtenkontrolle und „Tilgung des Verhütungswissens“ die Bevölkerungszahl zu heben.
Das Buch wurde bis 2005 insgesamt 14 Mal aufgelegt und wurde besonders in der Taschenbuchausgabe von 1987 zum Bestseller. Die Thesen des Buches gelten weitgehend als widerlegt, sind aber noch weit verbreitet und in manchen feministischen Kreisen weiter vertreten. Heinsohns und Steigers Annahme, die Hexenverfolgungen sei zentral gesteuert gewesen, gilt als Verschwörungstheorie.Walter Rummel: „Weise“ Frauen und „weise“ Männer im Kampf gegen Hexerei: Die Widerlegung einer modernen Fabel. In: Christoph Dipper, Lutz Klinkhammer, Alexander Nützenadel (Hrsg.): Europäische Sozialgeschichte. Festschrift für Wolfgang Schieder. Duncker & Humblot, Berlin 2000, S. 353–375, hier S. 353; ähnlich Walter Rummel: „Weise“ Frauen und „weise“ Männer im Kampf gegen Hexerei: Die Widerlegung einer modernen Fabel. In: Christoph Dipper, Lutz Klinkhammer, Alexander Nützenadel (Hrsg.): Europäische Sozialgeschichte. Festschrift für Wolfgang Schieder. Duncker & Humblot, Berlin 2000, S. 353–375, hier S. 474.
Inhalt
Überblick Beide Autoren stellen zunächst dar, dass ihnen die herkömmliche Auffassung „irrationaler Frauen“ und „wahnsinniger Verfolger“ nicht haltbar erscheint. Die Hexenverfolgung sei Resultat staatlicher Bevölkerungspolitik, in deren Zug die Geburtenkontrolle ausgeschaltet wurde. Die Geburtenkontrollverfahren der Stammesgesellschaften und des Altertums seien als magisch empfunden worden, man habe aber die unter Zaubersprüchen verabreichten empfängnisverhütenden und abtreibenden Tränke während des Mittelalters zwar bereits missbilligt, die „weisen Frauen“ jedoch nicht verfolgt. Das Maleficium, das die Hexenjäger ausrotten wollten, sei die Verhütungspraxis der Frauen gewesen. Auch Jean Bodin sei als Hexenjäger aufgetreten, da dies zu seiner modernen Staatsidee mit einer rational begründeten Bevölkerungsgesetzgebung gepasst habe. Hintergrund der „Menschenproduktion“ sei die Entvölkerung weiter Landstriche durch Kriege und Krankheiten gewesen. Durch Strafgesetze und Polizeiverordnungen für die Hebammen seien diese politischen Ziele durchgesetzt worden.
Im Teil B werden „Hexenverfolgung, Kinderwelten und Erziehungsprobleme“ dargestellt. Die demographischen Fakten machten Gesetze und Institutionen des Staates notwendig, um Kinder zu schützen. Schon in der römischen Spätantike sieht Gunnar Heinsohn erste Ansätze einer Bevölkerungspolitik des Staates gegen die Interessen der Eltern, dagegen blieb das Kinderleben des Mittelalters weitgehend unberührt.
Erst ab dem 14. Jahrhundert habe sich die Zahl der Kinder durch die Hexenverfolgung vermehrt. Die Generationsbeziehungen seien dadurch erschwert worden. Die „Zivilisation“ setzte sich mit Hilfe von sexueller Unterdrückung, etwa dem Onanieverbot durch. Die Sexualneurosen als Folge strenger Sexualerziehung sind für Heinsohn Ergebnis der Bevölkerungspolitik. Daher hätten auch die neuzeitlichen Erziehungseinrichtungen pädagogisch versagt, weil sie in Wirklichkeit bevölkerungspolitische Instrumente und als solche durchaus erfolgreich gewesen seien.
Erst die Geburtenkontrolle im 20. Jahrhundert habe zur Abnahme des „Kinderelends“ und zur Emanzipation der Frau geführt.
Bevölkerungsexplosion In einer historisch orientierten Bevölkerungslehre unter dem Titel Menschenproduktion. Allgemeine Bevölkerungstheorie der Neuzeit versuchten Heinsohn, Rolf Knieper und Otto Steiger 1979 eine Erklärung für die europäische Bevölkerungsexplosion ab dem späten 15. Jahrhundert zu finden.Gunnar Heinsohn, Rolf Knieper, Otto Steiger: Menschenproduktion. Allgemeine Bevölkerungstheorie der Neuzeit, Suhrkamp, Frankfurt 1979, zweite Auflage 1982. Die dahinter stehende Geburtenzahl pro Frau mit durchschnittlich 5 bis 6,5 Kindern bis ins 19. und 20. Jahrhundert hinein wurde – neben der produktiv überlegenen Eigentumsökonomik – zur Bedingung europäischer Weltbeherrschung. Gründe für die demographische Wende lagen ihrer Ansicht nach in den Todesstrafen auf Geburtenkontrolle (Abtreibung, Unfruchtbarmachung, Kindesmord und Aussetzen) spätestens seit der Constitutio Criminalis Bambergensis von 1507 und der Constitutio Criminalis Carolina von 1532 vor.Dazu bereits Magnus Hirschfeld: Geschlecht und Verbrechen, hrsg. v. J. R. Spinner, Wien 1930, S. 8.
Frauenheilkunde mini|Spekulum aus dem römischen Mérida Doch daneben wurde, so Heinsohn und Steiger, auch die Frauenheilkunde angegriffen. Es sei bezeichnend, dass das Spekulum, ein zentrales Untersuchungsinstrument der Gynäkologie, in der Renaissance, einer ansonsten erfindungsreichen Epoche, verschwand, obwohl es seit der Antike als speculum magnum matricis (Funde in Pompeji, Mérida), während des Mittelalters als dioptre in Gebrauch gewesen sei. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts wurde es von dem französischen Chirurgen Joseph Récamier (1774–1852) zum zweiten Mal erfunden,Ornella Moscucci: The Science of Woman. Gynaecology and Gender in England, 1800-1929, Cambridge University Press, Cambridge 1990, S. 112. was Heinsohn und Steiger in Warum musste das Speculum zweimal erfunden werden? 1987 erneut aufgriffen.Gunnar Heinsohn, Otto Steiger: Warum musste das Speculum zweimal erfunden werden?, in: Kritische Justiz. Vierteljahresschrift für Recht und Politik. Band 20,2, 1987, S. 200–207.
Hexenbulle Allerdings kam, so die weitere Argumentation der Autoren, die Todesstrafe auf Geburtenkontrolle ab 1507 für das Einsetzen der Bevölkerungsexplosion rund zwei Jahrzehnte zu spät. Wie John Hatcher feststellte, lagen die Wurzeln dieses Phänomens in der Zeit zwischen 1475 und 1485.John Hatcher: Plague, Population and the English Economy 1348–1530, Macmillan, London 1977, S. 63. Schon aus chronologischen Gründen komme daher ein anderer Vorgang in Frage. Heinrich Kramer veranlasste 1484 den Papst zur Herausgabe der Bulle Summis desiderantes affectibus, der sogenannten „Hexenbulle“, die Todesstrafen für „sehr viele Personen beyderlei Geschlechts […], die die Geburten der Weiber umkommen machen und verursachen, […] daß die […] Frauen […] nicht empfangen“ vorsah, wie Heinrich Kramer alias Institoris kommentierte.Jakob Sprenger, Heinrich Institoris: Malleus Maleficarum. Der Hexenhammer , hrsg. v. J. W. R. Schmidt, H. Barsdorf, Berlin 1906, Nachdruck: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1974, drei Bände, hier: Bd. I, S. XXXVII. Der juristische Kommentar zur Hexenbulle, der Malleus Maleficarum (Hexenhammer) von 1487, mache deutlich, dass neben allen immer schon verbotenen Zaubereien etwas Neues hinzugekommen sei. Dabei ging es um eine „siebenfache Hexerei“, deren einzelne Verfahren durchweg den „Liebesakt und die Empfängnis im Mutterleibe mit verschiedenen Behexungen infizieren“. Diese Verfahren der Geburtenkontrolle sollten ausdrücklich „abgesehen von den vielfachen Schädigungen, die sie [die Hexen] anderen, Tieren und Feldfrüchten, zufügen“,Sprenger, Institoris: Malleus Maleficarum, Bd. I, S. 107. nun zusätzlich verfolgt werden.
Die Geburtenkontrollverbote aus Hexenbulle und Hexenhammer wurden von Heinsohn und Steiger seit 1979 als bevölkerungspolitisches Urmuster für die Todesstrafen der weltlichen Gesetze von 1507 und 1532 bzw. als treibender Faktor hinter der demographischen Wende zwischen 1475 und 1485 gewertet.So etwa Gunnar Heinsohn, Otto Steiger: Jean Bodin, das 'Universalgenie der Neuzeit' oder: der wahre Meisterdenker – Neun bevölkerungstheoretische Thesen, in: European Demographic Information Bulletin. Band 10, Heft 3, 1979, S. 97-108; Gunnar Heinsohn, Rolf Knieper, Otto Steiger: Menschenproduktion. Allgemeine Bevölkerungstheorie der Neuzeit, S. 55–58; Gunnar Heinsohn, Otto Steiger: Die Vernichtung der weisen Frauen. Beiträge zur Theorie und Geschichte von Bevölkerung und Kindheit, März, Herbstein 1985.
Rezeption und Kritik
Resonanz Die Vernichtung der weisen Frauen wurde ein Bestseller. Im Spiegel erschien 1984 eine Titelgeschichte darüber.https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/13512627. Dazu auch Walter Rummel: „Weise“ Frauen und „weise“ Männer im Kampf gegen Hexerei: Die Widerlegung einer modernen Fabel. In: Christoph Dipper, Lutz Klinkhammer, Alexander Nützenadel (Hrsg.): Europäische Sozialgeschichte. Festschrift für Wolfgang Schieder, Duncker & Humblot, Berlin 2000, S. 353–375, hier S. 356. Die Auseinandersetzung um die Monographie wurde bald auch in der medialen Öffentlichkeit geführt, vor allem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zumal das Werk in einer breiten Öffentlichkeit schnell rezipiert worden war.Wolfgang Behringer: Die Vernunft der Magie. Hexenverfolgung als Thema der europäischen Geschichte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. August 1987, und ders.: Die Drohung des Schadenszaubers. Von den Regeln wissenschaftlicher Arbeit. Eine Antwort auf Heinsohn und Steiger, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Oktober 1987; Heide Wunder: Die komplexen Zusammenhänge der Hexenverfolgungen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. November 1987. Zu ihren Thesen legten Heinsohn und Steiger weitere Veröffentlichungen vor.Gunnar Heinsohn und Otto Steiger: Die Vernichtung der weisen Frauen. Beiträge zur Theorie und Geschichte von Bevölkerung und Kindheit. März, Herbstein 1985; dieselben: Birth Control. The Political-Economic Rationale behind Jean Bodin’s Démonomanie. In: History of Political Economy. Band 31, Heft 3, 1999, S. 423–448. Ihre Thesen wurden kontrovers, mitunter polemisch diskutiert, zumal die Publikation in der breiteren Öffentlichkeit positiv aufgenommen worden war – Franz Irsigler nannte sie einen „Bestseller“.Gunther Franz, Franz Irsigler (Hrsg.): Methoden und Konzepte der historischen Hexenforschung, Trier, Paulinus 1998, S. 23. Noch im Jahr 2003 stellte Walter Rummel fest, dass „das darin vermittelte Bild in der Öffentlichkeit noch immer vorherrschend“ sei.Walter Rummel: Weise Frauen als Opfer? in: Gudrun Gersmann, Katrin Moeller, Jürgen-Michael Schmidt: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, bei , Dezember 2003. Abgerufen am 27. September 2014. Dies ist auch in jüngeren Veröffentlichungen sichtbar.Johannes Dillinger: Hexen und Magie. 2., aktualisierte Auflage, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2018, S. 120.
Kritik