Raw (Originaltitel Grave) ist ein französisch-belgischer Body-Horror-Film aus dem Jahr 2016. Er ist das Spielfilmdebüt der französischen Regisseurin Julia Ducournau, die auch das Drehbuch verfasste. Der Film handelt von der jungen Studentin Justine, die nach Jahren der vegetarischen Ernährung Appetit auf Fleisch bekommt, der bald extreme Formen annimmt, wobei sie feststellen muss, dass ihre Schwester und Kommilitonin Alexia ähnliche Vorlieben wie sie hat.

Raw feierte seine französische Uraufführung am 14. Mai bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2016, seine belgische am 8. März 2017 auf dem Offscreen Film Festival in Brüssel. In Frankreich und Belgien kam die Produktion am 15. März 2017 in die Kinos, in Deutschland wurde sie am 26. Oktober 2017 auf DVD veröffentlicht.

Raw wurde von Kritikern mehrheitlich positiv aufgenommen, wobei vor allem die Inszenierung Julia Ducournaus, die feministischen und sozialen Metaphern, die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin Garance Marillier sowie die Effekte lobende Erwähnungen fanden, obgleich einige dramaturgische Schwächen des Drehbuchs kritisiert wurden. Die Zuschauer-Reaktionen fielen ebenfalls zumeist positiv aus, wenngleich der Film aufgrund eines Zwischenfalls bei der nordamerikanischen Premiere auf dem Toronto International Film Festival 2016, während der einige Personen das Bewusstsein verloren und unter starker Übelkeit litten, negativ in die Schlagzeilen geriet.

Handlung Wir sehen, wie auf einer Landstraße eine undeutliche Gestalt einen Unfall verursacht und sich dann dem Auto nähert.

Die 16-jährige Justine ist seit ihrer Kindheit Vegetarierin, auch ihre Mutter achtet penibel darauf, dass sie kein Fleisch konsumiert. Justine beginnt gerade ihr Studium der Veterinärmedizin an derselben belgischen Universität, die ihre ältere Schwester Alexia besucht und an der sich ihre Eltern kennen gelernt haben. An ihrem ersten Tag macht sie Bekanntschaft mit ihrem homosexuellen Mitbewohner Adrien und wird in der Nacht als Teil der Bizutage auf eine Party gebracht, wo ihr Alexia ein altes Klassenfoto der Eltern zeigt, auf dem diese mit Blut bespritzt sind. Am nächsten Tag werden die neuen Studenten mit Blut überschüttet und sollen rohe Kaninchen-Nieren verspeisen. Justine weigert sich, wobei Alexia sie auch durch den Konsum von zwei Nieren nicht umstimmen kann. Nachdem Justine gegen ihren Willen von ihrer Schwester mit einer Niere gefüttert wird, kriegt sie kurz darauf einen schuppenartigen, sehr stark juckenden Hautausschlag, eine Ärztin diagnostiziert eine Lebensmittelvergiftung und verschreibt ihr eine Salbe.

In den kommenden Tagen entwickelt Justine zu ihrer Scham großen Appetit auf Fleisch, weswegen sie ein Steak aus der Mensa stiehlt, das sie wegwirft. Sie überredet Adrien, nachts mit ihr zu einer Tankstelle zu fahren, damit niemand sie beim Fleischkonsum sehen kann, wo sie eines der laut Adrien besten Schawarma-Sandwiches der Stadt verschlingt. Vor der Tankstelle treffen sie auf einen Fernfahrer, der lebende Tiere transportiert und den beiden die – seiner Ansicht nach – Ähnlichkeit von Menschen- mit Schweinefleisch erläutert, während er Adrien am Kopf krault.

Da Justine die Sandwiches nicht zufriedengestellt haben, isst sie am folgenden Morgen rohe Hühnerbrust und erbricht einen verklebten Strang ihrer Haare – auf denen sie zuvor während eines beklemmenden Gesprächs mit ihrem Professor gekaut hatte. In der nächsten Nacht will Alexia ihrer Schwester die Bikinizone enthaaren, vorher findet Justine in Alexias Schrank dieselbe Salbe, die ihr auch verschrieben wurde. Als Alexia mit der schmerzhaften Enthaarung beginnt und eine Stelle nicht mit Warmwachs entfernen kann, greift sie zu einer scharfen Schere. Justine weigert sich und stößt Alexia hysterisch von sich, wobei Alexias linker Mittelfinger versehentlich abgetrennt wird. Alexia verliert das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kommt, sieht sie gerade noch, wie Justine ihren Finger verspeist, bleibt aber merkwürdig ungerührt. Auf Nachfrage ihrer Eltern behauptet Alexia, dass der Familienhund Groquik (benannt nach einem alten französischen Maskottchen von Nesquik) der Schuldige sei, worauf er eingeschläfert werden soll.

Am nächsten Morgen bringt Alexia Justine zu einer abgelegenen Straße, auf der erstere sich vor ein Auto wirft, wodurch die beiden Insassen gegen einen Baum fahren und sterben. Alexia beginnt trotz Justines Versuchen, sie aufzuhalten, die Leichen zu verspeisen, aber auch dieses Erlebnis verringert Justines wachsende Lust auf menschliches Fleisch nicht. Zudem fühlt sie sich trotz seiner sexuellen Orientierung immer mehr zu Adrien hingezogen, nachdem sie ihn beim Fußballspielen mit nacktem Oberkörper beobachtet, wobei sie Nasenbluten bekommt. Bei einer erneuten Bizutage wird Justine mit blauer Farbe beworfen und soll Zärtlichkeiten mit einem gelb gefärbten Kommilitonen austauschen, bis beide komplett grün werden. Dabei beißt Justine versehentlich ein Stück seiner Unterlippe ab, worauf sie unter den angeekelten Blicken der anderen zurück in ihr Wohnheim eilt. Unter der Dusche bemerkt Justine das Lippenstück zwischen ihren Zähnen und isst es. Justine sucht Trost bei Adrien, wobei es zu aggressivem Sex zwischen den beiden kommt. Sie will ihn fortwährend in den Hals beißen, beißt stattdessen aber in ihren eigenen Arm, was sie entspannt und Adrien verstört zurücklässt.

Während des Films sehen wir immer wieder Szenen aus dem Studium: Alexia untersucht den After einer Kuh, Justine seziert ein totes Tier, ein Pferd wird betäubt und von einem Kran in die Höhe gehoben.

Auf einer weiteren Party wird die stark alkoholisierte Justine von Alexia in eine Leichenhalle gebracht. Am nächsten Tag wird Justine von den anderen Studenten angestarrt und gemieden, Adrien zeigt ihr ein Video, in dem sie auf dem Boden kriechend versucht, den Arm einer Leiche zu beißen, den Alexia ihr hinreicht und wieder wegzieht, während Kommilitonen zusehen und Justine ausbuhen. Justine fängt eine Prügelei mit ihrer Schwester an, die ihr während der Schlägerei ein Stück aus der Wange beißt. Die beiden vertragen sich schließlich, als sie sich gegenseitig in die Arme beißen und Alexia Justines Wunde versorgt. In der Nacht schlafen Justine und Adrien erneut miteinander, am nächsten Morgen will Justine ihn wecken und findet Adrien mit seinem Skistock erstochen im Bett vor, wobei ihm der Großteil seines rechten Beins fehlt. In der Küche findet Justine die blutverschmierte und katatonische Alexia auf dem Boden sitzend. Zunächst will sie ihre Schwester mit dem Skistock töten, entscheidet sich aber schließlich, sie im Bad zu säubern.

Alexia wird wegen des Mordes an Adrien inhaftiert, Justine kehrt nach Hause zurück, die beiden haben trotz allem immer noch ein gutes Verhältnis zueinander. Beim Essen tröstet Justines Vater sie mit den Worten, dass weder sie noch Alexia Schuld an den Ereignissen hätten. Er erzählt, dass sich ihre Mutter zunächst geweigert habe, mit ihm in der Studienzeit auszugehen, was er sich nicht erklären konnte, da sie miteinander eng befreundet waren. Bei ihrem ersten Kuss wurde ihm der Grund klar, wobei er auf eine Narbe an seiner Lippe deutet. Er öffnet sein Hemd, präsentiert seine mit Bisswunden übersäte Brust, aus der große Stücke Fleisch fehlen, und bekräftigt Justine, dass sie schon eine Lösung finden werde.

Produktion Entstehung Julia Ducournau, die Regisseurin und Drehbuchautorin des Films, begann im Jahr 2012 während ihrer Arbeit an einem Fernsehfilm für Canal+ damit, sich intensiv mit dem Thema Kannibalismus zu befassen, weil sie ein Drehbuch über eine Jugendliche schreiben wollte, die während ihrer sexuellen Entwicklung zum Kannibalismus findet. Sie recherchierte dafür im Internet über Mordfälle in Verbindung mit Kannibalismus und las Biografien historischer Kannibalen. Eines ihrer Hauptziele war hierbei die differenzierte Darstellung von Frauen. Mit weiblichen Charakteren in Spielfilmproduktionen könnte man sich meistens nicht identifizieren, weil diese wunderschön und angepasst sein sowie in bestimmte Schubladen passen müssten. Ein weiteres Anliegen Ducournaus bestand in der für das Publikum nachvollziehbaren Darstellung des Kannibalismus der Hauptfigur. Der Regisseurin missfalle die Behandlung von Kannibalismus als Erscheinung einer anderen Welt, was bei anderen Tabus wie Inzest und Mord nicht der Fall sei. Dies liege an den tierischen Eigenschaften im Inneren der Menschen, an die sie nicht erinnert werden möchten, weswegen sie Kannibalismus am liebsten von weit weg betrachteten. Zudem seien Ducournau körperliche Reaktionen der Zuschauer wichtig, da sie so zum Nachdenken angeregt und extrem aktiv werden, weil dies bei jedem eigene persönliche Geschichten und Erinnerungen hervorriefe. Sie wollte das Publikum laut eigener Aussage verstören und ins Mark erschüttern, weswegen auch die Bezeichnungen von Raw als „Schocker“ oder „Folter-Porno“ falsch seien und der Film nicht zum Horror-Genre gehöre. Einige beängstigende Aspekte der Menschheit müssten akzeptiert werden, obwohl dies oft schwer sei, nur so könne die Gesellschaft reifen.

Inspirationen Während des Schreibprozesses waren Justine und Alexia lange Zeit keine Schwestern, ihre Verbindung zueinander jedoch identisch. Ducournau änderte Alexia allerdings schließlich von der Kommilitonin der Hauptfigur in ihre Schwester um, weil eine der ersten Inspirationen der Regisseurin die Geschichte von Kain und Abel war, da die Regisseurin Geschwisterliebe in ihrem verzehrenden und vernichtenden Aspekt darstellen wollte. Ducournaus Wunsch, Figuren wie Justine in ihrer Andersartigkeit menschlich darzustellen, rührt vor allem von der Figur Joseph Merrick aus dem Film Der Elefantenmensch her. Dieser Charaktere berühre sie sehr, weil er das verkörpere, was die Menschheit sein sollte, aber nicht ist. Ihren beruflichen Schwerpunkt auf Horrorfilmen wie Raw, in denen persönliche Geschichten einzelner Personen im Vordergrund stehen, die oft mit äußerst negativen Eigenschaften ihrer Mitmenschen konfrontiert werden, begründet Ducournau mit ihrem seit ihrer Kindheit bestehenden Interesse an einer alternativen Realität, weil Erwachsene die wahre Realität gegenüber Kindern beschönigten. Märchen wie Die kleine Meerjungfrau oder Blaubart seien deprimierend, besonders letzteres stelle die potentielle Bosheit von Menschen schonungslos und direkt dar. Ein anderer Aspekt ihrer Kindheit ist im Bezug auf Raw allerdings besonders hervorzuheben: Ducournaus Eltern arbeiteten beide als Ärzte. Als sie sich über ihre beruflichen Erfahrungen austauschten, hörte Ducournau bei diesen Gesprächen oft zu. Diese waren laut der Regisseurin sowohl geradeheraus als auch distanziert, was zu Bewusstsein gegenüber ihrem Körper geführt habe. Die Regisseurin wisse nun etwas über mögliche unerwartete, körperliche Mutationen und eine Art eigene Autonomie ihres Körpers, weswegen sie sich wie David Cronenberg mit dem Thema Identität beschäftige.

Dreharbeiten mini|294x294px|Außenbereich der Universität Lüttich, in dem die Bizutage-Szenen und der Streit der Protagonistinnen gedreht wurden Obwohl Ducournau das Drehbuch im Jahr 2014 fertig gestellt hatte, dauerte die Finanzierung des Films insgesamt fast ein Jahr, weil es aufgrund des sehr speziellen Themas für die Regisseurin und den Produzenten Jean de Forêts schwierig war, weitere Geldgeber zu finden. Schließlich fanden sie mehrere Koproduzenten, neben französischen sowie belgischen Filmproduktionsfirmen und Organisationen zur Unterstützung von Künstlern unter anderem die Fernsehsender Arte, Canal+ und RTBF, die Schauspielerin Nathalie Baye, das Centre national du cinéma et de l’image animée, die Französische Gemeinschaft Belgiens und das Institut français.