mini|Assyrer in der Region des Urmiasees, 19. Jahrhundert Die Assyrer in Iran, auch Chaldo-Assyrer genannt (, , ‚Assyrer Irans‘), sind als ethnisch-religiöse Gruppe meist Staatsbürger Irans mit assyrischer Herkunft, die einer christlichen Kirche angehören und in der Regel neben Persisch auch das zum Ostaramäischen zählende Syrisch und eine ostaramäische Mundart sprechen. Sie gehören großenteils entweder als Assyrer der Assyrischen Kirche des Ostens oder als Chaldäer der Chaldäisch-katholischen Kirche an. Weiter gehören nicht wenige einer protestantischen Kirche wie der Assyrisch-Evangelischen Kirche oder der Pfingstkirche an. Ihr traditionelles Siedlungsgebiet in Iran ist das Westufer des Urmiasees mit der Stadt Urmia in West-Aserbaidschan, doch leben inzwischen die meisten iranischen Assyrer in Teheran. Die Assyrer bilden nach den Armeniern die zweitgrößte christliche Minderheit Irans und zählen nach offiziellen iranischen Angaben etwa 30.000 Menschen, doch wandern viele in westliche Länder aus. Als traditionelle christliche Minderheit haben sie laut Verfassung der Islamischen Republik das Recht auf Ausübung ihrer Religion und besitzen ihre eigenen Kirchen, die sich vor allem im Nordwesten um Urmia und in Teheran befinden.
Name Die Assyrer führen ihre Herkunft auf die alten Assyrer des Assyrischen Reiches zurück. Der Name „Assyrer“ ist für die neuzeitliche christliche Volksgruppe erstmals aus Iran, genauer aus der Safawiden-Metropole Isfahan 1612 belegt: In der Chronik der karmelitischen Mission in Persien (Chronicle of the Carmelites in Persia) bezeichnet Papst Paul V. in einem Brief an Schah Abbas I., in dem er sich über die den Christen auferlegte Steuerlast beklagt, die in der Hauptstadt Isfahan lebenden syrischen Christen als „Assyrer“ oder „Jakobiten“.Herbert Chick: A Chronicle of the Carmelites in Persia. London 1939, S. 100. Laut dem Salzburger Professor für Kirchengeschichte Dietmar W. Winkler setzte sich der Name „Assyrer“ erst durch, nachdem anglikanische Missionare diesen bei den syrischen Christen populär gemacht hatten und er dann von der Assyrischen Nationalbewegung aufgegriffen und weiter verbreitet wurde.Dietmar W. Winkler: Wieder auf der Flucht. Mit dem Angriff auf die Assyrer wollen die Islamisten eine uralte christliche Kultur auslöschen. Die Zeit 9/2015, 26. Februar 2015. Das Schisma zwischen der autokephalen Assyrischen Kirche des Ostens und der mit Rom unierten Chaldäisch-katholischen Kirche führt auch zu einer unterschiedlichen Selbstidentifikation als Assyrer (nur in Fremdbezeichnung „Nestorianer“) und Chaldäer.Ulrich Pick: Standhafte assyrische Christen im Westen Irans. Die assyrischen Christen Irans können auf eine imposante historische Bedeutung verweisen. Überalterung und Emigration lassen ihre Zahl sinken. Neue Zürcher Zeitung, 3. Juni 2010.
Anzahl Nach offiziellen Angaben der iranischen Regierung von Ende 2019 gibt es in der Islamischen Republik Iran etwa 300.000 Christen, davon bis zu 250.000 Armenier und rund 30.000 Assyrer.Weihnachten im Iran. Irankultur.com, Kulturabteilung der Botschaft der Islamischen Republik Iran, Berlin, 20. Dezember 2019. Für die Zeit vor der Islamischen Revolution 1979 wurde die Zahl der Assyrer in Iran noch mit 200.000 angegeben, während im Jahre 1996 nur noch 32.000 offiziell gezählt wurden.Eric Hooglund: The Society and Its Environment. In: Glenn E. Curtis, Eric Hooglund (Hrsg.): Iran: A Country Study. Area Handbook Series. United States Library of Congress, Federal Research Division (5th ed.). United States Government Printing Office, Washington D.C. 2008, S. 81–142. ISBN 978-0-8444-1187-3 Auch das in Washington, D.C. (USA) ansässige Assyrische Politikinstitut (Assyrian Policy Institute) gibt eine Zahl von etwa 200.000 Assyrern in Iran vor der Islamischen Revolution an, von denen nach Auswanderung nur noch 50.000 (ohne Jahresangabe, abgerufen im Jahre 2020) geblieben sind, mehrheitlich in Teheran und weniger als 15.000 in Urmia.Iran. Assyrian Policy Institute, abgerufen am 29. September 2020. Im Jahre 2010 schätzte der Pfarrer der Marienkirche in Urmia, Daryavosh Azizian, die Zahl der Assyrer in Iran auf knapp 25.000, davon zwei Drittel von der Kirche des Ostens und ein Drittel Chaldäer. Nach Angaben von Eliz Sanasarian gab es dagegen bereits Mitte der 1970er Jahre lediglich 30.000 Assyrer in Iran, davon mindestens die Hälfte in Teheran und etwa 12.000 in Urmia und Umgebung. In den 1990er Jahren fiel hiernach ihre Anzahl auf etwa 16.000 bis 18.000.Eliz Sanasarian: Cambridge University Press, Cambridge (United Kingdom) 2000, S. 43. Für das Jahr 2018 nannte das Außenministerium der Vereinigten Staaten unter Berufung auf die Assyrische Kirche des Ostens eine Zahl von zusammen 7000 Assyrern und Chaldäern in ganz Iran.Iran 2018 International Religious Freedom Report. United States Department of State, Mai 2019 (PDF).
Vor dem Völkermord im Ersten Weltkrieg lebten fast alle Assyrer Irans in der Region Urmia westlich des Urmiasees. In der Stadt Urmia waren es etwa 9000 Assyrer und im Umland mit seinen vielen assyrischen Dörfern knapp 30.000. Fast alle Überlebenden mussten vor den osmanischen Truppen fliehen, und ab 1922 kehrten nur etwa 7000 in die Region Urmia zurück.Wilhelm Baum, Dietmar W. Winkler: Die Apostolische Kirche des Ostens: Geschichte der sogenannten Nestorianer. Einführungen in das orientalische Christentum, Band 1. Kitab-Verlag, Klagenfurt 2000. S. 128.
Geschichte mini|Iranische Assyrer stellen Butter her Die christliche Mission in den Gebieten des einstigen Assyrischen Reiches, nunmehr Teil des Partherreiches, begann mit der Syrischen Kirche, als deren Ursprung drei der Zwölf Apostel – Thomas, Thaddäus (syrisch Mar Addai) und Bartholomäus – gesehen wurden.Heilige Apostolische und Katholische Assyrische Kirche des Ostens. Ökumenischer Rat der Kirchen, abgerufen am 24. September 2020. Nach der Überlieferung der Assyrischen Kirche des Ostens ist die Kirche Nane Maryam in Urmia, die von den Weisen aus dem Morgenland aus einem vorherigen zoroastrischen Feuertempel gebildet worden sein soll, nach der Geburtskirche in Bethlehem die zweitälteste Kirche der Welt.Holy Mary Church. ToIran.com, abgerufen am 13. September 2020. Das Partherreich umfasste neben dem heutigen Iran unter anderem auch den heutigen Irak mit Mesopotamien, also das einstige Assyrien, wo schon lange nicht mehr Assyrisch, sondern Aramäisch gesprochen wurde, das auch die Sprache des Jesus von Nazareth war. Die Mission der Syrischen Kirche erfolgte folglich in einer Variante des Aramäischen, in syrischer Sprache, von der es mit der Peschitta bereits früh eine Bibelübersetzung gab.Yahya Armajani: Christianity viii. Christian Missions in Persia. Encyclopædia Iranica, vol. V, fasc. 5, Costa Mesa 1991, S. 344–347.Syriac language. Encyclopædia Britannica online, abgerufen am 24. September 2020. Ab 224 regierten die Sassaniden in Persien und machten den Zoroastrismus zur Staatsreligion, während das verfeindete Römische Reich ab 313 unter Kaiser Konstantin das Christentum legalisierte und zunehmend privilegierte. Deswegen folgte eine Phase der Verfolgung, die damit endete, dass sich die Kirche des Ostens (Dyophysiten) von der römischen Reichskirche unabhängig machte und autokephal wurde. Während nach diesem Schisma der christlichen Syrer die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien (Miaphysiten) im Gebiet des heutigen Irak als Konkurrentin der Kirche des Ostens noch eine gewisse Rolle spielte, gehörten die Assyrer des heutigen Irans gänzlich der Kirche des Ostens an.Nestorianism. Encyclopædia Britannica online, abgerufen am 24. September 2020. Nach dem Schisma der christlichen Syrer entwickelten sich mit den beiden Kirchen auch zwei Varianten und Schriften der syrischen Schriftsprache, in Iran das Ostsyrische. Verheerende Auswirkungen für die christlichen Assyrer Persiens hatten die Raubzüge des mongolischen Heerführers Timur Lenk, der im 14. Jahrhundert die Kirche des Ostens fast auslöschte, so dass die überlebenden Assyrer sich in die Berge zwischen dem Van-See und dem Urmia-See zurückzogen. So wurden Urmia und die Dörfer an der Westseite des Urmia-Sees zum Zentrum der syrischsprachigen Christen der Kirche des Ostens, ab dem 19. Jahrhundert als Assyrische Kirche des Ostens bezeichnet, in Iran.Orūmīyeh. Encyclopædia Britannica online, abgerufen am 24. September 2020. 1551 kam es zur Spaltung der Kirche des Ostens, als sich ein Teil dieser Kirche als Chaldäer mit Rom zusammenschloss und zur Chaldäisch-katholischen Kirche wurde, die auch in Persien präsent war. Zeitweise lebten in Iran aber auch syrisch-orthodoxe Christen, so unter Schah Abbas I. in der damaligen Hauptstadt Isfahan. Aus jener Zeit ist die Volksbezeichnung „Assyrer“ für die syrischen Christen erstmals belegt. In der Chronik der karmelitischen Mission in Persien (Chronicle of the Carmelites in Persia) beklagt Papst Paul V. 1612 in einem Brief an Schah Abbas I. die den als „Assyrer“ oder „Jakobiten“ bezeichneten Christen vom Schah auferlegte Steuerlast, durch welche die Christen laut Papst zum Verkauf ihrer eigenen Kinder gezwungen waren.
Im Jahr 1834 kam Justin Perkins mit seiner Frau aus den USA nach Iran, um das Land für Jesus Christus zu gewinnen. Als Brückenglied hierfür sah er die Assyrer der Kirche des Ostens, über die erst kurz zuvor in Europa berichtet worden war. Auf die westliche Missionstätigkeit bei den Assyrern reagierten benachbarte Kurden und Türken feindselig. In den 1840er Jahren griffen sie die Assyrer an, die Gegenwehr leisteten. 10.000 Menschen kamen durch die Feindseligkeiten ums Leben. Ablehnend auf die ausländischen Protestanten reagierte angesichts dieser Erfahrungen auch der assyrische Klerus, dessen Bischof 1846 einen Unvereinbarkeitsbeschluss erließ. Assyrische Anhänger der protestantischen Lehre gründeten daraufhin eine eigene Kirche, die Presbyterianische Kirche in Iran, die nicht mehr dem assyrischen Bischof, sondern der presbyterianischen Missionsgesellschaft in den USA verantwortlich war. Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Iran 6000 assyrische Presbyterianer in 25 Gemeinden.Mark Bradley: Too Many to Jail: The story of Iran's new Christians. Monarch Books, Oxford / Grand Rapids 2014, S. 235–238. Der protestantische Einfluss unter den Armeniern in Iran blieb im Vergleich dazu begrenzt, und nur sehr wenige Muslime wurden damals zu Christen.David B. Barrett (Hrsg.): World Christian Encyclopedia. Oxford University Press, Oxford 1982, S. 388, 390.Paul S. Seto: CONVERSION vi. To Protestant Christianity in Persia. Encyclopaedia Iranica, V/3, 15. Dezember 1993, S. 238–241.
mini|Assyrische Kirche Nane Maryam in Urmia