Der Begriff fehlende Frauen () bezeichnet das Frauendefizit in Bezug auf die erwartete Zahl der Frauen in einer Region oder einem Land. Dieses Defizit wird meistens mittels der Geschlechterverteilung (Zahl der Männer im Verhältnis zur Zahl der Frauen) gemessen.

Das Frauendefizit setzt sich aus den Mädchen zusammen, die bei der Geburt fehlen (gemessen im Verhältnis zur erwarteten Geschlechterverteilung bei der Geburt), der Tötung von weiblichen Säuglingen und der Übersterblichkeit von Frauen in höherem Lebensalter (gemessen im Verhältnis zur erwarteten Geschlechterverteilung in diesem Alter).

Hauptgrund für die Ablehnung und Vernachlässigung von Mädchen und Frauen ist die Präferenz für Söhne, die wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche sowie religiöse Ursachen hat. Geschlechtsselektive Abtreibungen sind Wissenschaftlern zufolge der wichtigste Faktor für die Erklärung der fehlenden Mädchen bei der Geburt. Die seit den 1970er-Jahren kommerziell erhältlichen Technologien zur vorgeburtlichen Geschlechtsbestimmung sind nach ihrer Argumentation ein starker Impuls für geschlechtsselektive Abtreibungen und damit für ein Defizit an Mädchen. Als Ursachen für die Übersterblichkeit von Frauen und das daraus resultierende Frauendefizit gelten die Tötung von weiblichen Säuglingen nach der Geburt sowie die bewusste Vernachlässigung von Mädchen in Bezug auf die Gesundheitsversorgung und Ernährung. Während die Übersterblichkeit von Frauen weltweit in den letzten Jahrzehnten relativ konstant blieb und in einigen Ländern sogar zurückging, ist die Zahl der fehlenden Mädchen bei der Geburt seit 1980 stetig gestiegen, sodass sich ihr Anteil an der Gesamtzahl fehlender Frauen stetig erhöht hat und inzwischen auf über 50 % geschätzt wird.

Das Phänomen der fehlenden Frauen ist am weitesten in Ländern in Asien, im Mittleren Osten und in Nordafrika verbreitet. Die am stärksten betroffenen Länder sind Indien und China, die gemeinsam für ca. 80 % der fehlenden Frauen weltweit verantwortlich sind. Ein Frauendefizit wurde auch in chinesischen und indischen Einwanderergemeinschaften in Industrieländern wie den USA und Großbritannien gefunden. In einigen Unionsrepubliken der früheren Sowjetunion gab es nach dem Zerfall des Landes ebenfalls einen Rückgang der Mädchengeburten, besonders in der Kaukasusregion. Auch in relativ weit entwickelten Ländern mit hohem Bildungsstandard und einer ausgeprägten Mittelklasse (Taiwan, Südkorea, Singapur, Armenien, Aserbaidschan, Georgien) ist das Problem der fehlenden Frauen zu beobachten. Erst in jüngerer Zeit gelang es einigen Ländern (insbesondere Südkorea), durch Entwicklungs- und Bildungskampagnen eine Trendwende herbeizuführen, die zu ausgeglicheneren Geschlechterverteilungen geführt hat.

Das Phänomen der fehlenden Frauen wurde erstmals 1990 vom indischen Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Amartya Sen in einem Essay in The New York Review of Books beschrieben. Sen argumentierte, dass das beobachtete Missverhältnis in den Geschlechterverteilungen asiatischer Ländern wie Indien, China und Südkorea im Vergleich zu Nordamerika und Europa nur durch bewusste Benachteiligung von Mädchen und Frauen bei der gesundheitlichen Versorgung und bei der Ernährung zu erklären sei. Ursprünglich schätzte er, dass über 100 Mio. Frauen „fehlten“. Später kamen Wissenschaftler auf unterschiedliche Zahlen, die jüngsten Schätzungen liegen bei etwa 90 bis 101 Mio. Frauen.

Sens Erklärung wurde von anderen Wissenschaftlern infrage gestellt, insbesondere von Emily Oster, die argumentierte, dass das Defizit auf die im Vergleich zu Europa und den USA in Asien stärkere Verbreitung des Hepatitis-B-Virus zurückzuführen sei. Osters spätere Forschungen ergaben aber, dass Hepatitis B nicht für einen signifikanten Anteil der fehlenden Frauen verantwortlich sein kann. Wissenschaftler haben auch argumentiert, dass andere Krankheiten, HIV und AIDS, natürliche Ursachen sowie die Entführung von Frauen ebenfalls für das Frauendefizit verantwortlich sind. Als Hauptursachen gelten jedoch weiterhin die Präferenz für Söhne und die daraus resultierende Abtreibung von weiblichen Föten sowie die bessere Versorgung von Jungen/Männer im Vergleich zu Mädchen/Frauen. Spätere Studien haben bestätigt, dass das Frauendefizit in China und Indien zu einem großen Teil auf geringere Löhne für Frauen und auf geschlechtsselektive Abtreibungen sowie auf die stärkere Vernachlässigung von Mädchen zurückzuführen ist.

Neben den Folgen für die Gesundheit und das Wohlergehen von Mädchen und Frauen hat das Phänomen der fehlenden Frauen in vielen Ländern auch zu einem Männerüberschuss und zu einem unausgeglichenen Heiratsmarkt geführt. Weil das Frauendefizit mit einer Vernachlässigung von Frauen verbunden ist, ist in Ländern mit einem höheren prozentualen Frauendefizit oft auch der Anteil an Frauen in schlechtem Gesundheitszustand erhöht, was einen höheren Anteil an Kleinkindern in schlechtem Gesundheitszustand zur Folge hat.

Forscher argumentieren, dass die Verbesserung der Bildung und der Beschäftigungsmöglichkeiten von Frauen dazu beitragen können, die Zahl der fehlenden Frauen zu verringern. Die Erfolge solcher politischen Maßnahmen variieren wegen des unterschiedlichen Niveaus von tief verwurzeltem Sexismus in verschiedenen Kulturen jedoch stark.

Im Kampf gegen das Problem der fehlenden Frauen wurden verschiedene internationale Maßeinheiten geschaffen. So misst die OECD die Zahl der fehlenden Frauen im SIGI (Social Institutions and Gender Index) anhand der Präferenz für Söhne, um das Bewusstsein für das Problem zu erhöhen.“Social Institutions & Gender Index”. OECD Development Center. http://www.genderindex.org/data

mini|450px|Geschlechterverteilung im Jahr 2015:         Das Problem und seine Dimension Sen zufolge stellen Frauen zwar die Mehrheit der Weltbevölkerung dar, dennoch variiert der Frauenanteil in den einzelnen Ländern drastisch, und in vielen Ländern gibt es mehr Männer als Frauen. Dies steht im Gegensatz zu Forschungsergebnissen, denen zufolge Frauen, die gleiche Ernährung und medizinische Versorgung vorausgesetzt, tendenziell bessere Überlebensraten haben. Um die Abweichung von der natürlichen Geschlechterverteilung zu erfassen, wird zur Messung der Zahl der fehlenden Frauen die tatsächliche Geschlechterverteilung eines Landes mit der natürlichen Geschlechterverteilung verglichen. Schätzungen der Zahl fehlender Frauen enthalten – im Gegensatz zu Sterblichkeitsraten von Frauen – auch geschlechtsselektive Abtreibungen, deren Anteil am Frauendefizit seit 1980 auf über 50 % gestiegen ist. Die Sterblichkeitsraten von Frauen können auch nicht die intergenerationellen Auswirkungen der Diskriminierung von Frauen erklären, während dies mit einem Vergleich zwischen der Geschlechterverteilung eines Landes und der natürlichen Geschlechterverteilung möglich ist.

Sen, der sich später ausführlicher mit dem Thema beschäftigte, kam ursprünglich zu dem Ergebnis, dass es in europäischen und nordamerikanischen Ländern in der Regel mehr Frauen als Männer gibt (in den meisten Ländern kommen ca. 0,98 Männern auf 1 Frau), das Verhältnis Männer zu Frauen in asiatischen Entwicklungsländern sowie im Mittleren Osten dagegen aber viel höher war. So beträgt das Verhältnis Männer zu Frauen in China 1,06 zu 1, was sehr viel höher ist als in den meisten Ländern. Für die nach 1985 Geborenen – nachdem Ultraschalluntersuchungen weithin erhältlich geworden waren – ist der Männeranteil noch deutlich höher. Anhand aktueller Zahlen bedeutet das, dass allein in China über 50 Mio. Frauen „fehlen“, die es geben sollte, die es aber nicht gibt. Addiert man vergleichbare Zahlen aus Süd- und Westasien hinzu, so beträgt die Zahl der fehlenden Frauen über 100 Mio.

Sen sagt dazu: „Diese Zahlen erzählen uns leise eine entsetzliche Geschichte der Ungleichheit und Vernachlässigung, die zur Übersterblichkeit von Frauen führen.“

Schätzungen mini|450px|alt=|Zahl der fehlenden Frauen weltweit Seit den ersten Forschungsergebnissen Sens haben nachfolgenden Forschungen auf diesem Gebiet zu unterschiedlichen Schätzungen der Gesamtzahl der fehlenden Frauen geführt. Ein Großteil dieser Differenzen ist auf die zugrunde liegenden Annahmen der natürlichen Geschlechterverteilung und auf die erwarteten Sterblichkeitsraten für Männer und Frauen zurückzuführen.

Die erwartete natürliche Geschlechterverteilung bei der Geburt (Jungen je ein Mädchen) liegt in der Regel zwischen 1,02 und 1,08. Eine Studie die WHO gibt sie mit ca. 1,05 an. Sie unterliegt jedoch regionalen und zeitlichen Schwankungen.

Sen ging bei seinen ursprünglichen Berechnungen mit Daten aus den 1980er- und 1990er-Jahren davon aus, dass die durchschnittliche Geschlechterverteilung in Westeuropa und Nordamerika mit der natürlichen Geschlechterverteilung übereinstimmt, weil er voraussetzte, dass Männer und Frauen in diesen Ländern gleichermaßen gute Versorgung erhielten. Nach weiteren Forschungen ergänzte er diese Zahlen mit der Geschlechterverteilung von Ländern in Subsahara-Afrika. Die Geschlechterverteilungen dieser Länder verglich er mit den Daten zur Geschlechterverteilung in anderen Ländern. Mit dieser Methode kam er zu der Schlussfolgerung, dass über 100 Mio. Frauen fehlten, hauptsächlich in Asien. Spätere Autoren wiesen jedoch darauf hin, dass die Männersterblichkeit in Europa aufgrund mehrerer Kriege und allgemein stärker ausgeprägten Risikoverhaltens tendenziell höher sei. Infolge der Migration männlicher Arbeiter aus ländlichen Regionen in urbane Gebiete, der Einwanderung und des Zweiten Weltkriegs war die Stellung von Frauen in diesen Ländern besser. In anderen Ländern wie Indien dagegen waren die Traditionen im Zusammenhang mit der diskriminierenden Behandlung von Mädchen von den späten 1950er-Jahren bis in die Mitte der 1980er-Jahre stärker ausgeprägt.

Wegen dieser Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern wandte der amerikanische Demograph Coale für eine neue Schätzung der Zahl fehlender Frauen eine andere Methode an. Er nutzte die Daten seiner Regional Model Life Tables und kam zu dem Ergebnis, dass die natürliche Geschlechterverteilung von Männern zu Frauen, unter Berücksichtigung unterschiedlicher Sterblichkeitsraten und anderer länderspezifischer Faktoren, einen erwarteten Wert von 1,059 hat. Auf der Grundlage dieser Zahl kam er auf geschätzte 60 Mio. fehlende Frauen, eine deutlich niedrigere Anzahl als Sens ursprüngliche Schätzung. Einige Jahre später berechnete Stephan Klasen die Zahl der fehlenden Frauen mit Coales Methode, jedoch mit aktualisierten Daten, neu. Er kam zu dem Ergebnis, dass 69,3 Mio. Frauen fehlen, mehr, als Coales ursprüngliche Schätzung ergeben hatte. Er machte auch auf ein Problem der Regional Model Life Tables aufmerksam: Diese basierten auf Daten von Ländern mit höherer Frauensterblichkeit, was Coales Zahl der fehlenden Frauen nach unten verzerrte. Außerdem stellte er fest, dass sowohl Sens als auch Coales Methodologie fehlerhaft waren, weil sie voraussetzten, dass die optimalen Geschlechterverteilungen räumlich und zeitlich konstant sind, was oft nicht zutrifft.