miniatur|Logo miniatur|Akademische Orchestervereinigung Göttingen 2018 Die Akademische Orchestervereinigung Göttingen (AOV) ist ein Sinfonieorchester in Göttingen, das aus Amateurmusikern zusammengesetzt ist und mit der Universität Göttingen assoziiert ist. Es ist das älteste Universitätsorchester der Stadt und gehört zu den ältesten Orchestervereinen im Laienmusikbereich in Deutschland mit bis heute andauernder Aktivität. Das Orchester wurde 1906 durch Universitätsangehörige gegründet und bietet Musikern von inner- und außerhalb der Universität die Möglichkeit, Werke in symphonischer Besetzung zu erarbeiten und aufzuführen. Die AOV ist als nicht eingetragener Verein organisiert. Zusätzlich gibt es den eingetragenen Verein „Freunde der AOV“, über den Mitglieder und Unterstützer die Arbeit des Orchesters fördern können. Die AOV führt pro Jahr zwei bis drei Probenphasen mit Konzerten in Göttingen und Umgebung durch. Konzertreisen führten das Orchester bereits nach Großbritannien, Frankreich, Polen, Rumänien, Ungarn, Andorra, Spanien und Tschechien. Das Repertoire des Orchesters konzentriert sich heute vor allem auf symphonische Werke aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Besondere historische Bedeutung trägt das Orchester als Gründungsensemble der ersten Händel-Festspiele Göttingen 1920. Das Festival gilt als Ursprung der sogenannten „Göttinger Händelrenaissance“, der Wiederentdeckung der Bühnenwerke Georg Friedrich Händels.

Geschichte 1906–1919: Gründungsjahre und Erster Weltkrieg Laut einer Chronik aus dem Orchesterarchiv, die vom langjährigen Vorsitzenden Willi Rehkopf ausgewertet wurde, gab es bereits 1905 erste musikalische Zusammenschlüsse unter Universitätsangehörigen.Willi und Minnie Rehkopf: Die Akademische Orchestervereinigung Göttingen. In: Werner Bischof (Hrsg.): 75 Jahre Akademische Orchestervereinigung Göttingen. Göttingen 1981, S. 20. Wegen einer steigenden Zahl an Interessierten wurde im folgenden Jahr ein Antrag auf Gründung einer „losen Vereinigung ohne korporativen Charakter“ bei der Universitätsleitung gestellt. Am 23. Juni 1906 bestätigte der Prorektor der Universität Göttingen Paul Althaus die Genehmigung der Orchestergründung.Norbert Kamp: Glückwünsche der Georg-August-Universität. In: Werner Bischof (Hrsg.): 75 Jahre Akademische Orchestervereinigung Göttingen. Göttingen 1981, S. 11. Die Satzung nennt das Ziel der Vereinigung: „das musikalische Leben an der Universität durch Aufführung leichterer Orchesterwerke klassischer und moderner Komponisten zu bereichern.“Werner Bischof: 100 Jahre Geschichte der AOV – 1906 bis 2006. In: Vorstand der Akademischen Orchestervereinigung (Hrsg.): 100 Jahre Akademische Orchestervereinigung Göttingen. Göttingen 2006, S. 14. Die Mitgliedschaft war von Anfang an nicht auf Universitätsangehörige beschränkt. Der erste Dirigent des Orchesters war Walter Mundry, der außerdem Kapellmeister des städtischen Orchesters (des heutigen Göttinger Symphonie Orchesters) war. Die Besetzung in den Gründungsjahren war klein: Sie schwankte zwischen 10 und 20 Mitspielern und bestand vorwiegend aus Streichinstrumenten, während Blasinstrumentalisten aus dem städtischen Orchester als Aushilfen engagiert wurden. Das Repertoire war dementsprechend auf kammermusikalisch besetzte Orchesterliteratur des Barocks und der Klassik beschränkt, auch wurden regelmäßige Kammermusikkonzerte veranstaltet. 1911 wurde Robert Staiger, ein Philologe an der Universität, zum Dirigenten berufen. Staiger war der erste einer Reihe von Universitätsdozenten ohne professionelle musikalische Ausbildung, die in den frühen Jahrzehnten der AOV als musikalische Leiter berufen wurden. Staiger starb 1914 im Ersten Weltkrieg, die Orchesterarbeit wurde während der Kriegsjahre unterbrochen. Über den Kriegsausbruch berichtet Willi Rehkopf: „[ich] übte mir die Klavierstimme zweier Beethoventrios ein. Geiger und Cellist fanden sich bald. Unser Spiel war so gut, daß wir in rechte Begeisterung gerieten. Da erschien am Fenster ein A.O.V.-Mitglied und rief: ‚Was, Ihr spielt noch? Die ganze Stadt ist in Aufregung: Österreich hat Serbien ein Ultimatum gestellt!‘ Wir ließen uns nicht stören und spielten weiter, als ob uns jene Nachricht nicht berührte. Dabei sind doch meine beiden Mitspieler, v. Hanstein und Ahrens, während des Krieges gefallen.“Willi und Minnie Rehkopf: Die Akademische Orchestervereinigung Göttingen. In: Werner Bischof (Hrsg.): 75 Jahre Akademische Orchestervereinigung Göttingen. Göttingen 1981, S. 24.

1919–1924: Gründung der Händelfestspiele Göttingen Nach Ende des Ersten Weltkriegs nahm die AOV unter der Leitung Oskar Hagens ihre Aktivität wieder auf. Hagen war Privatdozent für Kunstgeschichte, also wie Staiger Amateurmusiker und Dozent der Universität. Er konzentrierte sich in der Repertoirewahl auf Streichorchestermusik in kleiner Besetzung, vornehmlich auf Musik des Barocks. Aus seinem privaten Interesse für das Werk Georg Friedrich Händels heraus begann er mit der experimentellen Erprobung von Arien aus Händelopern in kammermusikalischer Besetzung mit Mitgliedern des Orchesters und seiner Ehefrau Thyra Hagen-Leisner als Sängerin.Stadtmuseum Göttingen: Thyra Hagen-Leisner. Auf der Bühne und doch im Schatten. In: Händel Göttingen 1920. Eine digitale Ausstellung. 2. Kapitel, abgerufen am 20. September 2020. Aufgrund der hohen Begeisterungsfähigkeit des Orchesters und der Unterstützung von wichtigen Figuren der Universität, vor allem dem Präsidenten des Universitätsbundes Karl Brandi, konnte das erste Festival im Sommer 1920 in Göttingen durchgeführt werden. In dessen Rahmen kam die Händeloper Rodelinda erstmals seit Händels Lebzeiten wieder zur szenischen Aufführung. Die Orchestermitglieder der AOV stellten ehrenamtlich nicht nur ihre Freizeit für ausgedehnte Proben zur Verfügung, sondern beherbergten auch die auswärtigen Sänger und Musiker. Hagen bearbeitete die Rodelinda mit tiefgreifenden Kürzungen, eine historisch-authentische Aufführung war nicht sein Ziel.Oskar Hagen: Die Bearbeitung der händelschen Rodelinde und ihre Uraufführung am 26. Juni 1920 in Göttingen. In: Alfred Einstein (Hrsg.): Zeitschrift für Musikwissenschaft. Jg. 2, Breitkopf & Härtel, Leipzig 1920, S. 725–732. Das Orchester spielte ohne Kenntnis historischer Spielpraxis, so wurde z. B. für den Generalbass ein moderner Flügel verwendet.Philip Niggemann: Händels Oper Rodelinda im Wandel der Göttinger Händel-Festspiele. Magisterarbeit, Universität Göttingen 2009, S. 38. Über das Spiel des Orchesters in der Erstaufführung schrieb der Rezensent der Vossischen Zeitung: „Die Göttinger Aufführung war von einer fröhlichen Begeisterung aller mitwirkenden Kräfte getragen. Dieses Orchester von Universitätslehrern, Assistenten und Musensöhnen strich, fiedelte, blies mit dem Feuer einer Zigeunerkapelle, der Hingabe einer Marienbruderschaft, und V. Ernst Wolff spielte das Cembalo mit einer kühnen Improvisationskunst, die gegen das zahme Dreiklangsgeklapper unserer vereidigten Generalbaßprofessoren sich bacchantisch aufbäumte.“Hans Joachim Moser: Alte und neue Schätze unserer Oper. Rodelinda. In: Vossische Zeitung Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, 4. Juli 1920 S. 2f. Oskar Hagen feierte das Ereignis der Aufführung als „Tat von unabsehbarer künstlerischer und kultureller Tragweite“Oskar Hagen: Händels Musikdrama „Rodelinde“ und seine Bearbeitung. Kuhnhardt, Göttingen 1920, S. 1.. Tatsächlich stellte diese erste szenische Aufführung einer Händeloper seit dessen Lebzeiten den Startschuss für zahlreiche Adaptionen von Händelopern auf deutschen und internationalen Bühnen dar. Hagens Bearbeitungen von mehreren Händelopern fanden weite Verbreitung. Hagen blieb bis 1924 Leiter der AOV und Dirigent der jährlichen Händelfestspiele, bis ihn ein Ruf in die USA aus Göttingen wegführte.

1925–1933 Nach dem Weggang Oskar Hagens wurde Wolfgang Stechow musikalischer Leiter der AOV, auch er war wie Hagen Dozent für Kunstgeschichte an der Universität. Die Leitung des Orchesters während der Händelfestspiele lag nacheinander bei den Generalmusikdirektoren bzw. Kapellmeistern des städtischen Orchesters, Rudolf Schulz-Dornburg und Fritz Lehmann.Werner Bischof: 100 Jahre Geschichte der AOV – 1906 bis 2006. In: Vorstand der Akademischen Orchestervereinigung (Hrsg.): 100 Jahre Akademische Orchestervereinigung Göttingen. Göttingen 2006, S. 18.

1933–1945: Jahre des Nationalsozialismus Der amtierende Dirigent der AOV Wolfgang Stechow musste aufgrund seiner jüdischen Abstammung 1933 in die USA emigrieren. Ludwig Dietz, Kapellmeister des städtischen Orchesters, folgte ihm als Leiter.Werner Bischof: 100 Jahre Geschichte der AOV – 1906 bis 2006. In: Vorstand der Akademischen Orchestervereinigung (Hrsg.): 100 Jahre Akademische Orchestervereinigung Göttingen. Göttingen 2006, S. 19. Der Vorsitzende der AOV Willi Rehkopf wurde durch politischen Druck dazu bewegt, sich bei der Gründung eines Jugendorchesters zu engagieren, das der Hitlerjugend angegliedert war. Dieses Orchester wurde zur Umrahmung von Parteifeiern der NSDAP missbraucht. Durch eine solche organisatorische Verbindung zur AOV wurde diese von offiziellen Indienstnahmen durch die Partei verschont.Willi und Minnie Rehkopf: Die Akademische Orchestervereinigung Göttingen. In: Werner Bischof (Hrsg.): 75 Jahre Akademische Orchestervereinigung Göttingen. Göttingen 1981, S. 30. Jedoch nahm die AOV an den „Lippoldsberger Dichtertreffen“ teil, wo nationalistische und völkische Literaten wie Hans Grimm zu einem „Volksfest“ zusammenkamen.Willi und Minnie Rehkopf: Die Akademische Orchestervereinigung Göttingen. In: Werner Bischof (Hrsg.): 75 Jahre Akademische Orchestervereinigung Göttingen. Göttingen 1981, S. 31. Ab 1936 wurde die AOV als Festspielorchester der Händelfestspiele zunehmend von professionellen Musikern abgelöst. 1937 übernahm Georg Brandt, ein Musikpädagoge im Landschulheim am Solling (heute Internat Solling), den Posten des musikalischen Leiters der AOV.Vgl. Brandt, Georg: Das Schulungslager der Reichsmusikkammer. In: Die Innengemeinde, Heft 25 (Herbst 1938), S. 21–23. (StadtA HOL Archivbibliothek in 5/I/1501, letzter Abruf am 7. Juni 2023) Er machte das Werk Johann Sebastian Bachs zu einem Schwerpunkt des Repertoires. In den Kriegsjahren war die Aktivität des Orchesters eingeschränkt. Unter der Leitung des Stadtkantors Ludwig Doormann und Karl Münchingers wurden noch bis 1944 Konzerte durchgeführt. Münchinger dirigierte die AOV noch bei den „Göttinger Händeltagen 1944“, einer von der NSDAP-Kreisleitung vereinnahmten Veranstaltung anstelle der Händelfestspiele Göttingen.Willi Rehkopf: Die Akademische Orchestervereinigung Göttingen – Miterlebt und geliebt in vielen Jahren. Manuskript, transkribiert von Brigitte Harder, Archiv der Akademischen Orchestervereinigung Göttingen Die Notenbestände und Instrumente des Orchesters wurden während der letzten Kriegsjahre in verschiedenen Verstecken von Willi Rehkopf vor der Zerstörung bewahrt.Willi und Minnie Rehkopf: Die Akademische Orchestervereinigung Göttingen. In: Werner Bischof (Hrsg.): 75 Jahre Akademische Orchestervereinigung Göttingen. Göttingen 1981, S. 33.

1945–1950: Nachkriegsjahre