25px|verweis=Regenbogentrikot Straßenradsport-Weltmeisterschaften 2022 Veranstalter Union Cycliste Internationale Sportart Straßenradsport Gastgeber Datum 18.–25. September 2022 Teilnehmende Nationen 70 Wettbewerbe 13 Offizielle Website wollongong2022.com.au ← Flandern 2021 Glasgow 2023 →

Die Straßenradsport-Weltmeisterschaften 2022 wurden vom 18. bis 25. September 2022 in der australischen Stadt Wollongong ausgetragen, einem Ort mit rund 260.000 Einwohnern in New South Wales.

Es wurden elf Entscheidungen ausgefahren, darunter erstmals in der Geschichte der Weltmeisterschaften auch in der Kategorie Frauen U23. Die Fahrerinnen der Elite und der U23 starteten sowohl im Zeitfahren als auch im Straßenrennen gemeinsam. Die U23-Fahrerinnen nahmen so gleichzeitig an der Elite-Wertung als auch an einer gesonderten U23-Wertung teil.

Beteiligung Ursprünglich meldeten 80 Mitgliedsverbände der UCI ihre Teilnahme an. Aus verschiedenen Gründen konnten jedoch nicht alle tatsächlich an den Start gehen, so dass sich letztlich 642 Sportler aller Altersklassen aus 70 Ländern beteiligten. Hinzu kamen die Mannschaften des World Cycling Centres, Neukaledoniens und Tahitis, die in der Mixed-Staffel antraten. Die beiden letzteren sind zwar assoziierte Mitglieder des Ozeanischen Radsportverbands, gehören der UCI aber nicht direkt an, sondern über den französischen Radsportverband, ihre Sportler hätten also normalerweise in der Nationalmannschaft Frankreichs antreten müssen. Außerdem beteiligten sich Bangladesch, Samoa, die Vereinigten Arabischen Emirate sowie der Vatikan erstmals an der Straßen-WM.

Umgekehrt waren die Weltmeisterschaften auch von einer Reihe Absagen betroffen. Ein Grund bestand in den generell gestiegenen Reisekosten nach der Covid-Krise in Verbindung mit der Austragung im fernen Australien. Die Mannschaft Irlands sagte ihre Teilnahme aus diesem Grund komplett ab, die Neuseelands schickte ein stark reduziertes Aufgebot, da ihre besten Profis üblicherweise in Europa tätig sind. Weitere Fahrer mussten ihre Teilnahme dem Kampf um die WorldTour-Lizenzen opfern, die nach Ende der Saison gemäß dem Stand der Weltrangliste neu vergeben wurden. Mehrere „abstiegsgefährdete“ Teams sahen sich daher außerstande, ihre Fahrer freizustellen. Die Mannschaften von Russland und Belarus waren wegen des Kriegs in der Ukraine von der Teilnahme ausgeschlossen.

Zeitplan mini|300px|Start und Ziel der Rundkurse lagen am Strand von Wollongong. Die Elite-Straßenrennen starteten in Helensburgh im Norden (blau) und gingen über den Mount Keira (rot) mini|Südlich von Helensburgh führte die Rennstrecke über die Sea Cliff Bridge Datum Zeit (MESZ) Klasse Distanz (km) Runden Höhenmeter Weltmeister(in) 2022 Weltmeister(in) 2021 Einzelzeitfahren Sonntag, 18. September 1:35 Frauen Elite 34,2 2 × CC 312 Frauen U23 nicht ausgetragen 5:40 Männer Elite 34,2 2 × CC 312 Tobias Foss Filippo Ganna Montag, 19. September 5:20 Männer U23 28,8 2 × CC 264 Johan Price-Pejtersen Dienstag, 20. September 1:30 Juniorinnen 14,1 1 × CC 132 Zoe Bäckstedt Aljona Iwantschenko 5:20 Junioren 28,8 2 × CC 264 Joshua Tarling Gustav Wang Mannschaftszeitfahren Mittwoch, 21. September 6:20 Mixed-Staffel 28,2 je 1 × CC 264 Straßenrennen Freitag, 23. September 0:15 Junioren 135,6 8 × MP 2016 Per Strand Hagenes 5:00 Männer U23 169,8 10 × MP 2520 Filippo Baroncini Samstag, 24. September 0:00 Juniorinnen 67,2 4 × MP 1008 4:25 Frauen Elite 164,3 HW, 1× MKL+ 6 × MP 2433 Elisa Balsamo Frauen U23 nicht ausgetragen Sonntag, 25. September 2:15 Männer Elite 266,9 HW, 1× MKL+ 12 × MP 3945 Julian Alaphilippe CC=City Circuit (17,1 km), HW=Helensburgh–Wollongong (27,7 km), MKL = Mount Keira Loop (34,2 km), MP = City Circuit mit Mount Pleasant (17,1 km)

Die Zeiten sind im Format Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ) angegeben. Der Zeitunterschied zu Wollongong (AEST) beträgt −8 Stunden, sprich: 8 Uhr in Deutschland sind 16 Uhr in Wollongong.

Kurs Die Einzel- und Mannschafts-Zeitfahren wurden auf einem Kurs in Wollongong ausgetragen, wobei die Elite bei den Männern und Frauen eine kleine Zusatzschleife im Norden der Stadt drehte (City Circuit = 17,1 km). Ein Teil der Strecke führte entlang der Pazifik-Küste, wo sich auch das Ziel der verschiedenen Rennen befand.

Die Straßenrennen der Juniorinnen und Junioren sowie der Männer-U23 nutzten denselben Rundkurs, erweitert um eine Schleife zum Vorort Mount Pleasant, die mit 100 Höhenmetern und bis zu 14 % Steigung die Haupt-Schwierigkeit des Rennens darstellte. Die Rennen der Elite – Frauen und Männer – starteten in Helensburgh, fuhren bis Wollongong am Meer entlang, um eine Runde über den Mount Keira (473 Meter hoch) und anschließend mehrfach über den innerstädtischen Rundkurs inklusive Mount Pleasant zu drehen.

Resultate Mixed-Staffel Platz Land Fahrer Fahrerinnen Zeit (min) 1 Mauro SchmidStefan KüngStefan Bissegger Elise ChabbeyMarlen ReusserNicole Koller 33:47,17(50,080 km/h) 2 Edoardo AffiniMatteo SobreroFilippo Ganna Elisa Longo BorghiniElena CecchiniVittoria Guazzini + 0:02,92 3 Michael MatthewsLucas PlappLuke Durbridge Georgia BakerAlexandra ManlySarah Roy + 0:38,40 4 Miguel HeidemannJannik SteimleNikias Arndt Liane LippertMieke KrögerRomy Kasper + 0:45,89 5 Bauke MollemaMathieu van der PoelDaan Hoole Riejanne MarkusAnnemiek van VleutenEllen van Dijk + 0:51,93 6 Magnus Cort NielsenMikkel Frølich HonoréMikkel Bjerg Julie LethRebecca KoernerEmma Norsgaard Bjerg + 0:58,40 7 Eddy Le HuitouzeBruno ArmirailRémi Cavagna Aude BiannicCoralie DemayJuliette Labous + 0:58,72 8 Nathan Van HooydonckQuinten HermansPieter Serry Julie De WildeJesse VandenbulckeValerie Demey + 1:49,44 9 Mateusz GajdulewiczMaciej BodnarKacper Gieryk Dominika WłodarczykAgnieszka SkalniakMarta Jaskulska + 1:51,58 10 Oier LazkanoRaúl García PiernaIván Romeo Lourdes OyarbideSandra AlonsoIdoia Eraso + 2:43,99 … 11 Tobias BayerSebastian SchönbergerFelix Gall Christina SchweinbergerAnna KiesenhoferCarina Schrempf + 3:30,30 Streckenlänge: 2 × 14,1 Kilometer.

Für die Mixed-Staffel gab es keine festgelegten Qualifikations-Kriterien, das Organisationskomitee traf eine Auswahl nach sportlichen Gesichtspunkten, aber auch im Hinblick auf Diversität; so wurden Länder mit eher geringer Radsport-Tradition wie Kap Verde oder Südsudan eingeladen. Diese beiden waren letztlich nicht unter den 16 Mannschaften am Start, dafür aber gesonderte Mannschaften Neukaledoniens und Tahitis, die eigentlich zum französischen Verband gehören.

Die mit starken Zeitfahr-Spezialisten vertretene Schweiz setzte sich knapp vor Italien durch. Für Gesprächsstoff sorgte die vom Pech verfolgte niederländische Mannschaft, bei der zunächst Bauke Mollema durch ein Kettenproblem ausfiel und auch noch von einer Möwe attackiert wurde. Beim Start des Frauen-Trios stürzte Annemiek van Vleuten durch ein technisches Problem und zog sich einen Haarriss im Ellenbogen zu. Da nur jeweils zwei Fahrer bzw. Fahrerinnen ins Ziel kommen müssen, konnten die Niederlande die Staffel dennoch beenden und waren nur sechs Sekunden langsamer als Titelverteidiger Deutschland, bei denen freilich nur zwei aus der Siegermannschaft von 2021 vertreten waren.

Frauen Elite Einzelzeitfahren Rang Athletin Zeit (min) 1 44:28,60(46,137 km/h) 2 + 0:12,73 3 + 0:41,68 4 + 0:52,11 5 + 1:18,47 6 + 1:25,45 7 + 1:43,02 8 + 1:46,44 9 + 1:50,13 10 + 1:56,82 … 12 + 2:28,63 18 + 3:09,48 26 + 5:01,10 – Streckenlänge: 34,2 Kilometer

Es gingen 42 Fahrerinnen aus 27 Ländern an den Start des Rennens, in dem zugleich die U23-Weltmeisterin ermittelt wurde. Grace Brown startete früh und setzte lange Zeit den Maßstab. Ihre erste Zwischenzeit wurde nur noch von den beiden letzten Fahrerinnen unterboten, Europameisterin Marlen Reusser und Titelverteidigerin Ellen van Dijk. Reusser konnte ihr Tempo auf der zweiten Runde nicht halten und wurde im Ziel Dritte. Van Dijk verteidigte ihren Vorsprung und wurde zum dritten Mal Weltmeisterin dieser Disziplin. Die Olympiasiegerinnen von Tokio, Annemiek van Vleuten und Anna Kiesenhofer, kamen ebenfalls unter die ersten Zehn.

Die Österreicherin Christina Schweinberger ging wegen Verdachts auf Corona (ihre Schwester und Zimmernachbarin Kathrin war erkrankt) nicht an den Start.

Straßenrennen Rang Athletin Zeit (h) 1 4:24:25(37,282 km/h) 2 + 0:01 3 gl. Zeit 4 gl. Zeit 5 gl. Zeit 6 gl. Zeit 7 gl. Zeit 8 gl. Zeit 9 gl. Zeit 10 gl. Zeit … 13 + 0:11 20 + 0:13 32 + 4:57 33 gl. Zeit 57 + 9:32 63 + 12:23 72 + 15:51 73 gl. Zeit – – – – –

Streckenlänge: 164,3 Kilometer

Es gingen 126 Fahrerinnen aus 38 Ländern an den Start des Rennens, in dem zugleich die U23-Weltmeisterin ermittelt wurde. Die zu den Favoriten gehörende Niederländerin Demi Vollering sowie die österreichischen Schwestern Schweinberger mussten wegen positiver Covid-Tests verzichten.

Auf dem vorletzten Anstieg bildete sich nach einer Attacke von Liane Lippert eine Spitzengruppe von fünf Fahrerinnen (Lippert, Longo Borghini, Niewiadoma, Uttrup Ludwig sowie Ashleigh Moolman-Pasio). Es kam jedoch keine Kooperation zustande, so dass wieder eine größere Gruppe zusammenkam. Am letzten Anstieg bildete sich dieselbe Fünfergruppe erneut und gewann einen Vorsprung von 20 Sekunden auf eine Gruppe von acht Fahrerinnen. Erneut mangelte es vorne an entschlossener Zusammenarbeit, und zunächst Reusser, die sich in den Dienst ihrer SD-Worx-Teamkameradin, der Sprinterin Kopecky, stellte, dann die zweite Schweizerin Chabbey fuhren das Loch zu. Als die beiden Gruppen unter der Kilometermarke zusammenkamen, fiel das Tempo still. Annemiek van Vleuten, die sich bei einem Sturz im Mannschaftszeitfahren den Ellenbogen angebrochen hatte, attackierte von hinten, ohne dass jemand reagierte, und gewann das Rennen vor einer sichtlich frustrierten Lotte Kopecky.

Van Vleuten krönte mit der Weltmeisterschaft eine einzigartige Saison, in der sie bereits u. a. den Giro d’Italia Donne, die erstmals ausgetragene Tour de France Femmes und die Madrid Challenge by La Vuelta gewonnen hatte.

Männer Elite Einzelzeitfahren Rang Athlet Zeit (min) 1 40:02,78(51,241 km/h) 2 + 0:02,95 3 + 0:09,16 4 + 0:39,95 5 + 0:46,81 6 + 0:48,13 7 + 0:55,32 8 + 0:58,98 9 + 1:08,84 10 + 1:09,24 … 16 + 1:42,50 20 + 2:01,04 Streckenlänge: 34,2 Kilometer

Es gingen 48 Fahrer aus 30 Ländern an den Start, aufgeteilt in vier Wellen. Vor der letzten Welle, in der die meisten Favoriten platziert waren, hielt Europameister Stefan Bissegger die Bestzeit. Als die letzten Fahrer an die erste Zwischenzeit kamen, lagen sechs von ihnen innerhalb von nur vier Sekunden, und alle vor Bissegger: Stefan Küng, Remco Evenepoel, Filippo Ganna, die alle schon WM-Medaillen gewonnen hatten, sowie die jüngeren Talente Tobias Foss, Ethan Hayter und Magnus Sheffield.

Hayter erlitt einen Kettenabsprung, Sheffield stürzte in einer Kurve, und Ganna vermochte das Tempo nicht zu halten. Lag Küng an der zweiten Zwischenzeit noch 11 Sekunden vor Foss, musste er im Ziel dem Überraschungssieger aus Norwegen den Vortritt lassen. Evenepoel errang eine Woche nach seinem Sieg bei der Vuelta die Bronzemedaille.

Straßenrennen Rang Athlet Zeit (h) 1 6:16:08(42,575 km/h) 2 + 2:21 3 gl. Zeit 4 gl. Zeit 5 gl. Zeit 6 gl. Zeit 7 gl. Zeit 8 gl. Zeit 9 gl. Zeit 10 gl. Zeit … 17 gl. Zeit 20 gl. Zeit 21 gl. Zeit 38 + 3:01 40 gl. Zeit 45 gl. Zeit 52 + 3:08 62 + 6:11 72 + 6:37 88 + 11:28 89 gl. Zeit 95 gl. Zeit 97 gl. Zeit – – – – – – Streckenlänge: 266,9 Kilometer

Es gingen 169 Fahrer aus 50 Ländern an den Start. Mit Mathieu van der Poel stieg einer der Favoriten schon nach 30 Kilometern vom Rad, da er nach einem Streit wegen Ruhestörung die Nacht auf der Polizeiwache verbracht und keinen Schlaf bekommen hatte.

Nach einer hektischen Anfangsphase, in der sich das Peloton auf dem Mount Keira zwischenzeitlich geteilt hatte, gab es nach 80 km eine Ausreißergruppe von 16 Fahrern vor einem geschlossenen Peloton. Erstere bekam bis zu sieben Minuten Vorsprung, ansonsten tat sich auf den nächsten 100 km nichts von Belang.