mini|hochkant|Pensées philosophiques, Erstausgabe 1746
Philosophische Gedanken () ist das erste Werk von Denis Diderot in Form eines Essays in aphoristischer Stilart, das im Jahre 1746 publiziert wurde.Werner Raupp: Denis Diderot – „ein einzig Individuum“. Ein Streifzug durch Leben und Werk des französischen Philosophen mit einem Blick auf seine Wirkungsgeschichte in Deutschland. In: Wulf Kellerwessel, Werner Raupp (Hrsg.): Schwerpunkt: Denis Diderot zum 300. Geburtstag (= Aufklärung und Kritik. Jahrgang 20,4). GKP, Nürnberg 2013 (Textauszug; Auf: gkpn.de hier S. 18).
Daneben veröffentlichte er die Sammlung von zweiundsiebzig Aphorismen, den Addition aux Pensées philosophiques, die er im Jahre 1762 verfasste und 1770 anonym veröffentlichte. Wie der Titel schon sagt, folgten sie auf Pensées philosophiques. Diderot gab Sophie Volland in einem Schreiben vom 11. November 1762 den Abschluss der Texterstellung bekannt. Zur erstmaligen Publikation kam es im Jahre 1763 in Melchior Grimms „Correspondance littéraire“.
Das Motto Das Motto auf dem Titelblatt der Erstausgabe (), ist ein Zitat aus André-François Boureau-Deslandes’ (1689–1757) Roman Pygmalion, ou la statue animée von 1741. Sein Roman wurde vom Parlement zu Dijon zur Bücherverbrennung, wegen materialistischer Tendenzen, am 14. März 1741 verurteilt und auch vollzogen.Herrmann Julius Meyer: Das grosse Conversations-Lexicon für die gebildeten Stände: In Verbindung mit Staatsmännern, Gelehrten, Künstlern und Technikern herausgegeben von J. Meyer. Band 7, 4. Abteilung: Degradation - Eisemn. Druck und Verlag des Bibliographischen Instituts, Hildburghausen 1846, S. 247 (Textauszug, Auf: books.google.de).
Inhalt Diderot beginnt seinen Essay mit den Worten: „Ich schreibe über Gott, ich zähle auf wenige Leser; ich erwarte nur wenig Zustimmung.“.Denis Diderot, Theodor Lücke (Hrsg.): Philosophische Schriften. Band I. Berlin (west) 1984, S. 3.
Der Text selbst besteht aus 62 pointierten, unsystematischen niedergelegten Aphorismen.Helmut Holzhey, Vilem Mudroch, Friedrich Ueberweg, Johannes Rohbeck: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie des 18. Jahrhunderts. 2 Halbbände. Schwabe, Basel 2008, ISBN 978-3-7965-2445-5, S. 527. Hierdurch gelang es Diderot in seinem erzählerischen Stil nicht nur zügig Themen zu wechseln, sondern auch dem vorherrschenden Zeitgeist widersprechende Gedankengänge camoufliert vorzutragen. Zunächst wendet Diderot sich der „Rehabilitierung menschlicher Leidenschaften“ zu, die nicht seiner Inferiorität zum Ausdruck brächten, sondern ohne die es nichts Erhabenes gäbe. Die Leidenschaften, , stehen thematisch in den ersten sechs Aphorismen (Aph. I bis VIDenis Diderot, Theodor Lücke (Hrsg.): Philosophische Schriften. Band I. Berlin (west) 1984, Aphorismus I bis VI, S. 3–4.) im Focus. Der menschliche Geist sei ohne die Leidenschaft zur Profanität und Mittelmäßigkeit gezwungen.
Daran anschließend folgt eine Kritik des christlichen Fanatismus und der Vorstellung eines nur zornigen und rächenden Gottes. Diderot bemerkte, dass der Aberglauben für Gott als schädlicher zu betrachten sei, als der Atheismus.Denis Diderot, Theodor Lücke (Hrsg.): Philosophische Schriften. Band I. Berlin (west) 1984, Aphorismus XII, S. 6. Der Text wendet sich also gegen ein dogmatisches verstandenes Christentum. Im Aphorismus XXIV setzt er sich mit dem Skeptizismus auseinander, Skeptizismus wurde als ein Schritt zur Wahrheit bezeichnet, der aber eine gründliche und selbstlose Prüfung voraussetzt.Denis Diderot, Theodor Lücke (Hrsg.): Philosophische Schriften. Band I. Berlin (west) 1984, Aphorismus XXIV, S. 13. In den letzten Aphorismen werden die Heilige Schrift, der Glaube an Wunder und die Verherrlichung des Martyriums kritisch abgehandelt
Aphorismen Thematische Leitgedanken, Schlagwörter zu den AphorismenI - VLeidenschaftVIUrteil über das WahreVIISchuldig vor Gott, KasteiungVIIIAngst vor GottIX-XIVorstellung von GottXIIAberglaubeXIIIAtheist vs. DeistXIVBezug auf Blaise PascalXV-XVIIAtheismusXVIIIRené Descartes, Nicolas Malebranche geringere Bedeutung für den Materialismus als Marcello Malpighi. Bedeutung von Isaac Newton, Pieter van Musschenbroek, Nicolas Hartsoeker, Bernard Nieuwentijt als Vertreter eines materialistischen Ansatzes ohne den Deismus aufzugebenXIVFaszination vor dem Lebendigen; Diderot als Anhänger der vitalistische Hypothese im Sinne Malpighi und Charles Bonnet und in Opposition zu den Vorstellungen von Georges-Louis Leclerc de Buffon.XXFiktiver Dialog mit einem Atheisten; Anerkennung der Existenz Gottes aber Ablehnung unfruchtbarer, metaphysischer IdeengewebeXXIEinsicht und Ergebnisse in die Materialität der Welt widerstrebt der menschlichen VernunftXXIIEinteilung, Kategorisierung der Atheisten in drei Gruppen: wahre Atheisten, skeptische Atheisten und Worthelden als ParteigängerXXIIIUnterscheidungsmerkmale zwischen Deist, Skeptiker und Atheist.XXIV–XXXISkeptizismus, Frage nach Gott, WahrheitXXXIIUngläubigkeit, Gläubigkeit, Dummheit, Mann von GeistXXXIII–XXXIVPolytheismus und Atheismus, Skeptizismus als Schutz vor ExtrempositionenXXXVGottlosigkeit aus der Perspektive anderer Kulturen und ReligionenXXXVIUnverständnis der Frommen gegenüber dem SkeptizismusXXXVIIFreie Wahl der religiösen Kulte, als Beispiele Christentum und Islam XXXVIII–XXXIXFrage des Fanatismus, dem Sterben für einen religiösen Kult; Märtyrertum und Schwärmerei XLFrage der Opposition zu bestehenden religiösen Kulten und Heiligtümern, am Beispiel des Islam, und am Beispiel des spätantiken Polyeukt XLIZeit der Offenbarung, Wunder und außerordentlichen Sendungen entspricht nicht mehr dem herrschenden ZeitgeistXLIIXLIIIObgleich das Christentum friedfertig sei, habe die Verbindung mit der politischen Macht die Gesinnung der Glaubenseiferer beflügelt.XLIVJulian, Diderot lobte diesen römischen Imperator.XLVXLVIXLVIIXLVIIIXLIXnimmt Bezug auf Jacques Abbadie uns Pierre Daniel Huet; stellt die grundsätzliche Frage der Beweisbarkeit der Religion. Ein Beweis müsste eine Gewissheit erzeugen, die im Verhältnis zu seiner Beweiskraft stündeLLIILIIILIVLVLVILVIILVIIILXLLXILXII
Interpretation Diderot übt in seinem ersten eigenständigen Essay Kritik an der Frömmelei, an religiösen Vorurteilen und am Aberglauben, die, wie er es formuliert, „beleidigender für Gott sind als der Atheismus“. Außerdem geht es um drei verschiedene philosophischen Positionen in Bezug auf die Existenz Gottes: Atheismus, Skeptizismus, Deismus.Bnf - Eric Mougenot: Les Pensées philosophiques de Denis Diderot. - Gallica, Auf: gallica.bnf.fr vom 15. Januar 2021.
In seinem Text argumentiert Diderot für eine Wiederversöhnung der Vernunft mit dem Gefühl (vergleiche sensibilité universelle), um daraus Harmonie entstehen zu lassen. Nach Diderot kommt es ohne Gefühl zu einer abträglichen Wirkung auf die Vernunft, ohne jede Möglichkeit auch nur irgendein erhabenes Werk zu schaffen. Aber dennoch muss die Vernunft notwendigerweise über das Fühlen herrschen, weil das Fühlen ohne die Vernunft destruktiv sein kann.
Zu der Zeit, in der Diderot dieses Buch schrieb, verstand er sich als Deist. Deswegen verteidigt sein Buch den Deismus und führt eine Reihe von Argumenten gegen den Atheismus auf. Das Buch enthält aber auch eine Kritik an jeder Art von Selbstquälerei, darunter auch der Selbstgeißelung. Für die Ausgabe des Werkes von 1770 fügte Diderot einiges an zusätzlichem Material ein, das noch wesentlich größere Häresien enthielt; hierzu gehörten eine explizite Kritik des Christentums und Abschnitte zur Verachtung der Theologen.Helmut Holzhey, Vilem Mudroch, Friedrich Ueberweg, Johannes Rohbeck: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie des 18. Jahrhunderts. Basel 2008, ISBN 978-3-7965-2445-5, S. 527.
Entstehungs- und Publikationsgeschichte mini|hochkant|Principes de la philosophie morale (1746)
1745 hatte Diderot seine Übersetzung von Shaftesburys Principes de la philosophie morale, ou Essai de M. S*** sur le Mérite et la Vertu, Avec réflexionsShaftesbury (Anthony Ashley Cooper): Inquiry concerning Virtue, or Merit. 1698 veröffentlicht. Shaftesbury argumentiert in seiner Untersuchung, dass Tugend, Güte und Schönheit Selbstzweck sind, unabhängig von der Religion. In seinem ausführlichen Vorwort setzt Diderot sich intensiv mit den Ideen Shaftesburys auseinander, die ihren Niederschlag in seiner folgenden Veröffentlichung fanden.Jürgen Schramke: Das Prinzip Enthusiasmus. Wandlungen des Begriffs im Zeitalter der Aufklärung und der Französischen Revolution. Universitätsverlag Göttingen, 2018, ISBN 978-3-86395-365-2. (Volltext als PDF Auf: library.oapen.org) hier S. 47.
Die Pensees erschienen im Jahr 1746 anonym in dem fiktiven Verlagshaus De La Haye in Den Haag, wo auch – vorgeblich – andere französische Autoren der Aufklärung wie Voltaire, Schriften publizierten. In Wirklichkeit wurde die Schrift in Paris bei Laurent Durand, Drucker und Verleger in der Rue Saint-Jacques, gedruckt. Den Text stufte die Pariser Zensur als subversiv ein; ihre Begründung: „Mit vorgetäuschter Unentschiedenheit werden alle Religionen auf dieselbe Stufe gestellt, so daß schließlich keinerlei Religion anerkannt wird“zitiert nach: Pierre Lepage, Gabriele Krüger-Wirrer: Denis Diderot. Eine Biographie. Campus, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-593-35150-1, S. 55, Fußnote. und sollte per Parlamentsbeschluss vom 7. Juli 1746 verbrannt werden.BNF: Pensées philosophiques, Page de titre. Auf: classes.bnf.fr abgerufen am 13. August 2021. Das Verdikt scheint Durand nicht weiter beeindruckt zu haben, da er der Erstausgabe in den folgenden Jahren eine Reihe von Nachdrucken folgen ließ.Frank A. Kafker, Jeff Loveland: Diderot et Laurent Durand, son éditeur principal. Recherches sur Diderot et l'encyclopédie. 2005 (Recherches sur Diderot et sur l’Encyclopédie: auf: journals.openedition.org; zuletzt abgerufen am 16. August 2021). Das originale Manuskript ist, wohl wegen der Brisanz des Inhalts, nicht erhalten. Erst als Diderot wegen seines Buchs Brief über die Blinden zum Gebrauch für die Sehenden in Vincennes () im Gefängnis saß, gab er die Autorschaft an den Pensées zu.Robert Niklas: Les pensées philosophiques de Diderot. University of Manchester, S. 121.
Die Schrift stieß von Anfang an auf großes Interesse des Publikums, bereits 1748 übertrug der lutherische Theologe Jakob Elsner den Text ins Deutsche. 1757 erfolgte ein Nachdruck unter dem Titel Étrennes aus Esprits forts, verlegt laut Titelblatt in London bei Porphyre, wahrscheinlich aber in Amsterdam. Weitere Ausgaben wurden in London und eine Ausgabe in Französisch und Italienisch in Amsterdam 1777 publiziert, außerdem eine Ausgabe unter dem Titel Entretien d’un philosophe avec Madame la maréchale de *** als postumes Werk eines Thomas Crudeli.Diderot: Œuvres complètes. édition Jules Assézat, notice préliminaire. Auf: fr.wikisource.org; abgerufen am 14. August 2021.
Rezeption Die Pensees lösten sowohl im Kreis der französischen Aufklärer als auch im Klerus eine breite Debatte aus, an der sich u. a. Jean Formey, später Mitarbeiter an der Encyclopédie sowie Nicolas-Sylvestre Bergier und der Guillaume de Gaufridi-Fos (* 1715)Guillaume de Gaufridi-Fos: Réfutation des Pensées philosophiques, par les seules lumières de la raison, et les principes de la saine philosophie. Wertin & Smith, Amsterdam 1750 (Volltext Auf: gallica.bnf.fr). beteiligten. Mit kritischen Schriften äußerten sich u. a. Frédéric-Louis Allamand (1709–1784), der 1751 mit seinen Pensées anti-philosophiques gegen Diderot Stellung nahm sowie der Abbé Gabriel Gauchet.Denis Diderot: Rameaus's Nephew. (A new translation by Margaret Mauldon). Oxford University Press, Oxford 2006, Anmerkung 86.Sophia Rosenfeld: Common Sense: A Political History. Harvard University Press, Cambridge Massachusetts 2014, ISBN 978-0-674-06128-6, S. 131–132. in seinen Lettres critiques, ou Analyse et réfutation de divers écrits modernes contre la religion (Paris 1757).