Hermann Rongstock (* 15. Mai 1941 in Bayreuth; † 21. August 2012 ebenda) war ein deutscher Maler, Grafiker, Illustrator und Zeichner. Sein Schaffen ist überwiegend vom Expressionismus und der Wiener Moderne beeinflusst. Eine bedeutende Auswahl seiner Werke ist unter anderem in der Staatlichen Graphischen Sammlung in München sowie im Marbacher Schiller-Nationalmuseum zu sehen. Im Jahr 2006 wurde Hermann Rongstock für sein Schaffen mit dem Kulturpreis der Stadt Bayreuth geehrt.

Leben Die Anfänge seines Lebens beschrieb der Künstler aus eigenen Erinnerungen als dramatisch und hart. Er wuchs als Halbwaise auf und begann zu Schulzeiten u. a. Aktzeichnungen anzufertigen, was ihm das Missfallen seiner Lehrer einbrachte und für frühes Aufsehen sorgte. Da Rongstock in seiner Jugend Bayreuth als beengend und zu klein wahrnahm, entschied er sich, die Stadt frühzeitig zu verlassen. In München absolvierte er in den Jahren 1958–1960 ein Studium der Gebrauchsgrafik an der Blocherer Schule für freie und angewandte Kunst.

Nach Beenden des Studiums der Gebrauchsgrafik in München lernte Rongstock von 1960 bis 1961 als Stipendiat an der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst bei Oskar Kokoschka auf der Festung Hohensalzburg. Dessen „Schule des Sehens“ propagierte die enge Verbindung von künstlerischem Handwerk und intellektueller Bildung zugleich – ein Verständnis, das Rongstock später erkennbar übernahm. Der österreichische Maler und Schriftsteller Oskar Kokoschka kann als wesentlicher Bezugs- und Referenzpunkt im Schaffen Rongstocks angesehen werden. Kokoschkas figurative Kunst mit konkretem Landschafts- und Menschenbild beeinflusste Rongstocks Arbeiten sichtbar; Hermann Rongstock schulte sich auf der Sommerakademie vor allem in Aquarelltechnik. Er absolvierte sein Studium bei Kokoschka mit persönlichem Zeugnis des Meisters.

1961 wieder in München angekommen, begann Rongstock ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste München. In den Folgejahren 1962 bis 1967 entwickelte er sich zum Meisterschüler bei den Professoren Hermann Kaspar und Mac Zimmermann. Illustrationen und Malerei setzten in dieser Zeit den Schwerpunkt seines Schaffens, das er mit Exzellenz und zunehmender Entwicklung eines eigenen Stils vorantrieb. 1968 erhielt Rongstock ein Diplom für besondere künstlerische Leistungen in Malerei und Grafik durch die Akademie.

In den Jahren 1967 bis 1969 studierte Rongstock Psychologie und Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Bamberg (später in der Otto-Friedrich-Universität Bamberg).

1970 kehrte er zurück in seine Geburtsstadt Bayreuth, in der eine avantgardistische Kunstszene entstanden war, initiiert von einer ganzen Reihe „hierhin verschlagener Künstlerpersönlichkeiten […] wie Hannah Barth, Fritz Böhme und Ferdinand Röntgen“. Ausschlaggebend für Rongstocks Rückkehr nach Bayreuth war das kulturelle Umfeld der Stadt Bayreuth: „Richard Wagner, Jean Paul und das schöne Jugendstilhaus, das er von seiner Mutter geerbt hat.“

Nach Rongstocks Kunstverständnis bildete Produktion und Rezeption von Kunst eine Einheit. Kunst zu machen bedeutete ihm: Kunst verstehen, direkt aus der Praxis. Diese Auffassung war auch für seine Arbeit als Kunsterzieher am Wirtschaftswissenschaftlichem und Naturwissenschaftlich-technologischen Gymnasium der Stadt Bayreuth grundlegend.

Rongstock heiratete 1969 die Künstlerin Heike Tooren. Sie hatten einen Sohn (* 1972). Zuletzt wohnte Rongstock zusammen mit seiner Familie in einem Haus in der Leopoldstraße in Bayreuth. Er starb am 21. August 2012 nach kurzer schwerer Krankheit. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Stadtfriedhof Bayreuth.

Werk Das künstlerische Erbe Rongstocks umfasst allein weit über 500 grafische Arbeiten. Wiederkehrende Motive des Künstlers sind Mythen und literarische Vorlagen. Erkennbar ist sein starker Bezug zur Heimat Bayreuth und der Region Franken.

Bildsprache, Stil und Technik Rongstocks künstlerisches Gesamtwerk ist maßgeblich vom Expressionismus und von der Wiener Moderne beeinflusst, was sich in vielschichtigen Referenzen auf die Arbeiten von Oskar Kokoschka oder Edvard Munch widerspiegelt. Hinzu kommt oftmals eine intensive Auseinandersetzung mit Werken der Weltliteratur, deren Aktualität er durch collagenartige Neuinterpretationen spielerisch untersucht. Markant für Rongstocks Werk ist des Weiteren der Einsatz von Aquarelltechniken und leichten Wasserfarben in Tuschearbeiten und Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Daneben hat er sich immer auch mit Öltechnik, in seinen späteren Jahren auch mit Acryl- und Spraytechniken ausgedrückt. Typisch ist das „Fliehen“ der Motive in seinen Bildern: Motive scheinen sich oft in einer diffusen Linienführung aufzulösen. Gegenständliches lässt sich deuten, entzieht sich aber zugleich der eindeutigen Interpretation und lässt Spielraum für Phantasie. mini|Hermann Rongstock, Blaue Küste, Acryl auf Holz

Figurativ treten in Rongstocks Zeichnungen, Grafiken und Illustrationen Gestalten der Weltliteratur auf, die oft in Verhältnis zu der ihm heimischen Landschaft Bayreuths gesetzt werden. So entstehen surreale Kunstwerke, die vertraut-romantische Orte und Kulturlandschaften bedrohlich oder schlicht ungewohnt darstellen.

Auf diese Weise wird auch ein kritischer Bezug zur Historie des 20. Jahrhunderts und den Ereignissen zu Lebenszeiten des Künstlers geschaffen: „Die Maler der Leipziger Schule orientieren sich in ihrer Kunst stark an vergangenen Epochen, z. B. am Formklima der Renaissance, an Matthias Grünewald, an Albrecht Altdorfer und der sog. Donauschule, an Dürer. Das Werk Rongstocks bewegt sich auf vergleichbaren Ebenen, den Willen zur Anspielung und zum Zitat hat er mit manchem Maler der DDR gemeinsam.“

Zeichner Bayreuths Kaum politisierend, mehr analysierend und darstellend: So lässt sich die Kunst Hermann Rongstocks deutlich benennen. Die verängstigten Visionen und die Nöte des leidenden, aber auch des schuldigen und sündigen Menschen sind in seinen Arbeiten ein zentrales Motiv. Leicht dokumentarisch, dabei aber immer auch künstlerisch überhöht, fing Rongstock Szenerien und Orte seiner Heimatstadt Bayreuth in Gemälden, vorrangig aber in Zeichnungen ein. Momente und Szenen, die er selbst beobachtete: „Das ausdrucksstarke Gesicht einer jungen Frau, eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter, einige Jungrocker irgendwo an einer Straßenecke […].“ Die skizzenhaften Zeichnungen „Am Plärrer“ und „Off Limits. Eckschoberth Bayreuth“ müssen an dieser Stelle beispielhaft genannt werden. Hinter- und Abgründiges gerät so in den Fokus und hält zugleich den kulturellen Reichtum Bayreuths samt seiner Geschichte durch eigenwillige Darstellung fest. So entstehen sichtbare Gegensätze zwischen der Schönheit bayerischer Kulturdenkmäler, die reich an Geschichte sind – und sozialen Konflikten, die in ihrer Umgebung herrschen, wie der Künstler selbst am Beispiel der Bayreuther Festspiele bemerkte: „Kontraste zwischen dem erlesenen, etwas elitären Premierenpublikum und den einfachen Zaungästen, die es begaffen und bewundern, war für mich weit wichtiger und künstlerisch relevanter als irgendwelche sozialprogrammatischen Demonstrationen.“

Direkte Inspiration fand Rongstock weniger an fiktiven Schauplätzen als an eben jenen bekannten Orten mitten in und um Bayreuth, die er auf Wanderungen und Ausflügen selbst erkundete. So werden reale und teils abgeschiedene Landschaft im Hinterland Bayreuths genauso zur Kulisse wie das Leben in der Stadt. Sie bilden die Grundlage der Erzählung seiner Skizzen und Gemälde, werden allerdings verfremdet und künstlerisch überzeichnet, um mit ihnen das menschliche Dasein zu hinterfragen: Apokalyptische Motive treffen bei Rongstock auf das Kulturleben der Stadt. „Melancholische Menschen wandeln und kutschieren durch die Prachtbauten und Anlagen.“

Besonderen Fokus legt Rongstock auf die barocken Gebäude Bayreuths. Immer wieder betont er das imposante und von ihm vielbeachtete Schaffen Richard Wagners. Es fungiert als Ankerpunkt in Rongstocks Werk.

Grafiker Jean Pauls Rongstocks Bezugnahme auf oberfränkische Künstler und innere Wegbegleiter, die in der Kulturregion Bayreuth und über das Umland hinaus wirkten, erstreckte sich in größerem Maße auf den Dichter Jean Paul. Mit seinen über Jahrzehnte entstandenen malerischen, zeichnerischen und graphischen Arbeiten „hinterließ er gar das umfangreichste bestehende Bildwerk zu den Abhandlungen, Aphorismen, Romanen und Erzählungen Jean Pauls.“

Visionär-lyrische Verklärungen und freie Interpretationen einzelner Sinnsprüche und Szenen aus Jean Pauls Romanen collagiert Rongstock, indem er die literarischen Vorlagen auf Bayreuther Sehenswürdigkeiten zeichnerisch überträgt: die Rollwenzelei, das Opernhaus und viele mehr. Die oft skurrile Handlung der Literatur Jean Pauls zeigt sich Rongstock als ideale Projektionsfläche für spätexpressionistische Ausdrucksweisen, wie er sie aus den Arbeiten und Lehren der Kokoschka-Schule weiterentwickelte. „Dabei sind die in der Konstitution der Moderne liegenden Gefährdungen und Verkümmerungen jenes Ganzen des Lebens (Vorschule der Ästhetik) immer mitgedacht. Sie äußern sich zuvörderst im neuzeitlichen Verhältnis der Geschlechter, das Rongstock in mehreren Jean Paul-Aphorismen (und auch im persönlichen Gespräch) süffisant und immer wieder gerne aufgriff und in bildliche Pose und Mimik brachte.“, wie Thomas Maier konstatiert. So gelingen Hermann Rongstock künstlerische Kommentare, die vor allem auf Jean Pauls Roman „Siebenkäs“ und Aphorismen Bezug nehmen. Das christliche Weltbild wie auch die konservative Ehe werden ausgestellt und teils satirisch-abgründig überhöht und durch Aktualisierungen neu gezeichnet. Diesen Ansatz verwirklicht der Künstler durch eine ihm eigene markante Ausdrucksweise: kritisch-distanziert, unorthodox, „differenziert-vieldeutig, imaginativ-unkonventionell, verdichtend-präsent, mit vibrierendem Strich und oszillierender Gegenständlichkeit seine Ahnungen, Assoziationen, seine Leidenschaft und seinen [Jean Pauls] Humor zulassend.“

Illustrator Faust & Co.

Das Portfolio des Zeichners, Malers und Grafikers umfasst zahlreiche Werke mit Referenzen auf Werke der Weltliteratur – dazu gehört auch die Bezugnahme auf Dramen wie Shakespeares „Macbeth“, Franz Kafkas Roman „Der Prozeß“ oder Tennessee Williams’ Theaterstück „Die Nacht des Leguan“. Auch Molières Komödie „Schule der Frauen“ und Heinrich Bölls Erzählung „Das Brot der frühen Jahre“ inspirierten ihn zu Werken. Sie eint die Darstellung menschlicher Zwiespälte und die Infragestellung gesellschaftlicher Verhältnisse mit Werten und Normen, wie sie subtil bei Rongstock immer wieder durchschimmern.

Mit dem „Faust-Zyklus“ wird die Polarität zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen, Gegensätze und Spannungen der Geschlechter präzise und umfassend veranschaulicht. Aus dieser Schaffensphase sind aquarellartige Rongstock-Zeichnungen zu weltberühmten Faust-Szenen wie „Studierstube“, „Auerbachs Keller“ und „Osterspaziergang“ entstanden.

Die Brecht-Bilder

Zeit seines Lebens interpretierte Rongstock Szenen aus Dramen von Bertolt Brecht. Zu ihnen zählen die Dreigroschenoper („Seeräuber-Jenny“, 2003). Zu deren Vorlage von John Gay, die Bettleroper, wurden gleichsam Gemälde angefertigt („Beggar’s Opera“, „Bettlerkönig als Lehrer“). Was Rongstock dazu bewegte, sich der Dreigroschenoper künstlerisch zuzuwenden, kommentierte er wiederum selbst: „Der Gier nach Reichtum, Spekulationssucht, der Gaunerei und dem Verbrecherunwesen in allen Schichten der Bevölkerung wird ein Spiegel vorgehalten.“ Hier bestätigt sich Rongstocks starkes Interesse an der Abbildung und Thematisierung sozialer Milieus und der Probleme in ihnen. mini|Illustration zu Bertolt Brecht, Die Dreigroschenoper, aus dem Nachlass von Hermann Rongstock

Die Lenz-Bilder