mini|Somatolyse: Der Nachtfalter Colostygia aqueata auf hellem Carbonatgestein am Großen Buchstein in den Ostalpen mini|Somatolyse: Achateule auf Laubblatt

Tarnung, in der Verhaltensbiologie auch als Krypsis (von ) bezeichnet, ist bei Tieren der Vorgang oder Zustand, der darauf abzielt, irreführende Signale an ein anderes Lebewesen zu senden. Es ist sowohl der simpelste und effektivste Mechanismus zur Reduzierung des Prädationsrisikos als auch eine mögliche evolutionäre Anpassung von Beutegreifern, die aufgrund ihrer Tarnung von potentiellen Beutetieren weniger leicht wahrgenommen werden. Diese Irreführung kann sich gegen alle Sinnesorgane richten, also zum Beispiel die visuelle Wahrnehmung („das Auge“) täuschen, die auditive Wahrnehmung („das Ohr“) oder die olfaktorische Wahrnehmung („den Geruchssinn“). Als Sonderform der Tarnung können auch bestimmte Mimikry-Varianten aufgefasst werden, bei denen zum Beispiel wohlschmeckende oder wehrlose Arten äußere Merkmale übelschmeckender oder wehrhafter Arten kopieren und sich so gegenüber potenziellen Fressfeinden tarnen.

Wird das visuelle (das äußerlich sichtbare) Erscheinungsbild eines Tieres zur Tarnung genutzt, bezeichnet der Fachmann dieses Aussehen als Tarntracht.

Entstehung Der Austausch von Signalen ist eine wesentliche Voraussetzung für jegliche Kommunikation und erfordert mindestens einen Sender und einen Empfänger von Signalen. Die Tarnung bei Tieren kann daher beschrieben werden als eine im Verlauf der Stammesgeschichte erworbene Befähigung, zumindest unter bestimmten Umständen nur solche Signale zu senden, die sich in möglichst geringem Maße von den Gegebenheiten unterscheiden, die das Individuum umgeben. Die Tarnung kann sowohl dem Verbergen vor Fressfeinden dienen als auch dem Verbergen vor potenzieller Beute (Angriffstarnung).

2025 hat eine internationale Forschergruppe erläutert, welche Faktoren dazu führen, dass die Individuen mancher Arten sich durch Tarnung vor Fressfeinden verstecken, während die Individuen anderer Arten – durch Aposematismus, eine gegensätzliche Überlebensstrategie – Fressfeinde mit auffälligen Farben vor einem Angriff warnen.Iliana Medina et al.: Global selection on insect antipredator coloration. In: Science. Band 389, Nr. 6767, 2025, S. 1336–1341, doi:10.1126/science.adr7368. In einem Begleittext der Max-Planck-Gesellschaft zur Studie hieß es, „dass die Räubergemeinschaft den größten Einfluss hat. In Gebieten mit starker Konkurrenz unter Räubern war Tarnung erfolgreicher, da die Räuber eher bereit waren, das Risiko einzugehen, potenziell giftige Beute anzugreifen. Kryptische Strategien funktionierten jedoch nicht immer. In hellen Lebensräumen waren getarnte Beutetiere besser sichtbar und wurden häufiger angegriffen als Beutetiere mit klassischen Warnfarben. Und wo Tarnung weit verbreitet war, wurden Räuber besser darin, sie zu erkennen, wodurch ihre Wirksamkeit verringert wurde.“Warnfarbe oder Tarnung: Studie enthüllt, warum manche Tiere grell leuchten und andere vor aller Augen verschwinden. Auf: mpg.de vom 25. September 2025.

Somatolyse mini|Somatolyse: Löwin in trockenem Steppengras mini|Zebras in der Serengeti: Die Streifen schützen sie vor Mückenstichen.

Somatolyse (von sowie , wörtlich also Auflösung des Körpers), beschreibt das Verschmelzen eines Lebewesens mit seiner natürlichen Umgebung durch eine besonders gemusterte und manchmal auch farblich mit der Umgebung abgestimmte Tracht – das Tier wird durch Anpassung an die Struktur und Färbung der Umgebung gewissermaßen unsichtbar.

Diese Form der Tarnung dient meist dazu, natürlichen Feinden zu entgehen oder auch, wie zum Beispiel beim Löwen und bei anderen Großkatzen, von der potenziellen Beute so spät wie möglich entdeckt zu werden. Aus Sicht des beobachtenden Menschen können eine der Somatolyse dienende Musterung oder ein Farbmerkmal statt tarnend sehr auffällig sein und damit kontraproduktiv scheinen. Ein Beispiel hierfür ist das schwarz-weiß gestreifte Zebra. In der Dauerausstellung des Berliner Museums für Naturkunde wird das Entstehen der Fellfärbung wie folgt beschrieben:

mini|links|Decke mit Zebra-Musterung zum Schutz vor Pferdebremsen beim Hauspferd

Bestätigt wurde diese Deutung 2012 und 2014 in zwei Studien.Ádám Egri et al.: Polarotactic tabanids find striped patterns with brightness and/or polarization modulation least attractive: an advantage of zebra stripes. In: Journal of Experimental Biology. Band 215, 2012, S. 736–745, doi:10.1242/jeb.065540.Tim Caro et al.: The function of zebra stripes. In: Nature Communications. Band 5, Artikel-Nr. 3535, 2014, doi:10.1038/ncomms4535. 2019 wurde – anhand von Nachbildungen bemalter Menschenkörper – weitergehend nachgewiesen, dass Pferdebremsen von braunen Modellen zehnmal stärker angelockt werden als von schwarzen Modellen mit weißen Streifen. Beige bemalte Modelle lockten die Pferdebremsen doppelt so häufig an wie schwarz-weiß gestreifte.Gábor Horváth, Ádám Pereszlényi, Susanne Åkesson und György Kriska: Striped bodypainting protects against horseflies. In: Royal Society Open Science. Band 6, Nr. 1, 2019, doi:10.1098/rsos.181325 Body-painting protects against bloodsucking insects. Auf: lunduniversity.lu.se vom 17. Januar 2019. Ursache dieser Unterschiede ist offenbar, dass die Streifen bei Bremsen zu erheblichen Irritationen bei der Landung führen und deshalb die Landung häufiger als bei nicht-gestreiften Zielen unterbleibt.Tim Caro et al.: Benefits of zebra stripes: Behaviour of tabanid flies around zebras and horses. In: PLoS ONE. Band 14, Nr. 2, 2019, e0210831, doi:10.1371/journal.pone.0210831. Zuvor war vermutet worden, dass sich – zum Beispiel aus dem Blickwinkel einer geduckt am Boden umherstreifenden Löwin – die seitlich vertikalen, an Kopf und Hinterleib eher horizontalen Streifen einer dicht aneinandergedrängt stehenden Herde visuell mit den hochgewachsenen Gräsern und dem Flirren der tagsüber oft erhitzten, bodennahen Luft vereinen und sich so die Konturen des einzelnen Tieres auflösen, was dem Beutegreifer das Fixieren eines bestimmten Tieres erschwert.

mini|Somatolyse: Eisbär mit Jungtieren Ein bekanntes Beispiel für farblich getarnte Tiere ist ferner der (weiße) Eisbär, der auf der Jagd nach jungen (weißen) Sattelrobben gegenüber potenzieller Beute hervorragend getarnt ist, wie umgekehrt die Robbenbabys in Schnee und Eis aus größerer Entfernung nicht vom Untergrund zu unterscheiden und somit vor allzu raschem Entdecktwerden geschützt sind. Ähnliches gilt für bestimmte Tierläuse aus der Gruppe der Ischnocera: US-Forscher berichteten im Jahr 2010, dass im Gefieder von weiß gefiederten Vögeln eher weißhäutige Läuse, im Gefieder von dunkel gefiederten Vögeln eher dunkelhäutige Läuse nachweisbar sind; offenbar war es das Pickverhalten der sich reinigenden Wirte, das einen Selektionsdruck hin zur Vorherrschaft einer bestimmten Farbvariante bei den Ektoparasiten verursachte.Sarah E. Bush u. a.: Evolution of Cryptic Coloration in Ectoparasites. In: The American Naturalist. Band 176, S. 2010, S. 529–535, doi:10.1086/656269. Auch die Schneeeule wirkt nur in der Voliere eines Tierparks aufgrund ihres strahlend weißen, mit braunen Flecken gesprenkelten Gefieders recht auffällig. In leicht mit Schnee überdecktem Laub hingegen sitzend, ist sie kaum vor der Umgebung zu unterscheiden.

Eine Forschergruppe der Universität Freiburg berichtete Mitte 2006 über ein Experiment mit teils auffällig gefärbten Schmetterlings-Attrappen, die sie – stets mit toten Mehlwürmern bestückt – an unterschiedlichen Baumstämmen platziert hatten.H. M. Schäfer und N. Stobbe: Disruptive coloration provides camouflage independent of background matching. In: Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences. Online-Veröffentlichung vom 7. Juli 2006, doi:10.1098/rspb.2006.3615. Nach einer bestimmten Zeit wurde jeweils kontrolliert, ob der Mehlwurm verschwunden war, was als ‚Falter gefressen‘ bewertet wurde. Ergebnis: Am längsten ‚überlebten‘ jene Falter-Attrappen, die an den Flügelrändern gemustert waren; deutlich häufiger verschwanden die Mehlwürmer aus den im Flügelinneren gemusterten Attrappen. Dies galt selbst für blau-rosa gefärbte Attrappen auf einer moosbewachsenen Eiche. Aus ihren Beobachtungen schlossen die Forscher, dass die Auflösung der Körperkonturen durch gefleckte Flügelränder dazu führt, dass die angeborenen Auslösemechanismen der potenziellen Fressfeinde den so getarnten Schmetterling nicht mehr als ‚Beute‘ detektieren, und zwar unabhängig vom Untergrund. Durch Fleckung im Flügelinneren könne sich ein Schmetterling hingegen nur in Abhängigkeit vom passend gefärbten Untergrund tarnen.

Weitere Beispiele 165 Millionen Jahre alt ist die in der Inneren Mongolei entdeckte fossile Flechte Daohugouthallus ciliiferus, auf der zwei fossile Florfliegen der Gattung Lichenipolystoechotes entdeckt wurden. Die Tiere der 2020 erstmals beschriebenen Arten Lichenipolystoechotes angustimaculatus und Lichenipolystoechotes ramimaculatus weisen der Erstbeschreibung zufolge „bemerkenswerte Flügelmuster auf, die genau der gleichaltrigen Flechtenart Daohugouthallus ciliiferus gleichen.“Hui Fang, Conrad C. Labandeira, Yiming Ma et al.: Lichen mimesis in mid-Mesozoic lacewings. In: eLife. 2020; 9, e59007, doi:10.7554/eLife.59007.

An steinigen Steilhängen der Hengduan-Berge im Südosten des Hochlands von Tibet wächst Fritillaria delavayi, eine Pflanze aus der Gattung Fritillaria, die als Heilmittel in der Traditionellen chinesischen Medizin verwendet wird. Das Abpflücken dieser Pflanzen hat einen hohen, von den Sammlern ausgehenden Selektionsdruck ausgeübt: An jenen Hängen, die regelmäßig von Sammlern aufgesucht werden, gleicht die Färbung der Pflanzen sehr viel genauer dem Untergrund als an Hängen ohne oder nur mit seltenen Sammelaktivitäten, so dass sie für Sammler weniger gut sichtbar sind. In einer 2020 veröffentlichten Studie hieß es, die „kommerzielle Ernte“ habe den Phänotyp dieser Wildpflanzen in „ungeahnter und dramatischer Weise“ verändert.Yang Niu, Martin Stevens und Hang Sun: Commercial Harvesting Has Driven the Evolution of Camouflage in an Alpine Plant. In: Current Biology. Online-Vorabveröffentlichung vom 20. November 2020, doi:10.1016/j.cub.2020.10.078. Plant evolves to become less visible to humans. Auf: eurekalert.org vom 20. November 2020.

Der Große Panda besitzt eine kontrastreiche schwarz-weiße Färbung. In Freilandstudien wurde belegt, dass die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung auf steinigem, schattigem und mit Pflanzenresten durchsetztem Waldboden – anders als in Zoologischen Gärten – schon aus mittlerer Entfernung gut getarnt sind.Ossi Nokelainen et al.: The giant panda is cryptic. In: Scientific Reports. Band 11, Artikel Nr. 21287, 2021, doi:10.1038/s41598-021-00742-4.

Zitterspinnen können ihr Netz in rasche Schwingungen versetzen, so dass sie aufgrund dieser Bewegungen für einen Fressfeind im Netz nicht mehr sicher lokalisierbar sind. Auf: mpiz-koeln.mpg.de vom 21. Juli 1999.

In Strandnähe kann man häufig Fische beobachten, deren Grundfärbung silbrig erscheint, die aber an den Seiten markante, dunkle Streifen – vom Rücken zum Bauch – aufweisen. Bei Sonnenschein kann man im Flachwasser auch als schnorchelnder Laie bemerken, dass die sich am Boden abzeichnenden Schattenwürfe der gewellten Wasseroberfläche vergleichbare Streifenmuster erzeugen. Von der Seite oder von schräg oben betrachtet sind solche Fische schon aus geringer Entfernung kaum von ihrer Umgebung zu unterscheiden. mini|Somatolyse: Der Rotlichtanteil der Sonnenstrahlen dringt nicht in größere Meerestiefen hinein, die im Hellen rote Farbe dieses Seesterns tarnt ihn dort blau-grau.