mini|Moderne Rotfuchsgarnitur (Berchtold Pelz, Fürstenfeldbruck, 2015)
Als Pelzgarnitur wird eine Zusammenstellung kleiner, zusammenpassender und gleichzeitig zu tragender Pelzaccessoires für Damen oder Mädchen bezeichnet. Dazu gehören vor allem lose Kragen, Krawatten und Schals, Muffe und Taschen, Mützen und Hüte sowie Handschuhe aus Fell. Eine besondere Konjunktur hatte die zu den Galanteriewaren gehörende Pelzgarnitur Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre.
Geschichte mini|hochkant=1.3|Katalogseite der Firma C. A. Herpich Söhne, Berlin (1910)
Der allgemeine Begriff Garnitur bezeichnet eine „Ausstattung, Verzierung“, aber auch „zu einem Ganzen gehörende Stücke“, zum Beispiel eine Kleidergarnitur. In Frankreich ist „garniture“ hierfür seit dem 17. Jahrhundert gebräuchlich und geht zurück auf französisch „garnir“ und meint dort ursprünglich eigentlich „zum Schutz mit etwas versehen, ausrüsten“.Das Herkunftswörterbuch. Duden Band 7, Dudenverlag, 1963. Stichworte „garnieren, Garnitur“. ISBN 3-411-00907-1. Die Wahrnehmung zusammenpassender kleiner Pelzteile als Pelzgarnitur dürfte mit dem Erscheinen von Modebildern um 1890 einhergehen, die erstmals ausschließlich dem Pelz gewidmet waren. Der Begriff fand seine allgemeine Verbreitung durch Mode- und spezielle Pelzbekleidungskataloge Anfang des 20. Jahrhunderts.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es noch kaum mit dem Haar nach außen getragene Pelzkleidung, das Fell wurde als Pelzinnenfutter getragen. Nur an den Rändern der Textiljacken und ‑mäntel schaute es eventuell hervor, oft waren die Besätze und vielleicht die Manschetten aus Pelz. Zusammen mit der Einführung der Pelznähmaschine begann sich der Außenpelz jedoch bald in großem Ausmaß durchzusetzen. In der westlichen Welt waren um diese Zeit bereits Garnituren kleiner Pelzteile aus gleicher Fellart ganz besonders in Mode, vor allem fallen dabei Kombinationen aus Hermelinfell auf. Zu einer Garnitur konnte eine Pelzmütze gehören, meist ein Pelzmuff, manchmal auch Pelzhandschuhe und meistens eine kleine Pelzkrawatte oder ein größerer Pelzschal. Hermelinkrawatten waren meist mit den schwarzspitzigen Schwänzchen des Hermelinfells geschmückt, öfter kam noch ein kleines „Aufputzköpfchen“ hinzu. Abbildungen von kleinen Pelzschals aus der Zeit vor dem Aufkommen der Pelzgarnituren sind nur selten zu finden, meist waren sie groß und repräsentativ.
Schulterkragen und kleine Capes aus Pelz wurden zum Abendkleid, in schlichter Ausführung auch über dem Straßenkostüm getragen. Zum Pelzkragen kamen die Pelzstola und die Pelzkrawatte hinzu, die in dieser Form erst einmal, ebenso wie die Boa, auch bald wieder weitgehend verschwand. Zum Beginn der 1920er Jahre gab es den langen Pelzschal, der ebenfalls nur einige Jahre in Mode blieb. Die Krawatte wurde jetzt lang und schmal, oder aber in ihrer Nebenform, als einfelliger, den Hals fest umschließender Würger mit Kopf und Schwanz, bevorzugt. Auch wurden die verschiedenen Kragenformen, die Mantel und Jacke abschließen, als selbständige Pelzkragen getragen. Die Mode der Pelzgarnituren hielt sich bis in die 1920er Jahre, ohne aber bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs ganz zu verschwinden. Muffe und Taschenmuffe finden sich ständig als Beiwerk auf den Abbildungen der Modezeitschriften und ‑kataloge, wie auch als fester Bestandteil der Pelzgarnituren.
mini|Mädchengarnituren (ca. 1910?) Garnituren für Kinder waren ebenfalls sehr in Mode, nahezu in jedem der Kataloge sind ihnen eine oder mehrere Seiten gewidmet. Immer sind sie aus dem gleichen Fell, oft aus dem, dem Hermelin ähnlichen weißen Kaninfell oder aus dem ebenfalls weißen, gelockten Slink-Lamm und dem langhaarigen weißen oder schwarzgefärbtem Tibet gearbeitet.Alexander Tuma: Die Geschichte der Kürschnerei. Verlag Alexander Tuma, Wien 1967, S. 241. Weitere Materialien waren Astrachan, Biber, Hase, Opossum, holländisches Schwanenfell, Mongolisches Lamm, Feh oder naturfarbener Marder. Auch diese kleinen Pelze waren, wie die der Mütter, oft mit Schwänzchen und kleinen Aufputzköpfchen ausgeschmückt. Häufiger als bei den Damen gehört eine Mütze zur Mädchengarnitur, für die Allerkleinsten gab es Ohrenschützer, fast immer aus weißem Lamm.
Die Firma M. Boden aus Breslau, neben anderen durchlauchten Häusern „Hoflieferant Ihrer Majestät der Königin-Witwe der Niederlande“, bot 1917 Kutscher-Garnituren an, „Pelerine, Mütze und Aufschläge in verschiedenen Pelzarten zu billigsten Preisen“, und verwies in diesem Zusammenhang auch auf ihre Pelzhandschuhe.M. Boden, Breslau, Katalog Winter 1917-18.
Für die Kürschner stellten die Pelzaccessoires zeitweilig die Haupteinnahmequelle dar, ebenso für den Rauchwarenhandel, den Zwischenhändler für die Felle. Vor dem Zweiten Weltkrieg bedeuteten diese Artikel sieben Zehntel des Umsatzes jeder Firma. Doch bereits 1924 wurde in der Branche geklagt: „Was den größten Umsatz des Geschäftes ausmachte, der Muff, der Schal, der Kragen, das Kollier, hat die Mode radikal beseitigt. Die sportgewohnte Dame will die Hände frei haben, hüllt sich nicht mehr den Hals ein; zu den glatten, einfachen Mänteln passen all die schmückenden Dinge nicht mehr, die früher die Frau so gern trug. Die Berliner Pelzkonfektion muß sich nun damit abfinden, daß der Artikel, den sie zu vielen Tausenden verkaufte, endgültig verbannt ist und vorläufig keine Aussicht besteht, daß die Mode ihn wiederbringt. Die Pelzindustrie sah sich vor völlig neue Aufgaben gestellt. Die Garnitur - in weitestem Umfang genommen - bildete das Rückgrat jeder Firma. […] Warenhäuser und Konzerne erteilten auf dieses »Kleinzeug« so große Aufträge - z. B. Kindergarnituren, Knabenmützen, Muffen, daß die Firma für viele Monate ihre Zwischenmeister voll beschäftigen konnte.“
Große Mengen waren nur von den billigen Garnituren verkauft worden, angefangen bei gefärbten Hasen- und Kaninfellen. Im Laufe der davor liegenden Inflationsjahre waren zuerst diese erheblichen Umsätze ständig kleiner geworden, beginnend mit den Massenartikeln, den niedrigsten Preisstufen, um dann in der Saison 1924/1925 auf kleinste Stückzahlen abzusinken. In einer Rückschau aus Sicht der gewerkschaftlichen Kürschnervereinigungen wurde geklagt: „Will man die Geschäftslage in der Berliner Pelzbranche richtig beurteilen, so kann man, was die Jahre 1928 und 1929 betrifft, nicht nur von einer Krise, sondern vielmehr von einer Katastrophe sprechen. Seit die Mode derart gewechselt hat, daß die Galanterie (Muff, Kragen, Krawatten, Kollier usw.) von der Mäntelkonfektion für die große Mehrzahl der Damenwelt fast vollständig verdrängt wurde, hat sich der Beschäftigungsgrad derart geändert, daß die Arbeit nur noch auf vier Monate (August bis November) begrenzt ist. […] Gewiß, der Konsum der Pelzwaren ist durch die Mäntelkonfektion gestiegen, da fast jedes weibliche Wesen einen Pelzbesatz trägt, dafür feiert aber auch die Massenfabrikation, infolge der billigen Qualitätsware, wahre Triumphe.“Heinrich Lange, Albert Regge: Geschichte der Zurichter, Kürschner und Mützenmacher Deutschlands. Deutscher Bekleidungsarbeiter-Verband (Hrsg.), Berlin 1930, S. 273.
Für die meisten Kürschnereien mit Einzelhandel stellte der Rückgang dennoch keine Bedrohung dar, es begann verstärkt eine Nachfrage nach Pelzjacken und ‑mänteln, deren Herstellung jedoch ein größeres handwerkliches Können verlangte. Sehr erfolgreich wurden Sommerpelze propagiert, zu denen selbstverständlich auch wieder Pelzkleinteile gehörten. In der Übergangszeit hatten jedoch viele Fachkräfte die Branche verlassen, weil sie woanders mehr verdienten und das ganze Jahr über Arbeit hatten, so dass eine Zeit lang die Nachfrage nicht voll befriedigt werden konnte. Hart betroffen waren von dem Wegfall der Pelzgarnituren auch viele Spezialbetriebe, viele dieser großen Nebenindustrien verschwanden, nur vereinzelt arbeiteten noch einige Firmen. Da waren neben anderen die Annaberger Posamenten-Industrie, die Leipziger Fournituren-Fabriken Karl Veith – Wimmer & Co. – Michaelis & Levie – F. E. Wieseler und die Fehschweiffabrikanten Leo Nomis – W. Grünreif – S. Goldstaub. Auch die Daunenbeutelproduktion für die Pelzmuffe stellte bis dahin einen bedeutenden Wirtschaftszweig dar. „Eine Firma wie Abrahamsohn & Reschofsky stellte in Mengen von vielen Tausenden u. a. Hasenmuffen her, die pro Dutzend etwa von 18,-- Mark an zu haben waren.“ Bis noch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es jedoch vereinzelt Konfektionswerkstätten, die sich speziell mit der Herstellung der als Garnitur angebotenen Pelzkleinteile beschäftigten.
Nordamerika war bis um die Wende zum 20. Jahrhundert hauptsächlich ein Exportland für Pelzfelle. Die Verbraucher waren weniger modebewusst als in Europa, der geringe Verbrauch beschränkte sich hauptsächlich auf dekorative Ausschmückungen, Verbrämungen, Schals, Stolen und Muffe.Max Bachrach: Selling Furs Successfully. Pretince Hall, New York 1938; S. 11 (englisch). Die amerikanische Großkürschnerei Herman and Ben Marks in Detroit/Michigan bildete 1918 in ihrem 68-seitigen Katalog allein auf 48 Seiten Pelzkleinteile verschiedener Fellarten und Modelle ab, „einzeln oder als Set zu kaufen“, und Kindersets, die nicht geteilt verkauft wurden.Fashionable Furs. Herman and Ben Marks, Wholesale Fur Makers, Detroit Michigan, 1918-19. Zusammen mit preiswerten Pelzarten, die dank neuer Veredlungsmethoden zu einem großen Teil wertvolle Pelze imitierten, setzte sich jedoch auch hier der große Pelz durch. 1931 hieß es in einer deutschen Dissertation: „In Nordamerika trugen auch Fabrikmädchen den Pelzmantel“.Otto Feistle: Rauchwarenmarkt und Rauchwarenhandel. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 1931, S. 27 I (→ Inhaltsverzeichnis). Aber auch 1954 stellten Pelzkleinteile entsprechend einer Umfrage dort den Hauptteil des Umsatzes der meisten Pelzhäuser dar. Capes, Stolen, Kolliers und Schals hatten im Nordosten des Landes 38 Prozent Anteil, im Süden 74 Prozent und im Westen und Mittelwesten 55 Prozent.Frank G. Ashbrook: Fellproduktion in den USA. In: Das Pelzgewerbe 1955 Nr. 3, Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, Leipzig u. a., S. 75.
Persianer galt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg als klassischer „deutscher“ Pelz, bis er in den 1970er Jahren endgültig vom Nerz abgelöst wurde.Redaktion: Nerz-Konfektion - der Renner seit über zehn Jahren. In: Pelz International. Heft 4, Rhenania-Fachverlag, Koblenz, April 1984, S. 34. Die Pelzaccessoires ergänzten jetzt oft als Einzelteile Pelze oder Pelzbesätze derselben Fellart, der Begriff „Garnitur“ wird für kleine Pelzausschmückungen an Kleidern und anderen Textilien gebraucht, die Ansicht über ein möglichst komplettes Pelz-Outfit hatte sich gewandelt. In einer Pelzmodebetrachtung aus dem Jahr 1958 hieß es: