Der Konservatismus in den Vereinigten Staaten ist eine politische und soziale Weltanschauung, welche im Allgemeinen die individuelle Freiheit im Rahmen der amerikanischen traditionellen Werte als das grundlegende Merkmal der Demokratie ansieht. Diese Perspektive steht im Gegensatz zu den modernen Liberalen, die in den USA meist einen höheren Wert auf Gleichheit und soziale Gerechtigkeit legen und die Notwendigkeit staatlicher Interventionen betonen, um diese Ziele zu erreichen.Sherwood Thompson, Encyclopedia of Diversity and Social Justice. p. 7: "Historically...social justice became associated with liberalism in which equality is the ideal.", Rowman & Littlefield, 2014, ISBN 978-1-4422-1604-4. Es gibt Konservative heute vorwiegend in der Republikanischen Partei, aber auch in der Demokratischen Partei.
Positionen Der amerikanische Konservatismus ist durch eine Reihe von heterogenen Einstellungen gekennzeichnet: Respekt vor amerikanischen Traditionen, Republikanismus, Individualismus, Machtbegrenzung, Unterstützung christlicher Werte, moralischer Universalismus, Eintreten für Marktwirtschaft (Pro-Business); weiter können dazu gehören Dezentralismus, Opposition gegen Gewerkschaften, Eintreten für starke nationale Verteidigung, Freihandel, Antikommunismus, Befürwortung des amerikanischen Exzeptionalismus und Verteidigung der westlichen Kultur vor den vermeintlichen Bedrohungen durch Kommunismus, Sozialismus und moralischen Relativismus. Nicht alle diese Einstellungen harmonieren miteinander (schwacher Staat vs. starker Staat, Freihandel vs. Protektionismus). Es waren grob drei Strömungen, die im 20. Jahrhundert im Konservatismus zusammenfanden: Libertäre (politisch und wirtschaftlich), an traditionellen Werten orientierte Christen, Antikommunisten. Hinzu ist der Neokonservatismus gekommen, der eine vorwiegend intellektuelle Strömung (neocons) seit den 1980er Jahren geworden ist. Ihm entgegen trat der Paläokonservatismus, der an die ältere Zeit der 1930er Jahre anknüpft und sich seit der Jahrtausendwende für einen Protektionismus und eine defensivere Außenpolitik mit geringeren Kosten eintritt. Präsident Trump verfolgte dies teilweise. mini|Postkarte der American Legion aus den 1930er Jahren Amerikanische Konservative befürworten eine Begrenzung der Zuständigkeit der Regierung und ein Gleichgewicht zwischen der nationalen Regierung, der Justiz und den Rechten der Bundesstaaten. Sie neigen gleichzeitig dazu, in den Bereichen starke Maßnahmen zu bevorzugen, von denen sie glauben, dass sie in der legitimen Zuständigkeit der Regierung liegen, insbesondere in der nationalen Verteidigung und Strafverfolgung. Sie setzen sich oft für die Todesstrafe, gegen die Abtreibung und Sterbehilfe, für das christliche Gebet an öffentlichen Schulen und die staatliche Finanzierung von privaten christlichen Schulen ein.
Organisationen Gesellschaftliche Unterstützung kommt von einer Reihe von Organisationen: Veteranenverbände wie die Amerikanische Legion seit den 1920er Jahren, fundamentalistische Kirchen in der Christliche Rechten sowie zahlreiche akademische Think Tanks, die je nach Stifter und Sponsoren diverse konservative Ziele verfolgen, so die libertären Stiftungen Mises Institute, Ayn Rand Institute, Cato Institute. Das Family Research Council vertritt sozialkonservative Positionen in der Familien- und Sexualpolitik.
Konservative Think Tanks spielen auch seit den frühen 1990er Jahren eine sehr wichtige Rolle bei der organisierten Klimawandelleugnung und der Produktion und Verbreitung von Falschinformationen zur menschengemachten globalen Erwärmung. Auch wenn diese Think Tanks Organisationen sind, die eine klare politische Agenda verfolgen, stellen sie sich selbst als (alternative) wissenschaftliche Organisationen dar und ihre Mitglieder und Sprecher als neutrale und unvoreingenommene Experten. Sie verbreiten große Mengen an Publikationen mit Informationsmaterial für Klimaleugner und verfügen direkt oder über ihre Mitglieder und angeschlossenen Sprecher über große Glaubwürdigkeit in den Medien und in politischen Kreisen. Die Klimawandelleugnung wird dabei sowohl von großen, thematisch breiter aufgestellten Think Tanks wie unter anderem der Heritage Foundation, der Hoover Institution oder dem Competitive Enterprise Institute betrieben als auch von kleineren Organisationen, die sich dezidiert auf das Thema Klimawandel spezialisiert haben wie z. B. das Heartland Institute oder das George C. Marshall Institute.Riley Dunlap, Aaron M. McCright: Challenging Climate Change. The Denial Countermovement. In: Riley Dunlap, Robert J. Brulle (Hrsg.): Climate Change and Society. Sociological Perspectives. Report of the American Sociological Association’s Task Force on Sociology and Global Climate Change. Oxford University Press 2015, 300–332, S. 311–313.
Weitere Think Tanks sind:
American Enterprise Institute (Neokonservative) Center for the National Interest (Gründung durch R. Nixon, Herausgabe der Zeitschrift National Interest). Discovery Institute (fördert Intelligent Design) Hoover Institution (Präsidentin Condoleezza Rice) Hudson Institute (gegründet durch Herman Kahn) Intercollegiate Studies Institute (fördert konservative Bildungspolitik) Project for the New American Century (Neokonservative, Robert Kagan) Ripon Society (eng bei der Republikanischen Partei)
Geschichte
Anfänge seit 1776 Wie die meisten amerikanischen politischen Weltanschauungen stammt der Konservatismus aus dem Republikanismus, der die aristokratische und monarchische Regierung ablehnte und die Grundsätze der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten bestätigte („… that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness“). Die konservative Philosophie leitet sich zum Teil auch aus der klassischen liberalen Tradition des 18. und 19. Jahrhunderts ab, das sich für die Laissez-Faire-Ökonomie einsetzte.Modern Political Philosophy (1999), Richard Hudelson, S. 37–38.M. O. Dickerson u. a., An Introduction to Government and Politics: A Conceptual Approach (2009) p. 129.
Historiker wie Patrick Allitt und politische Theoretiker wie Russell Kirk stellen fest, konservative Prinzipien hätten bereits seit 1776 eine wichtige Rolle in der amerikanischen Politik und Kultur gespielt. Als konservative Gründungsväter sieht der Historiker Peter Viereck vor allem Alexander Hamilton, John Adams und ihre Federalist Party, die eine „natural aristocracy“ angestrebt hätten, „based on property, education, family status, and sense of ethical responsibility. ... Their motive was liberty itself.“ Auch die lebenslang amtierenden Richter am Supreme Court wie John Marshall und Joseph Story verteidigten die Eigentumsrechte aus naturrechtlicher Sicht. Doch gab es keine Conservative Party wie die britischen Tories.
Im 19. Jahrhundert zeigten sich zwei innenpolitische Herausforderungen, die populistische Jacksonian Democracy ab 1829 und die Sklaverei in den Vereinigten Staaten, die vorwiegend die Südstaaten prägte. Der egalitäre Antizentralismus und die antikapitalistische Ablehnung wirtschaftlichem Wandels bei Andrew Jackson und seiner neuen Demokratischen Partei wiesen dabei konservative Züge auf, doch die Ausdehnung des Wahlrechts auf alle weißen Männer ab 21 Jahren auch ohne Grundbesitz war das Gegenteil davon. Der Abolitionismus erfasste vor allem die Nordstaaten und führte zur Gründung der Republikaner unter Abraham Lincoln. Nach dem Sezessionskrieg wurden die Südstaaten gezwungen, die Sklaverei aufzugeben. In der Ära der Reconstruction mussten sie sich anpassen, entwickelten aber eine eigene widerspenstige politische Kultur, die im Süden bei der Demokratischen Partei (Bourbon-Demokraten) angesiedelt war und zumindest die Rassentrennung aufrechterhielt (Jim-Crow-Gesetze 1876). Der einzige demokratische Präsident im Gilded Age, Steven G. Cleveland, glaubte an Selbstregulierung der Gesellschaft und die Dezentralisierung. Im Norden dagegen integrierten die Demokraten zunehmend die auf soziale Reformen orientierte Arbeiterbewegung, sodass hier die Konservativen eher Republikaner waren, die aber 1901 mit Theodore Roosevelt einen Reformer und Interventionisten an die Spitze stellten. Insofern wiesen beide großen Parteien je zwei konträre Flügel auf.
Evangelikale Erweckungsbewegungen, besonders in der Ausprägung des Methodismus, sorgten im 19. Jahrhundert für eine sich intensivierende religiöse Prägung der USA. Während die Gründerväter der Vereinigten Staaten überwiegend säkular geprägte Juristen und Offiziere gewesen waren, hatten die frühen Einwanderer, etwa die Pilgerväter, die 1620 auf der Mayflower in der historisch emblematischen Plymouth Colony eingetroffen waren, als calvinistisch geprägte Puritaner eine stark religiöse Prägung mitgebracht und ihre Identität gerade aus dem Bruch mit den monarchisch-obrigkeitlich-staatskirchlichen Traditionen der Alten Welt gewonnen. Die calvinistische Prädestinationslehre wurde dann durch den Einfluss der Heiligungsbewegung und prägender Theologen wie Charles Grandison Finney und Dwight Lyman Moody jedoch zurückgedrängt, welche die Auffassung vertraten, dass der Mensch einen freien Willen habe und über sein Heil und seine Seelenrettung mitentscheiden könne. Der charismatische Prediger Finney begründete die öffentlichen Massenbekehrungen, in dem von Moody 1889 gegründeten Chicago Bible Institute wurden zahlreiche Evangelisten und Missionare ausgebildet.Jochen Klein: Dwight Lyman Moody (1837–1899), Soundwords, 1. Januar 2001.
In der Außenpolitik waren sowohl die gegen Europa gerichtete Monroe-Doktrin 1823, der Eintritt in den Imperialismus mit der Koloniennahme 1898 nach dem Amerikanisch-Spanischen Krieg als auch der Eintritt in den Ersten Weltkrieg 1917 mit der Wehrpflicht und dem globalen Engagement (Präsident Wilson „to make the world safe for democracy“) Streitfragen zwischen den Lagern.
Mit der Monroe-Doktrin wurde Kurs auf eine weitere Expansion im Süden und Westen bis zum Pazifik auf Kosten der alten Kolonialmächte Spanien und Großbritannien genommen, einvernehmlich zwischen den Lagern, dem Präsidenten Monroe einerseits und andererseits seinem Außenminister und Nachfolger John Quincy Adams von den aufgelösten Federalists. Gegner dieser antibritischen Politik waren aber die konservativen Südstaatler wegen ihrer besonderen Handelsinteressen. Ihr Führer war John C. Calhoun aus South Carolina (A Disquisition on Government), der später energisch die Sklavenhaltung verteidigte.
Der Übergang von der im antikolonialistischen Freiheitskampf entstandenen Nation zur Kolonialmacht in Kuba und den Philippinen sowie zur Annexion von Hawaii geschah zwar im Konsers der industriellen Power Elite in Washington, doch regte sich dagegen hartnäckiger Widerspruch in beiden politischen Lagern. Eine neue Anti-Imperialist-League bekämpfte die koloniale Wende, dazu gehörten die konservativen Demokraten Expräsident Cleveland und John G. Carlisle. Der Senator von Louisiana Donelson Caffery fürchtete den billigen Zuckerimport als Konkurrenz. Der republikanische Kongressabgeordnete Henry U. Johnson stimmte als einer von sechs gegen die Kriegserklärung an Spanien. Den pro-imperialistischen Panamerikanismus gab es allerdings auch im konservativen Spektrum.