Das Massaker von Zeret fand zwischen dem 9. und 11. April 1939 während des Abessinienkriegs statt. Soldaten des faschistischen Italien ermordeten in der Region Caia Zeret in der Provinz Shewa nordöstlich von Addis Abeba durch den Einsatz von Giftgas und durch Massenerschießungen eine unbekannte Anzahl von Menschen. Die Angaben über die Opferzahlen reichen dabei von 800 bis zu über 5.500 Menschen, darunter Frauen und Kinder.

Vorgeschichte mini|Äthiopische Widerstandskämpfer, sogenannte Arbenuoch Nach der Besetzung Addis Abebas am 5. Mai 1936 durch die von Pietro Badoglio angeführten Truppen und der vollmundigen Verkündung des italienischen Sieges, machte sich die italienische Besatzungsmacht daran, auch das übrige Abessinien zu befrieden. Der zentralen abessinischen Provinz Shewa, von den Italienern Scioa bezeichnet, zu der auch die Hauptstadt Addis Abeba gehörte, kam dabei eine besondere Bedeutung zu. Gerade in dieser Region hatte sich von Anfang an, der von einer breiten Bevölkerungsschicht getragene äthiopische Widerstand bemerkbar gemacht. So wurde die Hauptstadt Ende Juli 1936 gleich von mehreren äthiopischen Widerstandsgruppen den sogenannten Arbagnoch (dt. Patrioten) angegriffen. Die Italiener reagierten mit einer Reihe von Polizeiaktionen, die über das ganze Land verstreut zyklisch bis zum italienischen Kriegseintritt in den Zweiten Weltkrieg im Juni 1940 vorgetragen wurden.Nicola Labanca: La guerra d’Etiopia 1935–1941. S. 189–191.

Angeführt wurde die Widerstandsbewegung in der Provinz Shewa von Haile Mariam Mammo und Ras Abebe Aragai. Letzterer war unter Haile Selassie Polizeichef der äthiopischen Hauptstadt gewesen und wurde von den Italienern als kleiner Negus bezeichnet. In den ersten beiden Besatzungsjahren führten die Italiener unter dem Statthalter und Vizekönig von Abessinien Rodolfo Graziani zahlreiche Aktionen gegen die als Rebellen bezeichneten Widerstandskämpfer durch, darunter die Massaker von Addis Abeba und Debre Libanos 1937, denen mehrere tausend Menschen zum Opfer fielen. Nichtsdestotrotz konnte der äthiopische Widerstand weder gebrochen noch entscheidend geschwächt werden.Matteo Dominioni: Etiopia 11 aprile 1939. La strage segreta di Zeret. S. 493.

Nach der Ablösung Grazianis durch Amedeo von Savoyen-Aosta 1938 änderte sich die offizielle Haltung Italiens und man versuchte mit Ras Aragai zu verhandeln. Die Verhandlungen zogen sich bis März 1940 hin. Das Ziel, den Widerstand mittels Verhandlungen zu lähmen, gelang nicht. Vielmehr war es Amadeus von Savoyen, dem zunehmend die Zügel aus der Hand glitten und der ab 1939 de facto in den Schatten von General Ugo Cavallero, dem militärischen Oberbefehlshaber in Italienisch-Ostafrika, rückte. Letzterer hielt nichts von Diplomatie, verstärkte die Aktionen gegen die vermeintlichen Rebellen und schreckte auch, ganz im Sinne Grazianis, vor Gewaltexzessen nicht zurück.Matteo Dominioni: Etiopia 11 aprile 1939. La strage segreta di Zeret. S. 494.

Polizeiaktionen in Shewa Zwischen Februar und April 1939 fanden nordöstlich von Addis Abeba in der Region Mens und Marabetiè größere Aktionen gegen den Widerstand statt, mit dem Ziel Aragai zu verhaften oder unschädlich zu machen. Vorausgegangen war eine Besprechung zwischen Cavallero und Oberst Orlando Lorenzini am 21. Februar 1939, in der vereinbart wurde, sich nicht unnötig mit Repressalien aufzuhalten, um nicht unnötig Zeit bei der Jagd nach Aragai zu verlieren, was allerdings nicht immer eingehalten wurde.Matteo Dominioni: Etiopia 11 aprile 1939. La strage segreta di Zeret. S. 494–495.

Zu ersten Zusammenstößen mit den äthiopischen Rebellen kam es bereits am 23. und 25. Februar. Allein die Anzahl der Toten, 97 auf Seiten der Äthiopier sowie 24 Askari auf Seiten der Italiener, zeigt, dass sich hinter diesen als Polizeiaktionen bezeichneten Unternehmungen militärisch organisierte Operationen versteckten. Bei einem weiteren Treffen in Addis Abeba zwischen Cavallero und Lorenzini wurde am 7. März eine große Operation um Debre Berhan beschlossen. Ein Angriff auf die von Aragai angeführte etwa zwei- bis dreitausend Mann starke Rebellengruppe am 14. März, forderte nach offiziellen italienischen Angaben 311 Tote. Laut italienischen Stellen handelte es sich dabei um Nachschubeinheiten. Vermutlich wurde aber die Nachhut von Aragais Truppe getroffen, die sich erfahrungsgemäß aus Familienmitgliedern der Widerstandskämpfer und Flüchtlingen zusammensetzte. In den folgenden Tagen wurden weitere „Razzien“ durchgeführt, wobei aufgrund des unwegsamen Geländes auch auf die Luftwaffe zurückgegriffen wurde. Auf Ratschlag des Oberbefehlshabers der italienischen Luftstreitkräfte in Italienisch-Ostafrika General Gennaro Tedeschini Lalli beschränkte sich die Luftwaffe nicht nur auf den Abwurf von konventionellen Sprengbomben, sondern warf auch mit Senfgas gefüllte Bomben auf vermeintliche Verstecke der Rebellen ab. Den Giftgasangriffen fielen dabei nicht nur Widerstandskämpfer, sondern auch Frauen und Kinder zum Opfer, traf aber versehentlich auch eigene Truppen.Matteo Dominioni: Etiopia 11 aprile 1939. La strage segreta di Zeret. S. 496–498.

Mussolini beglückwünschte die Aktion in Shewa und ordnete die vollständige Niederschlagung des Aufstandes an. Einmal unterdrückt solle man sich anschließend der Rebellion in Asmara zuwenden. Bis Ende März waren auf Seiten der Äthiopier über 1000 Tote zu verzeichnen, während auf Seiten der Italiener zwei Offiziere, vier Soldaten und 47 Askari gefallen waren. Laut den offiziellen Berichten wurde auf Massenexekutionen verzichtet, um die Befriedung voranzutreiben. Übergriffe auf die Zivilbevölkerung, Plünderungen und Brandschatzungen waren aber in Wahrheit gang und gäbe. Mit der Übernahme des Kommandos in der Region Nordost-Shewa durch Lorenzini am 1. April nahmen die Repressalien sowohl in ihrer Anzahl als auch an Härte noch zu. In dieser zweiten Phase wurde keine Rücksicht mehr auf die Zivilbevölkerung genommen.Matteo Dominioni: Etiopia 11 aprile 1939. La strage segreta di Zeret. S. 498–499.Matteo Dominioni: Lo sfascio dell'impero: gli italiani in Etiopia, 1936-1941. S. 209. mini|Gennaro Sora, befehlshabender Offizier während der Aktion in Zeret

Belagerung der Höhle Am 30. März spürten italienische Aufklärungsflugzeuge im nördlichen Shewa eine größere Gruppe von Rebellen auf. Von den Italienern als Nachschubeinheiten von Abebe Aragai definiert, handelte es sich größtenteils um Verwundete, Alte, Frauen und Kinder, die von einigen bewaffneten Rebellen unter der Führung von Tesciommè Sciangut (auch Tashoma Shankut) begleitet wurden. Um sich der weiteren Verfolgung entziehen, zog sich die Gruppe in ein Höhlensystem in der Region Caia Zeret südwestlich des Ortes Mehal Meda im Woreda Menz Lalo Midir zurück. Die Gruppe glaubte sich in der Höhle von Zeret, in Äthiopien auch als Amesegna Washa bekannt,Gashaw Ayferam Endaylalu: Mustard Gas Massacres and Atrocities Committed by Italy in 1939 Against the Inhabitant of Menz, Merhabete, and Jamma in Amesegna Washa/Zeret Cave. S. 501. in Sicherheit, da der schmale Zugangsweg zu dem in einer Felswand gelegenen Höhleneingang am Rand eines Hochplateaus leicht zu überwachen und zu verteidigen war. Der etwa 40 m breite Höhleneingang lag unter einer etwa 50 m hohen überhängenden Felswand auf einer Höhe von etwa und war durch eine Trockenmauer zusätzlich geschützt worden.

Lorenzini hatte unterdessen seinen Bodentruppen befohlen, die Verfolgung aufzunehmen, die Gruppe aufzuspüren und einzukesseln. Nachdem das Versteck ausgemacht worden war und nach einigen Tagen der Belagerung keine Fortschritte zu verzeichnen waren, wurde um Artillerieunterstützung gebeten. Daraufhin wurden zwei auf Tragtieren zerlegte 65-mm-Gebirgsgeschütze herangeführt und in Stellung gebracht. Bei der folgenden Beschießung wurde die Trockenmauer teilweise zum Einsturz gebracht, während andere Artilleriegeschosse im Inneren der Höhle explodierten. Nachts wurde der Zugangsweg von Maschinengewehren unter Beschuss genommen, um den einzigen Fluchtweg aus der Höhle abzuriegeln.Alfredo González-Ruibal, Yonatan Sahle, Xurxo Ayán Vila: A social archaeology of colonial war in Ethiopia. o. S.Alessandro Boaglio: Plotone chimico. Cronache abissine di una generazione scomoda. S. 98.

Eine Anfrage Lorenzinis beim italienischen Oberkommando nach Flammenwerfern wurde am 3. April abgelehnt. Zuvor hatte der vor Ort befehlende Oberstleutnant Gennaro Sora, ein im Ersten Weltkrieg mehrfach ausgezeichneter Alpini-Offizier, der 1928 an der Rettungsaktion der Überlebenden des Absturzes des Luftschiffes Italia beteiligt war und von Mussolini zum Volkshelden ernannt worden war, übermittelt, dass den in der Höhle eingeschlossenen Rebellen, die über ausreichend Wasser und Verpflegung verfügten, nur mit dem Einsatz von Flammenwerfern beizukommen sei. Fallen gelassen wurde auch, den Höhleneingang zu sprengen und die Rebellen in der Höhle lebendig zu begraben.Matteo Dominioni: Etiopia 11 aprile 1939. La strage segreta di Zeret. S. 500–501.Federica Saini Fasanotti: Etiopia: 1936-1940: le operazioni di polizia coloniale nelle fonti dell’Esercito italiano. S. 353.

Der Versuch, über Verhandlungen zum Erfolg zu kommen, in denen zugesichert wurde, die Frauen und Kinder abziehen zu lassen, falls sich die Rebellen widerstandslos ergeben würden, scheiterte ebenso. In der Nacht auf den 5. April versuchten die Widerstandskämpfer mit einem Ablenkungsmanöver vergeblich die italienischen Belagerer von der Höhle wegzulocken.Federica Saini Fasanotti: Etiopia: 1936-1940: le operazioni di polizia coloniale nelle fonti dell’Esercito italiano. S. 353–354.

In den nachfolgenden Tagen griffen die Italiener ihrerseits die in der Höhle verschanzten Äthiopier mehrmals an, konnten aber keine Entscheidung herbei zwingen. Vielmehr mussten sie wie die Belagerten, die Leichen aus der Höhle warfen, Verluste hinnehmen. Eingeschlossene Zivilisten, die aus der Höhle flüchten wollten, wurden gefangen und an den Rand der Felswand gebracht und von Maschinengewehrsalven niedergemäht. Ein Ausbruchsversuch der Rebellen am 7. April scheiterte im italienischen Sperrfeuer.Gashaw Ayferam Endaylalu: Mustard Gas Massacres and Atrocities Committed by Italy in 1939 Against the Inhabitant of Menz, Merhabete, and Jamma in Amesegna Washa/Zeret Cave. S. 507Federica Saini Fasanotti: Etiopia: 1936-1940: le operazioni di polizia coloniale nelle fonti dell’Esercito italiano. S. 354.

Giftgaseinsatz und Exekutionen Um eine Entscheidung herbei zu zwingen, fragte Sorra die Unterstützung der chemischen Kampfmitteltruppe an. Daraufhin brach von Massaua ein aus zehn Mann bestehender Kampfmittel-Zug der Division Granatieri di Savoia in Richtung Debre Berhan auf, der 100 mit Arsen gefüllte Artilleriegranaten Kaliber 65/17 sowie eine mit 212 kg Senfgas gefüllte C.500.T-Fliegerbombe mit sich führte.Matteo Dominioni: Lo sfascio dell'impero: gli italiani in Etiopia, 1936-1941. S. 210.Alessandro Boaglio: Plotone chimico. Cronache abissine di una generazione scomoda. S. 99.

Bevor es über Debre Berhan auf dem letzten Stück auf Maultieren nach Caia Zeret ging, das man zwei Tage später am 8. April erreichte, wurde das Senfgas in zwölf kleinere Tonnen umgefüllt. Auf dem Weg dorthin musste eine der mit Senfgas gefüllten Tonnen aufgegeben werden, nachdem der Behälter undicht geworden war. Dabei trug ein italienischer Unteroffizier Verätzungen davon, die behandelt werden mussten.Alessandro Boaglio: Plotone chimico. Cronache abissine di una generazione scomoda. S. 100–108.