mini|Georg Lukács (1952) Georg Bernard Lukács [] (, * 13. April 1885 als Bernát György LöwingerEintrag im Israelitischen Geburtsregister lt. István Hermann: Georg Lukács. Sein Leben und sein Wirken. Böhlaus Nachf., Wien / Köln / Graz 1986, S. 7. in Budapest, Österreich-Ungarn; † 4. Juni 1971 in Budapest, Volksrepublik Ungarn) war ein ungarischer marxistischer Philosoph, Literaturwissenschaftler und -kritiker sowie kommunistischer Politiker. Lukács gilt – zusammen mit Ernst Bloch, Antonio Gramsci und Karl Korsch – als Mitbegründer und bedeutender Vertreter des Neomarxismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Leben und Wirken Georg Lukács stammte aus einer wohlhabenden Familie des ungarisch-jüdischen Bürgertums: Der Vater – er war als Gewerbetreibender aus Szeged nach Budapest gekommen und hieß ursprünglich Josef Löwinger – erhielt im Jahr 1890 auf Beschluss des Innenministeriums den Familiennamen Lukács. József Lukács, der inzwischen als Bankdirektor die Budapester Vertretung der Anglo-Österreichischen Bank führte,Fritz J. Raddatz: Georg Lukács in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1972, S. 7 u. 10. wurde am 1. Mai 1899 in den ungarischen Adelsstand erhoben und erhielt, wie alle seine direkten Nachkommen, das Territorialprädikat „szegedi“ (deutsch „von Szeged“). Die Mutter Adele Lukács, geborene Wertheimer aus Wien, war Erbin eines Zweiges der Holzhändlerdynastie Neuschloss. Gemeinsam mit der Schwester Maria und dem Bruder Hans (János) wuchs der Sohn in seiner Herkunftsfamilie durch das Erlernen des Ungarischen und des Deutschen zweisprachig auf.

Lukács war Schüler des Evangelischen Gymnasiums, wo er die Reifeprüfung ablegte. Zusätzlich zur klassischen Pflichtlektüre las er auch Friedrich Hebbel. Nach dem Abitur studierte er ab 1902 zunächst Jura und Nationalökonomie an der Universität Budapest. Während des Studiums gründete er im Jahr 1904 – zusammen mit seinem Freund Marcell Benedek und der Hilfe von Lajos Bálint und Sándor Hevesi – die Thália-Gesellschaft als ein freies Theater,István Hermann: Georg Lukács. Sein Leben und sein Wirken. Böhlaus Nachf., Wien / Köln / Graz 1986, S. 10, 13 u. 17.Frank Benseler: Ein Lokalpatriot der Kultur. In: Frank Benseler (Hrsg.): Festschrift zum 80. Geburtstag von Georg Lukács. Verlag Hermann Luchterhand. Neuwied / Berlin 1965, S. 14. an dem er mehrere Jahre als Regisseur und Dramaturg tätig war. Unter seiner Leitung kamen u. a. Werke von Gorki, Ibsen, Hauptmann und Strindberg zur Aufführung.Andor Gábor: Biobibliographie von Georg Lukács. Manuskript 1940. Im Oktober 1906 wurde Lukács in Kolozsvar (Siebenbürgen) bei Bódog SomlóIstván Hermann: Georg Lukács. Sein Leben und sein Wirken. Böhlaus Nachf., Wien / Köln / Graz 1986, S. 26. zum Doktor der Staatswissenschaft promoviert.Georg Lukács: Curriculum vitae. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Georg Lukács. (= Text + Kritik, Heft 39/40). Richard Boorberg Verlag, München 1973, S. 5–7. Danach studierte er Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie und wurde im November 1909Konrad Lotter: Georg Lukács. In: Julian Nida-Rümelin (Hrsg.): Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Alfred Kröner, Stuttgart 1991, S. 360–368. mit der in ungarischer Sprache verfassten Dissertation Über die Theorie des modernen Dramas zum Doktor der Philosophie promoviert.Helga Gallas: Marxistische Literaturtheorie. Kontroversen im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. 4. Auflage. Verlag Roter Stern, Frankfurt am Main 1978, S. 232–233.Lukács wurde im Mai 1920 vom Universitätssenat der akademische Grad Doktor der Philosophie entzogen, da er als eine Hauptstütze der Proletarierdiktatur den Doktoreid verletzt habe. – Siehe: In diesen frühen Budapester Jahren beeinflussten die Dichter Béla Balázs und Endre Ady den weiteren Werdegang von Lukács, der 1908 auch mit der neuen Zeitschrift Nyugat in Verbindung kam. Um 1915 gründeten Lukács und Balázs eine Sonntagsgesellschaft (Vasárnap-Társaság), an deren Diskussionen sich Karl Mannheim, Arnold Hauser, Béla Fogarasi, Frederick Antal, Anna Lesznai und Charles de Tolnay beteiligten.Erhard Lange, Dietrich Alexander (Hrsg.): Philosophenlexikon. Verlag Das europäische Buch, Berlin 1982, Lemma Lukács, Georg, S. 583–584.

Ab dem Wintersemester 1909/1910 folgte ein Studium bei Georg Simmel an der Humboldt-Universität zu Berlin.Fritz J. Raddatz: Georg Lukács in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1972, S. 12. Zwischen September 1911 und Mai 1912 hält sich Lukács zumeist in Florenz auf. In dieser Zeit lernte er Ernst Bloch kennen.István Hermann: Georg Lukács. Sein Leben und sein Wirken. Böhlaus Nachf., Wien / Köln / Graz 1986, S. 46–47.

Seit 1913 lebte Lukács in Heidelberg und studierte bei Heinrich Rickert und Wilhelm Windelband. Im August 1913 begann im italienischen Kurort Bellaria bei einem Besuch des Ehepaares Balázs zwischen Georg Lukács und der Malerin Jelena Andrejewna Grabenko (geb. 1889) eine Freundschaft. Das Paar heiratete im Mai 1914 in Heidelberg.István Hermann: Georg Lukács. Sein Leben und sein Wirken. Böhlaus Nachf., Wien / Köln / Graz 1986, S. 50–51. Die Ehe wurde 1918 geschieden.Archiv Bibliographia Judaica (Hrsg.): Lexikon deutsch-jüdischer Autoren. Band 16. K. G. Saur, München 2008, S. 226. In Heidelberg hatte Lukács Kontakte mit Max Weber, Emil Lask und Ernst Bloch. Zum Kreis um Stefan George bestand nur eine distanzierte Beziehung. In den Heidelberger Jahren verfasste Lukács Die Theorie des Romans (1914/1915). Ab 1915 pendelte Lukács zwischen Heidelberg und Budapest hin und her. Ab Ende 1917 blieb er jedoch in seiner Heimatstadt, wo er zusammen mit Karl Mannheim, Arnold Hauser, Ervin Szabó und Béla Fogarasi eine Freie Schule für Geisteswissenschaften organisierte. Zugleich lehrte Lukács im radikalen Galileo Kreis (Galilei Kör),Perry Anderson: Über den westlichen Marxismus. Syndikat, Frankfurt am Main 1978, S. 77. dem beispielsweise Ilona Duczyńska angehörte.

Infolge der Russischen Revolution von 1917 kam es in Budapest am 24. November 1918 unter Béla Kun zur Gründung der Ungarischen Kommunistischen Partei, der Lukács einen Monat später beitrat. Und er begann, die Werke von Karl Marx – vor allem das Werk Das Kapital – systematisch zu studieren. Rückblickend bezeichnete Lukács den Marxismus als Vereinigung der Ethik von Fichte mit der historischen Methode von Hegel.István Hermann: Georg Lukács. Sein Leben und sein Wirken. Böhlaus Nachf., Wien / Köln / Graz 1986, S. 80–81 u. 91.

mini|Lukács als Volks- und Politkommissar der Ungarischen Räterepublik (1919) Während der ungarischen Räterepublik, die vom 21. März bis zum 1. August 1919 existierte, war Lukács in der Regierung von Béla Kun zunächst als Stellvertreter des Volkskommissars für das Unterrichtswesen und im Sommer 1919 als alleinverantwortlicher Kommissar tätig.Fritz J. Raddatz: Georg Lukács in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1972, S. 37. In den Monaten von April bis Juni 1919 war er auch als politischer Kommissar der 5. Division der ungarischen Roten Armee an allen Fronten an Einsätzen beteiligt. In seinen autobiographischen Erinnerungen berichtet Lukács aus dieser Zeit, dass er im Ungarisch-Rumänischen Krieg ein außerordentliches Kriegsgericht einberufen habe, um acht Personen eines nach seinen Worten aus dem Ort Tiszafüred geflohenen Verteidigungsbataillons auf dem Marktplatz im Ort Poroszló erschießen zu lassen. Danach sei die Ordnung wieder hergestellt gewesen.Vgl. Gelebtes Denken. Eine Autobiographie im Dialog. Frankfurt am Main 1981, S. 105.

Nach der Niederlage der ungarischen Räterepublik im August 1919 und der Machtübernahme durch Miklós Horthy ging Lukács – gemeinsam mit dem Schriftsteller Ottó Korvin – in die Illegalität, doch dann floh er nach Wien, wo sich eine Freundschaft zum Schriftsteller Andor Gábor entwickelte.István Hermann: Georg Lukács. Sein Leben und sein Wirken. Böhlaus Nachf., Wien / Köln / Graz 1986, S. 99. Einem ungarischen Auslieferungsbegehren folgend wurde Lukács im Oktober 1919 verhaftet. Daraufhin begann eine öffentliche Kampagne zugunsten Lukács, an der sich Richard Beer-Hofmann, Richard Dehmel, Paul Ernst, Bruno Frank, Maximilian Harden, Alfred Kerr, Thomas Mann und Heinrich Mann beteiligten. In Wien lebte Lukács, der nach der Freilassung unter Aufsicht gestellt wurde, mit seiner späteren zweiten Ehefrau Gertrud Jánossy Bortstieber (1882–1963)deutsche-biographie.de Deutsche Biographie. Abgerufen am 23. März 2024. zusammen. Zur Lebensgemeinschaft gehörten die beiden Jánossy-Söhne und die gemeinsame Tochter Anna Jánosi (19. Februar 1919 – 21. März 1981).István Hermann: Georg Lukács. Sein Leben und sein Wirken. Böhlaus Nachf., Wien / Köln / Graz 1986, S. 102 und S. 111. (Das Paar heiratete aus politischen und wirtschaftlichen Gründen erst in Moskau.) Lukács war ein führendes Mitglied der emigrierten Kommunistischen Partei Ungarns und als Herausgeber der Zeitschrift Kommunismus tätig. Er zählte zur Fraktion um Jenő Landler, die im Gegensatz zu den in Moskau lebenden Genossen Béla Kun und Mátyás Rákosi stand.Fritz J. Raddatz: Georg Lukács in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1972, S. 61–66.

Ab 20. Mai 1923 nahm Lukács für acht Tage an der Marxistischen Arbeitswoche in Geraberg bei Arnstadt in Thüringen teil.

Für den II. Kongreß der illegalen KPU 1928 hatte Lukács unter seinem Parteinamen Blum einen Text verfasst, der als Blum-Thesen bekannt wurde.Siehe Georg Lukács: Schriften zur Ideologie und Politik. Herausgegeben von Peter Ludz. Luchterhand, Neuwied / Berlin 1967, S. 290ff. und S. 783. In diesen Thesen formulierte der Autor den Gedanken einer demokratischen Diktatur des Proletariats, womit er sich in Widerspruch zur Parteilinie der KPU brachte. Ebenso wurde Lukács vom Sekretariat der Komintern heftig attackiert und zu einer Selbstkritik gezwungen.Perry Anderson: Über den westlichen Marxismus. Syndikat, Frankfurt am Main 1978, S. 52–53. Fritz J. Raddatz meint zu den Thesen, Lukács habe sich aus kluger politischer Taktik und theoretischer Arbeit eine eigene ungewöhnliche Position gebaut.Fritz J. Raddatz: Georg Lukács in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1972, S. 67.

Nach dem Tod von Jenő Landler am 24. Februar 1928 wurde Lukács im März des Jahres in das Zentralkomitee der kommunistischen Partei Ungarns kooptiert, ebenso in die Leitung des Auslandskomitees.

Am 3. Mai 1928 wurde Lukács durch österreichische Sicherheitsorgane wegen des Verdachts, mit dem ebenfalls wiederholt nach Wien zurückkehrenden Béla Kun in Geheimbündelei wider Deutsch-Österreich bzw. dessen Gesetze agiert zu haben, verhaftet. Während Kun der Prozess gemacht wurde, war Lukács wegen Verfahrenseinstellung aus der Haft zu entlassen. Am 14. Juni 1928 wurde seine für Wien gültige Aufenthaltsgenehmigung widerrufen, verbunden mit einer zehntägigen Frist bis zur Ausweisung aus Deutsch-Österreich.

mini|Titelblatt Die Linkskurve Nr. 3, Oktober 1929