mini|Die Festspielbühne in der Stiftsruine

Die Bad Hersfelder Festspiele finden jährlich im Sommer in Bad Hersfeld statt.

Auf der 1400 m² großen Bühne in der Stiftsruine werden Schauspiel, Musical sowie Theateraufführungen für die ganze Familie gezeigt. Die Bestuhlung bietet derzeit rund 1300 Zuschauern Platz. Das mobile Dach über dem Zuschauerraum der Stiftsruine macht Aufführungen bei jedem Wetter möglich. Zudem wird ein komödiantisches Theaterstück auf einer Freilichtbühne im Innenhof des Schlosses Eichhof aufgeführt.

Anfänge Nachdem die Stiftskirche von Hersfeld im Jahre 1761 bei einem Brand zerstört worden war, war der Sakralbau schon während der Sturm-und-Drang-Zeit Veranstaltungsort von Feiern mit Musik und Chören sowie gelegentlichen Theateraufführungen. Diese wurden von den Hersfelder Bürgern organisiert. Im Vormärz fanden in der Ruine politische Kundgebungen und Versammlungen statt.

Mit dem Bau der Kaserne (heute Finanzamt) 1864 wurde der Stiftsbezirk Kasernengelände, somit gab es erst 1871 wieder Aufführungen. Es fanden vaterländische Spiele und Gedenkfeiern zum Sedantag statt. In den folgenden Jahren wurden auch Romanhandlungen von Gustav Freytag und Ernst von Wildenbruch organisiert. Des Weiteren gab es frühe Filmvorführungen (Praxinoskop), zum Beispiel über die Rettung Hersfelds durch Oberstleutnant Johann Baptiste Lingg im Jahre 1807.

Aufgrund dieser Laienspieltradition versuchte 1896 der Direktor des Hersfelder Gymnasiums, Konrad Duden, Volksfestspiele zu etablieren. Dies scheiterte zwar, aber aufgrund dieser Initiative wurde 1902 der Festspielverein Hersfeld e. V. gegründet. Dieser Verein brachte Stücke mit regionalem Bezug zur Aufführung, die nur für die Stiftsruine geschrieben wurden. Das waren zum Beispiel Bruder Lolls, Der Abt von Hersfeld, aber auch unabhängig vom Festspielverein 1928 das Stück Vitalisnacht. In dieser Zeit entdeckte der Musikpädagoge des Gymnasiums, Alfred Fischer, die gute Akustik in der Stiftsruine und brachte von 1919 bis 1939 insgesamt dreizehn Mal das musikalische Melodrama Das Hexenlied (geschrieben von Ernst von Wildenbruch) zur Aufführung. Das Melodram inszenierte er für die Abendstunden bei Fackelbeleuchtung. Fischer brachte 1919 Die Jahreszeiten, 1927 Die erste Walpurgisnacht und 1932 Die Schöpfung zur Aufführung. Durch den sich entwickelnden Kurbetrieb wurde die Ruine auch für Konzertaufführungen genutzt.

Die 1930er Jahre waren geprägt von mystifizierenden Heimat- und Schollenspielen. So wurde zum Stadtjubiläum 1936 das Stück der Heilige Grund (ein szenisches Spiel von Karl Schmidt) aufgeführt. Im Mai 1936 brachte der Intendant Franz Ulbrich (auch Intendant des Staatstheaters in Berlin und ehemaliger Intendant des Nationaltheaters und der Festspiele in Weimar) Faust I vor 3000 Zuschauern zur Aufführung, gefolgt im August 1936 von Stationen aus Faust I und Faust II. Die Aufführungen im August 1936 unter der Leitung von Wilhelm Leyhausen wurden schon als Festspiele bezeichnet, bei denen auch eine Gruppe Berliner Schauspieler anreiste. Das Stück Die Stunde des Kaisers (geschrieben von Erich Brauer unter musikalischer Leitung von Hans Petsch) fand mit Schauspielern aus Berlin und München statt. Der Berliner Sprechchor führte das Stück Der gefesselte Prometheus von Aischylos auf. Auch Szenen aus Pandora sowie Musikstücke von Schubert, Hebbel und Beethoven wurden gespielt.

Im Zweiten Weltkrieg gab es keine Aufführungen in der Stiftsruine. Aber schon wenige Monate nach Kriegsende begann das kulturelle Leben in der Stadt erneut, mit Konzerten in der Stadthalle. Von 1946 bis 1948 gastierte hier das Staatstheater Kassel dauerhaft. 1947 wurde die Stiftsruine für Gottesdienste im Freien genutzt und im September 1949 fand eine Goethe-Festspielwoche zum 200. Geburtstag Goethes statt. Sie wurden von wenigen kulturinteressierten Bürgern initiiert. Der Intendant war Franz Ulbrich (zu dieser Zeit Regisseur in Kassel). Diese Festspielwoche gilt als Geburtsstunde des noch heute stattfindenden Festspiels.

Spielzeiten der Festspiele 1951 bis 1959 Im Jahre 1951 wurde der Salzburger Johannes Klein als Intendant verpflichtet. Er war Schüler von Max Reinhardt. Klein und der Verein „Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine“ gründeten die Festspiele nach dem Vorbild der Mysterienspiele von Salzburg. Klein verlieh seinen Aufführungen zusätzliche Dramatik, indem er die Atmosphäre der Stiftsruine in der Abenddämmerung nutzte. Bis Mitte der 1960er Jahre war es üblich, dass man nach der Aufführung die Ruine andächtig und ohne Applaus verließ.

Klein nutzte seine Verbindung nach Salzburg und brachte unter anderem die Schauspieler Lil Dagover, Paula Wessely, Hannsgeorg Laubenthal, Albin Skoda, Attila Hörbiger, Elisabeth Flickenschildt, Birgit Nilsson und Ida Ehre auf die größte Bretterbühne Deutschlands.

Seit 1952 finden die Festspiele unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten statt und wurden in diesem Jahr von Theodor Heuss eröffnet. 1954 hielt er in der Stiftsruine eine Ansprache zum 25. Todestag von Hugo von Hofmannsthal. Die erste Oper Fidelio wurde 1953 aufgeführt. 1954 gab es erstmals vier Aufführungen. 1957 wurde Romeo und Julia vom deutschen, österreichischen und schweizerischen Fernsehen übertragen. 1958 eröffnete Willy Brandt die Festspiele und 1959, dem letzten Jahr von Kleins Intendanz, besuchte Winifred Wagner die Festspiele.

1960 bis 1965 Ab 1960 übernahm der Hollywood-Regisseur William Dieterle die Intendanz. Dieterle holte in dieser Zeit unter anderen Bettina Feddersen, Hilde Krahl, Ruth Niehaus, Erika Pluhar, Witta Pohl und Klausjürgen Wussow nach Bad Hersfeld. Heinrich Lübke eröffnete 1960 die Festspiele und besuchte sie in den Jahren 1961 und 1963.

Dieterle brachte 1961 mit dem Sommernachtstraum von Shakespeare das erste Lustspiel auf die Bühne. Es war aber immer noch üblich, dass man in der Stiftsruine nicht applaudierte oder lachte.

Seit 1962 wird der Hersfeld-Preis jährlich von der Stadt Bad Hersfeld an Schauspieler verliehen.

1966 bis 1975 Mit dem Antritt von Ulrich Erfurth (Schüler von Gustaf Gründgens und Generalintendant der städtischen Bühnen in Frankfurt) 1966 als Intendant, wurde der Brauch, ohne Beifall aus der Stiftsruine zu gehen, beendet. In diesem Jahr stand im Programmheft: „Von der bisherigen Gepflogenheit, Beifallsäußerungen in der Stiftsruine zu unterlassen, möchten wir ab dieser Spielzeit Abstand nehmen.“

Erfurth erreichte mit der Komödie Was ihr wollt von Shakespeare mit Theo Lingen einen großen Erfolg. 1969 übernahm Gustav Heinemann die Schirmherrschaft und 1975, dem 25-jährigen Jubiläum der Festspiele, wurde Erfurth das Bundesverdienstkreuz verliehen.

In diesen Jahren konnte man auf der Bühne der Stiftsruine Theo Lingen, Götz George, Walter Giller, Volker Lechtenbrink, Karlheinz Böhm, Gerlinde Locker, Nicole Heesters und Will Quadflieg sehen.

1976 bis 1981 Der Intendant des Deutschen Theaters in Göttingen, Günther Fleckenstein, übernahm ab 1976 die Leitung der Festspiele. 1977, im Todesjahr von Carl Zuckmayer, hielt Fleckenstein eine Rede über Zuckmayers Werk und eine im Rahmen der Festspiele organisierte Zuckmayer-Ausstellung wurde von Alice Herdan, der Frau von Zuckmayer, eröffnet. 1978 eröffnete der Bundesratspräsident Gerhard Stoltenberg die Festspiele. In diesem Jahr gab es auch erstmals ein großes Rahmenprogramm um die Festspiele. Es wurden Festspielkonzerte veranstaltet und Ausstellungen, Straßentheater, Pantomime, Soireen, Matineen, Jazzabende und Kindertheater machten die Festspiele zu einer Veranstaltung, die in der ganzen Stadt gefeiert wurde (Hessisches Avignon). In seinem Abschiedsjahr 1981 brachte Fleckenstein mit Der Mann von La Mancha zum ersten Mal ein Musical auf die Bühne.

In dieser Zeit spielten hier Mario Adorf, Günter Strack, Friedrich Schütter, Frank Hoffmann und Sigmar Solbach.

1982 1982 wurde Reinhold Olszewski Intendant der Festspiele. Seine Intendanz sei, so Olszewski, der Höhepunkt seiner Karriere gewesen. Olszewski kam aus Santiago de Chile, wo er lange die Intendanz des dortigen Theaters innehatte. Er starb 1982 an Krebs, kurz nach seiner ersten Saison in Bad Hersfeld.

1983 Im Jahr 1983 wurde der Kabarettist, Schauspieler und Regisseur Hans Gerd Kübel kommissarischer Leiter der Festspiele. Im Mai 1983 demonstrierten 5.000 Menschen in der Stadt gegen ein Ehemaligentreffen von Soldaten der Waffen-SS. Zu den Unterstützern des Protestes gehörten auch Künstler aus dem für das Jahr verpflichteten Ensemble der Bad Hersfelder Festspiele. Der für die Festspiele verpflichtete Regisseur Imo Moszkowicz verlangte erfolglos vom Bad Hersfelder Bürgermeister Hartmut Henning Boehmer, das SS-Treffen zu verhindern, dem Protest schloss sich Hans Rosenthal im Rahmen seiner Dalli-Dalli-Sendung an.

1984 bis 1987 Karl Vibach, langjähriger Theaterleiter der Bühne in Lübeck und im Theater des Westens, übernahm von 1984 bis 1987 die Intendanz der Festspiele. Der Musicalspezialist brachte 1985 das Musical Anatevka mit großem Erfolg auf die Bühne. Der Vizeintendant Jochen Schmidt gründete ab 1986 das Freilichttheater Schloss Eichhof, das seitdem die zweite Bühne der Bad Hersfelder Festspiele ist.

In dieser Zeit spielten hier unter anderen auch Wolfgang Reichmann und Folker Bohnet.

1988 bis 1994 Der bisher erfolgreichste Intendant Peter Lotschak begann seine Arbeit 1988 in der Stiftsruine. Höhepunkte in dieser Zeit waren Der Kaufmann von Venedig, Cyrano de Bergerac unter der Regie von Jérôme Savary und mit dem Theatre National de Challiot und Antigone in einer Fassung von Martin Walser und Edgar Selge. Mit dem Musical Hair brachte Lotschak den Flair des Broadways in die Ruine. Im Jahre 1994 beendete Lotschak vorläufig seine Intendanz in Bad Hersfeld.

Neben vielen anderen sah man in dieser Zeit Hanna Burgwitz, Kurt Böwe, Hannes Granzer, Meike Harten, Anita Lochner und Karl-Heinz Martell auf der Hersfelder Bühne.

1995 bis 1997 Im Jahr 1995 übernahm Volker Lechtenbrink die Leitung der Bühne in Bad Hersfeld. Er brachte King Lear und das Musical Cabaret auf die Bühne. Auch das Stück Die Rattenfänger von Carl Zuckmayer unter der Regie von Günther Fleckenstein war ein Höhepunkt dieser Zeit. Seinen Abschied nahm Lechtenbrink 1997 mit dem Experiment The Rocky Horror Show in der Ruine.

Das Kindertheater wird in der Ruine seit 1996 aufgeführt. Den Anfang machte das Schauspielmärchen Der Räuber Hotzenplotz von Otfried Preußler, das nicht nur bei Kindern Anklang fand.

In dieser Zeit spielten hier Pia Douwes, Caroline Beil, Günter Heck, Ralf Novak, Witta Pohl, Stephan Kuno, Julia Richter, Hannes Wader, Jens Wawrczeck und Ralf Wolter.

1995 führte Lechtenbrink den Zuschauerpreis der Bad Hersfelder Festspiele ein.

1998 Im Jahr 1998 übernahm Ingo Waszerka die Leitung. Er inszenierte das Musikal The Black Rider von Robert Wilson, Tom Waits und William S. Burroughs. Auf die Bühne brachte er auch Die Tragödie von König Richard III., bei der Jérôme Savary Regie führte und Die Verschwörung des Fiesco zu Genua, bei der David Levin Regisseur war. Waszerka nahm wegen Differenzen mit der Stadt noch im gleichen Jahr seinen Abschied.

Er brachte neben vielen anderen auch Ilja Richter, Jürgen Mikol, Roland Schäfer, Albert Kitzl, Karl Kranzkowski auf die Hersfelder Festspielbühne.

1999 bis 2005 Im Jahr 1999 übernahm wieder Peter Lotschak die Leitung. Er brachte unter anderem das Musical Evita auf die Bühne. Inszeniert wurde es von Hans Gratzer. Die Evita wurde von Helen Schneider gespielt. Es ist die bisher erfolgreichste Aufführung der Festspiele.

2006 bis 2009