Neku, auch nekū, ngeku, ngaku oder nyaku (Newari, in Sanskrit shringa bheri, „Tierhorn“), ist ein in der buddhistischen Ritualmusik der Newar-Gesellschaft im Kathmandutal in Nepal verwendetes Büffelhorn. Das Naturhorn kommt in zwei Varianten vor: als großes, direkt oder über ein kurzes Bambusrohr angeblases Horn und als Horn, das mit einem langen Bambusrohr auf über einen Meter verlängert ist. Das neku hat eine magische Bedeutung bei Begräbniszeremonien und soll etwa spirituelle Wesen anlocken können. Sein Ton dient der Kommunikation der Lebenden mit den Toten. Außerdem gehört es zum im August stattfindenden Jahresfest Neku Jatra-Mataya (Nyaku Jatra-Mataya, „Horn-Lichterfest“). Dhulu neku ist das Horn des Wasserbüffels zur Unterscheidung von dem oftmals zusammen als Blasinstrument verwendeten Ziegenhorn chati neku und dem Schafshorn ti neku.

Herkunft und Verbreitung mini|Tibetische Ritualtrompete rkang dung aus einem menschlichen Oberschenkelknochen mini|Tibetische Mönche blasen dungchen. Im Hintergrund der Potala. Aufnahme der deutschen Tibetexpedition von 1938 Die einfachsten und ältesten Trompeteninstrumente, bei denen Töne durch Vibration der Lippen erzeugt werden, bestehen aus vorgefundenen tierischen oder pflanzlichen Naturmaterialien wie Tierhörner, Röhrenknochen, Schneckenhörner, Bambusröhren oder Kalebassen. Im Unterschied zu Flöten lassen sich die melodischen Möglichkeiten bei einfachen Trompeteninstrumenten kaum erweitern, etwa durch Grifflöcher oder die Hervorhebung einzelner Obertöne, sodass sich nicht mehr als ein oder zwei Töne produzieren lassen. Trompeteninstrumente werden deshalb überwiegend für Signale bei der Jagd, im Krieg und wie die Tierhörner schofar und phalaphala bei Ritualen zur Begleitung von Tänzen und Prozessionen eingesetzt.Klaus P. Wachsmann: Die primitivem Musikinstrumente. In: Anthony Baines (Hrsg.): Musikinstrumente. Die Geschichte ihrer Entwicklung und ihrer Formen. Prestel, München 1982, S. 13–49, hier S. 46

Ritualtrompeten aus weitgehend unbearbeiteten Naturmaterialien im Himalayagebiet bestehen aus Tierhörnern, Knochen und Schneckengehäusen. Sie gehören entweder zur Kulttradition der Tibetisch oder der Indoarisch sprechenden Völker. Schneckenhörner werden bei buddhistischen Ritualen in Nepal, China und Japan eingesetzt. Ein Schneckenhorn ist auf einem Relief vom altindischen buddhistischen Stupa von Bharhut (2. Jahrhundert v. Chr.) abgebildet.Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments of India. Their History and Development. Firma KLM Private Limited, Kalkutta 1978, S. 114 Später finden sich Darstellungen an hinduistischen Tempeln, etwa am Shiva-Tempel von Bhumara vom Ende des 5. Jahrhunderts. Ein aus Bhumara erhaltenes Relief zeigt Musiker mit Trommeln, einer Querflöte ohne Grifflöcher (Eintonflöte), einem Schneckenhorn und einem leicht gebogenen Tierhorn.Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band II. Musik des Altertums. Lieferung 8. Hrsg. Werner Bachmann. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 168 Wie auf einem Relief am Stupa von Sanchi (1. Jahrhundert v. Chr.) zu erkennen, ist es eine seit altindischer Zeit verbreitete Gewohnheit, Trompeteninstrumente paarweise zu spielen. Auf dem Relief sind mutmaßlich aus Metall bestehende Trompeten zu erkennen, die vergleichbar mit dem keltischen Carnyx in einem umgebogenen Tierkopf als Schallbecher enden und die von den zu einer Militärkapelle gehörenden Musikern senkrecht nach oben gehalten werden.Walter Kaufmann, 1981, S. 64

In den altindischen, auf Sanskrit verfassten Epen wird das Schneckenhorn (shankha) häufig erwähnt; der Name govishanika für wahrscheinlich ein Rinderhorn findet sich im Epos Mahabharata jedoch nur an wenigen Stellen, wenn es besonders lautstark bei den Kämpfen zu hören ist. Fünf Mal kommt govishanika zusammen mit dem insgesamt sechs Mal auftretenden Wort krakaca vor, das ein unbekanntes, auf dem Schlachtfeld verwendetes Musikinstrument bezeichnet. Im Natyashastra, einem um die Zeitenwende verfassten Werk zur altindischen Musiktheorie, werden Trompeteninstrumente (einschließlich dem shankha) allgemein als tundakini bezeichnet.Walter Kaufmann, 1981, S. 34 Im Rigveda kommt zweimal das Wort bakura vor, das als Schneckenhorn oder als anderes Trompeteninstrument interpretiert wurde.Alastair Dick: Bákura. In: Grove Music Online, 3. September 2014 In der nordindischen Region Garhwal bezeichnet bhankora eine lange gerade Naturtrompete aus Kupfer, die in der zeremoniellen Musik verwendet wird.

Sanskrit shringa für eine in altindischer Zeit bei Kämpfen geblasene Naturtrompete – ein Schneckenhorn oder ein Rinderhorn – steht heute in Nordindien für eine S-förmig oder im Halbkreis gebogene lange Metalltrompete, die in Südindien kombu genannt wird. Kombu heißt auf Tamil und Malayalam wörtlich „Horn“.

Viele der in Nepal verwendeten Musikinstrumente stammen aus Indien. Außerhalb des Kathmandutals sind dies vor allem zahlreiche Typen von Trommeln, die Bambusflöte basuri (vgl. bansuri in Indien), kleine Becken (jhyali), die Kegeloboe sahanai (vgl. shehnai), Tierhorntrompeten und Maultrommeln.Pirkko Moisala: Nepal, Kingdom of. III. Traditional music outside the Kathmandu Valley. In: Grove Music Online, 2001 Letztere sind in der indischen (morsing) sowie der zentral- und nordasiatischen Tradition (qopuz) einschließlich Tibet verbreitet. Für das neku nimmt Paul D. Greene (2002) einen Ursprung in der Himalayaregion oder in Zentralasien an.Paul D. Greene, 2002, S. 93

In der tibetischen Ritualmusik haben Knochentrompeten (rkang dung) aus einem menschlichen Oberschenkelknochen eine dem neku entsprechende magisch-religiöse Bedeutung. Sie dürfen im Unterschied zu den ebenfalls bei religiösen Ritualen verwendeten geraden Langtrompeten dungchen aus KupferRakra Tethong: Conversations on Tibetan Musical Traditions. In: Asian Music, Band 10, Nr. 2 (Tibet Issue) 1979, S. 5–22, hier S. 16 nur von höher stehenden Mönchen gespielt werden. Weitere Blasinstrumente, die bei Ritualen in tibetischen Klöstern verwendet werden, sind Schneckenhörner und Kegeloboen (gyaling), jedoch keine Tierhörner.

Die Tradition der menschlichen Röhrenknochentrompeten ist bis in die buddhistischen Regionen des nordostindischen Bundesstaates Arunachal Pradesh verbreitet. Langtrompeten existieren in dieser Region – etwa bei den Kuki in Mizoram – in Gestalt von teilweise mehrere Meter langen Pflanzenröhren. Die Garo im nordostindischen Bundesstaat Meghalaya verwenden die Naturtrompete adil, die ähnlich einer Variante des neku aus einem langen Bambusrohr besteht, an dessen unterem Ende ein Mithunhorn aufgesetzt ist. Eine entsprechende, 120 bis 150 Zentimeter lange Bambustrompete mit einem Mithunhorn ist die pengkul der Kuki in Manipur. Das Instrument produziert Töne der Naturtonreihe und wurde als Signalinstrument eingesetzt. Lediglich ein kurzes Bambusrohr mit einem Einfachrohrblatt ist an das in Assam vorkommende Rinderhorn pepa angesetzt. Ein anderes Rinderhorn dient den buddhistischen Mönchen im Kloster von Tawang in Arunachal Pradesh als Signalgeber, um sich in der Gebetshalle zu versammeln. Ansonsten werden in Nordostindien auch Schneckenhörner für solche Zwecke verwendet.Roger Blench: A guide to the musical instruments of NE India: classification, distribution, history and vernacular names. Cambridge, Dezember 2011, S. 35f, 39

Eine andere Gruppe von Trompeten, die Langtrompeten nafir und karna, gelangten mit den arabisch-persischen Eroberungen ab dem 8. Jahrhundert in den Militärkapellen nach Nordindien, wo sie im Sultanat von Delhi (1206–1526) und dem nachfolgenden Mogulreich zu den Repräsentationsorchestern gehörten. Diese nach den verwendeten Trommeln tabl khana oder naqqara khana genannten Orchester waren von Nordindien bis nach Zentralasien Statussymbole der Herrscher und wurden zu bestimmten Tageszeiten, bei Zeremonien und zur Ankunft bedeutender Gäste gespielt. Nach Nepal gelangte dieses Orchester vermutlich ab dem 14. Jahrhundert durch Hofmusiker der Rajputen, die vor den muslimischen Angriffen geflohen waren. Bei hinduistischen Tempelritualen in Zentralnepal tritt ein nagara bana genanntes Ensemble mit Kesseltrommeln nagara, Kegeloboen rasa, Langtrompeten karnal sowie einigen weiteren Naturtrompeten und Hörnern auf, darunter der bijuli bana (auch nag-beli bana, schlangenförmig gewundene Längstrompete mit aufgerissenem Schlangenkopf).Carol Tingey: Music for the Royal Dasai. In: European Bulletin of Himalayan Research, Nr. 12–13, 1997, S. 81–120, hier S. 100, 103f Das Ensemble panche baja spielt mit der Kesseltrommel damaha, weiteren Rhythmusinstrumenten, der karnal und der im Halbkreis gebogenen Metalltrompete narsinga entsprechende religiöse Ritualmusik. Die paita ist eine konische, aus fünf Segmenten zusammengesetzte Kupfertrompete, die nur von drei Newar-Kasten bei religiösen Prozessionen eingesetzt wird. Die sehr schlanke lange Kupfertrompete ponga besteht aus sechs Teilen und muss wegen ihrer Fragilität vom Spieler mit einem Holzstab in der Mitte gestützt werden. Die genannten Naturtrompeten werden stets paarweise geblasen.Thomas O. Ballinger, Purna Harsha Bajracharya, 1960 S. 405–407

Bauform mini|Wasserbüffelhorn, davor kleines Rinderhorn, das in Kambodscha als Einfachrohrblattinstrument sneng seitlich angeblasen wird. Das gebogene Horn eines Wasserbüffels ergibt bei einer neku-Version ein etwa 60 Zentimeter langes Blasinstrument. Aufwendig gestaltete Hörner sind mit einigen breiten Streifen aus ornamentiertem Kupfer- oder Silberblech verziert und besitzen einen ebenso aus demselben Metall gestalteten ausladenden Schallbecher. Die Spitze ist als Anblasöffnung aufgebohrt und mit einem tellerartigen Mundstück ausgestattet. Bei anderen Hörnern ist ein 15 Zentimeter langes Bambusrohr aufgesteckt, durch das angeblasen wird.Mireille Helffer: Neku. In: Grove Music Online, 28. Mai 2015 Wegen seiner magischen Bedeutung muss ein für ein Blasinstrument geeignetes Wasserbüffelhorn sorgfältig ausgewählt werden. Nach unterschiedlichen Ansichten soll nur ein rechtes Horn verwendet oder das Horn nur in bestimmten Monaten verarbeitet werden. Üblicherweise kommt nur das Horn eines toten Büffels in Betracht, nicht das von einem lebenden Tier abgetrennte. Manche Hörner werden bunt bemalt und mit umgewickelten schmalen Silberstreifen verziert.Paul D. Greene, 2002, S. 107, 109 Beim Jahresfest Neku Jatra-Mataya kommen möglichst stark gebogene Büffelhörner, an die eine mehr als halbmeterlange Bambusröhre angesetzt ist, zum Einsatz. Um die Bambusröhre werden farbige Stoffstreifen spiralig gewickelt.

Das Horn des Wasserbüffels heißt dhulu neku zur Unterscheidung von den kleineren Blasinstrumenten aus einem Ziegenhorn, chati neku (auch chatki) oder einem Schafshorn, ti neku, die beide ein Bambusrohr als Verlängerung besitzen. Das chati neku wird meist mit einem Drachenkopf bemalt. Das dhulu neku ist das rituell bedeutendste Horn unter den dreien und klingt tiefer als die beiden anderen. Sein Spiel ist anstrengend, weil es einen ungewöhnlich starken Blasdruck erfordert.Paul D. Greene, 2002, S. 98 Ein neku produziert keinen klaren Ton, sondern ein rauschhaftes Klangspektrum, bei dem der zweite und dritte Oberton hervortritt. Jedes Instrument bringt nur eine Tonhöhe hervor.Walter Feichtinger, 2011, S. 93f

Der Name ngaku kommt eher im Osten des Kathmandutals vor. Neku werden häufig paarweise gespielt. Dann wird das höher klingende Horn ma-neku („Mutter-Horn“) und das tiefer klingende ba-neku („Vater-Horn“) genannt.

Spielweise und kulturelle Bedeutung Herkunftslegende