Lotte von Mendelssohn-BartholdyAls Lotte von Mendelssohn-Bartholdy wurde sie als Autorin bekannt und trat auch so in der Öffentlichkeit auf. Siehe Anna-Carolin Augustin: Berliner Kunstmatronage: Sammlerinnen und Förderinnen bildender Kunst um 1900, S. 252. (geboren als Charlotte Reichenheim am 25. März 1877 in Berlin; gestorben als Gräfin von Wesdehlen am 6. Juni 1946 in Genf) war eine deutsche Autorin und Kunstsammlerin.
Leben mini|Vincent van Gogh: Sonnenblumen, ehemals Teil der Sammlung Lotte und Paul Mendelssohn-Bartholdy, heute Sompo Museum of Art, Tokiomini|Henri Rousseau: Porträt des Herrn X (Pierre Loti), ehemals Sammlung Charlotte Gräfin von Wesdehlen, heute Kunsthaus Zürich Charlotte Reichenheim, genannt Lotte, kam 1877 in Berlin zur Welt. Ihre Eltern waren der Unternehmer Georg Reichenheim und seine Frau Margarete, geborene Eisner. Beide Eltern stammten aus jüdischen Familien, waren anlässlich der Hochzeit jedoch zum evangelisch-christlichen Glauben konvertiert. Ihr Bruder Hans wurde 1879 geboren.Sebastian Panwitz: „das Departement Kunst untersteht meiner Frau“. Margarete Oppenheim und ihre Sammlung in Anna-Dorothea Ludewig: Aufbruch in die Moderne: Sammler, Mäzene und Kunsthändler in Berlin 1880 - 1933, S. 120. Er starb bereits 1900 als Student in München. Die Familie lebte im vornehmen Berliner Tiergartenviertel. Lotte Reichenheim erhielt dort als Kind Privatunterricht und verbrachte zudem einige Jahre ihrer Kindheit in Schlesien. In ihrem Elternhaus kam sie früh mit Kunst in Berührung. Die Eltern sammelten vor allem Arbeiten des Kunsthandwerks und Kleinplastiken. Beim Aufbau der Sammlung wurden sie von dem Museumsdirektor Wilhelm Bode beraten. 1903 starb der Vater und hinterließ sein auf 4.700.000 Mark geschätztes Vermögen je zur Hälfte der Ehefrau und der Tochter. Die Mutter widmete sich danach dem Aufbau einer bedeutenden Kunstsammlung mit Werken französischer Künstler des Impressionismus und Spätimpressionismus, wobei sie vor allem Bilder von Paul Cézanne erwarb. Sie ehelichte 1906 in zweiter Ehe den Chemiker und Unternehmer Franz Oppenheim.
Seit 1902 war Lotte Reichenheim mit den Bankier Paul von Mendelssohn-Bartholdy verheiratet. Die Ehe blieb kinderlos. Der befreundete Architekt Bruno Paul baute für das Paar Schloss Börnicke bei Bernau als Landsitz um und entwarf für sie ein Stadtpalais in der Berliner Alsenstraße.Anna-Carolin Augustin: Berliner Kunstmatronage: Sammlerinnen und Förderinnen bildender Kunst um 1900, S. 252. Von Bruno Paul stammen auch die Entwürfe für die Innengestaltung der Häuser und für modernes Mobiliar, das von den Vereinigten Werkstätten hergestellt wurde.Anna-Carolin Augustin: Berliner Kunstmatronage: Sammlerinnen und Förderinnen bildender Kunst um 1900, S. 253. Bruno Paul war darüber hinaus Mitbegründer und Herausgeber der Kunst- und Kulturzeitschrift Wieland, für die Lotte von Mendelssohn-Bartholdy ab 1915 als Redakteurin arbeitete. In dieser Funktion war sie für die Akquise von Artikeln zuständig und korrespondierte mit Autoren wie Richard Dehmel, Wilhelm Bode und Max J. Friedländer.Anna-Carolin Augustin: Berliner Kunstmatronage: Sammlerinnen und Förderinnen bildender Kunst um 1900, S. 256. Ihre eigenen Aufsätze erschienen unter ihrem Rufnamen Lotte v. Mendelssohn-Bartholdy. Diese Beiträge „waren wenig anspruchsvoll, unkritisch und in erster Linie unterhaltsam, kriegsbejahend und von einem tendenziell konservativem Weltbild geprägt“, wie die Autorin Anna-Carolin Augustin anmerkte. Darüber hinaus schrieb sie auch für die Zeitschrift Die Dame.Anna-Carolin Augustin: Berliner Kunstmatronage: Sammlerinnen und Förderinnen bildender Kunst um 1900, S. 255.
Zusammen mit ihrem Mann trug Lotte von Mendelssohn-Bartholdy eine bedeutende Kunstsammlung zusammen. Aus dem erhaltenen Briefen mit Wilhelm Bode und mit dem Kunsthändler Paul Rosenberg in Paris geht deutlich hervor, dass beide Eheleute am Sammlungsaufbau beteiligt waren.Anna-Carolin Augustin: Berliner Kunstmatronage: Sammlerinnen und Förderinnen bildender Kunst um 1900, S. 254. Dabei ist nicht mehr feststellbar, wer von beiden Eheleuten hierbei die maßgebliche Rolle spielte. Während der in Paris lebende deutsche Kunsthändler Wilhelm Uhde das Engagement von Paul von Mendelssohn-Bartholdy als Sammler hervorhob, betonte sein Berliner Kunsthändlerkollege Hugo Perls die herausragende Rolle von Lotte von Mendelssohn-Bartholdy. Für Perls war sie „die erste Angehörige der Familie Mendelssohn“, „die eine »eigentliche« Sammlung von Kunstwerken besaß“. Da einige Mitglieder der verzweigten Familie Mendelssohn Kunst sammelten, unterstreicht diese Aussage die besondere Bedeutung von Lotte von Mendelssohn-Bartholdy als Kunstsammlerin. Zu ihrem Bekanntenkreis gehörte beispielsweise die Schauspielerin Hedwig Pringsheim. Sie war zudem die Patentante ihres Enkels Klaus Pringsheim junior.Cristina Herbst (Hrsg.): Hedwig Pringsheim: Tagebücher. Wallstein, Göttingen 2021, Bd. 9, S. 851, ISBN 978-3-8353-4710-6.
Angeregt durch Bruno Paul und Wilhelm Uhde, gehörten Lotte und Paul von Mendelssohn-Bartholdy zu den Ersten in Deutschland, die Bilder des Malers Henri Rousseau sammelten. Zudem erwarben sie bereits vor 1914 Werke von Pablo Picasso und Georges Braque und gehörten damit zu den Pionieren auf diesem Gebiet.Anna-Dorothea Ludewig: Aufbruch in die Moderne: Sammler, Mäzene und Kunsthändler in Berlin 1880 - 1933, S. 14. Auch zählten sie in Deutschland zu den frühen Sammlern der Werke von Vincent van Gogh. Dessen Bilder erwarben sie bei Paul Cassirer in Berlin und bei Heinrich Thannhauser in München, kauften Werke von van Gogh aber auch in den Pariser Galerien Eugène Druet und Bernheim-Jeune. Anna-Dorothea Ludewig: Aufbruch in die Moderne: Sammler, Mäzene und Kunsthändler in Berlin 1880 - 1933, S. 187. Zu den Werken van Goghs in der Sammlung gehörten die Gemälde Frau Roulin mit ihrem Kind (heute Metropolitan Museum of Art, New York City), Park in Arles (Privatsammlung), Der Baum (Privatsammlung), Bäume im Garten des Hospitals Saint-Paul (Armand Hammer Museum of Art, Los Angeles), Der Mann mit der Kornblume (Privatsammlung), Das Rathaus von Auvers am 14. Juli (Privatsammlung) und eine Version aus der bekannten Serie der Sonnenblumen (Sompo Museum of Art, Tokio). Ein ehemals van Gogh zugeschriebenes Selbstbildnis der Sammlung gilt heute als Fälschung (Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich). Beim Erwerb der Werke von Picasso hatte neben Wilhelm Uhde der Galerist Alfred Flechtheim eine wichtige Funktion als Berater. Zur Reihe der Picasso-Bilder in der Sammlung gehörten Geneigter Frauenkopf (Staatsgalerie Stuttgart), Porträt von Angel Fernández de Soto (Privatsammlung), Le Moulin de la Galette und Fernande mit schwarzer Mantilla (beide Solomon R. Guggenheim Museum, New York City), Knabe ein Pferd führend (Museum of Modern Art, New York City) und Junge mit Pfeife (Privatsammlung). Hinzu kamen Arbeiten von anderen Künstlern wie Edgar Degas, Édouard Manet, Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir, André Derain, Marie Laurencin, Maurice de Vlaminck, William Hogarth und Paul Signac.Anna-Dorothea Ludewig: Aufbruch in die Moderne: Sammler, Mäzene und Kunsthändler in Berlin 1880 - 1933, S. 188.
Lotte von Mendelssohn-Bartholdy war neben ihrer literarischen Arbeit und dem Aufbau der gemeinsamen Kunstsammlung in vielfältiger Weise im Berliner Kulturleben aktiv. So war sie Mitbegründerin und Vorsitzende des Frauenbundes zur Förderung deutscher bildender Kunst, der sich für den Ankauf von Kunstwerken deutscher Künstler einsetzte, um sie an Museen weiterzugeben. Zudem war sie Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Ostasiatische Kunst. Als Mäzenin stiftete sie der Islamischen Abteilung im Kaiser-Friedrich-Museum (heute Museum für Islamische Kunst) 1912 zwei ägyptische Schattenspielfiguren aus Leder. Anna-Carolin Augustin: Berliner Kunstmatronage: Sammlerinnen und Förderinnen bildender Kunst um 1900, S. 411.
Die Ehe zwischen Lotte und Paul von Mendelssohn-Bartholdy wurde 1927 geschieden. Das Paar teilte die gemeinsame Kunstsammlung auf und Lotte von Mendelssohn-Bartholdy erhielt von ihrem bisherigen Gatten hohe Unterhaltszahlungen, sodass sie finanziell unabhängig war. 1930 heiratete sie in zweiter Ehe Georg Graf von Wesdehlen (1869–1938), ein Rittmeister a. D. aus preußischem Adel. Dessen Großvater war der Diplomat Georges Frédéric Petitpierre. Ihre Mutter, Margarete Oppenheim, starb 1935 und hinterließ ein komplexes Testament. Danach erhielt die leibliche Tochter Lotte, nunmehr Charlotte Gräfin von Wesdehlen, einen Betrag von 400.000 Mark. Die Mutter verfügte zugleich, dass der Großteil des Besitzes an die Kinder aus der ersten Ehe von Franz Oppenheim gehen sollte. Diese Stiefgeschwister von Charlotte Gräfin von Wesdehlen waren der Unternehmer Kurt Oppenheim und Martha von Simson, die den Diplomaten Ernst von Simson geheiratet hatte.Anna-Carolin Augustin: Berliner Kunstmatronage: Sammlerinnen und Förderinnen bildender Kunst um 1900, S. 410. Nach dem Willen der Mutter sollten die Oppenheim-Kinder aus dem Vermögen Zinszahlungen an Charlotte Gräfin von Wesdehlen leisten. Der Autor Sebastian Panwitz vermutete als Grund für diese Entscheidung, dass im Verhältnis zwischen Mutter und Tochter „eine gewisse Distanz existierte“.Sebastian Panwitz: „das Departement Kunst untersteht meiner Frau“. Margarete Oppenheim und ihre Sammlung in Anna-Dorothea Ludewig: Aufbruch in die Moderne: Sammler, Mäzene und Kunsthändler in Berlin 1880 - 1933, S. 128. Teile der Kunstsammlung der Mutter wurden 1936 versteigert. Da herausragende Gemälde hierbei nicht ins Ausland exportiert werden durften, erzielten die Versteigerungslose teils nur geringe Preise oder blieben unverkauft. Noch 1938 befanden sich in Deutschland Gemälde aus der Sammlung der Mutter im Eigentum der Familie. Zu diesem Zeitpunkt lebten sowohl Charlotte Gräfin von Wesdehlen wie auch ihre Stiefgeschwister bereits im Ausland. Der in Deutschland verbliebene Oppenheim-Besitz wurde später von den deutschen Behörden beschlagnahmt.