Das Porträt des Herrn X (Pierre Loti) ist ein Gemälde des französischen Malers Henri Rousseau. Es zeigt in vereinfachten Formen einen Mann in Halbfigur mit einer Katze vor einer Landschaftsansicht. Das in Öl auf Leinwand gemalte Bild hat eine Höhe von 61 cm und eine Breite von 50 cm. Es gehört zur Sammlung des Kunsthauses Zürich. Die Identität des Mannes ist nicht zweifelsfrei geklärt. Einige Autoren haben angenommen, der dargestellte Mann sei der Schriftsteller Pierre Loti. Auch bei der zeitlichen Einordnung des Bildes gibt es abweichende Überlegungen; neuere Datierungen gehen von 1906 als Entstehungsjahr aus. Das Porträt diente als Vorlage für verschiedene Werke der modernen Malerei.

Bildbeschreibung Das Gemälde zeigt das Porträt eines Mannes in Halbfigur. Mit leicht zur linken Seite gedrehtem Kopf blickt er frontal zum Betrachter. Das Gesicht hat einen hellen Teint, das auffällig abstehende rechte Ohr zeigt ein rosiges Inkarnat. Während die rechte Wange ebenfalls eine leichte Rötung aufweist, ist in der linken Gesichtshälfte ein dunkler Schattenbereich auszumachen. Auffällig ist ein dunkler Schnurrbart mit nach oben gedrehten Enden. Über den Augen erscheinen die Brauen als schmale schwarze Bögen. Der Mann trägt oberhalb der freiliegenden Stirn eine rote Kopfbedeckung, bei der es sich mutmaßlich um einen orientalischen Fes handelt.Die meisten Autoren gehen bei der Kopfbedeckung von einem Fes aus, siehe beispielsweise Götz Adriani: Henri Rousseau, der Zöllner, Grenzgänger zur Moderne, S. 187. Michael Hoog hat abweichend die traditionelle tunesische Kopfbedeckung Chéchia genannt, siehe Michel Hoog: Portrait de Pierre Loti. In: Galeries nationales du Grand Palais: Le Douanier Rousseau, S. 122. Darunter schaut seitlich und in der Mitte das gepflegte dunkle Haar hervor. Zur Kleidung des Mannes gehört ein rotes Hemd mit goldenem Knopf auf Brusthöhe und geschlossenem breiten weißen Halskragen. Über dem Hemd trägt er ein schwarzes Kleidungsstück, bei dem es sich um einen arabischen Umhang – beispielsweise einen Burnus – handeln könnte.Götz Adriani: Henri Rousseau, der Zöllner, Grenzgänger zur Moderne, S. 184. Der rechte Arm ist vor die linken Brust gewinkelt. Die Hand ragt hier aus einer weißen Ärmelmanschette mit nach oben ausgestreckten Fingern hervor. Zwischen Zeige- und Mittelfinger hält der Mann eine brennende Zigarette; den kleinen Finger schmückt ein Goldring. Vor dem Mann sitzt auf der linken Bildseite eine getigerte Katze auf einem runden podestartigen Kissen. Sie ist wie der Mann frontal dargestellt, ihre Haltung wirkt statuarisch.

Im Hintergrund zeigt sich eine hügelige Landschaft und darüber ein blauer Himmel mit weißen Wolken. Zu beiden Seiten des Mannes stehen in einiger Entfernung hintereinander gestaffelte einförmige Häuserreihen.Cornelia Stabenow: Henri Rousseau; 1844–1910, S. 68. In der linken Bildhälfte ragen oberhalb der Schulter des Mannes vier nebeneinander stehende Fabrikschornsteine empor, von denen der rechte dunklen Rauch ausstößt. Auf der anderen Seite wächst hinter der Schulter ein Akazienbaum bis zum oberen Bildrand. Der Baum und die Schornsteine stehen für den Kunsthistoriker Michel Hoog symbolhaft für den Gegensatz von wilder Natur und städtischer Industrie.Michel Hoog: Portrait de Pierre Loti. In: Galeries nationales du Grand Palais: Le Douanier Rousseau, S. 122. Andere Gegenüberstellungen finden sich in den Paarungen Mensch und Tier sowie Orient und Okzident. Verbindungen im Bild ergeben sich zwischen den Schornsteinen im Hintergrund und der brennenden Zigarette im Vordergrund, den horizontalen Linien des Katzenfells und denen der Häuserreihen oder den roten Rundformen bei der Kopfbedeckung des Mannes und der Sitzfläche der Katze. Insgesamt beherrschen Schwarz, Weiß, Rot und Ocker die Palette des Malers, wobei die Farben wenig abgestuft aufgetragen wurden.Gabriella Belli, Guy Cogeval: Le Douanier Rousseau: l’innocence archaïque, S. 102. Auffällig sind der überproportional große KopfGötz Adriani: Henri Rousseau, der Zöllner, Grenzgänger zur Moderne, S. 184 und Cornelia Stabenow: Henri Rousseau; 1844–1910, S. 68. und die starke Vereinfachung der Formen, insbesondere im „nahezu kubistisch facettierten Gesicht“. Die frontale Pose des Mannes und die collagenhafte Anordnung der Hand haben Ähnlichkeiten mit Darstellungen auf Spielkarten, wie verschiedene Autoren angemerkt haben.Götz Adriani: Henri Rousseau, der Zöllner, Grenzgänger zur Moderne, S. 184 und Cornelia Stabenow: Henri Rousseau; 1844–1910, S. 68. Die Autorin Cornelia Stabenow betonte die „dandyhafte Gestalt“ des Porträtierten, mit der Rousseau „die exzentrische Rolle des Poeten schlechthin“ inszeniert habe. Das Bild ist unten rechts mit „H. Rousseau“ signiert, aber nicht datiert.

Ein Porträt in der Tradition altmeisterlicher Malerei Der 1844 geborene Rousseau hatte keine akademische Ausbildung als Maler absolviert, sondern als Angestellter der Zollverwaltung in seiner Freizeit – vermutlich autodidaktisch – mit der Malerei begonnen. Er gilt daher als ein Vertreter der Naiven Kunst. Andererseits war er seit Mitte der 1880er Jahre mit einigen namhaften Künstlern bekannt und stellte seine Werke öffentlich aus. Seit 1884 besaß er zudem die Erlaubnis, im Louvre und im Musée du Luxembourg Werke zu kopieren.Cornelia Stabenow: Henri Rousseau; 1844–1910, S. 94. Den Einfluss der altmeisterlichen Malerei sehen verschiedene Autoren auch im Porträt des Herrn X. So werden Vergleiche zu nordischen Porträts aus dem Ende des 15. Jahrhunderts gezogen, Bezüge zur Spätgotik hergestellt oder darauf verwiesen, dass die Tradition des Halbfigurenporträts seit der Renaissance üblich sei. Die auffällige Handhaltung im Porträt des Herrn X findet sich in ähnlicher Weise auch bei Werken der älteren Malerei. Beispielsweise zeigt El Greco in seinem um 1580 geschaffenen Bildnis eines Edelmannes mit der Hand auf der Brust (Museo del Prado, Madrid) wie auch das Frans Hals zugeschriebene Gemälde Mann mit der Hand auf dem Herz von 1632 (Musée des Beaux-Arts de Bordeaux) eine verwandte Darstellung der Hand.Das Gemälde Mann mit der Hand auf dem Herz wird vom Musée des Beaux-Arts de Bordeaux als Werk von Frans Hals geführt, siehe Internetseite des Museums. Im Hals-Werkverzeichnis von 2024 von Claus Grimm ist das Gemälde als Werkstattarbeit einsortiert. Rousseau könnte diese oder ähnliche Bilder aus Reproduktionen gekannt haben, gesichert ist dies jedoch nicht. Anlässlich der großen Rousseau-Retrospektive, die 2015–2017 nacheinander in Venedig, Paris und Prag zu sehen war, kam es zur Gegenüberstellung von Rousseaus Porträt des Herrn X mit dem Vittore Carpaccio zugeschriebenen Bildnis eines jungen Mannes mit roter Mütze (Museo Correr, Venedig, um 1490–1495).Während in der Literatur zu Rousseau wiederholt Vittore Carpaccio als möglicher Maler des Bildnisses eines jungen Mannes mit roter Mütze genannt wird, schreibt das Museo Correr das Bild allgemein den Schulen von Ferrara oder Bologna zu, siehe Internetseite des Museums. Zwischen den beiden Bildern sind mehrere Übereinstimmungen erkennbar. Die Maler zeigen jeweils einen Mann als Halbfigur mit ähnlicher roter Kopfbedeckung vor einer Landschaftsdarstellung. Ob Rousseau das Bild von Carpaccio kannte, ist jedoch nicht überliefert.Gabriella Belli, Guy Cogeval: Le Douanier Rousseau: l’innocence archaïque, S. 104.

Mögliche Identität des Dargestellten und Datierung des Bildes Pierre Loti mini|Henri Rousseau: Tiger fällt einen Büffel an, 1908 mini|hochkant|Atelier Phebus: Pierre Loti in Konstantinopel, Fotografie von 1904 Die Identität des im Gemälde dargestellten Mannes konnte bisher nicht zweifelsfrei geklärt werden. Es existieren keine Unterlagen, aus denen eindeutig hervorgeht, wer der Porträtierte ist. Auch das genaue Entstehungsdatum des Gemäldes ist unbekannt. Beides steht jedoch möglicherweise in einem Zusammenhang. Der im Bild dargestellte Mann wird häufig als der Schriftsteller Pierre Loti identifiziert. Rousseau und Loti kannten sich jedoch nicht persönlich und sie sind sich wahrscheinlich auch nie begegnet. Ob Loti überhaupt etwas von der Existenz des Gemäldes gewusst hat, ist nicht überliefert.Dora Vallier: Henri Rousseau, S. 47. Die erste bekannte Erwähnung von Pierre Loti als Modell für das Gemälde geht auf den Schriftsteller Georges Courteline zurück. Als er das Gemälde 1913 an den Kunsthändler Paul Rosenberg verkaufte, gab er das Bild als Porträt von Pierre Loti aus. Da es zwischen der dargestellten Person und der Physiognomie von Pierre Loti Übereinstimmungen gibt, hoffte er mit der Zuschreibung möglicherweise einen höheren Preis zu erzielen.Götz Adriani: Henri Rousseau, der Zöllner, Grenzgänger zur Moderne, S. 187. Aus dieser denkbaren Identität wurde danach bei einigen Autoren eine Art Gewissheit.

Die Kunsthistorikerin Dora Vallier, Verfasserin zweier Werkverzeichnisse von Rousseau, legte sich 1961 bei der Person des Dargestellten fest und betitelte das Gemälde schlicht als Pierre Loti.In der deutschsprachigen Übersetzung von Valliers Rousseau-Monografie von 1961 wird das Bild im Text als Pierre Loti bezeichnet, im Abbildungsteil findet sich die Bildunterschrift Porträt Pierre Loti, siehe Dora Vallier: Henri Rousseau, S. 46 und Abbildung 48. Auch in der deutschsprachigen Fassung ihres Werkverzeichnisses von 1980 findet sich der Titel Pierre Loti, siehe Dora Vallier: Das Gesamtwerk von Rousseau, S. 20, Nr. 25. Als Entstehungszeitraum gab sie 1891/1892 an.Dora Vallier: Henri Rousseau, S. 123. Vallier vermutete, dass die Entstehung des Bildes mit Lotis Aufnahme in die Académie française am 22. Mai 1891 zusammenhing. Rousseau hätte hiervon aus zahlreichen Zeitungsberichten erfahren können.Dora Vallier: Henri Rousseau, S. 49. Da sich Loti zu diesem Zeitpunkt in Algier aufhielt, könnten sich – nach Vallier – die Häuser im Hintergrund des Gemäldes ebenso wie die Kopfbedeckung des Mannes auf Algier beziehen. Die Vorliebe Lotis für exotische Kleidung war allgemein bekannt und durch veröffentlichte Fotografien verbreitet. Zudem hatten Lotis Werke häufig einen „exotischen Reiz“.Dora Vallier: Henri Rousseau, S. 46. Rousseau, der möglicherweise einige von Lotis Geschichten kannte, könnten dessen literarische Beschreibungen zum Porträt veranlasst haben. Nicht zuletzt findet sich häufig auch in den Bildern des Malers ein exotisches Sujet. Beispielhaft hierfür sind seine Dschungelbilder, in denen wiederholt Großkatzen die Szenerie bevölkern, etwa im Gemälde Tiger fällt einen Büffel an (Cleveland Museum of Art) von 1908. Im Porträt des Herrn X könnte die getigerte Katze ein weiterer Hinweis auf Pierre Loti sein. Er galt als ausgesprochener Katzenliebhaber und verlieh den Tieren in seinem Werk Vies de deux chattes eine literarische Würdigung.Pierre Loti: Vies de deux chattes. Sollte Loti der Dargestellte im Gemälde sein, hat er Rousseau sicher nicht Modell gesessen. Da der Maler wiederholt Fotografien als Vorlage für seine Bilder nahm, könnte er auch hier so verfahren haben. Andererseits wurde Rousseau bescheinigt, seine Porträts würden den Dargestellten „außerordentlich unähnlich“ sein.Wilhelm Uhde: Henri Rousseau, 1923, S. 55.