Kitchener Camp war ein ehemaliges britisches Armeelager aus dem Ersten Weltkrieg.Der Name des Camps ist bislang ungeklärt. Ob das Camp zu Ehren von oder in Erinnerung an Herbert Kitchener, 1. Earl Kitchener dessen Namen trägt, ließ sich nicht verifizieren. Eine Publikation über ein ähnliches Camp bei Seaford (East Sussex), die den Titel Kitchener’s Camps at Seaford: A First World War Landscape on aerial photographs trägt, legt nahe, dass die Bezeichnung Kitchener Camp sich davon herleitet, dass im Süden und Südosten Englands eine Vielzahl von Camps zur Unterbringung von Kitcheners Armee errichtet worden waren. Auch die Abbildungen der Unterkünfte im Seaford Camp weisen große Ähnlichkeiten zu denen in Richborough/Sandwich auf. (Robert Skinner: Kitchener’s Camps at Seaford: A First World War Landscape on aerial photographs, English Heritage, 2011) Es lag nahe den Orten Richborough und Sandwich im Nordosten der englischen Grafschaft Kent.Die Zuordnung des Camps zu einem dieser beiden Orte variiert. Von Februar 1939 bis Mitte 1940 wurde es als Durchgangslager (Transmigration Camp) für jüdische Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich genutzt.

Geschichte Die Wiederinbetriebnahme des Kitchener Camps Anfang 1939 war ein Resultat der innerbritischen Auseinandersetzungen darüber, wie den verfolgten Juden in Deutschland geholfen werden könne. Otto Schiff hatte Ende Oktober 1938, wie aus einem Protokoll des Council for German Jewry (CFGJ)Der Council for German Jewry (CFGJ) war eine 1936 von britischen Juden gegründete Organisation, die deutschen Juden helfen wollte, Deutschland zu verlassen. Der CFGJ entstand als Antwort auf die Nürnberger Rassengesetze von 1935; er entwarf einen Plan in dessen Folge 100.000 deutsche Juden im Alter zwischen 17 und 35 Jahren die Möglichkeit gehabt hätten, Deutschland auf eine organisierte Weise zu verlassen: eine Hälfte nach Palästina, die andere Hälfte in andere aufnahmewillige Länder. Der CFGJ hoffte zudem, dass weitere 100.000 deutsche Juden ohne seine Hilfe emigrieren könnten. Die Ziele des CFGJ ließen sich nicht oder nur teilweise realisieren; dennoch gelang es ihm nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs fast 100.000 Juden dabei zu helfen, Deutschland zu verlassen. Er finanzierte auch Trainingsprogramme für ausreisewillige Juden in Deutschland und in anderen Ländern. Während des Krieges beschränkte der CFGJ seine Arbeit auf Hilfen für Flüchtlinge, die sich bereits in Großbritannien aufhielten. (Quelle: EHRI-Projekt: Council for German Jewry) vom 24. Oktober 1938 hervorgeht, vorgeschlagen, ein Lager einzurichten, in dem deutsche und österreichische Flüchtlinge untergebracht werden und in dem sie Dienste von nationalem Interesse ausführen könnten.Kitchener Camp. Refugees to Britain in 1939: Timeline Nach Naomi Shepherd unterbreitete einen gleichlautenden Vorschlag am 17. November 1938 auch Wilfrid Israel, der früher schon Aufnahmelager auf der Isle of Man vorgeschlagen hatte, im Namen der Reichsvertretung der Deutschen Juden der britischen Botschaft in Berlin.Naomi Shepherd: Wilfrid Israel. S. 190, S. 228. Nach den Novemberpogromen 1938 wuchs der Druck auf und in England, sich für die verfolgten Juden einzusetzen, obwohl ein hochrangiger Mitarbeiter der britischen Botschaft in Berlin die Vorfälle während der Pogromtage mit dem „Besuch auf einem Rummelplatz“ verglich, „wo man an irgendeiner Bude für sein Geld soviel Geschirr zerdeppern kann, wie man will“.Ivone Kirkpatrick, Dritter Sekretär der Britischen Botschaft in Berlin, zitiert nach: Naomi Shepherd: Wilfrid Israel. S. 216. Und auch die britische Regierung war Mitte Dezember 1938 noch nicht bereit, ein Flüchtlingslager in Großbritannien einzurichten oder zu unterstützen.

Nach zähen Verhandlungen mit der britischen Regierung, an denen auch Leo Baeck, Otto Hirsch und Paul Eppstein teilnahmen,Naomi Shepherd: Wilfrid Israel. S. 230. wurde im Januar 1939 die Eröffnung des Kitchener Camps vorbereitet. Staatliche Mittel wurden dafür nicht bereitgestellt, die benötigten Gelder resultierten aus Spendensammlungen des CFGJ und aus Mitteln des Central British Fund for Germany Jewry (CBF).Zum CBF, dem späteren World Jewish Relief siehe: Kitchener Camp: Central British Fund for German Jewry & Central British Fund for Germany Jewry im Bestand des USHMM. An den Vorbereitungs- und Instandsetzungsarbeiten des verwilderten Armee-Camps waren auch Jugendliche beteiligt, die mit einem Kindertransport nach England gekommen und zuvor in einem Camp in Dovercourt untergebracht waren.Peter Mansbacher: Refugee From Nazi Oppression. S. 107 ff. (PDF-S. 161 ff.) Mansbacher schildert sehr eindrücklich die Situation, die das Vorauskommando vorfand, als es das Kitchener Camp erreichte. Für die Ankommenden vom Kontinent gab es die Auflage, dass nur Flüchtlinge – mit wenigen Ausnahmen ausschließlich erwachsene Männer – aufgenommen werden sollten. Ihnen durfte keine britische Staatsbürgerschaft verliehen werden, sie durften nicht außerhalb des Lagers arbeiten und sollten möglichst bald in die USA, nach Australien und anderswohin auswandern. Die Ankömmlinge mussten sich selber noch am Ausbau des Camps beteiligen und bauten oder renovierten 42 Baracken, Dusch- und Toilettenblöcke, zwei Synagogen, eine Krankenstation, ein Postamt und Geschäfte. Mit Unterstützung von Oscar Deutsch konnte ein Kino mit 1.000 Plätzen gebaut werden. Im Lager gab es auch eine eigene Zeitung, die Kitchener Camp Review,Kopien der Kitchener Camp Review von der insgesamt neun Ausgaben erschienen.The forgotten haven

Das Lager war auf eine Kapazität von 3.000 Menschen ausgelegt. Wer hinein durfte – wie bei den Kindertransporten war die Pass- und Visumspflicht ausgesetzt –, wurde von der Reichsvertretung der Deutschen Juden in Berlin entschieden. Für die ersten 2.500 Genehmigungen musste sie aus 10.000 Antragstellern auswählen, die überwiegend aus den Konzentrationslagern kamen. Wie viele Menschen zwischen 1939 und 1940 das Lager durchliefen, ist nicht eindeutig zu bestimmen. Nach den meisten Quellen ist von 4.000 oder 5.000 Personen die Rede.Naomi Shepherd spricht gar von fast 8.000 jungen Männern, die „bis zum Kriegsausbruch das Lager durchlaufen“ hätten (Naomi Shepherd: Wilfrid Israel. S. 231), führt dafür aber keine Belege an. Clare Ungerson geht von etwa 3.500 Männern aus, die durch das Camp gerettet werden konnten, und spricht von etwa 500 weiteren Angehörigen dieser Männer (Frauen und Kinder), die ihr Überleben indirekt dem Camp verdanken.Clare Ungerson: Four Thousands Lives. S. 181.

Nach Shepherd soll Leopold Kuh (1910–1974) der „Chef des Durchgangslagers“ gewesen sein.Naomi Shepherd: Wilfrid Israel. S. 231. der aber einer anderen Quelle zufolge lediglich als eine bedeutende Persönlichkeit im Kitchener Camp bezeichnet wird.Kitchener Camp: Kitchener Camp Review, May 1939 Kuh war Ingenieur und hatte zusammen mit seiner Frau Ruth (1916–2005) seit Januar 1934 eine Hachschara-Stätte in Niederschönhausen geleitet.Museum Pankow: Hachscharah- und Ausbildungsstätten in Niederschönhausen – english translation Die beiden waren 1938/39 nach England emigriert und zogen nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA. Auf der Webseite über das Kitchener Camp ist dagegen die Rede davon, dass die aus England stammenden jüdischen Brüder Jonas und Phineas May das Lager geführt hätten. Sie besaßen Erfahrungen aus der Leitung von Sommerlagern für die Jüdische Jungenbrigade („The Jewish Lads' Brigade“).Kitchener Camp. Refugees to Britain in 1939. Dies bestätigt auch die Webseite des National Archives, auf der es heißt: „Drei junge englische Juden, Jonas und Phineas May und M. Banks, die später Unteroffiziere des Pionierkorps werden sollten, wurden mit der Leitung des Lagers beauftragt.“„Three young English Jews, Jonas and Phineas May and M. Banks, who were later to become commissioned officers in the Pioneer Corps, were put in charge of the management of the camp.“ Siehe Weblinks Die Identität von „M. Banks“ – das M steht für Mister, sein Vorname wurde nie erwähnt und sein richtiger Nachname war wohl Levy – blieb mysteriös, er „bleibt eine etwas schattenhafte Figur in dieser Geschichte“.Clare Ungerson: Four Thousand Lives. S. 42. „Banks remains a somewhat shadowy figure in this story.“

Phineas May (1906–1995) war nicht nur in der Jüdischen Jungenbrigade aktiv, sondern brachte auch Mitglieder der Brigade als freiwillige Helfer mit ins Lager, die sich um dessen Logistik kümmerten und Schlüsselpositionen besetzten.Robert Philpot: GB: Comment le «Kitchener Camp» a sauvé 4 000 Juifs après la nuit de Cristal Phineas May wiederum hat während seiner Zeit im Kitchener Camp ein Tagebuch geführt, das nach Clare Weissenberg die Ressource ist, die das detaillierteste Bild über das Leben im Camp wiedergibt.Kitchener Camp: Information about the diary of Phineas May. Die Webseite enthält eine Einleitung und ermöglicht den Zugriff auf die Transkripte der Tagebücher, deren Original in der Wiener Library aufbewahrt werden. Auch für das Buch von Clare Ungerson (siehe Literatur) hatten diese Tagebuchaufzeichnungen eine große Bedeutung.

Das Durchgangslager Kitchener Camp war vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kein Internierungslager; die Männer erhielten einen Ausweis, mit dem sie das Lager verlassen durften. Innerhalb des Lagers waren sie in vielfältige Arbeiten eingebunden. Es mussten Straßen gebaut, Gräben ausgehoben, Abflüsse gesäubert und Hütten renoviert oder repariert werden. Einige der Männer hatten zudem die Gelegenheit, bei örtlichen Landwirten landwirtschaftliche Kenntnisse zu erwerben, was ihnen beim Anbau eigener Lebensmittel für das Lager nützte, aber mehr noch im Hinblick auf eine spätere Auswanderung.Kitchener Camp: Research Englischunterricht war obligatorisch, und es fanden auch kulturelle Veranstaltungen im Lager statt, an denen auch Gäste von außerhalb teilnahmen.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs veränderte sich die Situation. Die britische Regierung führte Ende September 1939 eine Klassifizierung der im Lande lebenden Ausländer ein, insbesondere derer deutscher oder österreichischer Herkunft. Das Klassifizierungssystem umfasste drei Kategorien: Kategorie A bedeutete feindlicher Ausländer („Enemy Alien“) und hatte die sofortige Internierung zur Folge; Kategorie B bedeutete Registrierung als freundlicher feindlicher Ausländer mit polizeilicher Meldepflicht und Bewegungsbeschränkungen; Kategorie C bedeutete Einstufung als freundlicher Ausländer. Die Einstufung erfolgte durch Tribunale, die in der Regel von einem örtlichen Richter oder sogar von einem Kronanwalt geleitet wurden. Etwa 73.000 Fälle wurden bearbeitet, wovon nur 569 in der Kategorie A eingestuft wurden. 6.700 Personen fielen in die Kategorie B und durften sich nicht mehr als 5 Meilen von ihren Aufenthaltsorten entfernen sowie weder eine Kamera noch ein Fahrrad besitzen. Die verbliebenen 66.000 Fälle wurden in die Kategorie C eingestuft; dazu gehörten auch 55.000 bis 60.000 Juden.Vancouver Holocaust Education Centre: Les «ennemis étrangers»: l’internement des réfugiés juifs au Canada, 1940–1943