Der Alfa Romeo Spider der Baureihe Tipo 916 ist ein offener zweisitziger Sportwagen des italienischen Automobilherstellers Alfa Romeo, der von 1994 bis 2004 gebaut und bis 2006 verkauft wurde. Er löste den seit 1966 produzierten Spider Duetto ab. Der Spider 916 ist das Schwestermodell des im gleichen Zeitraum gebauten Coupés Alfa Romeo GTV. Der Spider basiert ebenso wie der GTV auf der werksintern Tipo Due genannten Plattform des Fiat-Konzerns und ist daher unter anderem mit dem Fiat Tipo verwandt. Die Autos wurden anfänglich bei Alfa Romeo in Arese und zuletzt bei Pininfarina in Turin gebaut. Der Spider 916 wurde bei seiner Markteinführung vor allem wegen der Umstellung von Hinterrad- auf Frontantrieb vielfach kritisch gesehen, gilt inzwischen aber als „kommender Klassiker“.Michael Orth: Drei Farben Rot. Motor Klassik, Heft 2/2022, S. 13 ff. Alle Varianten zusammengenommen, entstanden in 11 Jahren fast 39.000 Spider.
Entstehungsgeschichte mini|Vorgänger: Alfa Romeo Spider Duetto mini|Geschlossenes Schwestermodell: Alfa Romeo GTV Tipo 916
Die Modellpalette der seinerzeit noch zum Staatskonzern IRI gehörenden Mailänder Traditionsmarke Alfa Romeo galt in den 1980er-Jahren als veraltet. Die Stufenhecklimousinen 75 und 90 waren stilistisch überarbeitete Varianten ihrer Vorgänger Giulietta bzw. Alfetta und nutzten technische Elemente, die auf die 1960er-Jahre zurückgingen.John Tipler: Alfa Romeo Berlinas, Veloce Publishing Ltd, 2016, ISBN 978-1-84584-964-1, S. 32. Das einzige offene Modell war in dieser Zeit der Spider (Tipo 115), der 1966 eingeführt worden war und seit 1983 in der dritten, Aerodinamica genannten Version produziert wurde. Nachdem Fiat im Herbst 1986 Alfa Romeo übernommen hatte, bemühte sich Vittorio Ghidella, der Chef von Fiats Autosparte, die Marke mit neuen Modellen attraktiver zu machen. Dem Spider sollte dabei künftig die Rolle eines Aushängeschilds zukommen. Gleichzeitig forcierte er die Einbindung Alfa Romeos in die Plattformstrategie des Fiat-Konzerns.Helmut Luckner, Eckhard Eybl: „Auf hochklassige Autos spezialisieren“, Interview mit Vittorio Ghidella in: Auto Motor und Sport, Heft 15/1988 (15. Juli 1988), S. 34 ff.
Im Frühjahr 1987 fiel die Entscheidung für die Entwicklung eines ganz neuen Spider und eines mit ihm verwandten Sportcoupés als Alfetta-GTV-Ersatz, die auf Fiats Tipo-Due-Plattform basieren sollten. Fiat beauftragte die Turiner Studios Bertone und Pininfarina mit der Erarbeitung von Designentwürfen. Die Entscheidung fiel frühzeitig zugunsten Pininfarinas. Im September 1987 waren die grundlegenden Entwürfe fertiggestellt, im Juli 1988 – wenige Monate vor seinem Ausscheiden aus dem Konzern – genehmigte Ghidella auf der Basis eines Tonmodells im Maßstab 1 : 1 das Design des Spiders und des Coupés. Die Entwicklung der als Tipo 916 bezeichneten neuen Schwestermodelle zog sich noch mehrere Jahre hin. Um die Zeit bis zur Serienreife der neuen Baureihe zu überbrücken, überarbeitete Alfa Romeo den klassischen Spider (Tipo 115) Ende 1989 ein weiteres – drittes – Mal. Kurz nach der Einführung dieser vierten Spider-115-Version zeigte Alfa Romeo auf dem Genfer Auto-Salon 1991 das vom Centro Stile Alfa Romeo unter Walter de Silva gestaltete Show Car Proteo, das zentrale Gestaltungsmerkmale des Tipo 916 vorwegnahm und die Öffentlichkeit auf das kommende Modell vorbereiten sollte.Geschichte des Alfa Romeo Spider und GTV 916 auf der Internetseite www.bozhdynsky.com (abgerufen am 14. November 2021).Enrico Fumia im Interview 2012 (abgerufen am 14. November 2021).Geschichte des Alfa Romeo Spider und GTV (Tipo 916) auf www.thinkersgarage.com (abgerufen am 17. November 2021).
Der Spider 916 debütierte zusammen mit dem Schwestermodell GTV auf dem Pariser Autosalon im Oktober 1994.Georg Amtmann, Halwart Schrader: Italienische Sportwagen. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 3-613-01988-4, S. 53. Die Serienfertigung begann Ende 1994 und dauerte bis 2004. In dieser Zeit entstanden drei Baureihen des Tipo 916, die inoffiziell als Phase 1 (1993–1998), Phase 2 (1998–2003) und Phase 3 (2003–2004) bezeichnet werden. Die Phase 3 ist die seltenste Baureihe. Sie galt mit der bei ihrer Einführung fast 20 Jahre alten technischen Basis als veraltet. Die Phase 3 sollte die Zeit bis zur Serienreife eines ganz neuen Spiders überbrücken, der werksintern als Tipo 939 bezeichnet wurde, auf dem 159 aufbaute und im Sommer 2006 debütierte. Kurz vorher waren die letzten auf Halde stehenden Spider 916 abverkauft worden.
Modellbeschreibung Aufbau Der Entwurf der 916-Reihe ist eine Arbeit des Pininfarina-Designers Enrico Fumia, der 1982 bereits die Stufenhecklimousine Alfa Romeo 164 gestaltet hatte. 1988 übernahm das Centro Stile Alfa Romeo den Pininfarina-Entwurf. Alfas eigene Designer entwickelten ihn unter der Leitung von Walter de Silva zur Serienversion weiter.Fehlerhaft insoweit das Standardwerk Georg Amtmann, Halwart Schrader: Italienische Sportwagen (Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 3-613-01988-4, S. 54), das den Karosserieentwurf insgesamt dem Centro Stile Alfa Romeo zuordnet und das Interieur für einen Pininfarina-Entwurf hält: Umgekehrt ist es richtig.
Designgeschichte mini|Stilistische Vorlage: Audi Quattro Quartz (1981)
Das Design des Spider 916 hat keine Bezüge zu den vorangegangenen Spider-Generationen oder sonstigen Alfa-Romeo-Modellen. Georg Amtmann, Halwart Schrader: Italienische Sportwagen. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 3-613-01988-4, S. 54. Zwar hatte Alfa Romeo 1986 das von Diego Ottina gestaltete Pininfarina-Show-Car Vivace als Coupé und Cabriolet gezeigt,Abbildungen der beiden Show Cars Alfa Romeo Vivace (abgerufen am 17. November 2021). das bereits wesentliche Designelemente des kommenden Alfa Romeo 164 enthielt und einige Medien zu der Annahme veranlasste, der neue Spider werde eine stilistische Verwandtschaft zum 164 haben. Tatsächlich war der Vivace aber zu keiner Zeit als Grundlage des neuen Spiders vorgesehen, sondern sollte die Öffentlichkeit nur auf das Design des 164 vorbereiten.
Die Karosserie des Tipo 916 wird vielfach als eine Weiterentwicklung von Pininfarinas Show Car Audi Quattro Quartz aus dem Jahr 1981 angesehen,Beschreibung des Designs des Tipo 916 auf ww.bozhdynsky.com (abgerufen am 29. Oktober 2021). das Fumias erster kompletter Entwurf für Pininfarina war. Gemeinsame Designmerkmale beider Autos sind unter anderem die zurückversetzten Rundscheinwerfer, die in die Wagenflanken hineinreichende Motorhaube, ferner die breite Sicke, die die Motorhaube von den Stoßfängern trennt, und das waagerechte, über die gesamte Wagenbreite reichende hintere Leuchtenband, das seit dem 164 von 1987 ein Kernelement des Alfa-Romeo-Designs war.Das Leuchtband geht auf ein Jaguar-Showcar von 1977 zurück, das Leonardo Fioravanti für Pininfarina entworfen hatte. Beim Quartz ist dieses Merkmal im Vergleich zum Jaguar vereinfacht. Fumia selbst relativierte allerdings rückblickend die Nähe zum Quattro Quartz. In einem Interview aus dem Jahr 2012 beschränkte er die Ähnlichkeiten des Alfa Romeo und des Quattro Quartz auf die Scheinwerfer; im Übrigen seien beide „völlig eigenständige Autos“.Zitate aus einem Interview mit Enrico Fumia von 2012 auf Internetseite www.bozdynsky.com (abgerufen am 22. September 2020).
Karosserie mini|Keilförmiges Profil mini|Durchgehendes Leuchtenband am Heck: Typisches Alfa-Design der 1990er-Jahre
Die Karosserie des Spider 916 wird allgemein als keilförmig beschrieben.Georg Amtmann, Halwart Schrader: Italienische Sportwagen. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1999, ISBN 3-613-01988-4, S. 55.Alf Cremers: Spider-Spirit. Fahrbericht Alfa Romeo Spider 2.0 und 2.0 T-Spark in: Motor Klassik, Heft 1/2018, S. 62.Andrew Jewitt, Peter Lawton: Alfa’s Design of the Times, What Car?, Heft 7/2003. Dieser Eindruck entsteht vor allem durch eine Sicke an den Wagenflanken, die am vorderen Radkasten beginnt und von dort bis zum Abschluss des Dachs stark ansteigt. Die Sicke ist eine Idee, die Pininfarina bereits beim Quattro Quartz verwirklicht hatte; dort verläuft sie allerdings waagerecht. Die Gürtellinie des Spiders folgt dem Verlauf der Sicke. Gleiches gilt für die Fuge zwischen dem hinteren Kotflügel und dem hinteren Stoßfänger.
Die große einteilige Motorhaube ist aus Kunststoff; das Material wurde vor allem wegen der unproblematischen Verarbeitungsmöglichkeit gewählt. Sie ragt weit in die Wagenflanken hinein. Auf jeder Seite lässt sie vorn zwei kreisförmige Öffnungen für die Scheinwerfer. Die Leuchten selbst sind fest montiert und schwenken beim Öffnen der Motorhaube nicht nach oben. In der Mitte der Motorhaube ist Alfa Romeos Scudetto positioniert, das unten in den Stoßfänger hineinragt bzw. die Stoßstange durchbricht (Phase 3). In den Stoßfängern befinden sich bei den Baureihen 1 und 2 auf beiden Seiten des Scudetto schmale waagerechte Lufteinlässe; für die dritte Baureihe sind die Einlässe in den unteren Bereich des Stoßfängers verlegt. Die rahmenlosen Türen sind die gleichen wie die des GTV.Robert Foskett: Alfa Romeo 916 GTV and Spider: The Complete Story, Crowood Press, ISBN 978-1-84797-533-1, S. 71. Der Spider hat ebenso wie der GTV keine ausgeformten Türgriffe. Stattdessen gibt es jeweils einen Druckkopf in der Tür zur Entriegelung sowie eine Vertiefung in der seitlichen Sicke, in die ein Finger eingeführt werden kann, um die entriegelte Tür aufzuziehen.
Der Spider hat ein kurzes Stufenheck. Anders als beim GTV, bei dem eine Abrisskante vorgesehen ist, fällt der Kofferraumdeckel beim Spider nach hinten ab. Einige Quellen sehen darin ein Zitat der Linienführung der ersten Spider-115-Version (Osso di Seppia).Der Alfa Romeo Tipo 916 auf www.bozhdynsky.com (abgerufen am 14. Mai 2022). Am Heckabschluss befindet sich ein schmales, über die ganze Wagenbreite reichendes Leuchtband, das die Blinker, die Bremslichter, die Schlusslichter, die Rückfahrscheinwerfer und die Nebelschlussleuchten enthält. Der Spider und der GTV haben jeweils das gleiche Leuchtband. Das Kofferraumschloss ist unter dem runden Alfa-Romeo-Wappen auf dem Kofferraumdeckel versteckt, das zur Seite gedreht werden kann.
Der Spider wird allgemein als verwindungsfreudig kritisiert. Der Aufbau des GTV ist 64 % steifer als der des Spiders.Peter Robinson: Twin Peaks. Wheels, Heft 6/2003.
Verdeck mini|Elektrohydraulisch betätigtes Verdeck beim Spider Phase 3
Das faltbare Verdeck ist mit Stoff bezogen. In der ersten Baureihe (Phase 1) war es wahlweise in Schwarz oder Beige erhältlich, in den späteren Baureihen (Phase 2 und 3) in Schwarz oder Blau. Das Verdeck schließt seitlich unmittelbar an die Fenster der Türen an. Die Heckscheibe besteht aus flexiblem PVC. In zusammengeklapptem Zustand ist das Verdeck in einem Abteil hinter den Sitzen untergebracht und wird von einer in Wagenfarbe lackierten Kunststoffklappe abgedeckt. Serienmäßig ist der Klappmechanismus von Hand zu betätigen, gegen Aufpreis (bzw. ab Werk bei einigen Sonderserien) war ein elektrohydraulischer Mechanismus erhältlich, der nur im Stand und bei angezogener Handbremse funktioniert. Zeitweise gab es ein Kunststoffhardtop, das der Form des Stoffverdecks angepasst ist.Abbildung eines Alfa Romeo 916 Spider mit Hardtop (abgerufen am 11. November 2021).
Innenraum mini|Interieur eines Phase-3-Spider
Der Spider ist ein Zweisitzer. Im Gegensatz zum geschlossenen Schwestermodell GTV hat er hinter dem Fahrer- und Beifahrersitz keine Notsitze. Stattdessen ist ein verschließbares Abteil für kleines Gepäck untergebracht; darin befindet sich auch die Batterie. Die obere Seite des Abteils ist als Ablage gestaltet. Robert Foskett: Alfa Romeo 916 GTV and Spider: The Complete Story, Crowood Press, ISBN 978-1-84797-533-1, S. 81.