Die Blasmusikforschung steht in der Pannonischen Forschungsstelle, die 1990 am Institut 12 Oberschützen der Kunstuniversität Graz eingerichtet wurde, im Mittelpunkt. 2013 wurde sie zum International Center for Wind Music Research (Internationales Zentrum für Blasmusikforschung) erweitert, womit eine in Europa einzigartige Institution geschaffen wurde. Die Schwerpunkte liegen sowohl im Sammeln historischen Materials und aufgelassenen Notenarchiven von Musikvereinen als auch in der Erweiterung der Fachliteratur- und Notenbestände um die neuesten Publikationen. Insbesondere die zum Teil erst ansatzweise erschlossenen Sammlungen bieten reichlich Möglichkeit zu weiterführenden Forschungen. Die Zweigstellenbibliothek enthält mehr als 30.000 Exemplare darunter Notenmaterial ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts, Direktionsstimmen, Partituren, Salonorchesterausgaben, Harmoniemusik, Fachliteratur und Blasmusikzeitschriften.

Geschichte

Anfang der Blasmusikforschung mini|Erste Ausgabe der Alta Musica, 1976, Seite II–III Das Motto von Anfang an war „Die Blasmusik wird erforscht und rehabilitiert“. Als markante Punkte auf dem Weg der Blasmusikforschung sind zunächst 1966 die Kommission zur Erforschung des Blasmusikwesens in SindelfingenWolfgang Suppan: Die Kommission zur Erforschung des Blasmusikwesens, in: Grundfragen des Bläserischen Musizierens der Jugend in unserer Zeit, Konferenzbericht, hrsg. von Reinhold Stapelberg und Wolfgang Suppan, Trossingen, Freiburg 1966, S. 79–83, hier S. 79–80. und 1974 die Gründung der Internationale Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik (IGEB)Wolfgang Suppan, Eugen Brixel: Vorwort, in: Bericht über die erste internationale Fachtagung zur Erforschung der Blasmusik Graz 1974 (= Alta Musica Band 1), hrsg. von Wolfgang Suppan und Eugen Brixel, Hans Schneider, Tutzing 1976, S. 8. in Graz zu nennen. Musikwissenschaftliche Kongresse von 1975 und 1988 gaben den Anstoß, dass die Pannonische Forschungsstelle (PFS) am 1. Juni 1990 unter der Leitung von Wolfgang Suppan eingerichtet wurde.Armin Suppan: Pannonische Forschungsstelle, in: Österreichische Blasmusik Zeitschrift (ÖBZ), 39. Jahrgang, Heft 11, 1991, S. 14. Damals war die Idee eine Zusammenarbeit mit der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und dem Institut für Musikethnologie 13 Graz, um die Musikkultur des Pannonischen Raumes zu erforschen.Beitrag: Blasmusikforschung im „Pannonischen Raum“, in: Österreichische Blasmusik Zeitschrift (ÖBZ), 38. Jahrgang, Heft 3, 1990, S. 8. Als erstes Projekt wurde das Thema „Blasinstrumente und Bläsermusik im Pannonischen Raum seit dem 16. Jahrhundert“ eingerichtet. Das Zentrum wurde nach den Projektjahren bei der Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF)Website der FWF. Abgerufen am 25. September 2020. ab Juli 1993 dem Institut 13 für Musikethnologie zugeteilt und seit 2002 dem Institut 12 Oberschützen angegliedert. Die Ernennung von Bernhard HablaDie Kunstuniversität Graz trauert um Bernhard Habla (1957–2016): Nachruf von Univ.Prof. Dr. Klaus Aringer, Vorstand des Instituts Oberschützen, erstellt am 6. September 2016 (, 25. September 2020) zum Präsidenten der Internationalen Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik (IGEB) im Jahr 2000 hat eine engere Zusammenarbeit zwischen dieser Gesellschaft und der Kunstuniversität Graz geschafften. Dies ermöglichte eine erweiterte Rolle der Pannonischen Forschungsstelle im Bereich der internationalen Erforschung des Blasmusikwesens.

International Center for Wind Music Research mini|Eröffnung des International Center for Wind Music Research, Institut Oberschützen (Austria), 2013 Im Februar 2013 wurde die PFS in den neu renovierten und ausgestatteten Räumlichkeiten am Institut 12 Oberschützen eingerichtet und dazu durch ein Sonderprojekt des Rektorats der Kunstuniversität Graz zum International Center for Wind Music Research (Internationales Zentrum für Blasmusikforschung) erweitert.Bernhard Habla: Ein eigenes Zentrum für die Blasmusikforschung, in: Eurowinds, März/April 2014, S. 30–31. Die Räumlichkeiten der Bücherei Oberschützen wurden in der Folge einem kompletten Umbau unterzogen. Arbeitsplätze für Personal, Studierenden und Besucher wurden eingerichtet und ein eigener Server aufgestellt. Nun werden die Bestände der PFS im Bibliothekskatalog der KUG aufgenommen, so dass via Internet die Bestände auch von außerhalb der KUG eruiert werden können. Mit einem Festakt wurde am 11. Oktober 2013 das neu errichtete International Center for Wind Music Research (Oberschützen) eröffnet.Bernhard Habla: International Center for Wind Music Research, in: Österreichische Blasmusik Zeitschrift (ÖBZ), Ausgabe 11, 2013, S. 6–7. Es wurde Wolfgang Suppan zum 80. Geburtstag gratuliert und war zugleich eine Hommage für seine Pionierleistungen im Bereich der Blasmusikforschung. Damien Sagrillo von der Université du Luxembourg sprach in seinem Festvortrag über „Blasmusikforschung – Rückblick – Ausblick“ ausführlich über die Tätigkeiten Wolfgang Suppans und betonte u. a. die regionale Musikforschung, die für das Gesamtbild der Musikgeschichte sehr wichtig sei. Weitere Höhepunkte waren Ansprachen über die Stellung und die Bedeutung der PFS. Auch für die musikalische Umrahmung des feierlichen Anlasses sorgten die Studierenden von Barbara Ritter,Kurze Biographie: https://www.tonkuenstler.at/de/orchester/musikerinnen-und-musiker-des-orchesters/holzblaeser/ritter-barbara, 25. September 2020. die Stücke von Luigi Cherubini und Joseph Haydn für Harmoniemusik aufführten.

Bestände und Aufgaben mini|hochkant=0.9|Bernhard Habla (1957–2016) Die Materialien der Zweigstellenbibliothek, welche der neue Leiter Bernhard Habla seit 2000 zusammengetragen hat, haben eine unglaublich umfangreiche, aber nur schätzbare Größe ausgemacht. Eine Hauptaufgabe der Pannonischen Forschungsstelle ist das Sammeln aller relevanten Quellen zur Erforschung der Blasmusik. Sie enthält mehr heute als 30.000 Exemplare, darunter Blasmusikzeitschriften,Liste der Blasmusikzeitschriften in Deutschland (, 25. September 2020) Fachbücher, Dissertationen, Verlagsverzeichnisse, Tonträger oder Notenmaterial ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts (Direktionsstimmen, Partituren, Stimmsätze etc.). Weiters beherbergt die Bibliothek eine fast ebenso umfangreiche Sammlung von Salonorchesterliteratur, die ja historisch gesehen sehr eng mit den Werken für Blasorchester zusammenhängt. Die Forschungsstelle archiviert aber noch tausende Literaturquellen, die noch nicht aufgenommen und noch nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Neben diesen vorwiegend Archivarbeiten brachte die Forschungsstelle auch Vorlesungen nach Oberschützen, die das Studienangebot für Studienrende der Kunstuniversität Graz erweiterten. Die PFS initiiert aber auch die Aufführung von historischem Notenmaterial. Bei diesen Projekten wirken musikwissenschaftliche Arbeit direkt mit der praktischen Aufführung und seinen musikalischen und szenischen Fragestellungen zusammen. Seit der Gründung des Pannonischen Blasorchesters (PBO) wurde dieses repertoiremäßig von der PFS beraten und über 25 Jahre auch organisiert. Seit 1991 wurden 17 CDs aufgenommen, darunter von 2007 bis 2011 die sechsteilige CD-Serie PBO „Europa Sinfonie“ mit 13 original für Blasorchester komponierten Sinfonien europäischer Komponisten aus den letzten zwei Jahrhunderten.Bernhard Habla: Pannonisches Blasorchester, in: Arbeitsberichte-Mitteilungen der Pannonischen Forschungsstelle Oberschützen, Nr. 2 (1991), S. 95.

Zentrum zur Erforschung und Förderung der Blasmusik mini|hochkant=0.9|David Gasche, 2017 Im September 2017 hat David GascheKurze Biographie: https://ib-kongress.com/person/dr-phil-david-gasche, abgerufen am 25. September 2020. die Leitung der Pannonischen Forschungsstelle am Institut 12 Oberschützen übernommen.David Gasche: Neuer Leiter für die Blasmusikforschung, in: Unisono, 1/2018, S. 56. Die Arbeitsschwerpunkte, die 1966 in Sindelfingen mit der Kommission zur Erforschung des Blasmusikwesens beschlossen wurden, sind grundsätzlich geblieben. Es handelt sich um das gedruckte Notenangebot für Blasmusik, die bibliographische Erfassung von über 30.000 Notenausgaben sowie deren Auswertung, die Sammlung und Veröffentlichung von Quellen und Literatur, Forschungstätigkeit, Lehrtätigkeit und Betreuung von wissenschaftlichen Arbeiten.David Gasche: Blasmusik-Forschung unter neuer Leitung, in: Eurowinds, Ausgabe 3/2018 (Mai/Juni), S. 64. Jedes Jahr kommen Forscher, Musikwissenschaftler, Studierende, Dirigenten und Musiker, um die Sammlungen einzusehen und Projekte durchzuführen. Zusammen mit der IGEB bildet das Forschungszentrum ein Netzwerk und steht damit im Austausch mit Blasmusikforschern der ganzen Welt. Das International Center for Wind Music Research widmet sich daher als Pionier der zunehmenden deutschen Blasmusikforschung, damit die Erforschung und Förderung der Blasmusik aller Art gewährleistet wird.David Gasche: Neue Leiter des International Center for Wind Music Research in Oberschützen, in: Clarino, März 2018, S. 57.

Archiv und Bibliothek

Schwerpunkte mini|Folder der PFS Der umfangreichste Teil des Bestandes ist die Notensammlung. Sie besteht einerseits aus einigen verschiedenen abgeschlossenen Sammlungen mit historischem Notenmaterial, meist Stimmenmaterial, und andererseits aus einer gewachsenen und noch zu erweiternden Sammlung, dem sogenannten „Hauptarchiv“,Hauptarchiv der Zweigstellenbibliothek: , 25. September 2020. das ursprünglich in erster Linie aus Direktionsstimmen und Partituren bestand, und mittlerweile durch eine feine Unterteilung in Aufführungsmaterial für verschiedene Orchester- und Ensemblegrößen, pädagogisches Notenmaterial und eine Rara-Sammlung erweitert wurde. Dieses Hauptarchiv (HA) umfasst momentan rund 15.000 Stücktitel von ca. 4000 Komponisten. Ab 2013 wurde beschlossen, von den geschlossenen Sammlungen einige exemplarisch genau zu erschließen. So wurden einige Sammlungen mit historischem, handschriftlichem Material und eine mit gedruckten Noten des 20. Jahrhunderts aufgenommen. Seit 2013 ist der Bestand im Gesamten auch nochmals um ca. 10–15 % durch Neuerwerbungen und Schenkungen gewachsen (bei den Büchern sogar ein Zuwachs von etwa 20 %). Eine große Sammlung für Salonorchester aus dem Wiener Raum der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam als Schenkung hinzu, womit nun der Bestand an Salonorchester knapp 40 % einnimmt. Es sind zum jetzigen Zeitpunkt (09/2020) circa 55 % des gesamten Medienbestandes im Bibliothekskatalog erschlossen und somit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.Auskunft von Ingrid Naftz: Das Entstehen einer modernen Bibliothek, in: Arbeitsberichte-Mitteilungen der Pannonischen Forschungsstelle, Ausgabe 27 / 2017 [Band VI: 2015–2019], hrsg. von David Gasche, Institut 12 der Kunstuniversität Graz, Oberschützen 2017, S. 77–83. Die Forschungsstelle archiviert aber noch tausende Literaturquellen, die noch nicht aufgenommen wurden. Diese zum Teil erst ansatzweise erschlossenen Sammlungen bieten reichlich Möglichkeit zu weiterführenden Forschungen. Die Leitung der Zweigstellenbibliothek übernahm 2017 Verena Paul,Kurze Biographie: https://ib-kongress.com/person/verena-paul, 25. September 2020. die auch eine aktive Musikerin und eine Spezialistin für Blasmusik ist. Die Bibliothek umfasst derzeit die meisten deutschsprachigen Blasmusik-Zeitschriften und stellt zahlreiche Bücher zur Blasmusik weltweit zur Benutzung bereit. Nach der Formalerschließung ergab sich eine Summe von ca. 160 verschiedenen Blasmusikfachzeitschriften mit rund 1000 Jahrgängen.

Sammlungen mini|hochkant|Julius Fučik „Requiem aeternam dona eis Domine“, Autographe (Direktionsstimme), Sarajevo, 1899 (Titelblatt)