mini|x228px|Seit Dezember 2019 Sitz von Stattbau in der Hermannstraße in Neukölln (2020)
Die STATTBAU GmbH ist eine 1983 gegründete Stadtentwicklungsgesellschaft mit Sitz in Berlin. Stattbau handelt als Unternehmen im Staatsauftrag und seit den 1990er Jahren auch in Zusammenarbeit mit öffentlichen und gemeinnützigen Institutionen mit Schwerpunkt in der Stadterneuerung Berlin.
Stattbau war als Sanierungsträger Akteur der Behutsamen Stadterneuerung in Berlin ab den 1980er Jahren und legt traditionell Wert auf Bürgerbeteiligung. Nach der Wiedervereinigung zählte Stattbau zu den Trägern in den Sanierungs- und Stadtumbau-Projekten in Ost-Berlin und Brandenburg. Heute werden Projekte auch bundesweit realisiert.
Unternehmen „Die Tätigkeit von Stattbau als Sanierungsträger besteht in der Unterstützung und Entwicklung von stadtteilbezogenen Modellen für den Wohnungs- und Gewerbebau und damit verbundener Infrastrukturmaßnahmen sowie für Instandsetzungs- und Modernisierungsmaßnahmen.“ (Klassifizierung des Statistischen Bundesamtes). Stattbau führt Treuhandtätigkeiten aus.
Gesellschafter Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband, Landesverband Berlin Evangelischer Kirchenkreis Berlin Stadtmitte Stiftung Invitrust Mitarbeiterbeteiligung GbR
Arbeitsfelder Stadt·Beratung (Wohnbau-Genossenschaften) Stadt·Entwicklung (Stadtumbau und -sanierung) Stadt·Projekte (Infrastruktur, Denkmalschutz, Ökologie, Öffentliche Bereiche) Stadt·Raum·Kirche (Nutzungs- und Entwicklungskonzepte Kirchen und Friedhöfe)
mini|15 Flächensanierung: Abriss des Block 104 in Kreuzberg 1980
Geschichte Die Gründung von Stattbau fand vor dem Hintergrund bis dahin in der Nachkriegszeit unbekannter Unruhen in der Bevölkerung West-Berlins Anfang der 1980er Jahre statt.
Hintergrund Im Rahmen der Flächensanierung, die ab 1964 als Konzept der Stadtentwicklung in Berlin den Abriss der Altbau-Stadtquartiere zugunsten von Neubauten vorantrieb, kam es nach eher deklamatorischem Widerstand Mitte der 1970er Jahre, ab 1979 zu ersten „Instandbesetzungen“, die ab Frühjahr 1981 in eine Welle von Hausbesetzungen vor allem in Kreuzberg und Schöneberg mündeten. Der Versuch der Senatspolitik, mit Polizeieinsätzen diese ‚Sanierungshemmnisse‘ zu beseitigen, scheiterte nicht nur an der ausdauernden Konfliktbereitschaft der meist jugendlichen Besetzer, sondern auch an deren Unterstützung in der Bevölkerung und in Institutionen.
Hinzu kam Widerstand gegen die „Kaputtsanierung“ unter Stadtplanern, Architekten und selbst in Behörden. Mit dem Senatsbeschluss zur Ausrichtung einer Internationalen Bauausstellung (IBA), zuerst geplant zum Jahr 1984, konnten die Opponenten gegen die Sanierungspraktiken der 1960/1970er Jahre eine gut finanzierte Projekt- und Veranstaltungsreihe nutzen, um mit der „Behutsamen Stadterneuerung“ ein auch in der Politik schließlich mehrheitsfähiges Konzept zu erstellen, das im Verlauf der 1980er Jahre zu einer Umorientierung in der Stadterneuerung Berlins führte.
Umfassend siehe: Stadterneuerung Berlin: Hintergrund der Konflikte der 1970/80er Jahre
Faktisch wurde die Flächensanierung durch die im Sommer 1981 rund 170 Häuser zählenden Besetzungen gestoppt, die jedoch juristisch als Rechtsbruch gewertet, den Innensenator Heinrich Lummer zu massiven Gegenmaßnahmen veranlassen konnten. Die zahlreichen Räumungen führten dann zu Straßenkämpfen, die sich zu ‚bürgerkriegsähnlichen Unruhen‘ steigerten.
Nachdem im September 1981 im Rahmen einer Großaktion der Polizei der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay ums Leben gekommen war, wurden auf Initiative des Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker vom Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin, Martin Kruse, Gespräche vermittelt, mit dem Ziel einer dauerhaften „friedlichen Lösung“ der Konflikte. Zum Partner im Kontakt zu den Hausbesetzer-Gruppen wurde die Organisation Netzwerk Selbsthilfe e. V., eine Gründung der 68er-Bewegung zur Finanzierung von Alternativprojekten, gewonnen.
mini|Treffen des Aufsichtsrats von Stattbau 1983
Weg zur Konfliktlösung Der von der Kirche beauftragte Rechtsanwalt Rainer Papenfuß brachte den Vorschlag ein, einen alternativen Sanierungsträger für ‚verhandlungsbereite Häuser‘ einzurichten. Dies ließ sich erst nach heftigen internen Auseinandersetzungen auf beiden Seiten mit einem die Verständigung permanent gefährdenden, wechselseitigen Aktionismus erreichen. Netzwerk hatte im April 1982 zunächst einen Sanierungsträger mit Namen Netzbau gegründet, der jedoch von einer Mitgliederversammlung im Dezember 1982 nach einer als beabsichtigte Provokation durch den Innensenator gewerteten Räumung, wieder aufgelöst worden war.
Zur Problematik: Gründungsphase Netzbau/Stattbau
Nach erneuerten Gesprächen kam es zu einer Aufhebung des Auflösungsbeschlusses und zu einer auf erweiterter Grundlage stehenden und von Netzwerk abgelösten Gründung des Sanierungsträgers Stattbau im März 1983. Am 13. Juli 1983 wurde Stattbau ins Handelsregister eingetragen.
Juristisch begleitet und ermöglicht wurde dieser Vorgang durch bereits seit den 1970er Jahren arbeitende Fachgruppen von Architekten und Stadtplanern unter Hardt-Waltherr Hämer, die teils von Bausenatoren unterstützt worden waren. Sie entwickelten parallel zum Konfliktgeschehen das Konzept einer „Behutsamen Stadterneuerung“, mit dem die Flächensanierung über den politischen auch im gesetzgebenden Prozess abgelöst werden konnte.
Bewährung in Kreuzberg Der die komplexen Entwicklungen vor Ort regulierende und praktisch umsetzende Sanierungsträger Stattbau war nun das Unternehmen, das im Kreuzberger Block 103 mit 12 Häusern und dem besonders symbolträchtigen „Problemhaus“ Oranienstraße 198 im Block 104 vom Herbst 1983 bis 1986 den Kommunikations- und Arbeitsprozess ‚mustergültig‘ bewältigte. Bilanziert wurde 1990er die Sanierung von insgesamt ca. 60 besetzten Häusern und einer damit verbundenen Legalisierung der Bewohnergruppen.
Beim Abschluss dieser Phase, die mit dem 1983 auch politisch verabschiedeten Konzept der Behutsamen Stadterneuerung eine grundlegende Wandlung der Stadterneuerung in Berlin eingeleitet hatte, erfolgte im historischen Prozess der Mauerfall und die Wiedervereinigung Deutschlands.
Neue Aufgabenstellung Da in Berlin Ost und West unmittelbar zueinander kamen, wurde hier rasch der katastrophale Zustand der Gründerzeitviertel in Ost-Berlin offensichtlich. Es bestand hier hoher Handlungsbedarf und es standen die beiden, nun in komplexen Prozessen erfahrenen, auch vor allem demokratisch motivierten Sanierungsträger Stattbau und S·T·E·R·N zur Verfügung. Das erwies sich auch deshalb als günstig, weil die Betroffenenbeteiligung in der Arbeitsorganisation beider Unternehmen einen hohen Stellenwert besaß und sich in den Ost-Berliner Vierteln bereits aktive, gegen die dortige Stadtzerstörung opponierende Gruppen gebildet hatten.
Dies stellte für ein Jahrzehnt auch Stattbau vor neue Herausforderungen.
Erste Zäsur 1990 Hardt-Waltherr „Gustav“ Hämer, Initiator der „Behutsamen Stadterneuerung“ beschrieb die Lage 1989:
„Hoher Leerstand, in Ost-Berlin ca. 25.000 Wohnungen, allein im Bezirk Prenzlauer Berg ca. 8.000, d. h. fast doppelt soviel wie in West-Berlin insgesamt zu Beginn der achtziger Jahre, als die Hausbesetzungen und die Auseinandersetzungen über die Wohnungspolitik ihren Höhepunkt erreichten; jahrzehntelang unterlassene Instandhaltung und fortgeschrittener Verfall eines großen Teils der Altbausubstanz, Mangel an dringend benötigten Baumaterialien; keine kostendeckende Bewirtschaftung der Häuser aus den laufenden Mieteinnahmen; Stadterneuerung ohne Bürgerbeteiligung, Abriß historisch wertvoller Gebäude, »Diktat des Plans« ohne Rücksicht auf soziale Strukturen und individuelle Bedürfnisse.“Hardt-Waltherr Hämer: Behutsame Stadterneuerung in: Hrsg.: Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen, Stadterneuerung Berlin, Berlin 1990, S. 70.
Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht der gebotenen Eile beschloss am 6. Februar 1990 „der Senat die ‚außerplanmäßige Mittelbereitstellung zur Förderung dringender Stadterneuerungsmaßnahmen im Großraum Berlin‘ in Höhe von 25 Millionen DM für in den Jahren 1990 und 1991 zu realisierende Maßnahmen.“ Die Mittel sollten insbesondere in Mitte und Prenzlauer Berg eingesetzt werden und die Vergabe war „an die Bedingung geknüpft, daß aus Ost-Berlin Komplementärmittel für die Erneuerungsmaßnahmen bereitgestellt werden.“ Damit wurde insgesamt „ein Bauvolumen von ca. 60 Millionen DM aktiviert.“Borgelt, Dieser, Keckstein: Das 25-Millionen-Programm in: Stadterneuerung Berlin, 1990, S. 102
In West-Berlin standen die mit dem Umschwung von der Flächensanierung zur Behutsamen Stadterneuerung und auch mit selbstbewussten Mietergruppen erfahrenen Stadtsanierer STATTBAU und S·T·E·R·N nebst Städtischen Gesellschaften und einigen Büros zur Verfügung. Diese wurden vom Berliner Abgeordnetenhaus mit der Untersuchung der Zustände in den östlichen Stadtteilen betraut.Mit der finanziellen Abwicklung und der Kontrolle der Maßnahmen des 25-Millionen-Programms wurden für das Land Berlin von der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen beauftragt: DeGeWo, BSM, L.I.S.T., S·T·E·R·N, SPI, STATTBAU und die ARGE MITTELSTRASSE.
In Erwartung der Aufträge in Ost-Berlin wurden ab 1990 Qualifikationsprojekte eingerichtet, auch um einen erweiterten, eigenen Personalstock aufzubauen. Das Projekt Bauhof Friedrichshain (später Stattbauhof gGmbH) wurde für Arbeitslose aus dem Ostteil eingerichtet.
Weil es kaum möglich war, den Instanzen oder Unternehmen der DDR Erneuerungsprozesse zu übertragen, da dort viele Voraussetzungen organisatorischer, technischer und vor allem konzeptioneller Art fehlten, andererseits das Potenzial an fachlich-praktischen Qualifikationen einbezogen werden sollte und musste, führte dies zu vermehrten Planungs-Anforderungen. Um die informellen Lücken auf allen Ostberliner Fachgebieten zu schließen, zogen STATTBAU und S·T·E·R·N Mitarbeiter der Bauakademie der DDR heran.
Siehe auch: Erste Folgen der Wiedervereinigung
Unternehmensentwicklung Nach der komplexen Befassung mit der Sanierung und Legalisierung besetzter Häuser ab 1983 und den Notmaßnahmen in Berlin-Friedrichshain nach der Wende 1990, die in allen Fällen zum großen Teil ‚Vermittlungsarbeit‘ bedeutete und Stattbau häufig „zwischen zwei Stühle“ brachte, konnte die Gesellschaft ihre Aktivitäten auf eine Vielzahl von Arbeitsbereichen ausweiten.
Entsprechend zügig mussten die Voraussetzungen an einer Teilhabe an Stadterneuerungsverfahren durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung geregelt werden. In erster Linie in den Funktionen als:
Treuhänder Sanierungsbeauftragte Quartiermanager
Nachdem Stattbau 1983 die Qualifikation als Treuhänder der Stadt Berlin erhalten hatte, erhielt das nun unter STATTBAU firmierende Unternehmen 1992 den Treuhänderstatus des Landes Brandenburg und konnte Tätigkeiten in der Stadterneuerung in Nauen und Oranienburg aufnehmen.
Chronik der Aktivitäten und Projekte (1990 bis 2002) In seiner ChronikSTATTBAU Geschichte: . (Abruf=2020-09-16). führt STATTBAU eine Auswahl zum Spektrum seiner Aktivitäten an:
1992: Als Treuhänder Brandenburg wird STATTBAU Sanierungsbeauftragte der Stadt Nauen zur „Neuordnung der Altstadt“ (Vorbereitung, Koordination und Durchführung).
1993: Im Plattenbauviertel Marzahn ein Jugendprojekt unter Einbezug der Jugendlichen „in der Form von baulichen Selbsthilfemaßnahmen“.
mini|STATTBAU-Plan zum Erneuerungskonzept Samariterviertel 1993: In Ostberlin (Friedrichshain) beginnt das Sanierungsverfahren für das Samariterviertel, das bis 2011 begleitet wird.
1994 wird STATTBAU Sanierungsbeauftragte für die Altstadt und Innenstadt Oranienburg und die Gebietsentwicklung Neustädter Markt in Leipzig.