Das Juvavikum (international Juvavicum) ist eine tektonische Einheit der Nördlichen Kalkalpen.
Etymologie Das Juvavikum, auch als Juvavische Decke bzw. Juvavisches Deckensystem bezeichnet, ist nach Iuvavum, dem heutigen Salzburg, benannt.
Definition In den zum Oberostalpin gehörenden Nördlichen Kalkalpen können eine Anzahl tektonischer Deckenbereiche unterschieden werden, denen teilweise auch bestimmte Schichtenfolgen zu eigen sind. Es werden drei Hauptdecken abgetrennt – das Bajuvarikum im Norden, gefolgt vom Tirolikum und dem Juvavikum weiter südlich.
Insgesamt lassen die drei Deckensysteme eine zunehmende Vertiefung ihrer Sedimentfazies erkennen – vom flacheren Bajuvarikum über Tirolikum hin zu tieferem Juvavikum.
Erstbeschreibung und Geschichtliches Der Begriff Juvavikum wurde erstmals im Jahr 1912 und erneut 1913 von F. Felix Hahn (1885–1914) in die geowissenschaftliche Literatur eingeführt. Die Fundamente zu einer Untergliederung der Nördlichen Kalkalpen in drei großtektonische Einheiten waren aber bereits 1906 von Émile Haug gelegt worden. Die letzte größere Überarbeitung stammt von Alexander Tollmann aus dem Jahr 1985. Vergleiche auch Linzer und Kollegen (1995).
Das Juvavische Deckensystem kann in zwei Hauptfazies unterteilt werden. Ihre Decken und Großschollen aus permotriassischen bis unterjurassischen Gesteinen stammen entweder aus dem tieferen Schelfbereich und gehören somit zur Hallstätter Fazies im weitesten Sinne, oder vom Schelfrand mit seinen angrenzenden Karbonatplattformen in Dachsteinkalkfazies.
Lebling und Kollegen unterschieden 1935 eine Tiefjuvavische Einheit von einer Hochjuvavischen Einheit, wobei die Tiefjuvavische Einheit die Hallstätter Decken (Hallstätter Zone) und die Hochjuvavische Einheit die Reiteralm-Decke (auch Berchtesgaden-Decke) und die Dachstein-Decke enthielt. Das Tiefjuvavikum wird als ein Schollenbereich gesehen, welcher zwischen den tirolischen Decken und dem Hochjuvavikum liegt.
Aufgrund der Verhältnisse im Halleiner Salzberg wurde 1962 die Tiefjuvavische Decke von Medwenitsch weiter unterteilt, und zwar in eine Untere Hallstätter Decke (Zlambach-Decke – bestehend aus grauen Hallstätter Faziesgesteinen, der Zlambach-Fazies) und in eine Obere Hallstätter Decke (Sandling-Decke – bestehend aus buntgefärbten Hallstätter Faziesgesteinen, der Salzberg-Fazies). Ganz ähnlich Tollmann (1976), der ein Unteres Tiefjuvavikum (wie beispielsweise die Lammermasse im Lammertal) und ein Oberes Tiefjuvavikum (Deckschollen wie z. B die Pailwand) definierte.
Vorkommen mini|300px|Gebankter Dachsteinkalk der juvavischen Dachsteindecke am Hohen Dachstein (2995 m)
Das westlichste Vorkommen des Juvavikums findet sich in der Berchtesgadener Schubmasse bei Berchtesgaden. Es schwimmt hier als mächtiger allochthoner Komplex auf der Staufen-Höllengebirgs-Decke des Tirolikums. Die Berchtesgadener Schubmasse liegt in einer weiten Mulde des Tirolikums (zwischen Süd-fallendem Hochstaufen und Nord-fallendem Watzmann) und besteht aus einem Kranz kleinerer Gesteinskomplexe in Hallstätter Fazies, die im Verband überschoben wurden. Ihnen lagert die Reiteralm-Decke in Dachsteinkalk-Fazies auf (mit Dachsteinkalk und Ramsaudolomit). Im Norden der Schubmasse transgredieren bei Bad Reichenhall (Becken von Reichenhall) Gosau-Gruppe und alttertiäre Sedimente auf die überschobenen Serien und ihren tektonischen Untergrund. Die Platznahme der Schubmasse erfolgte somit eindeutig vorgosauisch.
Weiter gen Osten erscheint dann südlich des Wolfgangsees die hochjuvavische Dachstein-Decke, die ein Äquivalent der Berchtesgadener Schubmasse sowohl faziell als auch in tektonischer Stellung darstellt. Auch sie wird von bedeutenden Deckenzonen in Hallstätter Fazies unterlagert. Am Nordostrand der Dachstein-Decke werden diese sogar in eine Untere Hallstätter Decke und in eine Obere Hallstätter Decke zweigeteilt.
Nach einer Unterbrechung durch die Admonter Schuppenzone kommt das Juvavikum erneut östlich des Warschenecks in Gestalt der Mürzalpen-Decke zum Vorschein. Die große Mürzalpen-Decke zieht bis an den Ostrand der Nördlichen Kalkalpen bei Starhemberg durch, wird aber nördlich des Schneebergs von der höherliegenden Schneeberg-Decke überlagert. Sie wird außerdem am Alpenostrand noch großteils vom Gosau-Becken der Neuen Welt verdeckt.
Das Juvavikum fehlt im Westabschnitt der Nördlichen Kalkalpen und erscheint nur im Zentral- und Ostabschnitt. Seine maximale Ost-West-Erstreckung (inklusive der Unterbrechungen) beträgt in etwa 250 Kilometer. Es misst an seiner breitesten Stelle am Meridian des Dachsteins gut 25 Kilometer. Sein definitives Ende findet es mit Erreichen des neogenen Wiener Beckens. Durchaus vergleichbare tektonostratigraphische Einheiten treten erneut im Osten der Westkarpaten auf, beispielsweise in den Stratená-, Muráň-, Silica-, Aggtelek- und Rudabánya-Bergen.
Gebirgsgruppen und Berggipfel mini|300px|Das Grimmingtor in massivem Dachsteinkalk des 2351 Meter hohen Grimmings
Zum Juvavikum gehören folgende Gebirgsgruppen (von West nach Ost): Reiter Alpe, Dachsteinmassiv, Haller Mauern, Gesäuse, Hochschwabgruppe, Mürzsteger Alpen, Rax-Schneeberg-Gruppe und Südteil der Gutensteiner Alpen.
Unter den zahlreichen Gipfeln sind erwähnenswert: Brandstein (), Feuerkogel (), Grimming (), Großer Buchstein (), Großer Ödstein (), Großer Pyhrgas (), Jakobskogel (), Heukuppe (), Hexenturm (), Hirlatz (), Hochanger (), Hochblaser (), Hochschwab (), Hochturm (), Hohe Student (), Hohe Veitsch (), Hohe Wand (), Hoher Sarstein (), Kaiserschild (), Rettenstein (), Rosskogel (), Schneeberg (), Schottmalhorn (), Siriuskogel (599 m), Stadelhorn (), Stoderzinken (), Tamischbachturm (), Tonion () und Untersberg (). Höchster Gipfel mit 2995 Meter ist der Hohe Dachstein.
Geologische Entwicklung mini|300px|Die Reiter Alpe vom Schottmalhorn (2045 m). Das Massiv ist aus Dachsteinkalk und Ramsaudolomit der Reiteralm-Decke aufgebaut.
Die Entwicklung der Nördlichen Kalkalpen ging in drei größeren Abschnitten vor sich. Erste Deckenbewegungen in nordwestliche Richtung waren bereits während der Kimmerischen Phase im Oberjura (Oxfordium) erfolgt. Hierbei wurden ozeanisches Meliatikum und anschließend Juvavikum in Hallstätter als auch in Dachsteinkalk-Fazies dem Südostrand des Tirolikums aufgeschoben. Im Zeitraum späte Unterkreide bis Oberes Eozän bildete sich sodann ein Nordwest-vergenter Deckenstapel aufgrund von transpressiven, rechtshändigen Scherbewegungen im orogenen Kollisionskeil des Ostalpins. Ab dem Cenomanium hatte das Tirolikum im Verlauf der Eoalpinen Orogenese begonnen, den Südabschnitt des Bajuvarikums zu überfahren. Auf seinem Rücken wurden zwischen Turonium und Lutetium die syntektonischen Sedimente der Gosau-Gruppe abgelagert. Mit der Überschiebung des Bajuvarikums auf die Cenoman-Randschuppe und den Rhenodanubischen Flysch kam es schließlich zur Kontinentalkollision im Bartonium und Priabonium. Im Miozän streckte sich das Orogen und es wurden Krustenkeile in den zentralen Ostalpen nach Osten ausgepresst, wodurch die Scherbewegungen schließlich in ihr linkshändiges Gegenteil umschlugen.
Innerhalb des kalkalpinen Deckenstapels lassen sich drei Überschiebungsbahnen erster Ordnung unterscheiden, welche sich fazieller Übergänge im Sedimentpaket und daraus entstehenden Kompetenzunterschieden bedienen. Die Innenarchitektur des Deckenstapels wurde hauptsächlich von bereits vorhandenen Störungen bestimmt.
Sedimentologie Sedimentärer Inhalt Das Juvavikum zeichnet sich vereinfacht durch folgende Schichtenfolge aus (vom Hangenden zum Liegenden): Rotkalk-Gruppe – Hettangium bis Callovium Dachsteinkalk/Ramsaudolomit – Norium – bis 1200 Meter Raibler Schichten – Karnium – bis 70 Meter Reichenhall-Formation – Anisium Werfener Schichten – Skythium – 300 Meter Haselgebirge – Perm
Dachstein-Fazies mini|300px|So genannte Rote Scherben im gebankten Dachsteinkalk
In der hochjuvavischen Dachstein-Decke treten anstelle der Reichenhall-Formation Dolomite der Gutenstein-Formation (200 Meter) sowie Kalke und Dolomite der Steinalm-Formation. Darüber legen sich ab dem Illyrium rund 50 Meter der bunten Kalke aus der Hallstatt-Gruppe. Es folgen sodann die Kalke der Reifling-Formation (30 Meter) oder der Raming-Formation (bis 300 Meter) im Zentrum. Über graue, geschichtete allodapische Kalke der Raming-Formation folgen bis zu 800 Meter an Wettersteinkalk in Riff-Fazies, der in Richtung Hangendes dolomitisiert ist. Nach Raibler Schichten, Kalken und Dolomiten der Waxeneck-Formation tritt schließlich bis zu 1200 Meter mächtiger Dachsteinkalk in lagunärer Fazies zum Vorschein. Der lagunäre Dachsteinkalk geht nach außen in seine Riff-Fazies (1000 Meter) über. Am Rand erscheinen dann Kalke der Pedata-Formation (in etwa 300 Meter) und der Pötschen-Formation (rund 150 Meter), die dann im Rhätium von der zirka 50 Meter mächtigen Zlambach-Formation abgedeckt werden.
Hallstätter Fazies Im Hallstätter Faziesraum werden Dachsteinkalk und Ramsaudolomit durch den Hallstätter Kalk abgelöst. Die unterjurassische Rotkalk-Gruppe wird durch die Allgäu-Formation bzw. deren äquivalente Sedimente vertreten. Es können zwei Faziesräume auseinandergehalten werden – eine Beckenfazies und eine synsedimentäre, diapirische Rückenfazies. Die Beckenfazies ähnelt mehr oder weniger in ihrer Abfolge der Randfazies der Dachstein-Decke. Die Rückenfazies unterscheidet sich jedoch hiervon sehr stark. So führt sie Kalke der Schreieralm-Formation neben der Reifling-Formation. Diese gehen in 15 Meter mächtige, geschichtete Rotkalke und gleichstarke grauviolette Kalke über. Es folgen rote Knollenflaserkalke und 80 Meter an geschichtetem graugelben Kalk und massivem Buntkalk. Nach einem nur 5 Meter mächtigen Intervall an Reingrabener Schiefer und 15 Meter an plattigem, dunkelgrau bis roten Kalk erscheinen erneut 30 Meter an geschichtetem Rotkalk, roter Knollenflaserkalk, bunter Flaserkalk und roter Kieselschiefer, geschichteter Graukalk und 70 Meter massiver Hellkalk. Das Hangende des Noriums wird schließlich vom eigentlichen Hallstätter Kalk (35 Meter) gebildet, der kondensierte Niveaus aufweist. Kondensierte Niveaus finden sich auch im Schreieralm-Kalk und in den geschichteten Rotkalken. Das Rhätium schließt mit der Zlambach-Formation.
Paläogeographischer Ablagerungsraum mini|300px|Paläogeographische Rekonstruktion für das Ladinium vor 230 Millionen Jahren
Es wird jetzt allgemein anerkannt, dass sich während der Permotrias das Ablagerungsgebiet der Nördlichen Kalkalpen auf dem passiven südöstlichen Kontinentalrand Eurasiens befand. Weiter gen Osten öffnete sich die riesige Einbuchtung der Tethys innerhalb des in der Variszischen Orogenese konsolidierten Pangäas. Die Tethys wird in diesem Abschnitt auch als Meliata-Vardar-Ozean bzw. Hallstatt-Meliata-Ozean bezeichnet, der sich während des Unterjuras durch Subduktionsbewegungen zu schließen begann. Der Verlauf der dadurch entstandenen Geosutur sowie die ursprünglichen Lagebeziehungen der resultierenden großtektonischen Deckeneinheiten zueinander sind aber nach wie vor stark umstritten.