Chandrayaan-3 (Sanskrit und , , „Mondfahrzeug 3“; ) ist die dritte Monderkundungs-Raumsonde der indischen Raumfahrtbehörde (ISRO). Sie wurde am 14. Juli 2023 um 09:05 Uhr UTC vom Satish Dhawan Space Centre auf der südindischen Insel Sriharikota gestartet. Am 23. August 2023 um 12:32 Uhr UTC landete sie weich im südlichen Bereich der Mondvorderseite nahe dem Krater Manzinus U. Nach Durchführung aller geplanten Untersuchungen und Erkundungen auf der Mondoberfläche und vor Einbruch der zweiwöchigen Mondnacht wurde am 2. September 2023 der mitgeführte Rover „Pragyan“ in einen Schlafmodus versetzt, am 4. September dann auch der Lander.
Hintergrund Als zweite Phase des Chandrayaan-Mondprogramms startete die ISRO am 22. Juni 2019 die Raumsonde Chandrayaan-2, die aus einem Orbiter, einem Lander und einem Rover bestand. Der Orbiter arbeitet planmäßig und sendet Daten. Der Lander sollte im September 2019 auf der Mondoberfläche aufsetzen und den Rover Pragyan aussetzen. Wegen eines Softwarefehlers stürzte das Landegerät jedoch ab.
Die nächste indische Mondmission hätte eigentlich in die Südpolregion führen sollen. Dabei war eine Zusammenarbeit mit Japan angedacht, bei der Indien den Lander und Japan die Startrakete und den Rover bereitgestellt hätte. Diese Mission hätte Proben am Landeort nehmen sollen und Techniken erproben, um die lange Mondnacht zu überstehen. Nach dem Scheitern des Vikram-Landers wurde jedoch kurzfristig die Wiederholungsmission Chandrayaan-3 beschlossen, um erneut die Landetechnik zu erproben, die für die – nun für 2025 vorgeschlagene – indisch-japanische „Lunar Polar Exploration Mission“ (LUPEX) zum Südpol des Mondes benötigt wird.
Kosten und Zeitplan Die Kosten für den Bau von Lander, Rover und Antriebsmodul der auf dem Vorgängermodell Chandrayaan-2 basierenden Sonde veranschlagte die ISRO Anfang 2020 mit 2,5 Milliarden Rupien (damals etwa 31 Mio. Euro). Die Trägerrakete und der damals für November 2020 angestrebte Start sollten 3,65 Milliarden ₹ (46 Mio. €) kosten. Durch den Ausbruch der COVID-19-Pandemie in Indien musste die ISRO am 23. März 2020 an ihrem Hauptquartier in Thiruvananthapuram, Bundesstaat Kerala, und mehreren weiteren Standorten die Arbeit einstellen. Rund 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden in Zwangsurlaub geschickt. Im März 2023 wurden die letzten Rütteltests absolviert, bei denen die Fähigkeit der aus drei Komponenten bestehenden Sonde geprüft wurde, den Belastungen beim Start zu widerstehen, ohne dass Verbindungen zwischen den einzelnen Komponenten beschädigt werden.
Aufbau Das Raumfahrzeug bestand aus drei Teilen: Antriebsmodul, Lander und Rover. Chandrayaan-3 war prinzipiell als Missionswiederholung von Chandrayaan-2 angelegt und operierte mit einem Lander und einem Rover, die denen von Chandrayaan-2 ähnlich waren. Da der Orbiter von Chandrayaan-2 noch einwandfrei arbeitete – die ISRO ging 2021 davon aus, dass er dies noch bis 2026 tun würde – wurde auf einen weiteren Orbiter verzichtet.
Antriebsmodul mini|links|Antriebsmodul In betanktem Zustand war das abkoppelbare Antriebsmodul 2148 kg schwer. Es brachte Lander und Rover nach dem Start mit einem LVM3 – derselbe, damals „GSLV Mk III“ genannte Typ wie bei Chandrayaan-2 – bis zum Mond in und setzte die beiden Komponenten in einem Orbit von 150 km Höhe aus. Hierfür nutzte das Modul das Haupttriebwerk mit 440 N Schubkraft und mehrere Lageregelungstriebwerke. Das Antriebsmodul, das auf einer Seite einen ausklappbaren Solarzellenflügel mit einer elektrischen Leistung von 758 W besaß, kommunizierte während des gesamten Anflugs mit dem Indischen Tiefraum-Netzwerk und wurde durch das Deep Space Network der NASA und das ESTRACK-Netzwerk der ESA unterstützt.
Lander mini|Lander mini|Lander Bereits bei Chandrayaan-2 gab es Vorschläge für Verbesserungen am Lander, die aber vor dem Start nicht mehr umgesetzt werden konnten. Vor allem wurden die Landebeine der Sonde verstärkt, damit auch bei einer höheren Geschwindigkeit noch eine sichere Landung möglich ist. Der in betanktem Zustand inklusive Rover 1752 kg schwere Lander verfügt nun über mehrere redundante Instrumente für die Messung des Abstands bis zum Boden und für die Hindernisvermeidung in der letzten Abstiegsphase. Auch die Software wurde im Vergleich zu Chandrayaan-2 verbessert.
Im Einzelnen besitzt der Lander folgende Instrumente: Beschleunigungssensor in einem Laser-vermessenen Inertialsystem Ka-Band-Höhenmesser Kamera zur Identifizierung der Position des Landers Hindernisvermeidungskamera mit Steuerungssoftware Laser-Höhenmesser Laser-Doppler-Geschwindigkeitsmesser Kamera zur Messung der horizontalen Geschwindigkeit Sternsensor Neigungsmesser Bodenkontakt-Sensoren
Zur Lageregelung besitzt der Lander vier auf der Oberseite fest angeordnete Reaktionsräder mit einem Drehimpuls von jeweils 10 Nms. Während der Lander von Chandrayaan-2 fünf Haupttriebwerke besaß, verwendet man nun vier regelbare Triebwerke von jeweils 800 N Schubkraft, die mit Methylhydrazin als Treibstoff und MON3 als Oxidator arbeiten. Dazu kommen noch acht Lageregelungstriebwerke mit jeweils 58 N Schubkraft. Die Landebeine sind dafür ausgelegt, eine vertikale Restgeschwindigkeit von bis zu 2 m/s und eine horizontale Geschwindigkeit von bis 0,5 m/s abzufangen.
Der Lander verfügt über zwei jeweils um eine Achse schwenkbare Solarmodule, die in durch seine Nord-Süd-Ausrichtung bedingten Grenzen auf die Sonne ausgerichtet werden können und eine elektrische Leistung von bis zu 738 W liefern. Der Lander, der für den Rover als Funkrelaisstation fungiert, kommuniziert im Regelfall direkt mit dem Indischen Tiefraum-Netzwerk. Falls es dabei Probleme gibt, kann der Orbiter von Chandrayaan-2 auch als Relaissatellit für den Lander dienen, nicht jedoch für den Rover. Das Antriebsmodul von Chandrayaan-3 kann nicht als Relais für die Komponenten auf der Mondoberfläche fungieren. Die gesamte Kommunikation läuft über das X-Band.
Rover mini|Pragyan beim Verlassen des Landers (23. August 2023) Der 26 kg schwere und wie sein Vorgänger Pragyan („Schlaukopf“) genannte Rover wurde in einer Kammer im Inneren des Landers zum Mond transportiert. Die Kammer war durch eine nach unten aufklappbare, aus zwei Segmenten bestehende Tür verschlossen, die nach der Landung als schräge Rampe fungierte, über die der Rover auf die Mondoberfläche fuhr.Chandrayaan-3. ISRO, abgerufen am 30. August 2023. Der Rover verfügt über sechs einzeln angetriebene Räder. Das Fahrgestell beruht auf dem Prinzip des Doppelachsaggregats, mit dem langen Arm des Hauptwaagebalkens in Fahrtrichtung vorne. Damit können die Räder auch bei Unebenheiten ständig Bodenkontakt halten, während das über ein Differentialgetriebe aufgehängte Gehäuse im Gleichgewicht bleibt. Die Stromversorgung erfolgt mit einem während des Transports über das Gehäuse geklappten und nach der Landung hochgestellten Solarmodul. An der Oberkante des Solarmoduls befinden sich zwei Antennen für die Kommunikation mit dem Lander. Auf der Vorderseite des Gehäuses besitzt der Rover zwei in einem gewissen Abstand angeordnete Navigationskameras, die dreidimensionales Sehen und Entfernungsmessung ermöglichen.
Wissenschaftliche Nutzlasten Auf dem Antriebsmodul befindet sich ein spektropolarimetrischer Bildgeber (Spectro-polarimetry of Habitable Planet Earth bzw. SHAPE) zur Beobachtung der Erde vom Mondorbit aus. Hiermit soll die Methode, bewohnbare Exoplaneten in reflektiertem Licht zu beobachten, erprobt werden. Streuprozesse an Wolkentropfen, Eiskristallen etc. erzeugen eine jeweils charakteristische Polarisation des Lichts, was Rückschlüsse auf die atmosphärische Zusammensetzung des Planeten ermöglicht.
Der Lander trägt folgende Instrumente: Chandra's Surface Thermophysical Experiment (ChaSTE) um die Wärmeleitfähigkeit und Temperatur des Regolith zu messen Seismograph zur Messung von Mondbeben im Umfeld der Landestelle, registriert auch die schwachen Erschütterungen durch den Betrieb des Rovers Langmuir-Sonde an einem 1 m langen Ausleger zur Messung der Plasmadichte in Bodennähe und ihrer Veränderung im Tagesablauf Laser-Retroreflektor (von der NASA beigetragen) für Laufzeitmessungen von Laserpulsen zwischen Erde und Mond. Im Dezember 2023 gelang die Reflexion von Laserpulsen vom um zum Lunar Reconnaissance Orbiter.Laser Instrument on NASA’s LRO Successfully ‘Pings’ Indian Moon Lander. NASA, 18. Januar 2024.
Der Rover besitzt folgende Instrumente: Alphapartikel-Röntgenspektrometer an einem mechanischen Arm zur Untersuchung des Regolith auf seinen Gehalt an Magnesium, Aluminium, Silicium, Kalium, Calcium, Titan und Eisen Gerät für laserinduzierte Plasmaspektroskopie zur Ermittlung der chemischen Zusammensetzung des Regolith in der Nähe der Landestelle
Missionsablauf Anflug mini|Bahn der Sonde vom 14. Juli 2023 bis 1. August 2023 Nach dem Start vom Satish Dhawan Space Centre am 14. Juli 2023 um 09:05 Uhr UTC brachte die schwere Trägerrakete vom Typ Launch Vehicle Mark 3 die Sonde zunächst in eine hochelliptische Umlaufbahn um die Erde. Am 15. Juli 2023 wurde im Orbitalflug ein erstes Bahnmanöver durchgeführt, mit dem das Apogäum der Umlaufbahn erhöht und die Sonde in einen Orbit von 41.762 × 173 km gebracht wurde. Ein zweites Bahnmanöver, bei dem das Perigäum erhöht wurde, fand am 17. Juli 2023 statt – die Sonde befand sich nun in einem Orbit von 41.603 × 226 km um die Erde. Nach zwei weiteren Bahnmanövern befand sich Chandrayaan-3 am 22. Juli 2023 in einem Orbit von 71.351 × 233 km. Am 25. Juli fand ein fünftes Bahnanhebungsmanöver statt. Am 1. August 2023 wurde der stark elliptische Orbit mit einer weiteren Zündung des Haupttriebwerks schließlich in einen Transferorbit zum Mond von 369.328 × 288 km umgewandelt.
Als Chandrayaan-3 am 5. August 2023 um 13:15 Uhr UTC in etwa 200 km Entfernung am Mond vorbeiflog, gab das Kontrollzentrum am Hauptquartier der ISRO in Bengaluru den Befehl zu einem 30-minütigen Bremsmanöver. Um 13:45 Uhr UTC schwenkte die Sonde in einen stark elliptischen Orbit von 164 × 18.074 km um den Mond ein. Einen Tag später, am 6. August 2023, wurde die Umlaufbahn mit einer weiteren Triebwerkszündung auf 170 × 4313 km geändert, dann am 9. August 2023 auf 174 × 1437 km. Am 14. August 2023 wurde der elliptische Orbit in eine annähernd kreisförmige Umlaufbahn von 151 × 179 km umgewandelt. Am 16. August 2023 wurde das Aposelenum der Bahn um 16 km abgesenkt, sodass sie nun bei 153 × 163 km lag. Am 17. August 2023 wurde das Antriebsmodul abgetrennt. Am 18. August 2023 begann der Lander damit, die Umlaufbahn mit seinen eigenen Triebwerken zunächst auf 113 × 157 km und dann am 20. August auf 25 × 134 km abzusenken.
Die Bahnmanöver fanden mit Unterstützung durch das ESTRACK-Netzwerk der ESA statt.
Landung und Aktivitäten auf der Mondoberfläche Der Landeanflug begann am 23. August 2023 um 12:14 Uhr UTC, zwei Erdentage nach dem örtlichen Sonnenaufgang im Zielgebiet. Um 12:32 Uhr UTC setzte Chandrayaan-3 bei 69,373° südlicher Breite und 32,319° östlicher Länge nahe dem Krater Manzinus U auf der Mondvorderseite auf. Die Landung wurde von einer ESTRACK-Tiefraumstation der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) in New Norcia, Australien, unterstützt.
mini|Der Chandrayaan-3-Lander auf der Mondoberfläche (30. August 2023) Einige Stunden nach der Landung rollte der Rover aus dem Inneren des Landers auf die Mondoberfläche. In den nachfolgenden Tagen fuhr er von dort aus weiter und wich einem Krater aus.Twitter-Nachricht der ESA vom 30. August 2023. Mit dem Gerät für laserinduzierte Plasmaspektroskopie wies er verschiedene chemische Elemente nach. Damit gelang erstmals für diese Mondregion der Nachweis von Schwefel im Mondboden.LIBS confirms the presence of Sulphur (S) on the lunar surface through unambiguous in-situ measurements. ISRO, 28. August 2023. Letzteres konnte zwei Tage später mit dem Alphapartikel-Röntgenspektrometer bestätigt werden.