Die Spiegelreisende ist eine vierteilige Fantasy-Romanreihe der französischen Schriftstellerin Christelle Dabos. Begonnen wurde die Erzählung als Fortsetzungsgeschichte im Internet. Die Veröffentlichung der Romane erfolgte in den Jahren 2013 bis 2019 in französischer Sprache. Die Geschichte erzählt die Erlebnisse von Ophelia in einer postapokalyptischen Welt. Der Buchtitel beschreibt ihre Fähigkeit, von Spiegel zu Spiegel reisen zu können.

Inhalt

Die Inhaltsbeschreibung folgt der chronologischen Reihenfolge der Ereignisse, nicht dem erzählerischen Ablauf der vier Bände.

Vor Jahrtausenden entdeckten die Menschen der Kaiserstadt Babel ein aus einem kleinen Lichtpunkt bestehendes Füllhorn. Sie nutzten es, mauerten es später ein und es geriet in Vergessenheit.

Jahrhunderte vor der Erzählung herrschte Krieg auf dem Planeten. Die Eltern des Mädchens Eulalia Gort wurden verschleppt, sie selber vertrieben. In einem Militärwaisenhaus auf dem ehemaligen Gebiet der Kaiserstadt fand sie Unterschlupf. Das Militär entdeckte das Füllhorn, und Eulalia schloss sich dem Forschungsprojekt Cornucopia an. Gegenstände und Menschen verschwinden in der Nähe dieses Lichtpunkts, verdreht und entstellt kehren sie zurück.

Eulalia bewahrte sich ihren Kindheitstraum, die Welt retten zu wollen. Als sie in Kontakt mit einem intelligenten Echo trat, bot ihr dieses einen Pakt an. Der Andere, wie das Echo später genannt wird, entstammt einer parallelen Welt. Mit seinem Wissen nutzte sie das Füllhorn, 21 sogenannte Familiengeister zu erschaffen. Diese zog sie im früheren Waisenhaus mit dem Ziel auf, ihnen später eine Leitungsfunktion auf den Archen zu übertragen. Als die Kriegsfront ihre neue Heimat zu überrollen drohte, erfüllte sie den Pakt mit dem Anderen und tauschte mit ihm die Seite. Mit ihr wechselte ein Großteil des kriegerischen Planeten ebenfalls in die parallele Welt. Es blieben nur 21 Archen zurück, die zur Heimat jeweils eines unsterblichen Familiengeistes wurden.

Jahrhunderte später ist das Wissen um die Umwandlung der Welt und die Herkunft der Familiengeister weitgehend vergessen. Die Archen werden von deren Nachfahren bevölkert. Vierzig Jahre vor der eigentlichen Erzählung beginnt zudem eine Zensur von geschichtlichem Wissen aus der Zeit vor dem sogenannten Riss, also der Umwandlung.

Die Hauptfigur Ophelia ist eine Animistin von der Arche Anima. Als Unterform dieser Gabe kann sie Gegenstände lesen, also Gefühle und Situationen von Menschen nachempfinden, die in der Vergangenheit mit diesen in Berührung kamen. Als Kind lernte sie eine weitere Fähigkeit, das Spiegelreisen. Ein Wesen in einem Spiegel bat sie, es aus diesem zu befreien. Das gelang Ophelia, doch es führte zu einem Unfall. Jede ihrer Körperzellen wurde verdreht und sie nahm das Wissen des fremden Wesens auf, ohne sich dessen bewusst zu sein. Als Folge des Vorgangs blieb Ophelia eine gewisse Tollpatschigkeit.

Ophelia leitet auf Anima das Museum für Ur- und Frühgeschichte. Aus Liebe zur Freiheit lehnte sie bereits zwei Cousins als mögliche Ehepartner ab. Dennoch wird sie aus politischen Interessen und gegen ihren Willen einem Mann von der Arche am Pol versprochen. Der erste Eindruck von ihrem Verlobten Thorn ist erschreckend. Er zeigt sich kalt und abweisend und sagt Ophelia mehrmals voraus, am Pol nicht lange zu überleben. Sein einziges durch die Heirat angestrebtes Ziel ist, durch diese ihre Gabe des Lesens von Gegenständen zu erwerben.

Er schmuggelt sie anfangs auf dem Pol ein. Die erste Zeit verbringt sie auf dem Anwesen von Thorns Tante Berenilde. So soll sie vor den tödlichen Intrigen am Hof des Familiengeistes Faruk geschützt werden, dem Herrscher über den Pol. Als die Tante auf Anweisung von Faruk in den Mondscheinpalast umziehen muss, wird Ophelia als stummer Page Mimo verkleidet mitgenommen. Der Palast gehört Botschafter Archibald, der sich später als der Beschützer Ophelias sieht. Durch den Kontakt mit dem Pagen Reineke lernt sie die Regeln und Fallstricke am Hof kennen. Dennoch gerät sie in eine Falle, landet im Gefängnis und entgeht nur knapp dem Tod. Ihre Tarnung kann sie nach ihrer Entlassung nicht mehr lange aufrechterhalten.

Faruk fühlt sich von Ophelia an jemanden erinnert, kann diese Erinnerung jedoch nicht fassen. Er ernennt sie zur Vize-Erzählerin des Hofs. Parallel dazu eröffnet sie mit Erlaubnis von Thorn ein Lese-Atelier. Als ihr jedoch der Titel der Vize-Erzählern wieder genommen wird, kurz nachdem sie Faruk zum Trotz eine unerwünschte Puppengeschichte ein zweites Mal erzählt, wird sie zu ihrer Sicherheit von ihrem Verlobten von der Himmelsburg zum Seebad Opalstadt gesendet.

Dort trifft sie nach vielen Monaten auf ihre Familie, die zur Hochzeit angereist ist. Ihr Großonkel erzählt ihr von der Zensur der Doyennen, den Matriarchinnen von Anima, die ihm Bücher über die Zeit vor der Zerstörung der Welt genommen hatten. Und er äußert die Vermutung, Ophelia wurde wegen ihres Interesses an alten Artefakten aus Anima weggeschickt.

Als mehrere Menschen aus dem Mondscheinpalast verschwinden, fordert Faruk sie zur Suche auf. Unter Zuhilfenahme ihrer Lese-Fähigkeiten nimmt die Spiegelreisende die Spur auf und findet die Vermissten. Doch der Entführer, Baron Melchior, stellt Ophelia. Thorn tötet ihn, um seine Verlobte zu retten, nimmt die Verantwortung auf sich und landet ihm Gefängnis. Ihm drohen Verstümmelung und Verbannung.

Ophelia bietet daraufhin Faruk einen Handel an. Wenn sie sein Familienbuch mit ihrer Fähigkeit liest, darf sie Thorn im Gefängnis heiraten. Der Familiengeist lässt sich darauf ein, und die Spiegelreisende erlebt durch die Berührung des Buchs eine Zeit kurz nach dem Riss. Sie erkennt, dass das Verhalten von Faruk durch die Texte im Buch beeinflusst wird.

Nach der sehr schlichten Hochzeit mit Thorn versuchen die beiden, bei ihm das Lesen zu entwickeln, doch er zeigt keine Anzeichen dieser Fähigkeit. Hier begegnen sie dem sogenannten Gott, dem Schöpfer der Familiengeister und Weltenzerstörer. Er beschuldigt Ophelia, bei ihrer ersten Spiegelreise den Anderen befreit zu haben, und damit den tatsächlich zu beobachtenden Zerfall der Archen eingeleitet zu haben. Als Thorn sein Angebot ablehnt, für ihn der loyale Mittelsmann am Pol zu sein, gibt Gott Faruk über das Buch ein, Thorn in die Verbannung und damit in den Tod zu senden. Doch Ophelia überzeugt Faruk, sich gegen den Willen des Buchs aufzulehnen. Als das Gefängnis geöffnet wird, um Thorn zu befreien, ist dieser geflohen; zwar hat er durch die Hochzeit mit Ophelia nicht die Fähigkeit des Lesens erhalten, dafür aber die des Spiegelreisens.

Thorn bleibt verschwunden, und Ophelia wird von den Doyennen gezwungen, mit ihrer Familie nach Anima zurückzukehren.

Ophelia sucht nach einem Weg, Anima zu verlassen, ohne dass Gott ihren neuen Aufenthaltsort kennt. Knapp drei Jahre später eröffnet ihr der frühere Botschafter des Pols die Möglichkeit, heimlich über eine Windrose zu fliehen. Windrosen sind Portale zwischen den Archen. Ophelia entscheidet sich für die Arche Babel, da sie dort Thorn und Spuren der Vergangenheit zu finden hofft.

Um nicht erkannt zu werden, lebt Ophelia auf der Arche unter dem Tarnnamen Eulalia. Sie tritt als Lehrling dem Konservatorium der Guten Familie des Familiengeists Helene bei, da sie nur auf diesem Weg in das Sekretarium gelangen kann. In diesem befinden sich die von ihr gesuchten Gegenstände aus der alten Welt, die sie lesen möchte. Tatsächlich gelingt ihr der Zugang, und zu ihrer Überraschung trifft sie dort den abweisenden Thorn an, der hier ebenfalls unter der falschen Identität Lord Henry arbeitet.

Wie auf Anima wird auf Babel Zensur geübt, wenn es um den Krieg und die Zeit vor dem Riss geht. Hier zeigt sich der Einfluss von Gott. Auch die Bücher der Autorin Eulalia Gort wurden verbrannt. Doch rund um diesen Vorgang gibt es mysteriöse Todesfälle. Als Mörder entpuppt sich ein unscheinbarer Fußbodenkehrer, der aus der Zeit der Familiengeister stammt und wie diese ein materialisiertes Echo ist. Seine Kraft ist, Menschen im wahrsten Sinne tödlich zu ängstigen. Er wird schließlich enttarnt und kommt dabei um. Durch ihn erkennt Ophelia, weshalb die Familiengeister sich an sie zu erinnern glauben. Durch den Spiegelunfall in ihrer Kindheit ist Ophelia auf unbekannte Weise mit Eulalia verbunden, und diese erkennen die Familiengeister und der Fußbodenkehrer in ihr.

Thorn und Ophelia begreifen, dass der Name Gott ein Überlieferungsfehler ist. In Wahrheit, so vermuten sie, handelt es sich hier um Eulalia Gort.

Unterdessen versucht Gott auf dem Pol Zugang zum Haus von Berenilde zu bekommen. Er erhofft sich, den Aufenthaltsort von Archibald, Thorn oder Ophelia zu erfahren, und über sie den Weg zur versteckten Arche Erdenbogen zu finden. Einzig das Kind von Berenilde, Viktoria, kann sein wahres Wesen unter seinen Masken entdecken. Als Archibald den Weg nach Erdenbogen findet, folgt ihm Gott getarnt als Reineke. Viktoria, die ihren physischen Körper verlassen kann, begleitet sie heimlich. Vom Familiengeist der Arche wird die kleine Gemeinschaft bis kurz vor dem Ende festgesetzt.

In sich beschleunigender Form verschwinden Teile der Archen, und mit ihnen die Menschen darauf. Panik greift um sich. Die Organisation LUX versucht die Kinder des Familiengeistes Pollux auf sicher erscheinenden Bereichen der Archen zu versammeln und schickt alle anderen Bewohner Babels auf nicht manövrierbaren Luftschiffen auf eine ungewisse Reise.

Thorn und Ophelia verstärken daher ihre Suche nach dem Füllhorn, das sie im Bereich des Beobachtungsinstituts vermuten. Als Oberster Familieninspektor soll Thorn für LUX das Institut infiltrieren, verfolgt dabei jedoch seine eigenen Ziele. Ophelia mit ihrem verdrehten Körper lässt sich freiwillig als Patientin einweisen. Durch die Therapien verlieren sich ihre Familienkräfte. Die als eine Art Schatten um sie existierende und zu ihr gehörende Kraft wird von ihrem Körper verschoben. Letztlich führt es zur Abspaltung eines Echos, eines Anderen, an den Ophelia ihre Kraft des Spiegelgehens verliert.

Schließlich stehen Ophelia und Thorn vor dem Füllhorn, und mit ihnen jene, die sich einen Vorteil davon erhoffen. Die Anführer von LUX wollen ihre eigene Unsterblichkeit. Der Leiter des Beobachtungsinstitut will ein fehlerfreie Gegenstände produzierendes Füllhorn. Ophelia und Thorn dagegen wollen die Welt retten. Eine auftauchende Erinnerung Eulalias lässt Ophelia erkennen, dass das Füllhorn kein Partikel ist, sondern ein Tunnel in die andere Welt. Und dass zur Wahrung des Gleichgewichts beider Seiten etwas in diese Welt wechseln muss, wenn man in die andere Welt geht. Alle Protagonisten wechseln mehr oder weniger freiwillig auf einem an sich unumkehrbaren Weg in die andere Welt.

Ophelia beginnt durch Beobachtung das Wesen der anderen Welt zu begreifen und erkennt, wie ihre Welt gerettet werden kann. Durch die Hilfe des aus ihr entstandenen Echos, mit dem sie wieder verschmilzt, kann sie zurückkehren. Das Füllhorn löst sich dabei auf. Und Ophelia muss mit dem Verlust aller ihrer Finger leben – das ist der Gegenwert, um das Gleichgewicht der Welten zu halten.

Im Memorial versammeln sich alle Familiengeister. Auch Eulalia Gort taucht auf, entpuppt sich jedoch als der Andere. Die wahre Eulalia wurde bei dem Spiegelunfall in Ophelias Kindheit mit völligem Gedächtnisverlust nach Babel versetzt und lebte dort als die Schülerin Elizabeth in der Guten Familie. Gemeinsam gelingt es, den Anderen durch einen Spiegel in die jenseitige Welt zu stoßen. Damit endet der Pakt von Eulalia und dem Anderen, und die Welt materialisiert sich wieder. Nicht betroffen davon ist alles, was durch das Füllhorn die Seite wechselte. So kehrt Thorn nicht zurück und bleibt im Dazwischen. Die Geschichte endet mit dem Vorhaben Ophelias, Thorn aus der anderen Welt zu retten.