Abū Muslim Nāsir ibn Sālim al-Bahlānī (, * 1860 in Mahram im Samāʾil-Tal in OmanVgl. Al-Mahrouqi, Muhammad: Religious discourse in the poetry of Abu Muslim al-Bahlānī. In: Journal of African Cultural Studies. Band 14, Nr. 1, Juni 2001, , S. 89–106, doi:10.1080/136968101750333987, S. 89.Vgl. Ghazal, Amal N.: Islamic Reform and Arab Nationalism. Expanding the Crescent from the Mediterranean to the Indian Ocean (1880s-1930s). Routledge (Taylor & Francis Group), London / New York 2010, ISBN 978-0-415-77980-7, S. 67.; gest. 1920 auf SansibarVgl. Al-Mahrouqi 2001, S. 90.), auch bekannt unter dem Namen ar-Rawāhī (DMG ar-Rawāḥī, arabisch الرواحي)Bang: “Authority and Piety, Writing and Print”. 2011, S. 92. beziehungsweise ar-Ruwāhī,Vgl. Hoffman, Valerie J.: Ibāḍīs in Zanzibar and the Nahḍa. In: Al Salimi, Abdulrahman / Eisener, Reinhard (Hrsg.): Oman, Ibadism and Modernity. In: Al Salimi, Abdulrahman / Gaube, Heinz (Hrsg.): Studies on Ibadism and Oman. Vol. 12. Georg Olms Verlag: Hildesheim / Zürich / New York 2018, S. 129–144, hier S. 137. war ein omanisch-sansibarischer Autor, Publizist, arabischsprachiger Dichter, ibaditischer Rechtsgelehrter und islamischer Reformdenker. Den Bū-Saʿīd-Sultanen von Sansibar diente er als oberster ibaditischer Qādī, bis er 1907 durch die britische Kolonialregierung abgesetzt wurde. Abū Muslim al-Bahlānī gilt als bedeutendster Vertreter der arabischen Nahda-Bewegung auf Sansibar. Mit seiner Dichtung und Publikationstätigkeit unterstützte er von Sansibar aus die ibaditische Imamatsbewegung von 1913 in Oman.
Abstammung Abū Muslim al-Bahlānīs Nasab ist Nāsir ibn Sālim ibn ʿUdaiyim ibn Sālih ibn Muhammad ibn ʿAbdallāh ibn Muhammad al-Bahlānī (ar-Rawāhī) (). Sein Vater Sālim ibn ʿUdaiyim (auch bekannt als Sālim ar-Rawāhī) war als ibaditischer Qādī für den Imam ʿAzzān ibn Qais in Nizwa und später für Sultān Barghasch ibn Saʿīd tätig.
Leben Abū Muslim al-Bahlānī wuchs in einem religiösen, gebildeten Umfeld auf. Er erhielt zuerst eine religiöse Grundausbildung an verschiedenen Moscheen. Von seinem Vater sowie von Scheich Muhammad ibn Salīm ar-Rawāhī wurde er in der ibaditischen Lehre ausgebildet. Ein großes Vorbild für al-Bahlānī war Saʿīd ibn Chalfān al-Chalīlī, als Schriftsteller und Politiker zentrale Figur hinter der Imamatsbewegung ʿAzzāns. Die HistorikerinVgl. Eintrag „Amal Ghazal“ auf der Seite des Centre for Comparative Muslim Studies beim Department of History der Simon Fraser Universität. [abgerufen am 6. November 2020]. Amal N. Ghazal geht davon aus, dass al-Bahlānī sich in diesem religiös-politischen Aspekt in einer Nachfolgerrolle al-Chalīlīs sah. Muhammad Al-Mahrouqi sieht bei seiner Interpretation von al-Bahlānīs Dichtung einen Einfluss al-Chalīlīs auf al-Bahlānīs Dichtung.
Das erste Mal reiste al-Bahlānī 1878 nach Sansibar. Sein Vater war nach dem Zusammenbruch des Imamats ʿAzzāns, als Oman durch Dürre, wirtschaftlichen Zerfall und politische Unruhen geprägt wurde, dorthin ausgewandert. Nach einer Rückkehr nach Oman im Jahre 1882Vgl. Hoffman, Valerie J.: Ibāḍī Thought in Modern Oman and Zanzibar: An Analysis Drawn from Political Geography. In: Yohei Kondo, Angeliki Ziaka (Hrsg.): Local and Global Ibadi Identities. Band 13. Georg-Olms-Verlag, Hildesheim / Zürich / New York 2019, ISBN 978-3-487-15567-8, S. 177–192, hier S. 185. kehrte er 1888 nach Sansibar zurück, das ihm zu dieser Zeit bessere finanzielle Möglichkeiten und ein kosmopolitisches und intellektuelles Zentrum bot,Vgl. Ghazal 2010 (Islamic Reform and Arab Nationalism), S. 68. wo er bis zu seinem Tod lebte.
Auf Sansibar stand Abū Muslim al-Bahlānī lange dem Königshaus sehr nahe und diente mehreren Sultanen. Unter Sultan Hamad ibn Thuwayni besetzte er die Position eines persönlichen Beraters ebenso wie die des obersten Qādī. Auch dem Nachfolger Hamad ibn Thuwaynis, Sultan Hamūd ibn Muhammad, stand er sehr nah. Im Jahre 1898 unternahm er mit ihm eine Reise zu einigen ostafrikanischen Küstenstädten.Vgl. Michalak-Pikulska, Barbara: Religious Aspects in the Poetry of Abū Muslim al-Bahlānī. In: Al Salimi, Abdulrahman / Eisener, Reinhard (Hrsg.): Oman, Ibadism and Modernity. In: Al Salimi, Abdulrahman / Gaube, Heinz (Hrsg.): Studies on Ibadism and Oman. Vol. 12. Georg Olms Verlag: Hildesheim / Zürich / New York 2018, S. 64. Darüber schrieb er den Reisebericht al-Lawāmiʿ al-Barqīya („Die blitzenden Lichter“), der 1899 veröffentlicht wurde. 1907 musste er auf Druck der britischen Kolonialregierung in Sansibar, dort vertreten durch Premierminister Peter Grain, seine Karriere als Qādī beenden.
Werke Der Reisebericht Al-Lawāmiʿ al-Barqīya Al-Lawāmiʿ al-barqīya fī riḥlat maulānā s-sulṭān al-muʿaẓẓam Ḥamūd b. Muḥammad ibn Saʿīd ibn Sulṭān fī l-aqṭār al-Ifrīqīya aš-šarqīya („Die blitzenden Lichter über die Reise unseres Herrn, des verehrten Sultans Hamūd ibn Muhammad ibn Saʿīd ibn Sultān in die ostafrikanischen Gebiete“) ist ein 1899 veröffentlichter Bericht über die Reise von Sultan Hamūd ibn Muhammad ibn Saʿīd nach Ostafrika im Jahre 1898. In dem Buch wird die britische Regierung auf Sansibar positiv dargestellt. Das Buch wurde als einziges sansibarisches Werk auf der ersten Druckerpresse Sansibars gedruckt, die, durch Sultān Barghasch importiert, auch die erste arabische Druckerpresse Ostafrikas warVgl. Hoffman 2018, S. 133. und mit der ansonsten vor allem ibaditische fiqh-Literatur verbreitet wurde.
Artikel in Al-Ahrām über das Imamat in Oman Mit Hilfe von Qāsim asch-Schammāchī, Bewunderer Muhammad ʿAbduhs und der Salafiyya nahestehend, veröffentlichte Abū Muslim al-Bahlānī 1913 einen Artikel über den Erfolg der Imamatsbewegung in Oman unter as-Sālimī in der ägyptischen Zeitschrift al-Ahrām, in dessen Folge er durch die britische Kolonialregierung zur persona non grata erklärt wurde.Vgl. Ghazal 2010 (Islamic Reform and Arab Nationalism), S. 80f. In seinem Brief an asch-Schammāchī, mit dem er den Artikel nach Ägypten sandte, bat al-Bahlānī jenen auch, eine Kopie des Artikels an Muhammad Atfaiyasch zu senden, weil al-Bahlānī noch nicht die Zeit für einen direkten Briefwechsel mit dem ibaditischen Gelehrten gefunden habe.Vgl. Ghazal 2010 (Islamic Reform and Arab Nationalism), S. 81.
Der Brief an Imam al-Chārūsī Bekannt ist auch ein Brief al-Bahlānīs an den neuen Imam in Oman al-Chārūsī aus dem Jahr 1915. Er ist als Manuskript mit dem Titel Kitāb warada min Zanǧubār min Abī Muslim Nāṣir ibn Sālim ibn ʿUdaiyim ar-Rawāḥi ilā imām al-muslimīn bi-ʿUmān Sālim ibn Rāšid ibn Sulaimān al-Ḫarūṣī aʿazzahu Llāh in Maskat erhalten.TMs (photocopy), #738. Manuscripts Section, MCH, Muscat, Oman, zitiert in Ghazal 2010 (Islamic Reform and Arab Nationalism), S. 143. In diesem Brief preist al-Bahlānī al-Chārūsī als neuen Imam und macht zahlreiche Regierungsempfehlungen und Reformvorschläge: Um eine Druckerpresse nach Oman zu schaffen, solle er asch-Schammāchī kontaktieren, außerdem solle er Schulbildung (basierend auf der Religion) für alle Kinder verpflichtend machen und für arme Kinder öffentlich finanzieren.Ghazal 2010 (Islamic Reform and Arab Nationalism), S. 82. Die Wichtigkeit von Bildung unterstrich al-Bahlānī mit Hinweisen auf Koran und Sunna sowie die Feststellung, dass weiter entwickelte Nationen ihren Fortschritt durch verpflichtende, vom Elternhaus unabhängige Bildung erreicht hätten. Außerdem empfahl al-Bahlānī al-Chārūsī, eine Außenpolitik aufzubauen und gab Tipps, wie er das zu tun habe. Dabei erhoffte er sich auch eine unter dem ibaditischen Imāmat vereinte Arabische Halbinsel. Ohne Kenntnis einzelner Ereignisse, die zu diesem Zeitpunkt während des Ersten Weltkriegs – vor allem hinter den Kulissen (wie beispielsweise die Hussein-McMahon-Korrespondenz) – schon geschehen waren, hatte al-Bahlānī bezüglich des Machtkampfs zwischen dem Osmanischen Reich und Großbritannien auf der Arabischen Halbinsel eine pro-osmanische Einstellung. Zum Osmanischen Reich solle der Imām Kontakt über Sulaymān al-Bārūnī knüpfen. Der Imām solle sich auch Gedanken über die Beschaffung von Waffen machen. Beim Vernetzen islamischer Organisationen in der ganzen Welt, zum Beispiel in Indien, wolle al-Bahlānī gern behilflich sein, um die umma gegen den europäischen Kolonialismus zu einen.Vgl. Ghazal 2010 (Islamic Reform and Arab Nationalism), S. 80–84. Der Brief ist offenbar als Manuskript in Maskat erhalten.Vgl. Ghazal 2010 (Islamic Reform and Arab Nationalism), S. 143.
Die Zeitschrift an-Nadschāh Von 1910 (andere Literatur: 1911Vgl. Michalak-Pikulska 2018, S. 63.Vgl. Hoffman 2018, S. 138.) bis 1914 brachte al-Bahlānī auf Sansibar die Zeitschrift an-Nadschāh heraus, die dreimal im Monat erschien. Dies ebnete anderen Omanis in Ostafrika den Weg für die Herausgabe zahlreicher weiterer Zeitungen und Zeitschriften. Die Zeitschrift, die als Parteiorgan der Islāh-Partei auf Sansibar diente,. beschäftigte sich mit aktuellen Ereignissen vor Ort sowie besonders auch dem Zeitgeschehen in Oman und ist laut Muhammad al-Mahrouqi für Historiker eine wertvolle Quelle über die omanische Geschichte, laut Amal N. Ghazal ist allerdings nur eine einzige Ausgabe bis heute erhalten. Zielgruppe waren Araber auf Sansibar, besonders diejenigen omanischer Herkunft. Diese bildeten die Oberschicht aus Grundbesitzern und Händlern.
Die Zeitschrift hatte eine panislamische Ausrichtung, als Vorbild diente Raschīd Ridās Zeitschrift al-Manār.Vgl. Ghazal, Amal N.: The other Frontiers of Arab Nationalism: Ibadis, Berbers, and the Arabist-Salafi Press in the Interwar Period. In: International Journal of Middle East Studies. Band 42, Nr. 1, 14. Januar 2010, , S. 105–122, doi:10.1017/s0020743809990559, S. 114. Valerie J. Hoffman ordnet die Zeitschrift als „das Sprachrohr der Islāh-Partei“ ein.Hoffman 2019, S. 185. Die Herausgabe der Zeitschrift endete 1914, als Nāsir b. Sulaimān al-Lamkī die Herausgabe übernahm und im Juli desselben Jahres ins Exil nach Indien gehen musste.Vgl. Ghazal 2010 (The other Frontiers of Arab Nationalism), S. 121, FN 53. In mancher Literatur wird Nāsir ibn Sulaimān al-Lamkī als Mitgründer und Mitherausgeber für den gesamten Publikationszeitraum sowie als Gründer der Islāh-Partei genannt.
Ab spätestens 1914 gaben die beiden Herausgeber von an-Nadschāh in der an-Nadschāh-Druckerei (Maṭbaʿat an-Naǧāḥ) in unregelmäßigen Abständen Text- und Gedichtsammlungen heraus.
Sein Dīwān Al-Bahlānī hat auch einen Dīwān mit Gedichten hinterlassen. Er wurde zum ersten Mal 1928 von Yūsuf Tūmā al-Bustānī in Kairo herausgegeben. Laut Amal N. Ghazal existieren weitere Druckausgaben von 1957, 1980 und 1986.Vgl. Ghazal 2010 (Islamic Reform and Arab Nationalism), S. 70. Zuletzt wurde er 1980 von ʿAlī an-Naǧdī Nāṣif herausgegeben.Dīwān Abī Muslim al-Bahlānī. Wizārat at-Turāṯ al-Qaumī wa-ṯ-Ṯaqāfa, Maskat, 1980.
Weitere Werke Niṯār al-Ǧauhar,Vgl. Ghazal 2010 (Islamic Reform and Arab Nationalism), S. 69. unvollendetes rechtswissenschaftliches Kommentarwerk.Vgl. Ghazal 2010 (Islamic Reform and Arab Nationalism), S. 69f. al-ʿAqīda al-Wahbiyya,Vgl. Hoffman 2019, S. 186, S. 191. Bekenntnisschrift, die die wahbitisch-ibaditische Lehre darstellt. Kitāb as-Suʾālāt („Buch der Fragen“). an-Našʾa al-Muḥammadiyya („Die mohammedanische Geburt“). Dieses Buch wird bei Feierlichkeiten zum Geburtstag Mohammeds auf Sansibar, in Oman, im M'zab-Tal in Algerien und auf Dscherba verwendet.Vgl. Al-Mahrouqi 2001, S. 91f. an-Nafas ar-Raḥmānī. Alwāḥ al-Anwār Arwāḥ al-Asrār.
Politische und theologische Positionen