Ferdinand Kerstiens (* 23. März 1933 in Münster) ist ein deutscher katholischer Theologe und Publizist.
mini|Ferdinand Kerstiens (2013) Leben Ferdinand Kerstiens wurde am 23. März 1933 als Sohn des Juristen Ferdinand Kerstiens und seiner Frau Luise Kerstiens, geborene ten Hompel, in Münster geboren. Er wuchs als viertes von vier Kindern in einer weltoffenen katholischen Familie auf, die den Krieg von Anfang an für ungerecht hielt und unter der diesbezüglich zwiespältigen Haltung der katholischen Bischöfe litt. Nach dem Krieg setzte Ferdinand Kerstiens seinen Schulbesuch im Düsseldorfer Görresgymnasium und seinen Messdienerdienst fort und ging zum Bund Neudeutschland (ND), wo er auch Führungsaufgaben übernahm. Seine Überlegung, Priester zu werden, war bereits in der ND-Zeit entstanden. Kerstiens begann im Wintersemester 1953/54 das Studium der Theologie und zog ins Borromäum, das Münsteraner Theologenkonvikt, ein. 1959 wurde er mit über vierzig anderen zum Priester geweiht.Ferdinand Kerstiens: Umbrüche - eine Kirchengeschichte von unten. Autobiographische Notizen. Münster 2013, S. 3ff
Seine erste Stelle als Aushilfskaplan bekam Ferdinand Kerstiens in Heeßen bei Hamm, wo er zwar nur sechs Wochen blieb. Die erste reguläre Kaplansstelle war in der Arbeiterpfarrei St. Josef in Bocholt. Die Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil war von einem idealistischen Priesterbild geprägt: „Der Priester ist etwas Besonderes, herausgehoben aus dem Volk“.Ders., ebd., S. 27
Eine entscheidende Wende brachte für Ferdinand Kerstiens das Jahr 1962. Er wurde vom Bischof Michael Keller als Kaplan in der Studentengemeinde an der Universität Münster ernannt. 1962 begann das Zweite Vatikanische Konzil. In der Studentengemeinde war Kerstiens insbesondere verantwortlich für den Ausländerkreis, den Naturwissenschaftlerkreis und die Herstellung des Programms.Ders., ebd., S. 40 1963 wurde er bis 1968 Leiter des neuen Studentenwohnheimes „Albertus-Magnus-Kolleg“. 1965 wurde er zur theologischen Promotion bei dem Fundamentaltheologen Johann Baptist Metz freigestellt. In dem Doktorandenkolloquium mit vielen ausländischen Studierenden wurde er von der Befreiungstheologie und der „Neuen Politischen Theologie“ von J.B. Metz geprägt. Das Thema seiner Dissertation Die Hoffnungsstruktur des Glaubens wurde für ihn zum Leitthema. Korreferent bei der Dissertation war Professor Karl Rahner. 1968 wurde er Studentenpfarrer in der Studentengemeinde an der Universität.
Von 1975 bis 1998 war Kerstiens Pfarrer in die Gemeinde St. Heinrich in Marl. Mit seinem partizipativen Pastoralkonzept stärkte er die eigene Verantwortung der Gemeindemitglieder, unterstützte die Arbeit der vorhandenen Gruppen wie z. B. die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), den Caritaskreis und die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) und arbeitete in Arbeitskreisen mit verschiedenen Themen, darunter Ökumene, Eine Welt, Gerechtigkeit und Frieden.Ders., ebd., S. 149ff
Zu seinem 80. Geburtstag veröffentlichte Ferdinand Kerstiens 2013 seine Autobiographie: Umbrüche – eine Kirchengeschichte von unten. Autobiographische Notizen.WAZ: Kirchengeschichte von unten: https://www.waz.de/staedte/vest/kirchengeschichte-von-unten-id7757105.html Am 24. Febr. 2019 feierte Kerstiens sein Diamantenes Priesterjubiläum.Diamantenes Priesterjubiläum: https://www.muenster.paxchristi.de/termine/view/4986775848091648/Diamantenes+Priesterjubil%C3%A4um+Ferdinand+Kerstiens
Wirken
Als Pfarrer für Studierende und Arbeiter Die Katholischen Studentengemeinde Münster: Die Zeit, in der Ferdinand Kerstiens in Münster Studentenpfarrer war, wurde zum einen durch die 68er-Bewegung stark beeinflusst und zum andern durch die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Würzburger Synode geprägt. Die Themen wurden in der Katholischen Studentengemeinde diskutiert und im Wintersemester 1968/69 eine politische Tätigkeit beschlossen. Die Studentenpfarrer standen zur Gemeindeordnung und kamen damit in Konflikt mit der Kirchenleitung. Kerstiens begründete die getroffene Entscheidung mit einer Veröffentlichung "Über die Parteilichkeit der Gemeinde Christi," wo "Parteilichkeit" Parteiergreifen für die Armen und Ausgegrenzten, nicht parteipolitisches Engagement, bedeuten will.Über die Parteilichkeit der Gemeinde Christi, in: Hochland 65 (1973) 47-56
KDSE und AGG: Die Katholische Deutsche Studenten-Einigung (KDSE) war der Zusammenschluss der gesamten katholischen Studentenschaft. Sie hatte sich ebenfalls im Sinne einer Demokratisierung politisiert. Kerstiens war 1969 in den Vorstand der KDSE gewählt worden und sah seine Aufgabe darin "die gesellschaftlich-politische Analyse und Handlungsperspektive mit der Botschaft vom Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit zu verknüpfen".Umbrüche - eine Kirchengeschichte von unten. Autobiographische Notizen. Münster 2013, S. 105 Der KDSE wurde im März 1973 der kirchliche Auftrag aberkannt und die Finanzen für die Geschäftsstelle gestrichen. Um eine überregionale Zusammenarbeit der Studentengemeinden trotzdem zu ermöglichen, wurde vom KDSE-Vorstand für November 1973 ein erneuter GVT einberufen, bei dem die KDSE aufgelöst und ein neuer Zusammenschluss beschlossen wurde, nämlich die "Arbeitsgemeinschaft katholischer Studenten- und Hochschulgemeinden" (AGG). Nach zähen Verhandlungen wurde die AGG von den Bischöfen anerkannt und konnte die Arbeit im Interesse der Studierenden aufnehmen.Ders., ebd., S. 103ff Allerdings wurde der AGG dann im Jahr 2000 mit fast den gleichen Vorwürfen bezüglich ihrer inhaltlichen Ausrichtung ebenfalls die Anerkennung entzogen und aufgelöst.
Nihil obstat: Das theologische und politische Engagement Kerstiens` in den Studentengemeinden wurde nicht zuletzt auch fundiert durch die Ergebnisse seiner Dissertation.Die Hoffnungsstruktur des Glaubens, Mainz 1969 In dieser Arbeit hatte er aufgezeigt, dass das Ringen um die Wahrheitsaussagen im Glauben zwar offen bleibt, dass es aber dank der Hoffnungsstruktur unseres Glaubens ohne Angst getragen und voll Vertrauen gelebt werden kann.Ferdinand Kerstiens: Thesen über die Hoffnungsstruktur des Glaubens, in: Theologisches Forum, Nr. 10, Religionsbuch für die Oberstufe, Patmos Düsseldorf 1971, S. 76 1979 wurde Kerstiens, vermittelt über seinen Doktorvater Metz, ein Lehrauftrag an der Universität Münster zum Thema "Systematische Theologie - Einführung in ihre Grundlagen" angeboten. Bei der Anfrage wegen des dafür notwendigen Nihil obstat äußerte der dafür zuständige Bischof Tenhumberg Bedenken wegen der Veröffentlichungen Kerstiens` und bat die Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz um ein Gutachten. Kardinal Ratzinger, der Vorsitzende der Kommission, beauftragte daraufhin Hans Urs von Balthasar und Leo Scheffczyk, zwei Professoren, die für ihre pointierte konservative kirchliche Position bekannt sind. Trotz etlicher Verteidigungsschriften von renommierten Theologen, unter anderem auch von Karl Rahner, und eigener Erklärungen seitens Kerstiens` wurde das Nihil obstat nicht erteilt. Erst später, als Kerstiens dieses nicht mehr brauchte, wurde es ihm nach dem Tod von Bischof Tenhumberg von dem mit ihm seit Studienzeiten befreundeten Kapitularvikar Reinhard Lettmann zugesprochen.Umbrüche - eine Kirchengeschichte von unten. Autobiographische Notizen. Münster 2013, S. 62ff
Ökumene: Gestützt auf das Ökumenismusdekret des Konzils ging man in St. Heinrich den ökumenischen Weg gelebter Einheit im Bewusstsein historisch gewachsener Vielfalt. In einem Artikel zum Ökumenischen Kirchentag in München (2010) beschrieb Kerstiens die in St. Heinrich praktizierte eucharistische Gastfreundschaft.Die Praxis eucharistischer Gastfreundschaft, in: Pax Christi (Hrsg.): Pc-Korrespondenz 2010/1 und IKvu-Zeitschrift "QuerBlick Nr. 22 Nach seiner Meinung handelt es sich dabei nicht mehr um seine persönliche Position, sondern um eine vielfältige Praxis in den Gemeinden, die sich fortsetzen wird, bis die Großkirchen ihr folgen werden.
Eine Welt: Kerstiens gründete 1980 mit Gemeindemitgliedern den Brasilienkreis der Gemeinde St. Heinrich. Dieser fördert partnerschaftliche Beziehungen zu Gruppen in Brasilien und unterstützt Projekte, die als Hilfe zur Selbsthilfe einen Beitrag zu einer menschenwürdigen und gerechten Welt leisten.Der Brasilienkreis St.Heinrich Marl e.V.: https://www.brasilienkreis-marl.de/ Durch die Reisen zu den Partnergemeinden in Brasilien und die Besuche der brasilianischen Bischöfe Antonio Fragoso, Helder Camara und Adriano Hypolito in Marl sowie einer Delegation der Leute aus den dortigen Gemeinden hat sich immer mehr eine gemeinsame Perspektive der Theologie der Befreiung entwickelt. Ferdinand Kerstiens schrieb 2011: "Das „Aggiornamento“, „Heutigwerden“, das Johannes XXIII. zur Einberufung des Konzils gefordert hat, muss jedoch weitergeführt werden, wenn die Kirche neue Glaubwürdigkeit gewinnen will. Viele Katholikinnen und Katholiken werden sich dann mit Freude an diesen vorwärtsweisenden Prozessen beteiligen, die Kirche tragen und so der Frohen Botschaft vom Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit neue Kraft verleihen: zur Ehre Gottes und zum Wohl aller Menschen, der Armen und der Bedrängten zuerst."Das II. Vatikanische Konzil: https://www.futur2.org/article/das-ii-vatikanische-konzil-1962-1965/ Die Initiativen der verschiedenen Gemeinden schlossen sich dann mit anderen Eine-Weltgruppen zum „Marler Weltzentrum“ zusammen, in dem Kerstiens bis heute mitarbeitet.
Frieden und Gerechtigkeit: Dass sich beides zusammen mit der Ökologie gegenseitig bedingt und besonders auch die Dritte Welt betrifft wurde den christlichen Gruppen vor allem durch den vom Ökumenischen Rat der Kirchen 1983 in Vancouver beschlossenen Konziliaren Prozess eines gemeinsamen Lernweges zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung immer bewusster. Ferdinand Kerstiens war schon lange Mitglied bei Pax Christi, als er in Zeiten der großen Demonstrationen der Friedensbewegung Anfang der 1980er Jahre immer wieder zu Gottesdiensten und Vorträgen eingeladen wurde.Ferdinand Kerstiens: Friedensarbeit in der Pfarrgemeinde: https://www.forum.lu/wp-content/uploads/2015/11/1420_67_Kerstiens.pdf Seine Friedensarbeit weitete sich fast zu einer hauptamtlichen Beschäftigung aus, als er ab 1997 zwölf Jahre lang für Pax Christi in der Diözese Münster Geistlicher Beirat, sechs Jahre Mitglied der Kommission "Weltwirtschaft und Entwicklung" und von 2000 bis 2006 auf Bundesebene im Präsidium von Pax Christi war.
Nach Meinung von Ferdinand Kerstiens wird "die gegenwärtige Gestalt der hierarchischen Kirche, die von Rom aus autoritär gesteuert wird, zerbrechen. Sie passt weder zum Evangelium noch in unsere Zeit." Es täte der Kirche gut, wenn sie als demütige Dienerin der Menschen und Gottes auftritt, damit das Reich Gottes, das immer noch aussteht, schon zum Vorschein kommen kann. Da alle Mühen der Reformen darauf zielen, vertraut Kerstiens darauf, "dass immer wieder Menschen aufstehen und prophetisch diesen Weg der Kirche, diesen notwendigen Weg aller christlichen Kirchen einklagen und gehen."Umbrüche - eine Kirchengeschichte von unten. Autobiographische Notizen. Münster 2013, S. 233f
In kirchenreformerischen Initiativen