Eltern-Kind-Entfremdung, auch elterliches Entfremdungssyndrom (engl. parental alienation syndrome (PAS)), beschreibt ein von Richard A. Gardner 1985 formuliertes – allgemein nicht wissenschaftlich anerkanntes – Konzept, bei dem ein Kind dauerhaft und zu Unrecht einen Elternteil herabsetzt und beleidigt, meist in der Folge einer Scheidung und/oder eines Streits um das Sorge- oder Umgangsrecht. Eine Reihe von Faktoren sei für dieses Verhalten verantwortlich, so Gardner, unter anderem die Indoktrinierung seitens des betreuenden, bindungsblockierenden Elternteils und der Wunsch des Kindes, den getrennt lebenden Elternteil abzuwerten. Dagegen wird die Ablehnung eines Elternteils durch das Kind, die rechtfertigbar infolge eines Kindesmissbrauchs oder einer tatsächlichen Vernachlässigung entstanden ist, nicht als Eltern-Kind-Entfremdung bezeichnet.

Gardners Theorie und diesbezügliche Forschung wurden intensiv diskutiert, und das PAS wurde fachwissenschaftlich mehrheitlich als Störung nicht anerkannt. Eine Fachjury sowie das Court of Appeal (England und Wales) stellten das Syndrom unter Beweisverbot.Harry Dettenborn: Parental Alienation Syndrome. In: Markus A. Wirtz (Hrsg.): Dorsch: Lexikon der Psychologie. 16., vollst. überarb. Aufl. Huber, Bern 2013, ISBN 978-3-456-85234-8, S. 1154. Online einsehbar im Portal Hogrefe. Das kanadische Justizministerium sprach sich gegen die Verwendung des PAS als Beweismittel aus, allerdings diente das Syndrom in einigen Familienrechtstreitigkeiten in den Vereinigten Staaten als Entscheidungsgrundlage. In Deutschland stellte das Bundesverfassungsgericht 2023 fest, dass es sich bei dem sogenannten PAS um ein überkommenes und fachwissenschaftlich als widerlegt geltendes Konzept handelt, welches keine hinreichend tragfähige Grundlage für eine am Kindeswohl orientierte Entscheidung bilden kann.BVerfG,

Der Begriff Eltern-Kind-Entfremdung (Parental Alienation) hat sich teilweise als Begriff eingebürgert für damit verwandte bzw. gleichbedeutende Problematiken wie z. B. „Kind betroffen von elterlichen Beziehungsproblemen (Child affected by parental relationship distress)“ bzw. „Psychologische Kindesmisshandlung (Child psychological abuse)“ oder "Caregiver child relation problem", die alle als Diagnose im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der American Psychiatric Association oder als Störung in der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme der WHO enthalten sind und verschiedentlich von Fachleuten dem Begriff PAS zugeordnet werden.

Das PAS ist nicht eigenständig im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der American Psychiatric Association oder in der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme der WHO als Störung erfasst. Anders lautende Behauptungen, Parental Alienation sei in die ICD-11 aufgenommen worden, müssen als nicht zutreffend angesehen werden. In der aktualisierten Version der ICD-11 wurde der Suchbegriff 'Parental Alienation', der keine Diagnose war, inzwischen entfernt. Der Eintrag in der ICD-11 unter QE52.1, loss of love relationship in childhood, stellt keine Beschreibung von PA(S) dar, sondern lediglich eine Beeinträchtigung des Kindes aufgrund eines Verlustes einer engen emotionalen Beziehung such as of a parent, a sibling, a very special friend or a loved pet.

Befürworter des PAS-Konzeptes betonen demgegenüber, dass von dessen Kritikern „alle möglichen Entfremdungstatbestände, die mit PAS wenig zu tun haben, fälschlicherweise als PAS bezeichnet und entsprechend abgelehnt“ worden seien.

Beschreibung Eigenschaften und Symptome Das elterliche Entfremdungssyndrom wurde 1985 zum ersten Mal von dem US-amerikanischen Kinderpsychiater Richard A. Gardner so bezeichnet und beschrieben. Gardner beschrieb das elterliche Entfremdungssyndrom als die Beschäftigung des Kindes damit, einen Elternteil zu kritisieren und abzuwerten. Laut Gardner tritt das Syndrom dann auf, wenn im Kontext eines Sorgerechtsstreits ein Elternteil bewusst oder unbewusst versucht, das Kind vom anderen Elternteil zu entfremden. Gardner zufolge äußert sich das Syndrom in Form von acht Symptomen, die sich im Verhalten des Kindes zeigen. Diese Symptome sind:

Hass und Abwertung eines Elternteils durch das Kind. schwache, absurde oder alberne Begründungen für diesen Hass und diese Abwertung, Fehlen der üblichen Ambivalenz gegenüber dem entfremdeten Elternteil, starkes Bestehen des Kindes darauf, dass es allein seine Entscheidung war, einen Elternteil abzulehnen, reflexartige Unterstützung des bevorzugten Elternteils während des Sorgerechtsstreits, Fehlen von Schuldgefühlen bezüglich des Verhaltens gegenüber dem entfremdeten Elternteil, Gebrauch von Redewendungen und Szenarien des bevorzugten Elternteils, Abwertung nicht nur des entfremdeten Elternteils, sondern auch von dessen Familie und Freunden.

Diese acht Faktoren wurden allerdings nicht von Experten in dem Bereich erforscht.

Gardner unterscheidet drei Stufen des PAS, eine milde, eine mittlere und eine schwere. Die Anzahl und das Ausmaß der acht Symptome nehmen im Verlauf der Stufen zu.

Als schwache Entfremdung gilt, wenn das Kind zwar gegen den entfremdeten, getrennt lebenden Elternteil eingestellt ist, es aber die Besuche des getrennt lebenden Elternteils wenig oder überhaupt nicht ablehnt. Die mittlere Stufe des Syndroms äußert sich in heftigerer Ablehnung von Besuchen und deutlich negativer Einstellung gegenüber dem entfremdeten Elternteil. Gardner empfiehlt in solchen Fällen, dass der betreuende Elternteil das Sorgerecht behält, falls er es unterlässt, das Kind vom getrennt lebenden Elternteil zu entfremden. Falls die Entfremdung fortgeführt wird, so empfiehlt Gardner die Übertragung des Sorgerechts auf den entfremdeten Elternteil sowie eine Therapie zur Verbesserung der Beziehung zwischen dem Kind und dem entfremdeten Elternteil.

In schweren Fällen weist das Kind alle acht Symptome auf und weigert sich, den entfremdeten Elternteil zu besuchen, bis hin zu Drohungen, fortzulaufen oder Selbstmord zu begehen, falls die Besuche fortgesetzt werden. Gardner empfiehlt, das Kind aus dem Haus des betreuenden, bevorzugten Elternteils zu entfernen und es in einem Heim unterzubringen, bis das Kind bei dem entfremdeten Elternteil einziehen kann. Zusätzlich befürwortet Gardner eine therapeutische Behandlung des Kindes. Gardners empfohlene Interventionen für die mittlere und schwere Stufe des Syndroms, einschließlich der gerichtlich angeordneten Übergabe des Kindes an den entfremdeten Elternteil, wurden kritisiert, unter anderem als exzessive Strafmaßnahmen gegen das Kind und den betreuenden Elternteil. Mit der Zeit revidierte Gardner seine Ansichten und sprach sich weniger stark für die aggressivsten Interventionen aus.Rudolf Sponsel: Parental Alienation Syndrome nach Richard A. Gardner. Das Elterliche Entfremdungs Syndrom. Kernphänomen, Syndrom und Diagnostik, Ätiologie und Therapie. Darstellung, Beurteilung, Bewertung. Erlangen IP-GIPT.

Diskussion der Folgen für das Kind Laut Wilfrid von Boch-Galhau, der die Anerkennung des PAS befürwortet, verursache das Syndrom psychische Schäden wie beispielsweise eine gestörte Selbst- und Fremdwahrnehmung. Eine eigene Identität könne sich nicht in gesundem Maße ausbilden. Als Spätfolgen könne es noch im Erwachsenenalter zu Essstörungen, Süchten, posttraumatischen Belastungsstörungen und anderen psychischen und psychosomatischen Erkrankungen kommen.

Amy Baker stellte 2005 und 2007 in qualitativen Interviewstudien mit 38 bzw. 40 Erwachsenen, die nach eigenen Angaben als Kind Eltern-Kind-Entfremdung erlebten, ein erhöhtes Leiden an Depression, Drogen-/Alkoholmissbrauch, Mangel an Vertrauen, Entfremdung von den eigenen Kindern und hohe Scheidungsraten fest. Ihr Untersuchungsdesign wurde von Beth Venzke als Pseudowissenschaft und ihre Schlussfolgerungen über die Folgen des PAS mangels empirischer Validität des Syndroms als verfrüht kritisiert. Auch Benjamin D. Garber sieht die von Baker veröffentlichten retrospektiven Berichte als unwissenschaftliche anekdotische Evidenz.BD Garber: Developmental psychology for family law professionals: theory, application, and the best interests of the child. Springer Publishing, New York 2010, ISBN 978-0-8261-0525-7, S. 277.

Rezeption Das Syndrom wird weder von der American Medical Association noch von der American Psychiatric Association anerkannt. Die American Psychological Association (APA) gab keine Stellungnahme zu dem Syndrom ab, äußerte allerdings Bedenken aufgrund fehlender bekräftigender Daten und der Verwendung des Begriffs. Darüber hinaus wies die APA darauf hin, dass das Syndrom in Sorgerechtsfragen als ein Mittel eingesetzt wird, um das Sorgerecht an Väter zu vergeben, die in der Vergangenheit gewalttätig waren. Andere Kommentatoren teilen diese Besorgnis,R Berg: Parental Alienation Analysis, Domestic Violence, and Gender Bias in Minnesota Courts. In: Law and Inequality. 29, Nr. 1, 2011, S. 5–31.MS Pignotti: Parental alienation syndrome (PAS): unknown in medical settings, endemic in courts. In: Recenti Progressi in Medicina. 104, Nr. 2, 2013, S. 54–58. . andere weisen ebenfalls darauf hin, ohne die Diagnose, wenn sie auf einer breiteren Basis der familiären Dynamik beruht, deswegen grundsätzlich abzulehnen. Der United States National Council of Juvenile and Family Court Judges lehnt das Syndrom sowie dessen Verwendung in Sorgerechtsfragen ab. Beim Vorwurf des PAS müsse das Gericht voraussetzen, dass das Verhalten und die Einstellungen der Kinder gegenüber dem Elternteil, der behauptet, entfremdet worden zu sein, keine Grundlage in der Realität haben. Das PAS, das wissenschaftlich invalide sei, lenke so von dem Verhalten dieses Elternteils ab.C Dalton, L Drozd, F Wong: Navigating Custody and Visitation Evaluations in Cases with Domestic Violence: A Judge's Guide. (Rev. ed.). National Council of Juvenile & Family Court Judges, Reno/NV 2006, S. 24: "Any testimony that a party to a custody case suffers from the syndrome or "parental alienation" should therefore be ruled inadmissible and/or stricken from the evaluation report under both the standard established in Daubert and the earlier Frye standard. The discredited "diagnosis" of "PAS" (or allegation of "parental alienation"), quite apart from its scientific invalidity, inappropriately asks the court to assume that the children's behaviors and attitudes toward the parent who claims to be "alienated" have no grounding in reality. It also diverts attention away from the behaviors of the abusive parent, who may have directly influenced the children's responses by acting in violent, disrespectful, intimidating, humiliating and/or discrediting ways toward the children themselves, or the children's other parent."

Das elterliche Entfremdungssyndrom wurde trotz der Bemühungen Gardners und anderer Verfechter des Syndroms nicht in die vierte Auflage des Diagnostischen und Statistischen Handbuchs Psychischer Störungen (DSM-IV) aufgenommen. Befürworter der wissenschaftlichen Anerkennung des PAS haben es als Parental Alienation Disorder für die Aufnahme in die fünfte Auflage des DSM (DSM-5) eingereicht. Ein 2010 erschienener Entwurf des DSM-5 schloss das Syndrom aus. Im Dezember 2012 gab die American Psychiatric Association bekannt, dass das Syndrom nicht in die fünfte, im Mai 2013 erschienene Auflage des DSM aufgenommen werde.. American Psychiatric Association, 1. Dezember 2012.Jörg M. Fegert: Endgültiges Aus für das Parental Alienation Syndrome (PAS) im amerikanischen Klassifikationssystem DSM-5. In: ZKJ Kindschaftsrecht und Jugendhilfe. Ausgabe 05/2013, S. 190 f.