Willinghusen ist ein Ortsteil der Gemeinde Barsbüttel im Kreis Stormarn im Süden von Schleswig-Holstein.
Name Der Ursprung des Ortsnamens liegt vermutlich in den alten Formen Weddingehusen, Wittigehusen und Wedingenhusen. Dies bedeutete so viel wie Schenkungsbesitz oder Geschenktes Dorf. Das Determinans war ursprünglich Wedele (hochdeutsch Wittum), womit der Pflichtteil einer Witwe, Schenkungen an die Kirche oder das Pfarrhaus gemeint waren. Die Endsilbe -husen lässt auf einen sächsischen Ursprung vermuten.
Urkundlich ist der Name Widdinghusen erstmals für das Jahr 1238 belegt.Urkunde von 1238 im Archiv Barsbüttel.
Geographie Willinghusen gehört zur Gemeinde Barsbüttel, die sich unmittelbar an der östlichen Landesgrenze Hamburgs befindet und im Süden des Kreises Stormarn liegt. Das Dorf wird von zwei Autobahnen, der A 1 und der A 24, sowie der Hamburger Osttangente (Kreisstraße 80) Reinbek–Glinde eingeschlossen.
Willinghusen liegt in einem Wasserschutzgebiet. Eine Gefährdung für dieses Wasserschutzgebiet geht von den umliegenden Deponien aus; auch bei der Anhöhe Katzenberg sollen Giftstoffe vergraben worden sein.Martin Rehder: Ev.-Luth. Kirche in Willinghusen. Chronik. Erinnerungen an die Zeit vom 17. Mai 1964 bis zum 25. Mai 2001, Website der Kirchengemeinde St. Johannes, Glinde (PDF, 6,3 MB), abgerufen am 13. September 2020.
Einwohnerentwicklung Jahr18031835184119351950195819772015Einwohner1232452134391015120012522274
Geschichte mini|Gedenkstein: 777 Jahre Willinghusen (2016)
Die Anfänge Im Jahr 1238 wurde Willinghusen erstmals urkundlich erwähnt, als Graf Adolf IV. dem Domkapitel in Hamburg die Hälfte von Willinghusen mit der Gerichtsbarkeit vermachte.
Prähistorische Funde aus der Jungsteinzeit, die 1932 auf der Koppel Glinder Berg gefunden worden sind, belegen jedoch, dass schon viel früher Menschen sich in dieser Region niedergelassen haben müssen.Bürgerverein Barsbüttel (Hrsg.): Uns Barsbüttel. Hamburg 2002, S. 187. Diese Annahme bestätigen weitere Funde von Urnenfriedhöfen und einzelnen Gräbern aus der Bronze- und Eisenzeit um 1800 bis 1600 vor Christus.
Im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen der Hamburger Kirche mit der Stadt Hamburg im Jahr 1342 kam es auch in Willinghusen zu Plünderungen und Brandschatzungen. Graf Johann trat seine Anrechte auf Willinghusen und ebenso seinen dortigen Besitz an das Domkapitel in Hamburg ab.
Auch Willinghusen wurde im 14. Jahrhundert stark durch die grassierende Pestwelle getroffen; die Auswirkungen waren so gravierend, dass der Ort für einige Zeit wüst fiel. Spätestens im 16. Jahrhundert war Willinghusen aber wieder besiedelt; 1578 wurde die Verhältnisse zwischen Willinghusen und dem Hamburger Domkapitel durch den Vertrag mit Dänemark geregelt. 1609 kamen Willinghusen, Oststeinbek, Stemwarde und Barsbüttel zum Amt Reinbek.
Im Dreißigjährigen Krieg wurde der Ort 1627 durch den Durchzug der Heere Tillys und Wallensteins in Mitleidenschaft gezogen.
Im Jahr 1771 führte das Königliche General-Landes- und Öconomie-Verbesserungs-Directorium dazu, dass die bis dato bestehenden Feldgemeinschaften aufgehoben wurden und jedes Mitglied nun aus der Gemeinschaft austreten und sein eigenes Land besitzen konnte.
In der Dorfchronik werden für das Jahr 1803 in Willinghusen 23 Familien, 123 Einwohner und 13 Stellenbesitzer gezählt. Bis zu dessen Abschaffung im Jahr 1870 mussten die Einwohner des Dorfes jährlich das sogenannte „Rauchhühnergeld“ an ihre Verpächter zahlen.
Der Weg in die Moderne wurde durch die preußischen Reformen geebnet; so wurde 1881 die Straße nach Barsbüttel mit Kopfsteinpflaster ausgebaut. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde eine Posthilfstelle mit Telefon eingerichtet. Fünf Jahre später wurde beschlossen, dass ab dem 1. Juli 1906 die Schullasten der Gemeinde nach Maßgabe der Einkommens-, Grund- und Gebäudesteuer aufgebracht werden müssen. Bereits 1909 war eine Schüler- und Wanderbibliothek vorhanden.
Am 17. Dezember 1907 wurde die Einweihung der Südstormarnschen Kreisbahn Tiefstack–Trittau gefeiert.
Erster Weltkrieg Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 traf am 1. August 1914 um 17 Uhr der Mobilmachungsbefehl auf der Posthilfsstelle im Dorf ein. Ein Ausschuss für Kriegshilfe wurde im Dorf gebildet. Zu Beginn des Krieges kamen zahlreiche ostpreußische Flüchtlinge nach Willinghusen, diese kehrten am 21. April 1915 in ihre Heimat zurück.
1915 führten Engpässe in der Brotversorgung zu einem Futter-Verbot der Tiere. Dies führte in den darauffolgenden Monaten zu zahlreichen Zwangsschlachtungen aufgrund von Futtermangel und dementsprechend zu einem starken Rückgang des Viehbestandes. Um die Frontpferde 1918 zu versorgen, mussten Kuchen aus Laubheu gepresst werden. Dieses musste zunächst von den Schulkindern aus dem Dorf gesammelt werden.
Insgesamt verloren 21 Männer aus Willinghusen ihr Leben im Ersten Weltkrieg.Festschrift – 777 Jahre Willinghusen 1238–2015. Willinghusen 2015, S. 25
Zwischenkriegszeit Um 1919 nahm die Arbeitslosigkeit und daraufhin die Kriminalität stark zu und eine Nachtwache musste eingerichtet werden. 1923 befand sich die Inflation auf ihrem Höhepunkt. Ein Pfund Kartoffeln kostete zu dieser Zeit 65 Milliarden Mark.
Im Jahr 1937 wurde die Autobahn Hamburg–Lübeck fertig gestellt, wohingegen der Bau der Autobahn Hamburg–Berlin durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs abgebrochen werden musste. mini|Kriegerdenkmal in Willinghusen (2016)
Zweiter Weltkrieg Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden viele waffenfähige Männer aus dem Dorf eingezogen. Nach und nach trafen die ersten Vermissten- und Gefallenenmeldungen ein.
Obwohl die Luftangriffe stetig zunahmen, blieb Willinghusen von Bomben im Wesentlichen verschont. Die Einwohner suchten Schutz in den Kellern oder selbstgebauten Bunkern. Neben der Sirene, die bei Fliegeralarm losging, wurde auf dem Dorfplatz ein Stück Eisenschiene aufgehängt, auf der ein Wächter ebenfalls Alarm schlug. Besonders die verschärften Maßnahmen zur Verdunkelung nachts bewahrten Willinghusen vor größerem Unglück, wohingegen in Barsbüttel und Stemwarde durch Bomben große Brände verursacht wurden. Nur die reflektierenden Streifen der unvollendeten Autobahn nach Berlin sorgten dafür, dass vereinzelt Bomben dort abgeworfen wurden. Diese fielen jedoch meist in unbebautes Gelände und richteten somit keine größeren Schäden an. Lediglich eine Bombe, die kurz vor der Autobahnbrücke einschlug, richtete größere Zerstörungen an. So beschädigte sie die Villa Peters und durch den starken Luftdruck deckte sie viele nahegelegene Häuser ab und ließ zahlreiche Fensterscheiben zerbersten.
Am 24. Juli 1943 startete die Operation Gomorrha, in deren Folge bis zum 5. August 1943 zahlreiche Flugzeuge, vorwiegend der Royal Air Force, Willinghusen überflogen. Infolge der zahlreichen Großangriffe auf Hamburg stieg die Zahl der Flüchtlinge nach Willinghusen immens. Sie wurden in den leeren Ställen untergebracht; viele schliefen wegen der hellen und warmen Sommernächte auch im Freien. Für die Versorgung wurden die Lebensmittel aus den drei ortsansässigen Geschäften geliefert und eine Großküche in Dassau eingerichtet. Von Willinghusen aus wurden die Flüchtlinge mit Autobussen in andere Teile Deutschlands gebracht. Die Zahl der Vollalarme in Willinghusen stieg bis 1945 auf 1000 an. Am 7. Februar 1945 kam die Aufforderung aus Bad Oldesloe, Plätze für 46 Flüchtlinge zu schaffen. Drei Tage später sollten weitere 96 Personen und dann nochmal 100 untergebracht werden. Sie fanden Platz in ungeheizten Räumen und Abstellkammern für Gerätschaften.
Am 10. Mai 1945 erreichte ein englischer Panzer Willinghusen. Zudem herrschte die größte Dürre seit Jahrzehnten und die Kartoffelernte wurde beschlagnahmt. Die Not im mit Vertriebenen überfüllten Dorf war groß. Zusätzlich herrschte ein Mangel an elementaren Dingen, wie beispielsweise Lebensmitteln, Kleidung, Brennmaterial oder Gebrauchsgegenstände.Festschrift – 777 Jahre Willinghusen 1238–2015. Willinghusen 2015, 28/29.
Nach 1945 Nach dem Krieg wurde 1948 die Ortsgruppe des Reichsbundes der Kriegs- und Zivilbeschädigten, Sozialrentner und Hinterbliebenen gegründet, die bis heute als der SoVD Ortsverband Willinghusen existiert.
Erster vom Gemeinderat frei gewählter ehrenamtlicher Bürgermeister wurde 1949 Rudolf Michelmann. Die Gemeinden Barsbüttel, Willinghusen, Stemwarde und Stellau wurden zum Amt Barsbüttel zusammengefasst.
Im Folgejahr 1950 kultivierte Professor Gleisberg etwa zwei Hektar Heideland zu einem Heilpflanzengarten für die pharmazeutische Fabrik Promonta in Wandsbek. In Versuchsgärten wurden Heilpflanzen, wie Kamille, Weinraute, Königskerze, Schafgarbe, Salbei, Fenchel, Majoran und Liebstöckel, gezüchtet. Bis zur Schließung des Labors 1973 wurden arzneiwirksame Stoffe dort isoliert, die dann an das Promonta-Werk in Wandsbek geliefert wurden. Im gleichen Jahr wurde die Anlage mit Tierställen ausgebaut. Die Versuchsanstalt gehörte der Pharmafirma Byk Gulden. 1977 wurde Altana Inhaber der Anstalt. Das dazugehörige Forschungszentrum wurde 2006 fertiggestellt und von Nycomed als Inhaber übernommen. 2012 wurde die Schließung bekannt gegeben.
1952 feierte Willinghusen sein 700-jähriges Bestehen mit über 10.000 Besuchern. Vom Überschuss der Festeinnahmen wurde die Straßenbeleuchtung finanziert. Vier Jahre später im Jahr 1956 wurde das Ehrenmal am Katzenberg errichtet.
Im Jahr 1964 gab es in Willinghusen drei Gastwirtschaften (Dassau mit Saal und Bühne, Schultz und Dülsen), drei Tischlereien, einen Schuster, vier Kaufmannsläden, einen Fleischer, zwei Bäcker, eine Schmiede, einen Friseur, eine Klempnerei und viele landwirtschaftliche Betriebe. Danach veränderte sich das Dorfbild allmählich. Die Handwerksbetriebe und auch immer mehr Bauern stellten den Betrieb ein. Es wurde mehr Platz für Neubaugebiete geschaffen.
1968 trat Willinghusen dem Zweckverband Südstormarn und dem Müllbeseitigungsverband Stormarn bei. Zudem wurde das Gewerbegebiet weiter ausgebaut und die Gemeinde begann mit der Rohrverlegung. So erfolgte 1969 der Anschluss an das Hamburger Wassernetz. Im selben Jahr zog die Amtsverwaltung in den Jugendhof, auch bekannt als Villa Lunugala, die 1907 von Wilhelm Anton Riedemann erbaut worden war. Der Weg von Willinghusen dorthin wurde 1972 ausgebaut.
1974 kam es zum Zusammenschluss von Barsbüttel, Willinghusen, Stellau und Stemwarde zu einer hauptamtlich verwalteten Gemeinde Barsbüttel. Das 725-jährige Dorfbestehen wurde 1977 gefeiert, ebenso die Einweihung des Bürgerhauses am Sportplatz, das heutzutage als Feuerwehrstandort dient. Der Kindergarten wurde 1996 eröffnet, mit damals fünf Erzieherinnen, 59 Kindern und drei Gruppen.Festschrift – 777 Jahre Willinghusen 1238–2015. Willinghusen 2015, S. 30/31.
Politik 1793 übernahm Jacob Kratzmann aus Oststeinbek durch Heirat der Tochter seines Vorgängers, einer geborenen Klempau, das Amt des Bauernvogtes.Festschrift – 777 Jahre Willinghusen 1238–2015. Willinghusen 2015, S. 33. Die aus Bliestorf bei Lübeck stammenden Klempaus hatten die Bauernvogtei (Hufe 1) 1694 durch Heirat der Tochter des Bauernvogtes Clauß Bergstede erworben. Dieses Amt war somit erblich und blieb in der Familie, bis ab 1867 aufgrund der preußischen Verordnung zur Landgemeinde-Verfassung ein Gemeindevorsteher durch die Gemeindeversammlung zu wählen war. Der letzte Bauernvogt Hans Jacob Claus Kratzmann wurde zum ersten Gemeindevorsteher gewählt und verblieb bis zu seinem Tod 1876 im Amt. Nachfolger war von 1878 bis 1892 Hinrich Soltau. Insgesamt hatte Willinghusen im Laufe der Zeit 14 verschiedene Gemeindevorsteher und Bürgermeister.
Karl Dittloff war der letzte Bürgermeister von Willinghusen, da es 1974 zum Zusammenschluss mit Barsbüttel, Stellau und Stemwarde zu der Gemeinde Barsbüttel kam. mini|Straßenschild „Gerhard-Wurst-Weg“ in Willinghusen Danach wurde Dietrich Austermann 1974 zum Bürgermeister von gesamt Barsbüttel gewählt. Der amtierende Bürgermeister ist seit 2007 Thomas Schreitmüller.