mini|Werkzeuggebrauch durch einen Gorilla

Als Werkzeuggebrauch bei Tieren gilt nach einer Definition von Jane Goodall die Anwendung von nicht zum Körper gehörenden Objekten, mit deren Hilfe die Funktionen des eigenen Körpers erweitert werden, um auf diese Weise ein unmittelbares Ziel zu erreichen.. Zitiert nach: Für weitere Definitionen siehe . Eine andere Definition beschreibt den Werkzeuggebrauch bei Tieren als die Handhabung eines unbelebten Objektes, mit dessen Hilfe die Position oder Form eines weiteren Objektes verändert wird. K. Okanoya, N. Tokimoto, N. Kumazawa, S. Hirata, A. Iriki: Tool-use training in a species of rodent: the emergence of an optical motor strategy and functional understanding. In: PLOS ONE. Band 3, Nr. 3:e1860, 2008, doi:10.1371/journal.pone.0001860.

Das Zerhacken eines Schneckenhauses mit dem Schnabel bei Vögeln – der Teil ihres Körpers ist – oder das Errichten eines Nests durch das Heranschaffen von Zweigen und Gräsern gilt diesen Definitionen zufolge nicht als Gebrauch eines Werkzeugs.

Historisches Dem Gebrauch von Werkzeugen im Tierreich wurde erst mit dem Aufschwung der Tierpsychologie und der aus ihr hervorgegangenen Ethologie wissenschaftliche Aufmerksamkeit zuteil. Bahnbrechend waren die Studien von Wolfgang Köhler an Schimpansen in seiner kleinen Forschungsstation auf Teneriffa. Vor diesen 1917 und erneut 1921 publizierten Studien,Intelligenzprüfungen an Anthropoiden I. In: Abhandlungen der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, 1917, Physikalisch-mathematische Klasse, Nr. 1 und Intelligenzprüfungen an Menschenaffen. Berlin, Springer, 1921. die rasch andere Forscher zu ähnlichen Tests anregten,Johan Bierens de Haan: Werkzeuggebrauch und Werkzeugherstellung bei einem Niederen Affen (Cebus hypoleucus Humb.). In: Zeitschrift für vergleichende Physiologie. Band 13, Nr. 4, 1931, S. 639–695, doi:10.1007/BF00337479. hatte der Werkzeuggebrauch, von anekdotenhaften Einzelfallschilderungen abgesehen, als das alleinige Vorrecht der Menschen gegolten.Ludwig Noiré: Das Werkzeug und seine Bedeutung für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit. J. Diemer, Mainz 1880, Volltext.Johan Bierens de Haan: Werkzeuge und Werkzeuggebrauch bei den Tieren. In: Die Naturwissenschaften. Band 15, Nr. 23, 1927, S. 481–487, doi:10.1007/BF01506569. Die Gattung Homo wurde sogar zeitweise vor allem durch den Nachweis von Werkzeuggebrauch gegen zeitlich frühere Gattungen der Hominini abgegrenzt.

Forscher auf dem Gebiet der Primatenarchäologie analysieren seit wenigen Jahren fächerübergreifend (u. a. durch Ausgrabungen) die Geschichte des Herstellens von Werkzeugen als Ausdruck der frühesten belegbaren, materiellen Kultur bei Primaten.Michael Haslam et al.: Primate archaeology. In: Nature. Band 460, 2009, S. 339–344, doi:10.1038/nature08188.

Primaten mini|Übergabe eines Werkzeugs nach Aufforderung bei Schimpansen: Mari (rechts) erhält vom Experimentator einen Stock, woraufhin Puchi (links) ihren Arm in Maris Käfig streckt. Mari übergibt Puchi aufgrund dieser Geste den Stock, mit dessen Hilfe sich Puchi nun eine andernfalls nicht erreichbare Saftpackung herbeizieht und den Saft trinkt.

Dass Menschenaffen Werkzeuge benutzen können, ist seit langem bekannt. Bereits 1778 hatte der niederländische Naturforscher Arnout Vosmaer aus eigener Anschauung über einen der ersten lebend in Europa eingetroffenen Orang-Utans berichtet, dieser habe 1776 in der Menagerie von Wilhelm V. versucht, mit einem kleinen Stück Holz ein Schloss zu öffnen. Bei einer anderen Gelegenheit habe er versucht, mit einem aus einem Brett herausgezogenen Nagel die Befestigung der Kette wegzuhebeln, mit der er in seinem Käfig angebunden war.Hans Werner Ingensiep: Der kultivierte Affe. Philosophie, Geschichte, Gegenwart. S. Hirzel, Stuttgart 2013, S. 101, ISBN 978-3-7776-2149-4. 1871 erwähnte Charles Darwin in seiner Schrift über Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl die 1844 publizierte Beobachtung eines Schimpansen, der „im Naturzustand“ [wild im Freiland] eine einheimische Frucht, die einer Walnuss ähnelt, „mit einem Stein“ knackt (the chimpanzee in a state of nature cracks a native fruit, somewhat like a walnut, with a stone),Charles Darwin: The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex. Band 1, 1. Auflage, 1871, S. 51. Thonas Savage und Jeffries Wyman: Observation on the external characters and habits of Troglodytes niger, Geoff. and on its organization. In: Boston Journal of Natural History. Band 4, 1844, S. 383, Volltext. was vermutlich die älteste belegte Freilandbeobachtung des Werkzeuggebrauchs von Schimpansen ist; Andrew Whiten und William C. McGrew: Piecing together the history of our knowledge of chimpanzee tool use. In: Nature. Band 411, 2001, S. 413, doi:10.1038/35078241. in der 1844 im Boston Journal of Natural History veröffentlichten verhaltensbiologischen Beschreibung von Schimpansen heißt es wörtlich bezüglich der Nüsse: „these they crack with stones precisely in the manner of human beings.“ (diese knacken sie mit Steinen genau nach Art der Menschen)

Erst seit wenigen Jahren wird jedoch genauer erforscht, wie häufig, in welchen Zusammenhängen und auf welche Weise Menschenaffen ihre Werkzeuge bearbeiten und nutzen. In freier Wildbahn wurden bislang Schimpansen (Pan troglodytes) und Orang-Utans beim Werkzeuggebrauch beobachtet, nicht aber Bonobos (Pan paniscus).Thomas Wynn et al.: “An ape’s view of the Oldowan” revisited. In: Evolutionary Anthropology: Issues, News, and Reviews. Band 20, Nr. 5, 2011, S. 185, doi:10.1002/evan.20323. Tatsächlich spielen schon frei lebende, junge Schimpansen häufiger mit potentiell als Werkzeug geeigneten Objekten als junge Bonobos;Kathelijne Koops et al.: Chimpanzees and bonobos differ in intrinsic motivation for tool use. In: Scientific Reports. Band 5, Nr. 11356, 2015, doi:10.1038/srep11356. allerdings war der männliche Bonobo Kanzi in der Lage, nach Unterweisung durch seine Pfleger Steinwerkzeuge herzustellenKathy D. Schick et al.: Continuing Investigations into the Stone Tool-making and Tool-using Capabilities of a Bonobo (Pan paniscus). In: Journal of Archaeological Science. Band 26, Nr. 7, 1999, S. 821–832, doi:10.1006/jasc.1998.0350.Itai Roffman et al.: Stone tool production and utilization by bonobo-chimpanzees (Pan paniscus). In: PNAS. Band 109, Nr. 36, 2012, S. 14500–14503 doi:10.1073/pnas.1212855109. und ein Feuer zu entzünden,Speaking Bonobo. Auf: smithsonianmag.com, November 2006. Fotostrecke auf telegraph.co.uk. und auch andere in Tierhaltungen befindliche Bonobos wurden beim Benutzen von Werkzeugen beobachtet.Itai Roffman et al.: Preparation and use of varied natural tools for extractive foraging by bonobos (Pan Paniscus). In: American Journal of Physical Anthropology. Band 158, Nr. 1, 2015, S. 78–91, doi:10.1002/ajpa.22778. Ob es neben dem fotografisch belegten Gebrauch einer „Gehhilfe“ (siehe Abbildung weiter unten) durch einen weiblichen Gorilla auch andere Formen des Werkzeuggebrauchs bei Gorillas gibt, ist unbekannt.William C. McGrew: Chimpanzee Technology. In: Science. Band 328, Nr. 5978, 2010, S. 579–580, doi:10.1126/science.1187921.

Schimpansen Schimpansen – den nächsten Verwandten des Menschen – traute man diesen Gebrauch schon früh zu, und so fanden schon früh entsprechende Laborstudien statt. Doch dauerte es lange, bis sich herausstellte, dass sie Werkzeuge auch im Freiland benutzen und sogar Jagdwaffen herstellen. In Afrika sind heute acht frei lebende Schimpansen-Populationen so sehr an die Anwesenheit von Beobachtern gewöhnt, dass sie aus großer Nähe von morgens bis abends beobachtet werden können.

Frühe Laborstudien mini|Schimpanse mit Stock (im Zoo von Ramat Gan, Israel) Die Schimpansen von Wolfgang Köhler waren Wildfänge, die von Kamerun nach Teneriffa gebrachtN. N.: Teneriffe Chimpanzees. In: JAMA. Band 76, Nr. 6, 1921, S. 394, Volltext. und zunächst mit sehr einfachen Versuchsanordnungen konfrontiert worden waren. Köhler beschrieb eines der Experimente mit Sultan Jahrzehnte später so:

Andere Schimpansen hatten unter anderem Kistentürme gebaut und waren an diesen empor geklettert, um an hoch hängende Bananen heranzukommen. Ferner hatten sie Stöcke ineinander gesteckt, um damit an eine Frucht zu kommen, die sich außerhalb ihres Käfigs befand. Aus den Beschreibungen Köhlers geht hervor, dass die Schimpansen diese Handlungen nicht allein durch Ausprobieren erlernten. Vielmehr habe man beobachten können, dass ein Tier ruhig dasaß, umherschaute – zur Banane, zu den Kisten, zum Platz unter der Banane –, um irgendwann gleichsam überlegt die Kisten unter der Banane zu stapeln und so die Frucht herabholen zu können. Köhler wies aber auch darauf hin, dass nicht jedes seiner Tiere zum Werkzeuggebrauch in der Lage war.

Die von der Preußischen Akademie der Wissenschaften ab 1914 finanzierte Forschungsstation wurde bereits 1920 – nach Ende des Ersten Weltkriegs – aus Geldmangel geschlossen, die fünf erwachsenen weiblichen Schimpansen (Rana, Chica, Grande, Tercera und Tschego) sowie Clan-Chef Sultan brachte man im Berliner Zoo unter. Während die Schimpansen auf Teneriffa gemäß den damaligen Maßstäben sehr gut gehalten worden waren, viel frisches Obst erhielten, einen gemeinsamen Auslauf im Freien hatten und in einem für sie gut geeigneten, warmen Klima lebten, erwies sich die Unterbringung der Tiere insbesondere in den kalten Berliner Wintermonaten als völlig ungeeignet. Aufgrund der wirtschaftlichen Notlage nach dem Ersten Weltkrieg fehlten dem Zoo Geld und Kohle für eine ausreichende Heizung. Im Winter 1921/1922 gab es in Berlin mehr als 50 Tage mit Minustemperaturen, darunter 19 Tage mit Temperaturen unter −10 °C; drei Schimpansinnen starben in diesem Winter. Zudem waren Obst und Gemüse Mangelware, sodass die Ernährung der Schimpansen vorwiegend aus ungeeigneten, stärkehaltigen Lebensmitteln wie Kartoffeln und Brot bestand. Den Schimpansen stand kein großer Raum mehr zum Spielen und zur Interaktion zur Verfügung – binnen drei Jahren waren alle Tiere tot, zuletzt Clan-Chef Sultan. 2026 wurde in einem Fachartikel über „Das Schicksal von Sultans Clan“ ergänzend bekannt gegeben, dass die Überreste von fünf Schimpansen im Museum für Naturkunde Berlin bis heute erhalten geblieben sind. Javier Virues-Ortega, Clemens Maier-Wolthausen und Alex H. Taylor: The Fate of Sultan’s Clan: The Story of Wolfgang Köhler’s Chimpanzees After Tenerife. In: European Psychologist. Online-Veröffentlichung vom 16. April 2026, doi:10.1027/1016-9040/a000582. Fates of famous problem-solving chimps revealed. Auf: eurekalert.org vom 13. Juli 2026.

1937 beschrieb der US-amerikanische Psychologe Meredith P. CrawfordMeredith P. Crawford: The cooperative solving of problems by young chimpanzees. In: Comparative Psychological Monograph. Band 14, Nr. 2, 1937, S. 1–88. (1910–2002) sogar einen kooperativen Werkzeuggebrauch bei jungen Schimpansen: Ihnen gelang es, gemeinsam an einem Strick zu ziehen und so eine Kiste zu bewegen, die für ein Tier allein zu schwer war.

Erste Freilandbeobachtungen