Georges ist ein 1843Die Bibliographie von Alphonse Parran (Alais 1881, S. 48) gibt als Titel Georges mit s an, als Erscheinungsort/-jahr Paris 1843 und als Verlag Dumont. https://archive.org/details/petrusborelalexa00parr/page/n6/mode/2up Im selben Jahr erschienen mehrere belgische Raubdrucke mit dem Titel George ohne s. Da sich selbst in der französischen Nationalbibliothek keine Erstausgabe befindet, sondern nur die Ausgabe von 1848, weisen andre Bibliotheken als älteste Ausgaben diese belgischen Raubdrucke nach. erschienener Roman von Alexandre Dumas dem Älteren, der von 1810 bis 1824 auf der Isle de France (Mauritius) spielt. In der Art einer Mantel-und-Degen-Geschichte wird in diesem ersten Roman Dumas’ der Kampf eines Mischlings gegen rassistische Vorurteile weißer Franzosen in einer Kolonie erzählt.

Der Text ist von besonderem Interesse, weil Dumas zum ersten und letzten Mal Rassismus, Sklaverei und Kolonialismus zum Thema eines Romans machte. Als Enkel einer schwarzen Sklavin und eines französischen Adligen erlebte Dumas in Frankreich Rassismus und ließ diese Erfahrungen, ebenso wie die seines Vaters Thomas Alexandre Dumas, eines Generals des französischen Revolutionsheeres, in die Handlung einfließen. „Der am meisten von seinem Vater inspirierte Roman Dumas’ ist sicherlich ‚Georges‘“, heißt es in einer Biographie des Vaters.Tom Reiss: Der schwarze General: Das Leben des wahren Grafen von Monte Christo. Dt. Taschenbuch-Verl, München 2013, ISBN 978-3-423-28017-4, S. 28. Außerdem setzte Dumas bereits viele der Ideen und erzählerischen Elemente ein, die seine später entstandenen Romane, z. B. Der Graf von Monte Christo, auszeichnen. mini|Isle de France (Hauptinsel) - heute Mauritius

Handlung Der Held der Erzählung, Georges Munier, wächst als Sohn eines reichen Mulatten auf der Isle de France (heute Mauritius) auf, einer französisch kolonisierten Insel im Indischen Ozean. Schon früh erlebt er mit großer Empörung die Gleichsetzung seiner Herkunft mit der Vielfalt der nichtweißen Ethnien und formt für sich als „Mission“, als Lebensaufgabe, das „Vorurteil“ einer „Aristokratie der Farbe“ zu bekämpfen.Dumas, Georges, S. 48, 150, 191. Die geschäftlichen Beziehungen seines Vaters ermöglichen eine gehobene und sehr erfolgreiche Ausbildung, nach deren Abschluss er Europa und den Orient bereist und im französischen Dienst auch militärische Ehren erwirbt: „Sein Kampf mit der Zivilisation war zu Ende, der Kampf mit der Barbarei sollte beginnen.“Dumas, Georges, S. 73.

Georges kehrt nach 14 Jahren Abwesenheit auf die Insel zurück und erneuert seinen Hass auf die weiße Familie de Malmédit (sinngemäß: Die schlecht von mir reden), von deren Sprössling er als Kind in einem Konflikt um Hautfarbe und Ehre schwer verletzt worden war. Zur Braut dieses inzwischen ebenfalls Herangewachsenen entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die zusammen mit weiteren gegenseitigen Ehrverletzungen in der dilettantischen Planung eines Aufstandes freier und versklavter Schwarzafrikaner gegen die Weißen unter seiner Führung mündet.Einmal wird das Kräfteverhältnis mit 80.000 Farbigen gegenüber 20.000 Weißen bzw. mindestens 20.000 waffenfähigen Schwarzen und höchstens 4000 Weißen angegeben. Dumas, Georges, S. 157. Der Aufstand scheitert, Georges wird verhaftet, zum Tod verurteilt und kann – wenige Meter vor dem Schafott – mit seiner neuen Ehefrau durch die Sakristei einer Kirche fliehen, in der er seine Geliebte noch en passant geheiratet hat.

Erzählweise Die Erzählung ist bis auf zwei Rückblenden chronologisch linear gegliedert. Ein auktorialer Erzähler nimmt den Leser an die Hand, erläutert ihm die äußeren Merkmale der Insel und die heftigen Gefühlsaufwallungen seiner Figuren in einer oft pathetischen Sprache. Der Ton des Dramas der Diskriminierung wird gelegentlich durch ironische Formulierungen aufgehelltDumas, Georges, 27, 82, 128, 144. und durch eine Reduktion der Emanzipation einer ganzen Klasse auf den Ehre-Diskurs der Hauptfigur verdunkelt.„Um die Klassenfrage kümmert sich der Roman nicht, ihn interessiert allein der Rassendünkel.“ Tkalec, siehe Weblinks. Letztlich ist es der Stolz bzw. die Ehrsucht des Helden, die jeden Ansatz einer Strategie verhindern und zum Scheitern des Aufstandes führen – damit bekommt auch der Anti-Rassismus der Hauptfigur einen doppelt kritischen Akzent.Dumas, Georges, S. 169, 193, 199. Tkalec, siehe Weblinks: Georges „bleibt nicht ohne Fehl: Eitelkeit, Hochmut und Mangel an Verantwortungsbewusstsein lassen ihn immer wieder straucheln“, seine Persönlichkeit steht der Klasse der Sklaven und ihm selbst im Weg.

Georges glaubt an sein Recht auf gesellschaftliche Anerkennung wegen seines relativ hellen TeintsDumas, Georges, 68 f., seiner umfangreiche Ausbildung und weit entwickelten Tugenden des Muts,Im Kampf gegen die spanische liberale Revolution erwirbt er in französischen Diensten zwei militärische Auszeichnungen. Dumas, Georges, S. 72 f. der SelbstkontrolleSo besucht er eine stadtbekannte Hure, um sich in der Beherrschung seiner von ihr entfachten Lust zu üben. Dumas, Georges, 68 f. und des Weitblicks,Nach seiner Rückkehr aus Europa führt er auf den Gütern seiner Familie eine Reihe von Verbesserungen ein. Dumas, Georges, S. 116. bei denen er sich im Vergleich mit anderen Weißen hervortut. Aber trotz bester Akklimatisierung verweigern ihm die Weißen die Kooptation in die „Aristokratie der Farbe“ und weisen seine zivilisatorische Eintrittskarte zurück. Damit entsteht sein Motiv der Rache,Dumas, Georges, S. 109. Hillebrand, siehe Literatur, S. 14: „Rache für rassistische Beleidigungen und Demütigungen (...) treibt die Handlung von Georges voran.“ das die Ereignisse dynamisiert. Diesen individuellen Antrieb des Widerstands gegen das Rassenvorurteil entsprechend sucht er mehrfach vergeblich Duelle als Beweis seiner sozialen Ebenbürtigkeit.Das erste, ihm gewährte Duell ist ein „Experiment“ in Kaltblütigkeit (Dumas, Georges, S. 69 f.), die anderen geforderten setzen eine Gleichwertigkeit voraus, die die Weißen dem Mulatten nicht zugestehen. Dumas, Georges, 111, 149, 155, 161 f. mini|Eine Karawane arabischer Sklavenhändler auf dem Weg zur Küste Ostafrikas (Bild vor 1866)Diskriminierung infolge seiner Herkunft ist Georges’ Trauma. Sein Ziel ist der individuelle gesellschaftliche Aufstieg, nicht die Befreiung der Mehrheit der Inselbewohner aus der Sklaverei: Er ist selbst Besitzer von 300 Sklaven und der Erzähler schreibt ihm eine patriarchalische, „positive“ Art der Sklavenhaltung zu.Dumas, Georges, S. 104, 120, 182. Ohne eigene Sklaven wäre der Reichtum der Familie Munier kaum erklärbar; mit den Sklaven aber wird die antirassistische Motivation der Hauptfigur zum Problem - dieses Dilemma versucht Dumas durch Patriarchalismus zu lösen. Kurz vor der Revolte lässt Georges ihrer Unterstützung im Kampf wegen seine Sklaven frei,Dumas, Georges, S. 164. was die moralische Widersprüchlichkeit seiner Position zwar im letzten Moment reduziert, aber nicht aufhebt: Georges´ für die letztliche Rettung wichtiger Bruder Jaques ist sogar Sklavenhändler mit eigenem Schiff, „der für seine Kaffern, Hottentotten und Senegambier beinahe so viel Sorge trug, als wären es Säcke Reis oder Ballen Baumwolle gewesen“,Dumas, Georges, S. 130 f. Wertungen, die, sofern sie nicht ironisch gemeint sind, 180 Jahre nach der Niederschrift sehr, sehr fremd anmuten (vergleiche nächsten Abschnitt).Schumitz (siehe Weblinks): Dumas „prangert Ungerechtigkeit an, ohne das System infrage zustellen. Georges ist daher ein Roman, der noch die Luft des 19. Jahrhunderts atmet.“

Rassismen in historischer Perspektive Die Welt auch des Erzählers wird durch Hautfarbe und Herkunft strukturiert, die die Charaktere aller Figuren zu bestimmen scheinen: da gibt es die „trägen“, aber gesellschaftlich bestimmenden weißen Siedler, die Malaien, „rachsüchtig, schlau“, die Mozambiquers, gut und dumm, die Schwarzen aus Madagaskar, schlank und listig, die aus Südafrika und Namibia, groß und stolz, „der Chinese, der Jude der Kolonie“ ...Dumas, Georges, S. 29 ff. Das heutzutage tabuisierte Wort „Neger“ ist auf den etwa 200 Seiten mehr als 60 Mal zu lesen und mehrfach wird die Entstehung bzw. Verlängerung der Sklaverei an die Alkoholsucht der Schwarzen gebunden und damit ein „selber schuld“ konnotiert.Dumas, Georges, S. 76, 127, 163, 176. Dieser rassistischen Kosmologie geht ein Anfang der Erzählung voraus, der auf eigenartige Weise die geografische Struktur aus der Perspektive eines Individuums erläutert: „Wir führen (den Leser) auf (...) den zweithöchsten Berg der Insel, und schauen zur Rechten und zur Linken, vor und hinter uns, über und unter uns.“Dumas, Georges, S. 27. Mehrfach wird diese individuelle Perspektivierung der geografischen und sozialen Welt als individuelles OrdnungsmusterDumas, Georges, S. 34, 41 f., 122, 134, 139. verwendet, als ob am Beginn des 19. Jahrhunderts mit seinen industriellen Umwälzungen, seinen sozialen Revolutionen und dem sich vergrößernden Weltmarkt auch in der Semantik eines selbst diskriminierten Autors der Rassismus als eine klassifikatorische, oberflächliche Ordnung zur Weltorientierung sinnvoll gewesen wäre.Cantzen (siehe Weblinks) weist auf den Widerspruch zwischen dem Kampf des Helden gegen die „Aristokratie der Farbe“ und der rassistischen Semantik hin und folgert: „Es ist quasi ein rassistischer, anti-rassistischer Helden- und Abenteuerroman mit einer romantischen Liebesgeschichte.“ Ein weiteres literarisches Beispiel für Rassismus von rassisch Diskriminierten findet sich im Roman An der Biegung des großen Flusses von V. S. Naipaul.

Der Herausgeber der deutschen Neuausgabe von 2020, Peter Hillebrand,Die Neuausgabe unter Leitung von Peter Hillebrand ist mit seinem Vorwort und seinen 123 sehr informativen Fußnoten eine große Hilfe beim Verständnis dieses ambivalenten Romans. zitiert in einem Abschnitt seiner Einführung die schwarzen Schriftsteller David Bradley und Jamaica Kincaid, die sich anlässlich einer Neuausgabe in den USA 2007 trotz der empörenden, rassistischen Einstellung der Hauptfigur und des Erzählers für eine unzensierte Lektüre aussprachen, „um die historische Perspektive zu erhalten.“Hillebrand, siehe Literatur, S. 16 f. Tkalec warnt: „Empfindsame mögen sich also auf allerlei Pfui-Wörter gefasst machen.“Tkalec, siehe Weblinks. Buch betont den Gewinn: „Wer besser verstehen will, warum es Rassismus nicht nur zwischen Weißen und Schwarzen, Kolonisierten und Kolonialherren gibt, sondern auch unter deren Opfern, der lese die kenntnisreich kommentierte Neuausgabe des Romans von Dumas!“Buch, siehe Weblinks. Dillmann sekundiert: „In seinen späteren Romanen hat er (Dumas) diesen rassistischen Konflikt nicht mehr thematisiert, ein Grund mehr, gerade Georges zu lesen.“Dillmann, siehe Weblinks.

In fast gleicher Weise problematisch ist das Frauenbild, das der Roman vermittelt, auch wenn die weibliche Hauptfigur Sara, ein 16-jähriges Mädchen, in ihrer Ambivalenz sowohl luxurierende Oberflächlichkeit als auch energisches Selbstbewusstsein zeigt.Dumas, Georges, S. 57 ff., 86 ff., 90 ff., 100 ff., 203 ff.

Historisch-biografischer Hintergrund