Unter der Bezeichnung Kalkberge bei Röhrda und Weißenborn wurden die Naturschutzgebiete „Graburg“ und „Dreiherrenstein-Eschenberg-Kreutzerberg“ mit den Flächen um den „Schieferstein“ in den 2000er Jahren als Flora-Fauna-Habitat-Gebiet zu einem Teil des europaweiten Schutzgebietssystems Natura 2000, das die Erhaltung der biologischen Vielfalt zum Ziel hat. Der Bereich wird in dem Standarddatenbogen zu der Gebietsmeldung als national bedeutsam für den Schutz seltener und bestandsgefährdeter Tier- und Pflanzenarten der Kalkbuchenwälder eingestuft. Als besonders schutzwürdig gelten ebenfalls die orchideenreichen Kalkmagerrasen, das große Eibenvorkommen der Graburg, die Bergstürze mit ihren Blaugrashalden sowie die zahlreichen Höhlen in den Felsbereichen, die Fledermäuse als Winterquartier nutzen.Regierungspräsidium Kassel: Standard-Datenbogen für besondere Schutzgebiete, erstellt im Mai 1998 und im Januar 2015 aktualisiert. Geologisch gehört das Gebiet zu den Schichtstufenhängen des Unteren Muschelkalks, die mit weithin sichtbaren Felsen und steilen Hängen über einen Rötsockel emporragen.

Lage Mit einer Länge von rund neun Kilometern erstreckt sich das FFH-Gebiet über den Bergstock des nördlichen Ringgaus. Es gliedert sich in vier benachbarte Bereiche: Im Westen das „Schieferstein-Gebiet“ mit einer Größe von 93 Hektar. In der Mitte mit 336 Hektar das Naturschutzgebiet „Graburg“ und im Osten das 201 Hektar große Naturschutzgebiet „Dreiherrenstein-Eschenberg-Kreutzerberg“, das an Thüringen grenzt. Die rund fünf Hektar große „Rambacher Sandgrube“ im Nordosten ist ein Teil des letztgenannten Naturschutzgebiets. Administrativ gehören die Flächen zu den Gemarkungen der Ortsteile Röhrda, Netra und Rittmannshausen der Gemeinde Ringgau sowie zu den Gemarkungen von Weißenborn und Rambach der Gemeinde Weißenborn.

Die Kalkberge liegen im „Geo-Naturpark Frau-Holle-Land“. In der naturräumlichen Gliederung Deutschlands des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg werden sie als Teileinheit Nördlicher Ringgau (483.43) den Nordwestlichen Randplatten des Thüringer Beckens (483) zugeordnet. Nach Süden fällt der Bereich in die langgestreckte Netra-Ifta-Talung (483.42) ab und nach Norden ragt der geschützte Bereich in den Schlierbachswald (357.91) des Fulda-Werra-Berglands (357), das zu der Haupteinheitengruppe des Osthessischen Berglands gehört.Hans-Jürgen Klink: Blatt 112 Kassel. In: Naturräumliche Gliederung nach der Geographischen Landesaufnahme des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg.

Die Rabenkuppe im Nordwesten ist mit die höchste Erhebung im Natura-2000-Gebiet. Weiter westlich am Schieferstein steigt das Gelände noch bis auf an, ganz im Nordosten am Dreiherrenstein werden erreicht. Die niedrigeren Lagen entlang der Nordgrenze fallen bis auf ab.Planungsbüro für Naturschutz und Wald (PNW): Grunddatenerfassung zum FFH-Gebiet 4826-303 „Kalkberge bei Röhrda und Weißenborn“.

Geologie mini|links|Die Westseite des Eschenbergs mit weithin sichtbaren Felsbereichen. Der Ringgau gehört zu den westlichen Ausläufern der Muschelkalkplatten, die das Thüringer Becken umranden. Diese erstrecken sich vom Nordwesten Thüringens bis nach Hessen. Die Werra trennte einst den Ringgau von seinem ursprünglichen Gesteinsverband und schuf mit ihm einen Zeugenberg, der in seinem Zentrum durch einen tektonischen Grabenbruch zerschnitten wird, der ihn in einen nördlichen und südlichen Bereich teilt.

Die Berge des Ringgaus bestehen überwiegend aus Muschelkalk, der aus den Ablagerungen eines Flachmeeres vor mehr als zweihundert Millionen Jahren entstanden ist. In der Zeit des Erdmittelalters war die Region von einem tropischen bis subtropischen Randmeer bedeckt. In dem übersalzenen Wasser konnte nur eine relativ artenarme, von Muscheln dominierte Weichbodenfauna bestehen. Gemeinsam bildeten hier der Obere und der Untere Wellenkalk im Unteren Muschelkalk dickbankige Gesteinsschichten. Die Schichtstufen und Steilhänge sind aus diesen Gesteinen aufgebaut. Den Muschelkalk unterlagern tonige Schichten des Oberen Buntsandsteins, der Röt genannt wird. Diese Schichten nehmen vor allem in niederschlagsreichen Zeiten aus dem klüftigen Kalkstein Regen und Tauwasser auf und werden in feuchtem Zustand breiartig und fließfähig. Der Untergrund wird instabil und große Felsbereiche können sich ablösen. Im Bereich der westlichen Umrandung des Thüringer Beckens, zu der neben dem Ringgau die Gobert und die Wanfrieder Werrahöhen zählen, entwickeln sich deshalb immer wieder Bergrutsche und bergsturzartige Abbrüche. Der letzte Bergsturz geschah im Mai 1895 am Manrod. Hier stürzten nach Gewitterregen gewaltige Felsmassen ab und vernichteten eine Waldfläche von mehr als einem Hektar.Marcus Schmidt: Bergstürze und Bergrutsche. In: Naturschutzgebiete in Hessen, schützen-erleben-pflegen. Band 3. S. 23 f.Adalbert Schraft: GeoTouren in Hessen - Geologische Streifzüge durch die schönsten Regionen Hessens. Band 3. Osthessisches Buntsandstein-Bergland und Werra-Meißner-Bergland.

Kulturhistorische Bedeutung Der Bereich um den Dreiherrenstein im Nordosten des Gebiets war nahezu immer Grenzland. Hier stießen Herrschaftsbereiche aufeinander, die im Laufe der Jahrhunderte vielfach Namen und Besitzer wechselten. Ein noch erhaltener Grenzstein trägt die eingemeißelten Initialen und Wappen dreier ehemaligen deutschen Länder, deren Grenzen sich auf dem Dreiherrenstein trafen: KH und hessischer Löwen für das Kurfürstentum Hessen, KP und preußischer Adler für das Königreich Preußen und SWE und Sächsisches Stammwappen für das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach.

Ein Gedenkstein auf dem Dreiherrenstein erinnert auch an die ehemalige innerdeutsche Grenze, die auch der „Eiserne Vorhang“ zwischen den Machtblöcken des Warschauer Paktes und der NATO war. Zeitzeugnisse der deutsch-deutschen Grenzgeschichte sind mit dem ehemaligen Kolonnenweg und den noch vorhandenen Relikten gegenwärtig.Informationen aus dem Text der Gedenktafel auf dem Dreiherrenstein.

mini|Die „Landschaftspfleger“ der aufgelassenen Rambacher Sandgrube. Seit dem Mittelalter wurde in der Rambacher Sandgrube ein Sandsteinvorkommen ausgebeutet. Das zerkleinerte Material wurde landesweit als Scheuersand oder Stubenstreusand verkauft. Der Sand wurde auf die Holzdielen geschüttet und beim Abfegen nahm er den Schmutz mit. Mit dem Aufkommen chemischer Reinigungsmittel, die den Scheuersand an Wirksamkeit übertrafen, wurde der Abbau unrentabel und aufgegeben.

Ähnlich wie in anderen Teilen der Region auch, wurde in der Vergangenheit der Wald in großen Teilen als Mittel- und Niederwald bewirtschaftet und für die traditionelle Hute- und Streunutzung waren die Wälder ebenfalls von großer Bedeutung. Relikte dieser Nutzungsformen, die größtenteils mit Beginn des 20. Jahrhunderts aufgegeben wurden, sind auf dem Hochplateau noch heute zu erkennen.

Auch die im Gebiet vorkommenden Trockenrasen sind, mit Ausnahme der natürlichen Bestände im Bereich der Felsbänder, durch historische Weidenutzungen entstanden. Bis in das 19. Jahrhundert waren Triftweiden für die Schafhaltung bedeutend. Überbleibsel aus dieser Zeit sind die Wacholderbestände die südlich der Schäferburg das Landschaftsbild bestimmen. Gegenüber anderen Gehölzen ist der Wacholder sehr konkurrenzschwach und sein Vorkommen beschränkt sich vielerorts auf Standorte die durch Weidenutzung entstanden sind. Da der Wacholder ein Gewächs ist, bei dem die Schafe auch die jungen Triebe nicht fressen, wurde er zum charakteristischen Merkmal einer Kulturlandschaft, die von der Beweidung durch Schafe und Ziegen geprägt wurde.Sieglinde und Lothar Nitsche: Naturschutzgebiete im Werra-Meißner-Kreis. In Naturschutzgebiete in Hessen, schützen-erleben-pflegen. Band 3, S. 105 f.

Lebensräume mini|Waldmeister-Buchenwald am Kreutzerberg. mini|Ehemaliger Mittelwald auf der „Rabenkuppe“ mit Stockausschlägen und bemoosten Stammfüßen. mini|Totholz im Wald am Dreiherrenstein. Die große biologische Vielfalt des Natura-2000-Gebiets verdeutlichen die Vorkommen von zwölf Lebensraumtypen (LRT), die nach dem Anhang I der FFH-Richtlinie als von gemeinschaftlichem Interesse gelten und für deren Erhaltung besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden sollen. Drei dieser Lebensraumtypen wurden als prioritär eingestuft, weil sie vom Verschwinden bedroht sind und für ihre Erhaltung eine besondere Verantwortung besteht.Steckbrief des FFH-Gebiets 4826-305 „Kalkberge bei Röhrda und Weißenborn“. In: Website des Bundesamtes für Naturschutz (BfN); abgerufen am 10. Dezember 2022.

Wälder Die größte Fläche im FFH-Gebiet nehmen mit rund 445 Hektar „Waldmeister-Buchenwälder“ (LRT 9130), mit der Rotbuche als dominierender Baumart, ein. Auf den Standorten der Hanglagen sind regelmäßig Esche und Berg-Ahorn zu finden. Hinzu kommen vereinzelt Stieleiche, Vogelkirsche, Sommerlinde, Bergulme, Spitz- und Feldahorn. Als auffallend angesehen wird die vergleichsweise hohe Zahl von Elsbeeren in Teilbereichen der ehemaligen Niederwälder am Dreiherrenstein. Als eine Besonderheit gelten auch die flächigen Vorkommen der Eibe im Bereich der Kalkfelsen und Abbruchkanten. Mit mehr als eintausend Exemplaren besitzt das Schutzgebiet vermutlich den größten natürlichen Eibenbestand Hessens.Emily Spanel: „Rund um die Graburg bei Weißenborn wächst Hessens größter natürlicher Eibenbestand“. In Werra-Rundschau vom 26. Oktober 2018; abgerufen am 10. Dezember 2022.

Der Trockenwaldtyp „Mitteleuropäische Kalkbuchenwälder“ (LRT 9150) ist auf flachgründigen Böden entlang der Felsabbrüche auf schmalen Streifen mit einer Gesamtfläche von knapp acht Hektar ausgebildet. Verteilt über das Schutzgebiet sind zwölf Teilflächen mit unterschiedlichen Erhaltungszuständen vorhanden. Die Buche erreicht hier nur geringe Wuchshöhen. Es überwiegen Stockausschläge, die teilweise krüppelartig erscheinen.

Das einzige Vorkommen des „Labkraut-Eichen-Hainbuchenwaldwaldes“ (LRT 9170) befindet sich im Nordosten am Dreiherrenstein auf einer Fläche von einem halben Hektar. In der Baumschicht dominiert die Eiche, daneben sind mit kleineren Anteilen Hainbuche, Esche, Buche und Feldahorn vertreten. In der mittleren Vegetationsschicht gesellen sich einzelne Elsbeeren, Mehlbeeren sowie Winterlinden hinzu.

Im Gebiet wachsen auf einer Gesamtfläche von rund 20 Hektar auf dem groben Untergrund von Gesteinsschutt und Blockhalden mehr als zwanzig meist kleinere „Schlucht- und Hangmischwälder“ (LRT 9180). Lediglich südwestlich des Königentals erstreckt sich ein größerer Bestand über eine Fläche von knapp acht Hektar.

Die „Auenwälder“ (LRT 91E0) sind mit zwei Flächen auf zwei Hektar vertreten. Das größere Vorkommen liegt im Bereich der Graburg auf feuchtem bis quelligem Grund und ein weiterer Bestand ist im Bereich des Schiefersteins vorhanden.

Offenland Von der Gesamtfläche des FFH-Gebiets entfallen auf das „Offenland“, das sich überwiegend im Nordosten befindet, rund 33 Hektar.

Als typisch für das Gebiet gelten die Vorkommen der „natürlichen Kalkfelsen mit ihrer Felsspaltenvegetation“ (LRT 8210). Ihre Zahl wird mit 17 angegeben, die sich meist als sehr langgezogene Kalk-Felsbänder mit einer Gesamtlänge von rund 4,5 Kilometern auf geschätzte 6 Hektar konzentrieren.

In ihrer Nähe liegen, über das Gebiet verstreut, rund zwanzig „natürliche Höhlen“ (LRT 8310). Als Besonderheit gelten zwei Höhlen am Schieferstein mit Winterquartieren des Großen Mausohrs und eine Höhle an der Graburg, als eine von zwei bekannten Quartieren der Kleinen Hufeisennase in Hessen.

Im Nordosten befinden sich in der Rambacher Flur insgesamt sechs kleine Areale der „submediterranen Halbtrockenrasen“ (LRT 6212) mit einer Gesamtgröße von 1,5 Hektar, die seit der Nutzungsaufgabe brach liegen. Der Subtyp der „blaugrasreichen Halbtrockenrasen“ (LRT 6212 b) ist auf drei Flächen mit knapp einem Hektar im Felssturzgebiet am Manrod und im ehemaligen Steinbruch unterhalb der Rabenkuppe zu finden.