Die Lechtaldecke ist eine tektonische Deckeneinheit im Bajuvarikum der Nördlichen Kalkalpen.
Bezeichnung Die Lechtaldecke ist nach ihrer Typlokalität – den Lechtaler Alpen – benannt.
Definition mini|300px|Mittlere und Kleine der Drei Schwestern (2053 m). Die Gipfel bestehen aus Hauptdolomit der Drei-Schwestern-Schuppe der Lechtaldecke
In den zum Oberostalpin (Austroalpin) gehörenden Nördlichen Kalkalpen – ihrer höchsten tektonischen Deckeinheit sedimentären Ursprungs – können eine Anzahl tektonischer Deckenbereiche unterschieden werden, denen teilweise auch bestimmte Schichtenfolgen zu eigen sind (Anmerkung: Das Oberostalpin für sich genommen stellt im Alpenorogen die höchste tektonische Einheit dar). Von Otto Ampferer und Hammer wurden für den Westteil im Jahr 1911 und von Hahn für den Zentral- und Ostteil im Jahr 1912 drei Hauptdecken abgetrennt – das Bajuvarikum in Liegendposition im Norden, gefolgt vom intermediären Tirolikum und dem Juvavikum des Hangenden weiter südlich.
Das Bajuvarikum wird seinerseits in zwei Deckensysteme unterteilt – das nördliche Tiefbajuvarikum im Liegenden mit der Cenoman-Randschuppe und der Allgäudecke – sowie das südliche Hochbajuvarikum mit der Lechtaldecke.
Im Westen der Nördlichen Kalkalpen folgt auf das Bajuvarikum weiter südwärts das Tirolikum mit der Inntaldecke und der ihr auflagernden Krabachjochdecke.
Das dargestellte Klassifikationsschema war bis 1970 unter Alpengeologen in Gebrauch, bis Alexander Tollmann es leicht abänderte, indem er dem Nordrand der Inntaldecke noch eine Karwendelschuppe vorschaltete. Jedoch wurden selbst an dieser Einteilung seit 2003 Zweifel laut. Mittlerweile haben Kilian und Ortner (2019) das Lechtal- und das Inntaldeckensystem zur neuen Karwendeldecke vereint. Die vormalige Allgäudecke wurde in Tannheimdecke umbenannt.
Geographische Beschreibung Die Lechtaldecke weist im Westteil im Durchschnitt eine um 30–40 km schwankende Breite auf, im Osten erreicht sie aber nur etwa 25 Kilometer. Einerseits verschmälert sie sich gegen Osten aufgrund des Vorstoßes des tirolischen Bogens, andererseits vermindert sich die Gesamtbreite der Nördlichen Kalkalpen generell am Westende.
Die Lechtaldecke setzt am Westrand der Nördlichen Kalkalpen bei Vaduz ein. Sie zieht in nordnordöstlicher Streichrichtung bis östlich von Ruhpolding, wo sie von der Staufen-Höllengebirgsdecke des Tirolikums in nordöstlicher Richtung abgeschnitten und überfahren wird. Im anschließenden Zentralteil fehlt das Hochbajuvarikum vollständig und taucht erst östlich der Krems in Gestalt der Reichraminger Decke wieder auf. Diese wird ab den Weyerer Bögen von der Lunzer Decke abgelöst, welche bis zum Ostrand der Nördlichen Kalkalpen nördlich von Wien (Wiener Becken) aushält. Die Lunzer Decke ist aber nicht durchgehend, sondern wird zwischen Hainfeld und der Schwechat von der tirolischen Reisalpendecke und der Göller Decke verborgen.
Die Nordbegrenzung der Lechtaldecke folgt dem Deckenkontakt zur unterlagernden Allgäudecke und ist immer tektonischer Natur.
mini|300px|Am Staufen (1782 m) wird die Lechtaldecke vom Tirolikum überfahren und endet hier vorerst
Ihre Südbegrenzung ist weitaus komplexer und ebenfalls immer tektonischer Natur. Sie beginnt im Rätikon mit einem tektonischen Kontakt zu den penninischen Decken des Prättigau-Halbfensters mit der Arosa-Zone (sowie darunter Falknisdecke und Sulzfluhdecke). Südlich von Bludenz stößt die Lechtaldecke dann an die Phyllitgneiszone des Silvretta-Kristallins, welches ebenfalls deckenartig vorliegt. Etwa 15 Kilometer westlich von Landeck trifft sie auf den Landecker Quarzphyllit. Ab Imst wird sie bis an den Inn von der tirolischen Inntaldecke überlagert. Anteile der Lechtaldecke kommen auch noch südlich des Ost- und Westendes der auflagernden Inntaldecke zum Vorschein. Im Westen ist der Südrand der Lechtaldecke über den Einheiten der Zentralalpen sekundär versteilt, ja auf weite Strecken durch einen weiteren jüngeren Nachschub überkippt. Dass die Allgäudecke am Nordrand der Kalkalpen zwar unter die Lechtaldecke untertaucht, am Südrand aber nicht mehr hervorkommt, sondern die Lechtaldecke dort unmittelbar der Landecker-Phyllit/Phyllitgneiszone auflagert, ist dem basalen, schräg gegen Süden absteigenden primären Zuschnitt der großen oberostalpinen Deckenmasse zu verdanken, so dass die Allgäudecke als ein sekundär abgescherter, überschobener Vorderteil der nach Süden stratigraphisch tiefergreifenden Gesamtplatte zu werten ist.
Kurz vor Erreichen des Inns erscheint erstmals die Staufen-Höllengebirgsdecke, die nördlich von Kufstein bis an den Staufen nach Nordosten durchzieht. Im Ostteil beginnt die Südbegrenzung des Hochbajuvarikums erst wieder bei Grünau und folgt dem Nordrand der Staufen-Höllengebirgsdecke, jetzt aber in südöstlicher Richtung. Ab Steyrling übernimmt dann die Totengebirgsdecke, der Kontakt folgt sodann dem Sengsengebirge bis hin zu den Weyerer Bögen. Ab dem Südende der Weyerer Bögen bildet die Mürzalpendecke den Südrand, gefolgt von der Unterbergdecke östlich von Großreifling. Die Unterbergdecke springt dann östlich des Ötschers nach Südosten zurück und macht der unterlagernden Reisalpendecke Platz, welche das Hochbajuvarikum in Gestalt der Lunzerdecke südöstlich von Hainfeld schließlich abschneidet. Nachdem die Lunzerdecke östlich der Schwechat noch einmal erscheint, wird ihr Südrand bis zum endgültigen Abtauchen nördlich von Mödling von der Göller Decke markiert.
Gebirgsgruppen und Berggipfel Die Lechtaldecke beziehungsweise ihre hochbajuvarischen östlichen Äquivalenten findet sich in folgenden Gebirgsgruppen, die entweder vollständig oder teilweise von ihr aufgebaut werden: Rätikon, Lechquellengebirge, Lechtaler Alpen, Allgäuer Alpen, Ammergauer Alpen, Wettersteingebirge, Mieminger Kette, Estergebirge, Bayerische Voralpen, Karwendel, Brandenberger Alpen, Chiemgauer Alpen, Oberösterreichische Voralpen, Ybbstaler Alpen, Türnitzer Alpen und Wienerwald.
Die Lechtaldecke beherbergt zahlreiche Berggipfel. Ihr höchster mit 3036 Meter ist die Parseierspitze in den Lechtaler Alpen. Als Beispiele seien nur einige herausgegriffen: Augstenberg (2359 m), Biberkopf (2599 m), Bodenwies (1540 m), Drei Schwestern (2053 m), Galinakopf (2198 m), Großer Krottenkopf (2656 m), Heiterwand (2642 m), Hochfelln (1674 m), Hochfrottspitze (2649 m), Hochvogel (2592 m), Hohenstein (1195 m), Hohes Licht (2651 m), Krottenkopf (2086 m), Mädelegabel (2645 m), Muttekopf (2774 m), Rappenspitze (2223 m), Rotwand (1884 m), Säuling (2047 m), Schafreuter (2102 m), Schesaplana (2965 m), Valluga (2809 m), Wildberg (2788 m), Zimba (2643 m) und Zugspitze (2962 m).
Stratigraphie mini|300px|Die Heiterwand (2642 m) der Lechtaler Alpen wird aus Wettersteinkalk aufgebaut
Faziell gehören die Sedimente der Lechtaldecke zur Bayerisch-nordtirolischen Fazies.
Die Lechtaldecke zeigt eine vollständigere mesozoische Schichtenfolge als die Allgäudecke. Ihre älteren Schichtglieder des Permoskyths sind nur an ihrem Südrand aufgeschlossen. Landschaftlich bestimmend sind ihre mächtigen triassischen Carbonatkomplexe des Ladiniums (Wettersteinkalk) und des Noriums (Hauptdolomit). In Ostnordost-streichenden Muldenzügen haben sich meist posttriasische Sedimente, die so genannten Jung-Schichten, erhalten. Diese sind jedoch in Achsenkumulationen durch Abtragung entfernt.
Die flach bis tief marinen, permotriassischen Sedimente der Lechtaldecke waren auf dem südöstlichen Kontinentalrand des zu Pangäa gehörenden Eurasiens abgelagert worden. Dieser Bereich wird jetzt als eigene Mikroplatte namens Alcapia aufgefasst, welche am damaligen Nordwestrand des Meliata-Ozeans – einem Abzweig der Neotethys – gelegen war. Im Unterjura installierte sich ein Dehnungsregime. Durch das Rifting-bedingte Eindringen des penninischen Ozeans entfernte sich Alcapia zusehends von Eurasien. Die während der Trias entstandenen Plattformen auf dem Kontinentalrand ertranken und die flach marine Sedimentation kam zum Stillstand. Während Mittel-, Oberjura und Unterkreide herrschten sodann pelagische Tiefwasserformationen.
Magmatische Gesteine sind in der Lechtaldecke unterrepräsentiert. In den Arlbergschichten des Ladiniums sind die mafischen Vulkanite des Melaphyr von Lech anzuführen. Eine weitere Ausnahme bilden die unterkretazischen Ehrwaldite südlich des Zugspitzmassivs. Es handelt sich hierbei um basanitische Ganggesteine (Nephelinbasanit), die in einer schmalen, knapp 50 Kilometer langen Zone (Puitental) mesozoische Sedimentgesteine bis zur Unterkreide durchschlugen. Ihr Alter wurde mit rund 100 Millionen Jahren bestimmt, sie stammen somit aus dem Oberen Albium. Aus ihrer Gegenwart lässt sich schlussfolgern, dass zur Zeit ihres Magmenaufstiegs keine Subduktionszone unter den Nördlichen Kalkalpen vorhanden war. Ihr Aufstieg war unter Dehnung erfolgt, als die Nördlichen Kalkalpen noch keinen Deckenbau aufwiesen und auf einem kontinentalen Sockel lagen, weit entfernt von einer penninischen Subduktionszone. Der Aufstieg der basanitischen Ehrwalditschmelzen ist möglicherweise einem Horst-Graben-System geschuldet – mit Beziehungen zu transpressiver Tektonik.
Sedimentärer Inhalt Die Lechtaldecke zeichnet sich durch folgende Schichtenfolge aus (vom Hangenden zum Liegenden): Gosau-Gruppe – Turonium bis Bartonium (Obereozän) Branderfleck-Formation – Cenomanium bis Coniacium Losenstein-Formation – Albium bis Cenomanium Tannheim-Formation bzw. Lech-Formation im Südwesten – Aptium bis Albium Schrambach-Formation – Berriasium bis Aptium Ammergau-Formation – Kimmeridgium bis Berriasium Ruhpolding-Formation – Oxfordium bis Kimmeridgium Allgäu-Formation – Hettangium bis Oxfordium Adnet-Formation – Hettangium bis Sinemurium Zirmenkopf-Kalk – Oberes Rhätium Kössen-Formation – Rhätium Hauptdolomit – Norium Raibler Schichten – Karnium Arlberg-Formation – Oberes Ladinium Wettersteinkalk/Ramsaudolomit bzw. Partnach-Schichten – Ladinium Reifling-Formation (Alpiner Muschelkalk) – Oberes Anisium bis Unteres Ladinium Reichenhall-Formation – Anisium Alpiner Buntsandstein bzw. Werfener Schichten und Fuorn-Formation – Skythium Haselgebirge und Präbichl-Formation (Alpiner Verrucano) – Perm
Meistens beginnt die Schichtenfolge der Lechtaldecke (wie beispielsweise im Karwendel) mit dem norischen Hauptdolomit, der bis zu 800 Meter mächtig und aus einem gut geschichteten, teils stromatolithischen Dolomit aufgebaut wird. Ältere Schichtglieder wie der Alpine Buntsandstein sind meist zurückgeblieben und treten nur am Südrand in Erscheinung.
Nachdem die aus dem Hauptdolomit errichtete Schelfplattform ertrunken war, lagerte sich 250 Meter mächtiger, subtidaler Plattenkalk ab. Der Höhepunkt des Ertrinkens wird im Rhät durch die Becken der Kössen-Formation angezeigt. Die Mergel und Mergelkalke der Kössen-Formation verzahnen sich ihrerseits mit den Plattformsedimenten des Oberrhätkalks. Die Kössen-Formation zeichnet sich durch schwarze Kalkbänke im Dezimeter- bis Halbmeterbereich aus, welche der Kalkalpennordrand-Fazies der Allgäudecke ähneln.