Das Inkareich (Quechua: Tawantinsuyu – „Reich aus vier Teilen“) war das größte Reich im präkolumbischen Amerika. Dieses war nach den vier Himmelsrichtungen in Chinchan Suyu (Nord-Region), Kunti Suyu (West-Region), Anti Suyu (Ost-Region) und Qulla Suyu (Süd-Region) unterteilt. Das administrative, politische und militärische Zentrum des Reiches befand sich in der Stadt Cusco im heutigen Peru. Die Zivilisation der Inka entstand im frühen 13. Jahrhundert im Hochland der Anden. Ihre letzte Hochburg wurde 1572 von den Spaniern erobert. In seiner größten Ausdehnung verband das Reich Peru, das westliche Ecuador, das westliche und südliche Zentralbolivien, das nordwestliche Argentinien, einen großen Teil des heutigen Chile und den südwestlichsten Zipfel Kolumbiens zu einem Staat, der mit den historischen Imperien Eurasiens vergleichbar war und sich über eine Fläche von 950.000 km² erstreckte.

Von 1438 bis 1525 expandierte das Inkareich massiv – durch Eroberung und Unterdrückung, aber auch durch friedliche Assimilierung – und nahm 1533 einen großen Teil des westlichen Südamerikas mit dem Zentrum in den Anden ein. Seine offizielle Sprache war Quechua. Es wurden allerdings unzählige weitere Sprachen gesprochen und es gab mehr als 200 Ethnien.Alvin M. Josephy: Amerika 1492 – Die Indianervölker vor der Entdeckung. Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-10-036712-X, S. 269. Viele lokale Formen der religiösen Verehrung bestanden im Reich, die meisten davon betrafen lokale heilige Wak’a, aber die Führung der Inkas förderte die Sonnenverehrung des Inti, ihres Sonnengottes, und setzte seine Souveränität über andere Kulte wie den von Pachamama durch. Die Inkas betrachteten ihren König, den Sapa Inka, als den Sohn der Sonne und eine Gottheit.

Das Inkareich war insofern ungewöhnlich, als ihm viele Merkmale fehlten, welche die Zivilisationen in der Alten Welt kennzeichneten. So kannten die Inka keine Radfahrzeuge und keine Zugtiere. Ihnen fehlten auch Kenntnisse über die Verarbeitung von Eisen und Stahl. Die Inka kannten kein Schriftsystem in der Art, wie es in eurasischen Kulturen verwendet wird, stattdessen verwendeten sie aber die Knotenschrift Quipu, mit der sowohl Nachrichten wie auch mehrstellige Zahlen im Dezimalsystem dargestellt und weitergeleitet werden konnten. Sie errichteten allerdings ein bedeutendes und hochentwickeltes Reich und zählen zu den Hochkulturen. Zu den bemerkenswerten Merkmalen des Inkareichs zählen seine monumentale Architektur, insbesondere die Steinmetzarbeiten, das ausgedehnte Straßennetz, das alle Ecken des Reichs erreicht, fein gewebte Textilien, landwirtschaftliche Innovationen in einem schwierigen Umfeld sowie eine fortgeschrittene Organisation und Verwaltung.

Das Inkareich funktionierte weitgehend ohne Geld und ohne Märkte. Stattdessen beruhte der Austausch von Gütern und Dienstleistungen auf Gegenseitigkeit zwischen Einzelpersonen, Gruppen und Inka-Herrschern. Die Steuern bestanden aus einer Arbeitsverpflichtung der Person gegenüber dem Reich. Die Inka-Herrscher (die theoretisch alle Produktionsmittel besaßen) revanchierten sich, indem sie ihren Untertanen Zugang zu Land und Gütern gewährten und in feierlichen Festen Speisen und Getränke zur Verfügung stellten.Craig Morris, Adrianna von Hagen: The Incas. Thames & Hudson, London 2011, S. 48–58. Während manche Forscher des 20. Jahrhunderts dieses System als eine Art frühen Sozialismus bezeichneten, interpretierten andere es als Feudalismus oder Sklaverei. Auch wenn die akademische Gemeinschaft noch Debatten über die Natur des Wirtschaftssystems der Inka führt, hat sich seitdem ein breiter Konsens um ein andisches Reziprozitäts- und Redistributions-System entwickelt, das nicht mit den Modellen der Alten Welt gleichgesetzt werden kann.(en) Chris Beyers - Centre for Research on Latin America and the Caribbean: Directions in Ethnohistorical Research on the Inca State and Economy. von 2001 Auf: yorku.ca; zuletzt abgerufen am 31. Juli 2025.

Etymologie Die Inka bezeichneten ihr Reich als Tawantinsuyu, „die vier Suyu“.Gordon F. McEwan: The Incas: New Perspectives. New York 2008, S. 221. In Quechua ist tawa vier und -ntin ist ein Suffix, das eine Gruppe bezeichnet, so dass ein Tawantin ein Quartett ist, eine Gruppe von vier Dingen zusammengenommen, in diesem Fall die vier Suyu („Regionen“ oder „Provinzen“), deren Ecken sich in der Hauptstadt trafen. Die vier Suyu waren: Chinchay Suyu (Norden), Anti Suyu (Osten; der Amazonasdschungel), Qulla Suyu (Süden) und Kunti Suyu (Westen). Der Name Tawantinsuyu war daher ein beschreibender Begriff, der auf einen Zusammenschluss von Provinzen hinwies. Im Spanischen wurde der Name mit Tahuatinsuyo oder Tahuatinsuyu transliteriert.

Der Begriff Inka bedeutet in Quechua „Herrscher“ oder „Herr“ und wurde verwendet, um die herrschende Klasse oder die herrschende Familie zu bezeichnen. Die Inkas waren ein sehr kleiner Prozentsatz der Gesamtbevölkerung des Reiches, wahrscheinlich nur 15.000 bis 40.000, aber sie herrschten über eine Bevölkerung von etwa 10 Millionen Menschen.Gordon F. McEwan: The Incas: New Perspectives. New York 2008, S. 93. Die Spanier übernahmen den Begriff (im Spanischen mit Inka übersetzt) als ethnischen Begriff, der sich auf alle Untertanen des Reiches und nicht nur auf die herrschende Klasse bezog. Als solches bezog sich der Name Imperio inca („Inkareich“) auf die Nation, der sie begegneten und die sie anschließend eroberten.

Geschichte Hintergrund Das Inkareich war das letzte Kapitel der tausendjährigen Andenzivilisationen. Die Andenkultur war eine von fünf Zivilisationen in der Welt, die von der Forschung als „ursprünglich“, d. h. einheimisch und nicht von anderen Zivilisationen abgeleitet, angesehen wird.Gary Upton, Adriana Hagen: Encyclopedia of the Incas. Rowand & Littlefield, New York 2015, S. 2. − Einige Forscher nehmen sechs oder sieben ursprüngliche Kulturen an.

Dem Inkareich gingen zwei große Imperien in den Anden voraus: der Tiwanaku-Staat (ca. 300–1100 n. Chr.), der um den Titicacasee herum angesiedelt war, und der Wari-Staat (ca. 600–1100 n. Chr.), dessen Zentrum in der Nähe der Stadt Ayacucho lag. Die Wari besetzten das Gebiet von Cusco etwa 400 Jahre lang. Viele der Charakteristika des Inkareiches stammten aus früheren multiethnischen und expansiven Andenkulturen.

Der deutsche Geograph Carl Troll behauptete, dass die Entwicklung des Inkastaates in den zentralen Anden durch Bedingungen begünstigt wurde, die die Herstellung des Grundnahrungsmittels Chuño ermöglichten. Chuño, das über lange Zeiträume gelagert werden kann, wird aus Kartoffeln hergestellt, die bei Frosttemperaturen getrocknet werden, die nachts im südperuanischen Hochland üblich sind. Eine solche Verbindung zwischen dem Inkastaat und Chuño ist fraglich, da Kartoffeln und andere Feldfrüchte wie Mais ebenfalls nur mit Sonnenlicht getrocknet werden können. Troll argumentierte auch, dass Lamas, das Lasttier der Inkas, in dieser Region am zahlreichsten anzutreffen sind. Es lohnt sich zu bedenken, dass die maximale Ausdehnung des Inkareiches ungefähr mit der größten Verbreitung von Lamas und Alpakas im vorspanischen Amerika zusammenfiel. Der Zusammenhang zwischen den andinen Biomen von Puna und Páramo, dem Pastoralismus und dem Inkastaat ist Gegenstand der Forschung. Als dritten Punkt nannte Troll die Bewässerungstechnologie als vorteilhaft für den Aufbau des Inkastaates. Während Troll die Umwelteinflüsse auf das Inkareich theoretisierte, wandte er sich gegen den Umweltdeterminismus und argumentierte, dass die Kultur den Kern der Inka-Zivilisation ausmache.

Ursprung

mini|Fiktive Abbildung von Manco Cápac aus dem 18. Jahrhundert Das Volk der Inka war ein Hirtenstamm in der Gegend von Cusco um das 12. Jahrhundert. Unter der Führung von Manco Cápac bildeten die Inkas das Königreich Cusco. Im Jahre 1438 begannen sie eine weitreichende Expansion unter dem Kommando des Sapa Inka (oberster Führer) Pachacútec Yupanqui, dessen Name wörtlich „Erderschütterer“ bedeutete. Der Name Pachacútec wurde ihm gegeben, nachdem er den Stamm der Chancas (das moderne Apurímac) erobert hatte. Während seiner Herrschaft brachten er und sein Sohn Túpac Yupanqui einen Großteil des heutigen Territoriums von Peru unter die Kontrolle der Inka.

Reorganisation und Reichsgründung mini|Machu Picchu nahe Cusco

Pachacútec reorganisierte das Königreich Cusco in das Tahuantinsuyu, das aus einer Zentralregierung mit dem Inka an der Spitze und vier Provinzen mit starken Führern bestand. Diese waren Chinchasuyu, Antisuyu, Kuntisuyu und Qullasuyu. Es wird vermutet, dass Pachacuti Machu Picchu errichten ließ, entweder als Familienhaus oder als Sommerresidenz, obwohl es auch eine landwirtschaftliche Station gewesen sein könnte.

Pachacuti schickte Spione in die von ihm bestimmten Regionen der Umgebung und sie brachten ihm Berichte über politische Organisation, militärische Stärke und Reichtum. Dann sandte er Botschaften an ihre Führer, in denen er die Vorteile des Beitritts zu seinem Reich pries, ihnen Geschenke von Luxusgütern wie hochwertigen Textilien anbot und versprach, dass sie als seine Untertanen materiell reicher sein würden.

Die meisten akzeptierten die Herrschaft der Inkas und duldeten sie friedlich. Die Weigerung, die Herrschaft der Inkas zu akzeptieren, führte zu einer militärischen Eroberung. Nach der Eroberung wurden die örtlichen Herrscher hingerichtet. Die Kinder des Herrschers wurden nach Cusco gebracht, um die Verwaltungssysteme der Inkas kennenzulernen, und kehrten dann in ihre Heimatländer zurück. Dies ermöglichte es den Inkas, sie in den Inka-Adel einzuführen und ihre Töchter in Familien an verschiedenen Ecken des Reiches einheiraten zu lassen.

Expansion und Konsolidierung mini|Expansion des Inkareiches

Traditionell führte der Sohn des Inkaherrschers die Armee an. Pachacútecis Sohn Túpac Yupanqui begann 1463 mit den Eroberungen im Norden und setzte sie nach dem Tod seines Vaters 1471 als Inka-Herrscher fort. Túpacs wichtigste Eroberung war das Königreich von Chimor, der einzige ernsthafte Rivale der Inkas an der peruanischen Küste. Das Reich der Inka erstreckte sich darauf nach Norden bis ins heutige Ecuador und Kolumbien.

Túpac Inkas Sohn Huayna Cápac fügte einen kleinen Teil des Landes im Norden des heutigen Ecuador hinzu. Auf seinem Höhepunkt umfasste das Inkareich Peru, das westliche und südliche Zentralbolivien, den Südwesten Ecuadors und einen großen Teil des heutigen Chile nördlich des Río Maule. Die traditionelle Geschichtsschreibung behauptet, dass der Vormarsch nach Süden nach der Schlacht am Río Maule zum Stillstand kam, da er auf entschlossenen Widerstand der Mapuche traf. Diese Ansicht wird vom Historiker Osvaldo Silva in Frage gestellt, der stattdessen argumentiert, dass es die sozialen und politischen Strukturen der Mapuche waren, der die Hauptschwierigkeit bei der Durchsetzung der imperialen Herrschaft darstellten. Silva räumt zwar ein, dass die Schlacht am Río Maule eine Pattsituation war, argumentiert aber, dass den Inkas die Anreize für Eroberungen fehlten, die sie im Kampf gegen komplexere Gesellschaften wie das Chimú-Reich gehabt hatten. Silva bestreitet auch das von der traditionellen Geschichtsschreibung für die Schlacht angegebene Datum: das späte 15. Jahrhundert während der Herrschaft von Topa Inca Yupanqui (1471–1493). Stattdessen setzt er sie auf das Jahr 1532 während des Bürgerkriegs im Reich. Dennoch stimmt Silva der Behauptung zu, dass der Großteil der Eroberungen der Inkas im späten 15. Jahrhundert erfolgte. Zur Zeit des Inka-Bürgerkriegs unterwarf eine Inka-Armee laut Diego de Rosales einen Aufstand der Diaguitas.

Der Vorstoß des Reiches in das Amazonasbecken in der Nähe des Rio Chinchipe wurde 1527 von den Shuar gestoppt. Das Reich dehnte sich bis in Teile der heutigen Staaten von Argentinien und Kolumbien aus. Der größte Teil des südlichen Inkareichs, der als Qullasuyu bezeichnete wird, lag jedoch im Altiplano.