El-Mutrab, das auch unter den Namen Maʿan el-Mutrab, Al-Mutrāb sowie Umm at-Trāb bekannt wurde,Denis Genequand: Maʿān, an early Islamic settlement in southern Jordan: Preliminary report on a survey in 2002. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 47, 2003, S. 25–35; hier: S. 29–30; hier: S. 29. ist ein archäologischer Fundplatz und nach traditioneller Ansicht ein spätrömisches Kleinkastell, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am vorderen Limes Arabiae et Palaestinae in der spätantiken Provinz Arabia zuständig war. Das Baudenkmal befindet sich in der jordanischen Wüste, knapp fünf Kilometer östlich der einst durch die Hedschasbahn erschlossenen Stadt Maʿan im Gouvernement Maʿan. Nach neueren Forschungen könnte die Anlage auch eine antike oder islamische Karawanserei, Teil eines riesigen spätantiken und später frühislamischen Landwirtschaftsbetriebes oder ein umayyadisches Wüstenschloss gewesen sein. Das Fundareal, bis September 2017 noch weitgehend intakt, war im März 2018 durch die fortschreitende landwirtschaftliche Nutzung bis auf ein Drittel vernichtet worden. Mit Planierraupen wurde das niemals archäologisch ergrabene Baudenkmal mit all seinen Funden und Befunden abgeschoben. Die fortschreitende Zerstörung wurde von den Mitarbeitern der Aerial Photographic Archive for Archaeology in the Middle East (APAAME) dokumentiert. Dieses luftbildarchäologische Projekt wird durch die Archäologen David Leslie Kennedy und Bob Bewley von der University of Western Australia im australischen Perth betreut.Kennedy&Bewley team, APAAME

Lage Die Römer kontrollierten an den Außenposten des Reiches Stammesbewegungen insbesondere entlang der wichtigen Migrationsrouten, da den örtlichen Grenzschutzkommandeuren das zyklische Muster des Nomadenlebens bewusst war. Die Nomadenstämme tendierten dazu, den von der Natur vorgegebenen Wegen und Trassen wie insbesondere den Wadis zu folgen, weshalb gerade dort Militärposten entstanden, wobei die fest stationierten Einheiten auch mittels berittener Patrouillendienste Überwachungsarbeit leisteten.Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier. (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1, S. 9.

Gemeinsam mit der nur etwas über drei Kilometer westlich im rückwärtigen Raum gelegenen Befestigung El-Hammam (Ammatha?), befand sich El-Mutrab in isolierter Lage auf einem leicht erhöhten PunktDenis Genequand: Maʿān, an early Islamic settlement in southern Jordan: Preliminary report on a survey in 2002. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 47, 2003, S. 25–35; hier: S. 29–30. an einem durch zwei sich verbindende Wadis – dem Wadi Maʿān und dem Wadi al-Mahatta – gebildeten triangulären plateauartigen Geländesporn.Denis Genequand: Maʿān, an early Islamic settlement in southern Jordan: Preliminary report on a survey in 2002. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 47, 2003, S. 25–35; hier: S. 27. Diese beiden von Westen nach Osten verlaufenden Wadis, die sich im Bereich ihres Zusammenschlusses sehr nahe kommen, haben zuvor die Stadt Ma'an im Norden und Süden in zwei weiten Bögen umflossen. Nach ihrem Zusammenschluss bei El-Hammam nehmen die beiden Trockentäler anschließend wieder ihren eigenen Verlauf auf. Während das am nördlich fließenden Wadi Maʿān gelegene El-Mutrab auf rund 1.055 MeternSamuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier. (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1, S. 102. Seehöhe im Bereich des Südufers errichtet wurde, befindet sich El-Hammam auf rund 1.097 Metern Seehöhe am Westrand der die beiden Wadis verbindenden Spitze.Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier. (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1, S. 100. Das Wadi Maʿān entwickelt sich weiter östlich von El-Mutrab zu einem Netz aus sich stetig weiter verästelnden Trockentälern, die das Land fächerförmig in nördlicher und südlicher Richtung durchziehen. Von El-Mutrab aus hatte die Besatzung gute Sichtverhältnisse in alle Himmelsrichtungen. Als dritte Anlage, die einen ähnlichen Aufbau wie El-Mutrab und El-Hammam in dieser Region aufweist, ist Khirbet es-Samra bekannt geworden, dessen Baurest nur knapp 1,20 Kilometer südwestlich von El-Mutrab am Nordufer des südlich fließenden Wadi al-Mahatta entdeckt wurden. Alle drei Anlagen, zwischen denen sich eine in der Antike entwickelte, von künstlichen wasserführenden Kanälen und Aquädukten durchzogene landwirtschaftliche Zone befindet, stehen in Sichtkontakt zueinander. Die Fundstätten liegen im westlichen Teil des El-Jafr-BeckensWolfgang Waitzbauer: Jordanien aus ökologischer Sicht. In: Schriften des Vereines zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse133/134, Wien 1995, S. 83–122, hier: S. 111. und dort am Rande der südjordanischen Wüstengebiete in einer ariden Landschaft. Die klimatischen mittleren Winter-Maxima und Minima betrugen zu Beginn der 1990er Jahre für Ma'an 13,8 und 2,7 Grad Celsius. Für die Sommermonate ergab sich eine Spanne von 31,9 bis 18,8 Grad Celsius.Wolfgang Waitzbauer: Jordanien aus ökologischer Sicht. In: Schriften des Vereines zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse133/134, Wien 1995, S. 83–122, hier: S. 92.

Forschungsgeschichte Im 19. Jahrhundert wurde gelegentlich von einigen Forschungsreisende über archäologische Überreste in der Gegend um Ma'an berichtet. So 1897 auch durch den Briten John Edward Gray Hill (1839–1914).John Edward Gray Hill: A Journey to Petra. In: Palestine Exploration Quarterly 1, Band 29, 1897, S. 35–44, 134–144. Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten wurde die Anlage jedoch erstmals 1897 auf einer der Forschungsreisen des österreichischen Althistorikers Alfred von Domaszewski (1856–1927) und des deutsch-amerikanischen Philologen Rudolf Ernst Brünnow (1858–1917) bekannt. Die beiden Wissenschaftler untersuchten damals den römischen Limes und viele weitere antiken Stätten der einstigen Provinz Arabia und vermaßen die sichtbaren Teile von El-Mutrab. In dem Bau sahen sie die Reste eines antiken Kastells und erkannten auch den Aquädukt, der die beiden Befestigungen El-Mutrab und El-Hammam verband.Alfred von Domaszewski, Rudolf Ernst Brünnow: Die Provincia Arabia auf Grund zweier in den Jahren 1897 und 1898 unternommenen Reisen und der Berichte früherer Reisender beschrieben. Band 2: Der äussere Limes und die Römerstrassen von el-Maan bis Boṣra. Trübner, Straßburg 1905. S. 3–4. Ein weiterer früher Besucher war der österreich-ungarische Orientalist Alois Musil (1868–1944), der die Region im Jahr 1910 besuchte. Er wies insbesondere nochmals auf die Reste des Aquädukts und auf diverse damit wohl zusammenhängende, verfallene aber noch sichtbare Bewässerungsstrukturen im Raum um El-Hammam und El-Mutrab hin.Alois Musil: The Northern Hěĝaz. A Topographical Itinerary (= Oriental Explorations and Studies 1), American Geographical Society, New York 1926, S. 3–5.

Der österreichisch-britische Archäologe Aurel Stein (1862–1943) untersuchte das Gebiet 1939Shelagh Gregory, David Leslie Kennedy (Hrsg.): Sir Aurel Stein’s Limes Report. (= BAR International Series 272) BAR Publishing Oxford 1985, ISBN 0-86054-349-8, S. 295–301. und erstellte einen Plan von El-Hammam. Zudem wies er auf Bemerkungen von Royal-Air-Force-Piloten hin, die im Bereich östlich von Ma'an alte landwirtschaftlich genutzte Flächen erkannt hatten. Stein kam nach einer Untersuchung des Geländes zu dem Schluss, dass es zwischen El-Mutrab und El-Hammam ein großes Bewässerungssystem gegeben hatte, das aus einem mächtigen Reservoir bei El-Hammam gespeist wurde. Stein glaubte jedoch nicht, dass dieses System römischen Ursprungs sei, und verwies auf Textquellen, die den Bau eines Aquädukts durch den osmanischen Herrscher Süleyman I. (1520–1566) in Ma'an belegen würden.Shelagh Gregory, David Leslie Kennedy (Hrsg.): Sir Aurel Stein’s Limes Report. (= BAR International Series 272) BAR Publishing Oxford 1985, ISBN 0-86054-349-8, S. 301.

Erneute wissenschaftliche Forschungen fanden erst 1976 während einer vom jordanischen Antikendienst unterstützten wissenschaftlichen Expedition zum „Limes Arabicus“ statt. Die Leitung der von der American Schools of Oriental Research finanziell geförderten UntersuchungenSamuel Thomas Parker: Archaeological Survey of the „Limes Arabicus“: A Preliminary Report. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 21, 1976, S. 19. lag in den Händen des amerikanischen Provinzialrömischen Archäologen Samuel Thomas Parker (1950–2021). Parker untersuchte die Baureste der Anlage unter dem Aspekt eines römischen Kastells, ohne Ausgrabungen vorzunehmen, und unternahm eine Feldbegehung, um über Oberflächenfunde nähere Aufschlüsse zum Alter und zur Belegungsgeschichte der Fortifikation in Erfahrung bringen zu können.Samuel Thomas Parker: Archaeological Survey of the „Limes Arabicus“: A Preliminary Report. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 21, 1976, S. 24. Für das Fehlen von Wehrtürmen bei El-Mutrab und El-Hammam verwies er auf die ähnlich gestalteten Bauten von Umm al-Dschimal und Qasr el-Baiq, die durch Inschriften auf ein frühbyzantinisches Datum datiert werden könnten.

Die britische Klassische Archäologin Shelagh Gregory lehnte 1997 Parkers Identifizierung von El-Mutrab und El-Hammam als byzantinische Kastelle mit der Begründung ab, dass die von Parker zitierten Parallelen fachlich nicht sicher seien. Obwohl Parkers Keramikdatierungen ein byzantinisches Datum ganz deutlich bestätigten, verwies Gregory darauf, dass die von Parker herangezogenen kontextbezogenen Beweise für die Inschriften aus anderen Stätten nicht schlüssig waren.Shelagh Gregory: Roman Military Architecture on the Eastern Frontier (= Roman Military Architecture on the Eastern Frontier from AD 200–600 3), Hakkert, Amsterdam 1997, ISBN 90-256-1049-8, S. 392–394.

Wie Parker, hatte bereits 1973 der deutsche Biblische Archäologe Volkmar Fritz (1938–2007) nach der von ihm geleiteten Ausgrabung des rückwärtigen Kastells auf dem Tell es-Seba am Limes Palaestina, das ebenfalls keine Wehrtürme besaß, auf Vergleiche mit anderen spätantiken Wehrbauten hingewiesen. Er legte jedoch stichhaltigere Beweise aus entfernteren Provinzen vor und verwies dabei auf Objekte am Limes Tripolitanus und am Obergermanisch-Raetischen Limes, im Speziellen dort auf den raetischen Burgus Burgsalach.Volkmar Fritz: Vorbericht über die Ausgrabung des römischen Kastells auf dem Tell es-Seba'. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 89, Heft 1 (1973), S. 54–65; hier: S. 64–65.

Der polnische Klassische Archäologe Zbigniew T. Fiema, der seit Jahrzehnten in Jordanien forscht und von 1992 bis 1997 leitender Archäologe der American Schools of Oriental Research in Amman war, unterstrich im September 2000 beim 18. Internationalen Limeskongress in Amman die Bedeutung der Fundplätze von El-Mutrab und El-Hammam als militärische Befestigungen der byzantinischen Zeit.Zbigniew T. Fiema: The military presence in the countryside of Petra in the C6th. In: Philip Freeman, Julian Bennett, Zbigniew T. Fiema, Birgitta Hoffmann (Hrsg.): Limes XVIII. Proceedings of the XVIIIth International Congress of Roman Frontier Studiesheld in Amman, Jordan (September 2000). Band 1 BAR Publishing (= BAR International Series 1084, I), Oxford 2002, ISBN 1-84171-465-8, S. 121–136; hier: S. 121.