Die Theorie der muslimischen Entdeckung Amerikas ist eine Hypothese, die davon ausgeht, dass die Entdeckung Amerikas bereits vor Kolumbus durch muslimische Seefahrer stattgefunden hat. Diese sollen Amerika vor Kolumbus nicht nur mit ihren Schiffen erreicht, sondern es auch bereits kartiert haben. Infolgedessen seien europäische Entdecker mit Karten aufgebrochen und hätten nach bekannten Landmassen gesucht und nicht nur zufällig gefunden. Wichtigster Vertreter dieser Annahme ist der türkische Wissenschaftshistoriker Fuat Sezgin. Er hat sie in einem Kapitel seiner Geschichte des arabischen Schrifttums mit textlichen und kartographischen Argumenten ausgebreitet, ohne damit aber bei westlichen Fachhistorikern Gehör zu finden. Daneben hat diese Theorie bei den Muslimen Nordamerikas und Lateinamerikas einige Anhänger. Auch der Politiker Recep Tayyip Erdoğan machte sich diese Hypothese zu eigen, als er 2014 in Istanbul vor Vertretern von Muslimen aus Lateinamerika eine Ansprache hielt.
Die ausgearbeitete Version der Theorie von Fuat Sezgin Fuat Sezgin hat seine Version der Theorie in einem Kapitel des 13. Bandes seiner Geschichte des arabischen Schrifttums, die der mathematischen Geographie und Kartographie im Islam und ihrem Fortleben im Abendland gewidmet ist und 2007 erschien, entwickelt. Dieses Kapitel, das mit Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch muslimische Seefahrer vor Kolumbus überschrieben ist, wurde 2006 bereits vorab als Auszug im Internet veröffentlicht.
Zurückweisung der China-Hypothese von Gavin Menzies miniatur|Die koreanische Kangnidokarte von 1402, auf die sich Menzies gestützt hatte. Am Anfang dieses Textes setzt sich Sezgin ausführlich mit der Hypothese des britischen Marine-Kommandanten Gavin Menzies auseinander, der zufolge Amerika in den Jahren 1421 bis 1423 von den Chinesen im Rahmen einer Weltumsegelung entdeckt wurde. Menzies hatte diese These unter anderem auf die Karte des Zuane Pizzigano aus dem Jahre 1424 gestützt und daraus, dass auf dieser Karte vier Inseln im westlichen Atlantik erscheinen, geschlossen, dass schon 70 Jahre vor Kolumbus in der Karibik eine Kolonie gegründet worden war. Er war davon überzeugt, dass es nicht die Portugiesen waren, die die Karibischen Inseln entdeckt hatten, sondern China, weil allein diese Macht über die die „materiellen Mittel, die wissenschaftlichen Kenntnisse und die seemännische Erfahrung“ verfügte, um eine solche Entdeckungsreise durchzuführen. Nach Menzies' Auffassung war es der chinesische Admiral Zheng He gewesen, der Amerika auf seiner sechsten Reise (1421–1422) entdeckt hatte.Sezgin: Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch muslimische Seefahrer vor Kolumbus. 2006. S. 2–4. Seine Flotte soll nach der Umrundung der Südspitze Afrikas ihre Reise nach Westen fortgesetzt und nach der Kartierung der östlichen Küstenlinie Amerikas durch das Nordmeer, entlang der Küsten Europas und Asiens, nach Hause zurückgekehrt sein.Sezgin: Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch muslimische Seefahrer vor Kolumbus. 2006. S. 13. Eine Bestätigung seiner These fand Menzies in der Kangnidokarte aus Korea, die auf eine chinesische Vorlage zurückgeht. Von ihr meinte er, dass sie nur von jemandem gezeichnet sein könne, der um das Kap der Guten Hoffnung herumgesegelt sei.Sezgin: Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch muslimische Seefahrer vor Kolumbus. 2006. S. 7.
Sezgin weist die Hypothese Menzies' mit dem Argument zurück, dass die Quellen klare Angaben zum Verlauf von Zheng Hes Reise enthalten, so dass es keinen Raum für Spekulationen über Fahrten „nach Süden oder Westen über das heutige Mosambik hinaus“ gebe.Sezgin: Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch muslimische Seefahrer vor Kolumbus. 2006. S. 6. Seiner Auffassung nach erledigt sich Menzies's Theorie auch deshalb, weil die von diesem angenommene Umsegelung Grönlands durch die chinesische Flotte im 15. Jahrhundert unmöglich war.Sezgin: Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch muslimische Seefahrer vor Kolumbus. 2006. S. 7. Allerdings greift Sezgin in seinem Artikel mehrere von Menzies thematisierte kartographische Sachverhalte auf, deutet sie indessen anders im Sinne seiner eigenen Theorie, nach der es arabische Flotten waren, die Amerika entdeckten.
Das veränderte Weltbild als Voraussetzung für die arabischen Seefahrten über den Atlantik mini|Weltkarte des Ptolemäus in einer Bearbeitung vom Ende des 14. Jahrhunderts Für Sezgin steht fest, dass Bewohner der alten Welt schon Jahrhunderte vor Kolumbus den Atlantik überquerten und Amerika erreichten. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt hätten sich solche Begegnungen aus reinem Zufall ergeben. Denn um mit Absicht eine Entdeckungsreise unternehmen zu können, bedurfte man neben geeigneter Schiffe und Navigationstechnik Kenntnisse über den Umfang der Erde und Kenntnisse darüber, dass die Erde ein kugelförmiger Planet ist.Sezgin: Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch muslimische Seefahrer vor Kolumbus. 2006. S. 17.
mini|links|Weltkarte der Maʾmūn-Geographen vom ersten Drittel des 9. Jahrhunderts Voraussetzung für eine kartographische Erfassung der Erdoberfläche war nach Sezgin, dass die „Vorstellung von der Geschlossenheit der unterschiedlichen Becken der Weltmeere“, die noch das Weltbild des Claudius Ptolemäus beherrschte, durch eine neue Vorstellung ersetzt wurde, nach der die Ökumene eine Inselgestalt hat. Eine solche Darstellung der Ökumene findet sich auf der Weltkarte, die arabische Geographen im 9. Jahrhundert im Auftrag des Kalifen al-Ma'mūn anfertigten: Die bewohnte Welt ist hier eine Insel, die ringsum von zwei Ozeanen umgeben ist. Der erste Ozean (al-baḥr al-muḥīṭ) befindet sich um die Ökumene herum, der für Schiffe befahrbar ist und von einem zweiten dunklen Ozean (baḥr aẓ-ẓulumāt) umgeben ist, dessen Schiffbarkeit wegen Dunkelheit als unmöglich galt. Die Vorstellung von dem dunklen Ozean war allerdings auch der Grund dafür, dass man für lange Zeit keinen ernsthaften Versuch wagte, Asien in Richtung Westen über den Atlantik zu erreichen.
Die Theorie vom unschiffbaren, finsteren Ozean wurde indessen einige Zeit später aufgegeben. So formulierte al-Bīrūnī (gest. 1048) die Hypothese, dass die bewohnte Welt von einem umfassenden Ozean umschlossen sei, der ihr östliches und westliches Ende voneinander und möglicherweise von einem dazwischen liegenden weiteren Festland oder einer bewohnten Insel trenne.Vgl. al-Bīrūnī: Kitāb fī Taḥqīq mā lil-Hind. Or (Al-Bīrūnī's India). Arabischer Text. An Account of the Religion, Philosophy, Literature, Geography, Chronology, Astronomy, Customs, Laws and Astrology of India about 1030 AD. Überarbeitete Auflage aus dem ältesten erhaltenen Manuskript in Bibliothèque Nationale de France (Schefer 6080). Osmania Oriental Publication Bureau, Andhra Pradesh, India, 1958. S. 155 f. Digitalisat – Engl. Übersetzung Unter dem Titel Alberuni's India. Von Eduard Sachau, Kegan Paul, Trench, Trübner & Co. Ltd, London, 1910. Bd. I, S. 196. Digitalisat
Arabische Berichte zu Seefahrten über den Atlantik Dass die Muslime bzw. Araber seit der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts wiederholt Versuche unternahmen, den Atlantik von der portugiesischen bzw. westafrikanischen Küste aus zu überqueren, um an das gegenüberliegende Festland zu gelangen, ist für SezginSezgin: Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch muslimische Seefahrer vor Kolumbus. 2006. S. 37. durch folgende Berichte belegt:
Von al-Andalus aus Chaschchāsch aus Córdoba Einen der frühsten Berichte über eine Atlantiküberquerung liefert nach Sezgin al-Masʿūdī (gest. 956) in seinem Werk Murūdsch adh-dhahab wa-maʿādin al-dschauhar über den jungen Andalusier Chaschchāsch aus Córdoba und seine Begleiter. Sie sollen mit von ihm bereitgestellten Schiffen auf den Ozean hinausgesegelt und erst nach geraumer Zeit mit reicher Beute zurückgekommen sein. Ihre Geschichte war al-Masʿūdī zufolge in al-Andalus bekannt.Vgl. al-Masʿūdī: Murūǧ aḏ-ḏahab wa-maʿādin al-ǧauhar. Texte et traduction par Barbier de Meynard et Pavet de Courteille, Paris, 1861. Bd. I, S. 258 f. DigitalisatVgl. Muḥammad Ibn ʿAbd al-Munʿim al-Ḥimyarī: ar-Rauḍ al-miʿṭār fī ḫabar al-aqṭār: muʿǧam ǧuġrāfī maʿa fahāris šāmila. Ed. von Iḥsān ʿAbbās, Maktabat Lubnān, Beirut, o. D. S. 509. DigitalisatFür eine andere Interpretation dieses Berichts vgl. Hans-Joachim Ulbrich: Die Entdeckung der Kanaren vom 9. bis zum 14. Jahrhundert: Araber, Genuesen, Portugiesen, Spanier, in: Almogaren XX/1/1989 (Institutum Canarium), Hallein, 1990. S. 60–138, bes. 64. Digitalisat
Die acht Abenteurer von Lissabon Der Geograph al-Idrīsī (gest. 1166) berichtet über acht Abenteurer, die ozeanische Expeditionen unternahmen und nach denen ein Weg in der Nähe des Hafens von Lissabon benannt wurde, der Weg der Abenteurer (Darb al-muġarrirīn). Die acht Männer waren miteinander verwandt, bauten sich ein Schiff, beluden es mit Wasser und Proviant, die für Monate reichten, und segelten damit in den Ozean.Al-Idrīsī: Nuzhat al-muštāq fī iḫtirāq al-āfāq. Maktabat aṯ-ṯaqāfa ad-dīnīya, Kairo, 2002. Bd. I, S. 548. DigitalisatVgl. Heinrich Julius Klaproth: Ueber die Schiffahrten der Araber in das Atlantische Meer, in: Asiatisches Magazin, Verl. d. Landes-Industrie-Comptoirs, Weimar, 1802. Bd. I, S. 101–105. DigitalisatVgl. Richard Hennig: Terrae incognitae: eine Zusammenstellung und kritische Bewertung der wichtigsten vorcolumbischen Entdeckungsreisen an Hand der darüber vorliegenden Originalberichte. Leiden, 1944–1965. Bd. II, S. 424–432. Zitiert nach F. Sezgin: Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch muslimische Seefahrer vor Kolumbus. 2006. S. 19. Nach Sezgin waren Geschichten über solche Seefahrten im Westen der islamischen Welt bekannt.Sezgin: Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch muslimische Seefahrer vor Kolumbus. 2006. S. 19.
Von Westafrika aus