Kaschtschei der Unsterbliche (russisch: Кащей бессмертный, Kaschtschei bessmertny, andere deutsche Titel: Der unsterbliche Kaschtschei oder Unhold Ohneseele, Untertitel: „Ein Herbstmärchen“) ist eine Oper in einem Akt und drei Bildern von Nikolai Rimski-Korsakow. Das Libretto erstellte der Komponist zusammen mit seiner Tochter Sofija Nikolajewna Rimskaja-Korsakowa nach einer Vorlage von Jewgeni Maximowitsch Petrowski. Die Oper wurde am durch das Ensemble der Privatoper von Sawwa Mamontow im Theater von Gawrila Solodownikow in Moskau uraufgeführt.

Handlung

Die in kursiver Schrift angegebenen Szenenbeschreibungen sind der Übersetzung August Bernhards im Klavierauszug der Oper entnommen. Die Personennamen wurden angeglichen, die Rechtschreibung aktualisiert und kleinere Übersetzungsungenauigkeiten anhand der Sekundärliteratur korrigiert.

Erstes Bild

Das Reich des Unholds Kaschtschei; düstere schwermütige Szene; Spätherbst

Der Himmel ist von dunklen Wolken umsogen. Verkrüppelte Bäume und Sträucher, fast entblättert, nur wenig gelb und rot gefärbtes Laub. Im Vordergrund das kleine wunderliche Schloss des Unholds mit einem Vorbau und Treppe. Auf dem Dach ein Uhu mit leuchtenden Augen. Über dem Eingang hängt die Zauberharfe [eine Gusli]. Am Wohnhaus ein Türchen. Ein Pfahlzaun, auf dessen Pfählen, einen ausgenommen, Schädel gespießt sind. Im Hintergrund zeichnen sich Felsen ab, mit Moos bedeckt, gleichsam die Grenzmauer bildend von des Unholds Reich. In der Felsenmauer befindet sich ein dem Zuschauer nicht sichtbares Tor. Abenddämmerung.

Die von dem bösen Zauberer Kaschtschei gefangen gehaltene Zarewna „Allerliebste Schönheit“ beklagt ihr trauriges Schicksal. Sie muss dem Unhold dienen und Geschichten erzählen. Sogar ihre Tränen erfreuen ihn. Als sie ihn anfleht, sie noch einmal ihren Geliebten Iwan Königssohn sehen zu lassen, erlaubt ihr Kaschtschei einen Blick durch seinen Zauberspiegel, in dem sie das Geschehen in der Welt und die nahe Zukunft beobachten kann. Die Zarewna sieht darin zuerst eine weinende Frau (sie selbst) und dann eine wunderschöne junge Frau, in der Kaschtschei seine eigene Tochter erkennt. Als schließlich auch Iwan Königssohn erscheint, entreißt Kaschtschei der Zarewna den Spiegel und lässt ihn fallen, sodass er zerbricht. Er befürchtet, dass seine Tochter ihre Aufgabe vernachlässigt hat, die nach ihm suchenden Ritter abzufangen und zu töten. Um dies zu prüfen, befiehlt er dem von ihm gefangenen Sturmwind Burja-Bogatyr, zur Erde zu reisen und seine Tochter an ihre Pflichten zu erinnern – der freie Pfahl im Zaun ist für Iwan bestimmt. Die Zarewna nutzt die Gelegenheit und bittet ihrerseits Burja-Bogatyr, ihrem Geliebten von ihrer Gefangenschaft zu berichten. Nachdem der Wind abgeflogen ist und sich die Zarewna in ihren Turm zurückgezogen hat, denkt Kaschtschei über seine Lage nach (Arioso: „Prirody postignuta taina“): Er hat den Tod überlistet, indem er ihn in eine Träne seiner Tochter eingeschlossen hat. Solange sie nicht weint, ist er unsterblich – und das ist durch die Hartherzigkeit seiner Tochter sichergestellt. Sie hat bereits viele in sie verliebte Ritter in ihrem Zauberreich ins Verderben geführt. Er ruft die Zarewna zurück, damit sie ihm ein Schlaflied singt. Als sie sich weigert, versiegelt er sein Schloss mit einem magischen Kreis, betritt es und lässt einen Schneesturm ausbrechen, um die Zarewna zu peinigen und ihr die letzte Hoffnung zu rauben (Ballett mit unsichtbarem Chor).

Zweites Bild

Das Reich am Ende der Welt; felsiges Ufer einer Insel; uferloses blaues Meer

Der Widerschein des Mondes fällt auf das Wasser. Im Vordergrund der üppige Wundergarten und das geheimnisvolle Schloss der Tochter Kaschtscheis, umgeben von Büschen leuchtendroten Mohns und blassvioletten Bilsenkrauts.

Kaschtschejewna (die Tochter Kaschtscheis) kommt aus dem Schloss, umgürtet mit einem Schwert. In den Händen trägt sie einen Becher, in dem sie den für Iwan bestimmten Zaubertrank bereiten will, bevor sie ihm den Kopf abschlägt (Szene, Arioso und Lied Kaschtschejewna „Nastala notsch“). Iwan erscheint, in Gedanken bei seiner geliebten Zarewna (Arietta Iwan: „Gluchaja notsch, dorogi dalsche net“). Kaschtschejewna begrüßt ihn, bietet ihm den Trank an und verzaubert ihn mit ihrer Schönheit. Sogleich vergisst Iwan die Zarewna, verliebt sich in Kaschtschejewna und überlässt sich ihrer Umarmung (Duett „Na ladje solotoi“). Sie küssen sich, und er fällt bewusstlos zu Boden. Kaschtschejewna greift zu ihrem Schwert, um ihn zu töten. Drei Mal versucht sie, den Schlag auszuführen, hält jedoch immer wieder ein, da sie seine Jugend und Schönheit bewundert. Ihren dritten Versuch unterbricht Burja-Bogatyr. Sie lässt ihr Schwert sinken, und Iwan erwacht. Der Sturmwind richtet ihr in Gegenwart Iwans die Botschaft ihres Vaters aus und übermittelt diesem auch die Nachricht der Zarewna. Da Kaschtschei Iwan bereits erwartet, lädt er diesen ein, auf seinem fliegenden Teppich ins Schloss zu reisen. Die zurückgelassene Kaschtschejewna verflucht den Wind wütend.

Drittes Bild

Dekoration des ersten Bilds; Nacht; das Schneegestöber hat aufgehört

Auf den Stufen des Vorbaus sitzend singt die Zarewna dem im Schloss schlafenden Kaschtschei ein Wiegenlied, in dem sie ihm wünscht, im Schlaf zu ersticken, für immer zu schlafen und vom Tod zu träumen („Baju, bai, Kaschtschei sedoi“). Der Sturmwind bringt Iwan Königssohn zum Schloss und fliegt sofort wieder in die Welt hinaus. Die Liebenden genießen ihr Wiedersehen (Duett: „Rasluki minul tschas“). Als sie jedoch fliehen wollen, stellt sich ihnen Kaschtschejewna entgegen. Sie will Iwan für sich selbst gewinnen, doch der hat ihre wahre Natur erkannt und schwört, die Zarewna niemals zu verlassen. Von dem Lärm erwacht Kaschtschei, der die Lage sofort durchschaut und dem Liebespaar den Tod androht. Die Zarewna fürchtet sich nicht davor, mit dem Geliebten gemeinsam zu sterben. Als sie bemerkt, wie erschüttert Kaschtschejewna von der ungewohnten Zurückweisung ist, küsst sie diese in einem Anflug des Mitleids auf die Stirn. Das berührt Kaschtschejewna derartig, dass ihre Tränen zu strömen beginnen. Sie verabschiedet sich von der Zarewna, verspricht, Iwan bis in alle Ewigkeit zu lieben und ebenso lange zu weinen. Daraufhin verwandelt sie sich in eine Trauerweide. Auch Kaschtscheis Schicksal ist besiegelt. Er stirbt mit einem Fluch auf den Lippen.

Das Felsentor springt auf. Weite Aussicht ins Feld, von der Sonne beleuchtet, von frischem Frühlingsgrün und Blumen bedeckt. Im Reich des Unholds grünen die Bäume und Büsche und verdecken den Pfahlzaun. Der Himmel ist klarblau. Alles von der Frühlingssonne beschienen.

Finale: Der Sturm Burja-Bogatyr hat dem Liebespaar die Tore geöffnet. Die Zarewna und Iwan begrüßen Sonne, Freiheit, Frühling und Liebe.

Gestaltung

Orchester

Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:

Holzbläser: drei Flöten (3. auch Piccolo), zwei Oboen (2. auch Englischhorn), zwei Klarinetten (2. auch Bassklarinette), zwei Fagotte (2. auch Kontrafagott) Blechbläser: vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Tuba Pauken, Schlagzeug: Becken, große Trommel Harfe Celesta Streicher

Struktur

Die Oper ist im Klavierauszug der Leningrad „Muzyka“ von 1985 folgendermaßen aufgeteilt (deutsche Texte von August Bernhard):

Erstes Bild Szene (Zarewna und Kaschtschei) Szene (Burja-Bogatyr, Zarewna und Kaschtschei) Arioso (Kaschtschei): „Природы постигнута тайна“ („Prirody postignuta taina“ – ‚Ich habe Geheimes ergründet‘) Schneesturm-Szene

Zweites Bild Szene, Arioso und Lied (Kaschtschejewna): „Настала ночь“ („Nastala notsch“ – ‚Die Nacht ist da‘) Szene und Arietta (Iwan Königssohn): „Глухая ночь, дороги дальше нет“ („Gluchaja notsch, dorogi dalsche net“ – ‚Noch immer Nacht, es endet hier der Pfad‘) Duett (Kaschtschejewna und Iwan Königssohn): „На ладье золотой“ („Na ladje solotoi“ – ‚Wie im goldenen Kahn‘) Szene (Kaschtschejewna, Iwan Königssohn und Burja-Bogatyr)

Drittes Bild Wiegenlied (Zarewna) „Баю, бай, Кащей седой“ („Baju, bai, Kaschtschei sedoi“ – ‚Ohneseele, Bösewicht‘) Duett (Zarewna und Iwan Königssohn) „Разлуки минул час“ („Rasluki minul tschas“ – ‚Die Trennung ist vorbei‘) Szene (Kaschtschejewna, Zarewna, Iwan Königssohn und Kaschtschei) Finale

Im ersten Bild gibt es ein Ballett.

Musik

Die Bilder müssen laut Angabe in der Partitur ohne Pause gespielt werden. Rimski-Korsakow fügte dennoch Abschlüsse für das erste und zweite Bild hinzu, die im Falle einer Einzelaufführung eines dieser Bilder verwendet werden können – ausdrücklich jedoch nicht bei einer Komplettaufführung der Oper. Um die übergangslose Aufführung zu ermöglichen, sollen „alle überflüssigen Bauten und Gestelle auf der Bühne vermieden werden, die Illusion nach Möglichkeit allein durch malerische Mittel erreicht werden.“Angabe in der Partitur, um 1902.

Kaschtschei der Unsterbliche ist Rimski-Korsakows fortschrittlichste Oper. Sie gilt als Schlüsselwerk der jungen russischen Komponisten nach der Wende zum 20. Jahrhundert und zeichnet sich durch gewagte Dissonanzen, unaufgelöste Kadenzen und scharfe Klänge aus, die Zeitgenossen wie Michail Gnessin im positiven Sinne als „giftig“ bezeichneten. Eine besondere Bedeutung hat das Thema der Titelfigur Kaschtschei, „eine abwärtsspringende Folge großer Terzen mit raffiniert wechselnder Klangfarbe über einem Tritonus in tiefer Baßlage“ (Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters). Aus diesem entwickelte Rimski-Korsakow gleich zwei Themen für dessen Tochter Kaschtschejewna. Das eine besteht aus einer helleren Abfolge aufsteigender großer Terzen, das andere ist ein mit Celesta, Flöten und Harfe instrumentiertes Motiv aus im Staccato gespielten Sechzehntelnoten mit auffälligen Dezimensprüngen.

Rimski-Korsakow selbst beschrieb seine Komposition folgendermaßen:

Wie bei den zuvor komponierten Märchenopern Rimski-Korsakows unterscheidet sich auch hier die Musik der Märchenwelt von derjenigen der realen Welt. Die Musik ist größtenteils „herbstlich“ düster und entspricht somit dem finsteren Reich des Zauberers und dem Untertitel der Oper. Lichtere Stellen gibt es in der Partie der Zarewna und im Schneesturm-Zwischenspiel vor dem zweiten Bild. Hier finden sich auch Anklänge an Volkslieder. Die Zarewna und Iwan Königssohn sind typische russische Märchenfiguren. Als solche haben sie kantable Melodien und jeweils eigene Leittonarten – der Zarewna sind c-Moll und h-Moll zugewiesen, Iwan hingegen As-Dur. In der Partie der Zarewna finden sich immer wieder musikalisch abgebildete Tränen, während die Musik Iwan durch heraldische Motive geprägt ist. Die beiden instrumentalen Überleitungen zwischen den Bildern sind wie Programmmusik in die Handlung eingebunden.