mini|300px|Das Quadriburgium Khirbat az-Zuna nach den Forschungen von 2006 bis 2008

Khirbat az-Zuna, das auch unter dem Namen als Khirbet ez-Zona und Khirbet es-ZonaSamuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier. (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1, S. 54. (arabisch: Khirbat, Chirba = Ruinenstätte) bekannt wurde, ist ein spätrömisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am vorderen Limes Arabiae et Palaestinae in der spätantiken Provinz Arabia zuständig war. Das Baudenkmal befindet sich in der jordanischen Wüste, 2,70 Kilometer östlich der eisenzeitlichen Siedlung und nabatäischen Residenz Khirbat al-MudaynaPaulette M. Michèle Daviau: The Wadi ath-Thamad Project. In: Munjazat 9, 2008, S. 82–83; hier: S. 83. auf 650 Metern Seehöhe im Gouvernement Amman in Jordanien.

Lage Das Kastell befindet sich auf einem Geländesporn, 46 Meter über einer hier von Nordosten nach Südwesten verlaufenden Flussschleife des Wadi ath-Thamad.Paulette M. Michèle Daviau, Jeffrey R. Chadwick, Margreet Steiner u. a.: Excavation and Survey at Khirbat al-Mudayna and Its Surroundings: Preliminary Report of the 2001, 2004 and 2005 Seasons. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 50, 2006, S. 249–283; hier: S. 275–278; hier S. 275.David L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 133–134; hier: S. 133. Sowohl die Südwestflanke als auch die Nordostflanke werden durch kleine kurze, tief eingegrabene Zuläufe zum Wadi gesichert. Es entwässert sich letztendlich über das Wadi Al-Hidan in das bedeutende Wadi Mudschib, das wiederum in das Tote Meer fließt. Vom Standort des Kastells aus hatten die römischen Soldaten einen ausgezeichneten Blick in das Wadi, was sicher ausschlaggebend für die Wahl dieses Platzes war. Der Blick nach Norden und Westen ist dagegen eingeschränkt, da das Castellum nordwestlich der höchsten Erhebung des Geländesporns liegt.Paulette M. Michèle Daviau, Jeffrey R. Chadwick, Margreet Steiner u. a.: Excavation and Survey at Khirbat al-Mudayna and Its Surroundings: Preliminary Report of the 2001, 2004 and 2005 Seasons. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 50, 2006, S. 249–283; hier: S. 275–278; hier S. 276. Das Klima der Region entspricht dem subtropisch-ariden Zonobiom, das für Wüstenlandschaften typisch ist.Heinz Ullrich Baierle: Vegetation und Flora im südwestlichen Jordanien (= Dissertationes Botanicae 200), Cramer/Borntraeger, Berlin, Stuttgart 1993, ISBN 3-443-64112-1, S. 11.

Forschungsgeschichte Zum ersten Mal wurde die Ruinenstätte (arabisch: Khirbat, Chirba) durch zwei in den Jahren 1897 und 1898 durchgeführte Forschungsreisen des österreichischen Althistorikers Alfred von Domaszewski (1856–1927) und des deutsch-amerikanischen Philologen Rudolf Ernst Brünnow (1858–1917) bekannt, die den römischen Limes und viele weitere antiken Stätten der einstigen Provinz Arabia besuchten. Den Namen des Ortes überlieferten die beiden als „ez-Zânije“.Alfred von Domaszewski, Rudolf Ernst Brünnow: Die Provincia Arabia auf Grund zweier in den Jahren 1897 und 1898 unternommenen Reisen und der Berichte früherer Reisender beschrieben. Band 3, Trübner, Straßburg 1909. S. 335.

Im Jahr 1934 berichtete der amerikanische Biblische Archäologe Nelson Glueck (1900–1971), der in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre viele Bauten des römischen Limes in Jordanien besuchte, über Khirbat az-Zuna. Er gab damals jedoch mit lediglich 30 × 30 Metern ohne die Ecktürme falsche Maße für den Bau an und konnte den Torbau nicht identifizieren. Später war auch der amerikanische Provinzialrömische Archäologe Samuel Thomas Parker (1950–2021) vor Ort. Der Archäologe war von 1980 bis 1989 Leiter einer Mannschaft aus Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen, die im Rahmen des Limes Arabicus Projects ihren Schwerpunkt auf den römischen Grenzverlauf in Zentraljordanien gelegt hatten. Parker berichtete bereits 1979, dass das Kastell auf einer von Menschenhand geschaffenen Geländeaufschüttung errichtet worden war, wofür bei der Ausgrabung 2005 jedoch kein Beleg gefunden werden konnte. Der Archäologe erstellte auch einen neuen Plan, in dem Khirbat az-Zuna nun 44 × 40 Meter groß war und erklärte, den etwas ungenauen Plan von Glueck ersetzen zu wollen. Merkwürdigerweise griff Parker 1986 doch auf Gluecks Plan zurück.

Die Ausgrabung des spätantiken Castellum war Teil der von 1997 bis 2014 laufenden Forschungen für das Wadi ath-Thamad Project, das unter der Leitung der Biblischen Archäologin Paulette M. Michèle Daviau von der Wilfrid Laurier University in Kanada stand. Die Forschungen umfassten über die Jahre mehr als 150 archäologische Stätten, die vom Paläolithikum bis in die osmanische Besatzungszeit reichte. Khirbat az-Zuna wurde für die Untersuchungen ausgewählt, da ältere Pläne und Beschreibungen Diskrepanzen aufwiesen. Daher fanden 2005 neue topographische Überprüfungen sowie archäologische Ausgrabungen statt.Paulette M. Michèle Daviau, Jeffrey R. Chadwick, Margreet Steiner u. a.: Excavation and Survey at Khirbat al-Mudayna and Its Surroundings: Preliminary Report of the 2001, 2004 and 2005 Seasons. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 50, 2006, S. 249–283; hier: S. 275–278. Als örtlicher Grabungsleiter fungierte der Biblische Archäologe Jonathan Ferguson. Ab dem Beginn der Grabungen im Jahr 2006 konzentrierte er die Untersuchungen auf den nordwestlichen Teil der Umfassungsmauer und grub dort an der Nordhälfte des Kastelltores und an dem flankierenden nördlichen Torturm. Ziel war es, das Aussehen und die Konstruktion des Tores zu erfassen. Weitere Untersuchungen während der 10. und 11. Kampagne des Wadi-Projekts in den Jahren 2007 und 2008 schlossen die Ausgrabungen am Tor ab.Paulette M. Michèle Daviau: The Wadi ath-Thamad Project. In: Munjazat 9, 2008, S. 82–83; hier: S. 83. In dieser Zeit wurde auch im Kastellinnere gegenüber dem Tor und entlang der Außenfront des nordwestlichen Eckturms gegraben.

Baugeschichte In seinem Geschichtswerk Res Gestae des um 395 verstorbenen Ammianus Marcellinus beschreibt dieser die spätantike Provinz Arabia.László Borhy: Terminologie spätrömischer Befestigungen bei Ammianus Marcellinus. In: Erika Juhász: Byzanz und das Abendland VI. Studia Byzantino-Occidentalia (= Antiquitas – Byzantium – Renascentia 38), ELTE Eötvös-József-Collegium, Budapest 2019, ISBN 978-615-5897-24-5, In: S. 13–66. Dort gebe es Ammianus betont mit seinen Aussagen ganz besonders, die Abhängigkeit des wirtschaftlichen Wohlstands von einem effektiven Grenzschutzsystem und zusätzliche rückwärtige Sicherungsmaßnahmen für die wichtigsten Großstädte.Ignacio Arce: Qasr Hallabat, Qasr Bshir and Deir el Kahf. Building techniques, architectural typology and change of use of three “Quadriburgia” from the “Limes Arabicus”. Interpretation and significance. In: Stefano Camporeale, Hélène Dessales, Antonio Pizzo (Hrsg.): Arqueología de la construcción II, Los procesos constructivos en el mundo romano: Italia y provincias orientales. (= Anejos de Archivo Español de Arqueología 57), Certosa di Pontignano, Siena, 13–15 de noviembre de 2008, Madrid/Mérida 2010, ISBN 978-84-00-09279-5, S. 455–481; hier: S. 459.

Historischer Überblick Die Befestigung des Limes Arabicus in diesem Gebiet begann mit der Annexion des Nabatäerreiches während der Regierungszeit des Kaisers Trajan (98–117) im Jahr 106 n. Chr.Hans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Romanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 76. Zur Sicherung der neugewonnenen Gebiete ließ der Kaiser zwischen 107 und 114 n. Chr. mit der Via Traiana Nova eine von Süden nach Norden verlaufende Militärstraße entlang des Limes anlegen, die von der Hafenstadt Aila (Akaba) am Roten Meer bis zum Legionslager Bostra im heutigen Syrien reichte. Verantwortlich dafür war die dort stationierte Legio III Cyrenaica.Hans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Romanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 36. Die römische Armee war über die Jahrhunderte jedoch wiederholt gezwungen, die Grenzbefestigungen immer weiter auszubauen. Mit den Reformen Kaiser Diokletians und der wachsenden Bedrohung durch die Sassaniden erreichten diese Bemühungen einen Höhepunkt.

Umfassungsmauer Das fast quadratische, einschließlich der Seitentürmen rund 43,80 × 43,80 Meter (= 0,19 Hektar) umfassende Quadriburgium, wurde auf einem Geländesporn über dem rund 30 Meter tiefen liegenden, weitaus mäandernden Wadi ath-Thamad gegründet. Der Bautypus des Quadriburgium war seit der Regierungszeit des Kaisers Diokletian (284–305) und der von ihm begründeten Tetrarchie bekannt geworden. Der rechteckige, mit seinem einzigen Tor nach Nordwesten orientierte Bau besitzt vier, mit 2,60 Metern weit aus dem Verband der Wehrmauer hervorspringende rechteckige Ecktürme, die durchschnittlich 4,80 Quadratmeter umfassen. Des Weiteren gibt es drei gleichfalls rechteckige Zwischentürme, die mittig in den südwestlichen, südöstlichen und nordöstlichen Kurtinen sitzen. Sie sind 5,00 Meter breit und 2,90 Meter tief.Paulette M. Michèle Daviau, Jeffrey R. Chadwick, Margreet Steiner u. a.: Excavation and Survey at Khirbat al-Mudayna and Its Surroundings: Preliminary Report of the 2001, 2004 and 2005 Seasons. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 50, 2006, S. 249–283; hier: S. 277. Das einspurige Tor, das eine 3,50 Meter breite Durchfahrt besitzt, wird ebenfalls durch je einen rechteckigen Torturm flankiert. Diese beiden Tortürme fallen in ihrer Ausdehnung kleiner aus und messen 4,30 × 2,60 Meter. Insgesamt konnten die aus Quadern erbauten Türme mit rund einem Meter Stärke eingemessen werden. Die Kurtinen waren mit Ausnahme der Nordwestseite, in der sich das Tor befand, 16,80 Meter lang, torseitig jedoch nur 12 Meter.

Die 2–2,50 Meter beziehungsweise 2,40 Meter starke Umfassungsmauer und die Türme waren unmittelbar auf den anstehenden Felsen aufgesetzt worden. An den Außenseiten der Anlage hatten die Erbauer auf ein repräsentatives Quadermauerwerk Wert gelegt, während die Innenseite der Wehrmauer aus roh zugerichteten Blöcken bestand, zwischen deren Ritzen kleinere Bruchsteine gesetzt waren. Insgesamt bestand die Umfassungsmauer aus drei Schalen, zwischen die Bruchsteine verfüllt waren. Ein gedeckter Abwasserkanal führte durch das Kastelltor hinaus.

Innenbebauung Im Kastellinneren konnten einige römerzeitliche Mauerzüge verfolgt werden, doch ließ sich kein erkennbares Muster mehr feststellen, da das Bauwerk in späterer Zeit als Grabstätte wiederverwendet worden war und die Fülle der teils beraubten Gräber viel Strukturen unkenntlich machte. Die meisten der erkannten 15 Mauerzüge scheinen jedoch ungefähr parallel zu den Kurtinen des Kastells zu verlaufen. Ein besonders starker Mauerzug lag im Bereich des südöstlichen Intervallturms. Ein auffällig gestalteter Mauerstein deutete darauf hin, dass sich dieser Turm mit seinen Flanken in das Kastell hinein erstreckt haben könnte und so möglicherweise als Principia gedient haben könnte. Keramische Wasserrohrfragmente, einige noch verkleidet, wurden im und um das Castellum herum gefunden, vor allem aber im inneren nördlichen Zentralbereich der Fortifikation. Insgesamt scheinen diese Befunde darauf hinzuweisen, dass die Garnison nicht nur ein Stabsgebäude, sondern möglicherweise auch ein kleines Badehaus besessen haben könnte.

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