Das Castello di Verrès () ist eine der bekanntesten mittelalterlichen Burgen im Aostatal. Yblet von Challant ließ sie als militärische Festung im 14. Jahrhundert über dem Ort Verrès errichten. Sie war eines der ersten Beispiele einer Burg, die nur aus einem Block bestand, während ältere Konstruktionen aus einer Reihe von Baukörpern, eingeschlossen von einer Umfassungsmauer, bestanden.
Das Schloss Verrès steht auf einem Felsvorsprung über der Siedlung Verrès und der Straße im Val d’Ayas, über die Dora Baltea gegenüber dem Schloss Issogne. Es erscheint von außen als strenger Würfel mit 30 Meter Seitenlänge und praktisch ohne Zierelemente.
Geschichte Ursprünge mini|links|Porträt von Yblet von Challant Die ersten Dokumente, in denen die Existenz einer Burg der Familie De Verretio in Verrès bezeugt ist, stammen von 1287. Damals stritten sich der Bischof von Aosta und einige Adelsfamilien, wie die De Turrilias, die De Arnados und die De Verretios, alle Vasallen der Grafen von Savoyen, um die Kontrolle über die Gegend. Besonders die Letztgenannten hatten im Laufe der Jahre bitteren Streit mit dem Prälaten, die in einem Angriff auf das bischöfliche, feste Haus in Issogne 1333 gipfelten.
Um die Mitte des 14. Jahrhunderts starben die De Verretios aus, ohne mögliche Erben zu hinterlassen. So fielen ihre Besitzungen an die Grafen von Savoyen, die sie 1372 an Yblet von Challant verlehnten, der sich in verschiedenen Positionen in ihrem Dienst ausgezeichnet hatte.
Yblet von Challant ließ die Burg vollkommen umbauen und machte sie so zu einer militärischen Festung, die praktisch uneinnehmbar war und sich von den meisten zeitgenössischen Burgen des Aostatals unterschied, die aus einer Zusammenstellung mehrerer Baukörper, umgeben von einer Umfassungsmauer, bestanden.
Eine Inschrift in Latein auf dem Architrav der ersten Tür, auf die man im Erdgeschoss trifft, berichtet, wie die Arbeiten von Yblet von Challant 1390 endeten:
15. Jahrhundert Nach dem Tod von Yblet von Challant 1409 fielen die Burg und seine anderen Güter an seinen Sohn François, der am 15. August 1424 vom Haus Savoyen den Titel eines „Grafen von Challant“ erhielt. Verrès blieb eines seiner wichtigsten Lehen, aber er ließ die Ansicht der Burg nicht wesentlich verändern.
François von Challant starb 1442 ohne männlichen Erben und vermachte seine Güter an seine Töchter Marguerite und Catherine. Das Schloss Verrès fand sich so inmitten eines Erbstreites zwischen Catherine, die auf das Testament ihres Vaters pochte und die Burg für sich beanspruchte, und einigen Vettern, darunter Jacques de Challant-Aymavilles, die das Erbe auf Basis des Lex Salica haben wollten, das eine weibliche Erbnachfolge nicht gestattete.
Die Festung von Verrès wurde so zu einer der Burgen von Catherine und ihrem Gatten Pierre de Sarriod d’Introd während ihres Kampfes mit Jacques de Challant-Aymavilles. Nach der Tradition kamen an Trinitatis des Jahres 1449 Catherine und Pierre aus der Burg heraus und gingen zum Dorfplatz hinunter, wo sie mit den Jugendlichen des Dorfes tanzten. Diese Episode erhöhte die Unterstützung der Dorfbewohner für Catherine deutlich und es wird jedes Jahr im historischen Karneval von Verrès daran erinnert.
1456, als ihr Gatte in einem Hinterhalt zu Tode kam, musste sich Catherine ergeben und ihre Güter, darunter auch das Lehen und das Schloss Verrès, fielen an ihren Vetter Jacques de Challant-Aymavilles, der somit der zweite Graf von Challant wurde.
16. Jahrhundert mini|Inschrift am Eingang zum Vestibül der Burg Die Burg folgte forthin den Geschicken der Nachkommen von Jacques de Challant-Aymavilles; sie fiel zunächst an seinen Sohn, Louis von Challant, dann an seinen Enkel Philibert de Challant und dann an dessen Sohn, René von Challant, die jedoch das benachbarte, bequemere Castello di Issogne als Residenz nutzten.
Seit der Zeit ihres Baus durch Yblet von Challant, etwa 150 Jahre vorher, wurde an der Burg keine besonderen Umbau- oder Restaurierungsarbeiten durchgeführt. 1536 ließ René von Challant mithilfe des spanischen Kapitäns Pedro de Valle, eines bekannten Militärbaumeisters, die Festung vergrößern und an die Feuerwaffen der Zeit anpassen. Er ließ so zu Füßen des kubischen Gebäudes eine Umfassungsmauer errichten, die mit Strebewerken und mehreckigen Türmen ausgestattet war, die an den Einsatz von Kanonen angepasst war und mit Artilleriestücken aus seinem Lehen in Valangin in der Schweiz ausgerüstet wurde. René von Challant ist auch das heutige Vestibül zuzuschreiben, das über eine Zugbrücke erreichbar ist, ebenso wie neue Fenster in Kreuzform und neue Türen mit Hufeisenbögen im Stile der Zeit.
Die Arbeiten sind auf einer Steintafel über dem Eingang zum Vestibül aufgeführt, die von den Wappen von René von Challant (auf der linken Seite) und seiner zweiten Gattin, Mencia di Braganza, (auf der rechten Seite) flankiert ist:
Verfall und Restaurierung im 19. Jahrhundert mini|Das Schloss Verrès auf einem Stich aus dem 19. Jahrhundert von Celestino Turletti Nach dem Tod von René von Challant ohne männliche Erben im Jahre 1565 fielen seine Güter an seinen Schwiegersohn Giovanni Federico Madruzzo (frz. Jean-Frédéric de Madruce), den Gatten seiner Tochter Isabelle, was aber zu einem langen Rechtsstreit mit anderen, männlichen Verwandten der Familie Challant, ebenfalls gemäß dem Lex Salica, führte; dieses erlaubte ja der Tochter nicht, die Güter ihres Vaters zu erben.
Das Haus Savoyen erlangte in der Folge die direkte Kontrolle über das Schloss Verrès zurück und verwendete es als Ausguck und militärische Garnison, aber 1661 ließ der Herzog von Savoyen, Karl Emanuel II., die Bewaffnung der Burg abbauen, um sie, zusammen mit der des Castello di Saint-Germain, auf die Festung Bard, in eine strategisch bessere Position zur Kontrolle des Aostatals, zu transferieren. Die Burg in Verrès wurde aufgegeben.
1696 endete schließlich der Rechtsstreit über das Erbe zwischen Isabelle de Challant und Giovanni Federico Madruzzo einerseits und der Familie Challant andererseits und die Burg ging in das Eigentum letzterer über. Sie blieb in deren Besitz bis zum Aussterben der Familie im 19. Jahrhundert, war aber nicht mehr bewohnt und verfiel zu einer Ruine. Die robusten Außenmauern widerstanden dem Verfall gut, aber hölzerne Dach wurde abgedeckt, damit keine Grundsteuer mehr bezahlt werden musste, was dafür sorgte, dass die oberen Stockwerke der Burg den Unbilden des Wetters ausgesetzt waren.
Nach einer Reihe von Besitzerwechseln kaufte es 1894 Alfredo d’Andrade, der damalige Superintendent für Denkmäler im Piemont und in Ligurien, für das Königreich Italien. Er veranlasste erste Restaurierungsarbeiten. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Burg zum Nationaldenkmal erklärt und fiel an die Autonome Region Aostatal, die in den 1980er-Jahren das Dach in Steinplatten neu decken ließ. Die letzte Restaurierung fand 1994 statt.
2004 wurde die Burg geschlossen, um Arbeiten zur Anpassung und Aufrüstung der Einbauten durchführen zu können. Seit der Wiedereröffnung 2007 ist die Burg im Rahmen geführter Touren wieder öffentlich zugänglich.
Beschreibung Die Höhenburg, die als militärische Festung erbaut wurde, liegt auf einem Felsvorsprung über dem Bach Évançon, der das Dorf Verrès durchfließt. Die schwierig zu erreichende Burg ist leicht zu verteidigen; ihre Lage ermöglicht die Kontrolle des darunter liegenden Dorfes, des zentralen Tales und der Straße, die entlang des Val d’Ayas verläuft und damals ein wichtiger Verbindungsweg war. Im 18. Jahrhundert beschrieb der Geschichtswissenschaftler des Aostatals, Jean-Baptiste de Tillier, in seinem Buch Historique de la Vallée d’Aoste das Schloss Verrès, wie folgt: „Und man kann ohne Übertreibung sagen, dass dies eines der solidesten und bekanntesten Gebäude sei, das ein Vassall im Herrschaftsbereich eines souveränen Prinzen bauen lassen konnte, wo dieser den Rang eines der Renommiertesten innehatte.“
Von außen zeigt sich die Burg als schlichter, würfelförmiger Block mit 30 Metern Seitenlänge, an seinem Fuß umgeben von einem Mauerring, der den gesamten Gipfel des Felsvorsprungs einschließt. Die Mauern mit einer Dicke von mehr als 2,5 Metern sind mit einer fortlaufenden Reihe von Konsolen versehen, die ein Maschikuli verbergen und unter denen sich mittelalterliche Doppelfenster und Fenster in Kreuzform aus der Renaissance öffnen.
Eingang mini|Bergseitiger Eingang in das Vestibül Jedes Element der Burg scheint extra dafür entwickelt worden zu sein, diese besser verteidigbar zu machen. Man steigt zu Fuß über einen Muliweg auf, der entlang des Berges verläuft, bis man den Eingang der Umfassungsmauer erreicht, zu dem man einst über eine Zugbrücke gelangte. Diesen Eingang ließ, ebenso wie den äußeren Mauerring, René von Challant im 16. Jahrhundert errichten, wie man in der Inschrift über dem Eingangstor lesen kann.
Wer den Weg entlang geht, um zur Burg aufzusteigen, bietet der Festung stets seine rechte Flanke dar. Dies war eine weitere Maßnahme zur Verteidigung, denn die Soldaten führten damals das Schild mit der linken Hand und so war ihre rechte Flanke die ungeschützte.
Darüber hinaus fand sich das Eingangstor in einem Vestibül, auf der Bergseite und in einer Kurve, um den möglichen Einsatz eines Rammbocks schwierig zu machen. Auf diesem Platz öffnet sich das Tor, das in den Innenhof und zu den Bastionen führt, die damals mit Ställen belegt und für Besucher nicht zugänglich waren.
Nach dem Vestibül gelangt man zum Torhaus, unter dem die Gefängnisse angeordnet sind; heute werden dort die Eintrittskarten verkauft. Gegenüber befindet sich der eigentliche Eingang zur Burg, verschlossen durch ein nach originalem Vorbild rekonstruiertes Holztor, verstärkt durch eiserne Riegel und eingeschlossen durch einen doppelten Bogen, einen Rundbogen und einen Spitzbogen.
Erdgeschoss mini|links|Die kräftige Treppe in der Mitte des Schlosses Verrès (Foto vom Beginn des 20. Jahrhunderts) Wenn man in die Burg eintritt, findet man sich in einer quadratischen Vorhalle, die als Decke ein Spitzbogengewölbe hat, das letzte Verteidigungselement der Burg. In der Tat öffnen sich zahlreiche Schießscharten und eine Luke in der Decke, von denen aus man auf mögliche Eindringlinge, die im Inneren eingeschlossen waren, zielen konnte.
Um tatsächlich in den inneren Teil der Burg einzutreten, muss man noch ein doppeltes Portal durchschreiten, über dem auf der Seite der Vorhalle ein Rundbogen angebracht ist und auf der Seite zum Innenhof hin ein Spitzbogen. Einst waren diese Tore durch ein Fallgatter geschützt, das zwischen den beiden Portalen angebracht war.
mini|Grundriss des Erdgeschosses:1. Eingangshalle2. Magazin auf der Ostseite3. Waffenkammer auf der Westseite4. Küche Der Innenhof der Burg ist einfach ein quadratischer Platz, von dem aus man in die beiden großen Räume gelangt, die auf der Ost- und der Westseite der Burg liegen. Die Dachöffnung über dem Hof erlaubt eine bessere Belichtung der Räume und es sammelt sich Regenwasser in der großen Zisterne darunter. Das Pflaster des Innenhofes wurde in Neigung verlegt, sodass alles Wasser zur Mitte geleitet wird, wo sich die Öffnung zur Zisterne befindet, damit man über eine Wasserreserve verfügte, die im Falle einer Belagerung wertvoll war.
Die innere Aufteilung der Burg ist einfach und fundamental, wie ihr äußerer Anblick. Das Erdgeschoss hat neben der Eingangshalle nur drei Räume, die den Innenhof umgeben.
Die gesamte Ostseite der Burg nimmt ein großer, rechteckiger Saal ein, dessen Decke als Tonnengewölbe mit Rundbögen ausgeführt ist. Dies ist der einzige Raum der Burg, der nicht beheizt wird, und diente vermutlich als Munitionsmagazin und Waffenkammer. Bei Feiern des historischen Karnevals wird dieser Raum als Ballsaal genutzt.