Der Qasr eth-Thuraiya, auch bekannt als Trayyâ,Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier. (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1, S. 50. ist ein spätrömisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am vorderen Limes Arabiae et Palaestinae in der spätantiken Provinz Arabia zuständig war. Das Baudenkmal befindet sich etwa sieben Kilometer südöstlich der Ortschaft Saliya und des nabatäisch-römischen Qasr Saliya auf 751 Metern Seehöhe im Gouvernement Amman in Jordanien.
Lage Die zum Grenzschutz abkommandierten militärischen Verbände der römischen Streitkräfte kontrollierten an den Außenposten des Reiches Stammesbewegungen insbesondere entlang der wichtigen Migrationsrouten, da den örtlichen Grenzschutzkommandeuren das zyklische Muster des Nomadenlebens bewusst war. Die Nomadenstämme tendierten dazu, den von der Natur vorgegebenen Wegen und Trassen wie insbesondere den Wadis zu folgen, weshalb gerade dort Militärposten entstanden, wobei die fest stationierten Einheiten auch mittels berittener Patrouillendienste Überwachungsarbeit leisteten.Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier. (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1, S. 9.
Das Quadriburium wurde auf einem relativ flachen Plateau zwischen zwei größeren Trockentälern errichtet, die in das südlicher gelegene Wadi es-Su’eida entwässern und ist lediglich rund zehn Kilometer vom südlich gelegenen Praetorium Mobeni (Qasr Bshir) entfernt. Das Wadi es-Suʿeida, mit dem die Etappenstation Qasr eth-Thuraiya über eine gepflasterte Straße verbunden war,Ariel S. Lewin: Kastron Mefaa, the 'Equites promoti indigenae' and the creation of a late Roman frontier. In: Liber annuus 51 (2001), p. 293–304. stellt einen wichtigen Nebenzufluss zum Wadi Mudschib dar.Heinz Ullrich Baierle: Vegetation und Flora im südwestlichen Jordanien (= Dissertationes Botanicae 200), Cramer/Borntraeger, Berlin, Stuttgart 1993, ISBN 3-443-64112-1, S. 11. Auch mit dem nächstgelegenen nördlichen Kastell, dem Kastron Mefaa, bestand die Verbindung über eine gepflasterten Straße. Aufgrund des in der ebenen Landschaft deutlichen Mangels an natürlichen Verteidigungspunkten ist die Sicht aus dem Kastell über die umliegende Hochebene insbesondere nach Osten, ins potentielle Feindesland, sehr gut. Auch der leicht im rückwärtigen Limesbereich liegende Wachturm er-Rama war einzusehen.Samuel Thomas Parker (Hrsg.): The Roman Frontier in Central Jordan. Final Report on the Limes Arabicus Project, 1980–1989 (= Dumbarton Oaks Studies 40), Washington, D.C., 2006, ISBN 978-0-88402-298-5, S. 55. Das Klima entspricht dem subtropisch-ariden Zonobiom, das für Wüstenlandschaften typisch ist.
Nur wenig südlicher des Kastells, entlang der Limesstraße zum Praetorium Mobeni befand sich mit dem Wachturm Qasr et-Tirsa ein Kontrollpunkt genau über dem Nordufer des Wadi. Dem Qasr et-Tirsa gegenüber, auf der anderen Seite des Ufers, befanden sich auf dem dortigen, relativ flachen Plateau, zwei weitere Wachtürme. Rund sechs Kilometer östlich des Qasr eth-Thuraiya wurde eine eisenzeitliche Festung dokumentiert, die vom römischen Militär vielleicht als vorgeschobener Posten wiederbesetzt wurde, da die Anlage mit ihrer Fernsicht in mehrere Richtungen hervorragende Dienste hätte leisten können. Sie beherrscht eine Kreuzung des flachen Wadl es-Su'eida im Süden.
Forschungsgeschichte Zum ersten Mal wurde das damals Trayyâ genannte Kastell durch zwei in den Jahren 1897 und 1898 durchgeführten Forschungsreisen des österreichischen Althistorikers Alfred von Domaszewski (1856–1927) und des deutsch-amerikanischen Philologen Rudolf Ernst Brünnow (1858–1917) bekannt, die den römischen Limes und viele weitere antike Stätten der einstigen Provinz Arabia besuchten. Dabei entstand auch der bis heute noch gültige Plan zum Kastell.Alfred von Domaszewski, Rudolf Ernst Brünnow: Die Provincia Arabia auf Grund zweier in den Jahren 1897 und 1898 unternommenen Reisen und der Berichte früherer Reisender beschrieben. Band 2: Der äußere Limes und die Römerstraßen von el-Ma’an bis Bosra. Trübner, Straßburg 1905. S. 62–63.
Trotz bereits früherer Untersuchungen gehörte der Limes im heutigen Jordanien in der Folgezeit bis Anfang der 1980er Jahre zu den am wenigsten untersuchten Grenzregionen des Römischen Reiches. Den ausschlaggebenden Beitrag zur modernen Erforschung des spätantiken Limes Arabicus leisteten die Untersuchungen des amerikanischen Provinzialrömischen Archäologen und Keramikspezialisten Samuel Thomas Parker (1950–2021), der mit einer Mannschaft aus Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen langjährige Untersuchungen vornahm. Im August und September 1976 fand eine erste umfassende Expedition entlang der jordanischen Sektion des Limes Arabicus statt, die unter dem Namen Survey of the Limes Arabicus bekannt und finanziell durch die American Schools of Oriental Research getragen wurde.Samuel Thomas Parker, Paul M. McDermott: A Military Building Inscription from Roman Arabia. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 28 (1978), S. 61–66; hier: S. 61. Parker sammelte dabei mit einer Mannschaft aus Wissenschaftlern an vielen Fundplätzen, darunter am Qasr Aseikhin,Samuel Thomas Parker: Archaeological Survey of the „Limes Arabicus“: A Preliminary Report. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 21, 1976, S. 19–31; hier: S. 23. mittels Feldbegehungen hauptsächlich keramisches Material. Ziel war es, durch eine an modernen Maßstäben gemessene Materialauswertung zu einem besseren Verständnis zu gelangen, was den Aufbau und die Entwicklung der römischen Grenzbefestigungen entlang der Wüste betraf. Von 1980 bis 1989 unternahm Parker weitere archäologische Expeditionen an die ehemalige römische Reichsgrenze. Als Leiter des Limes Arabicus Projects legte er dabei seinen Schwerpunkt auf den römischen Grenzverlauf in Zentraljordanien.
Baugeschichte mini|Das Kleinkastell mit den wenigen bisher bekannten Maßen. Die rechteckige, nach Parker 37,50 × 34,50 Meter (= 0,13 Hektar) große Anlage besitzt das typische Erscheinungsbild eines spätantiken Quadriburgium, wie es seit der Regierungszeit des Kaisers Diokletian (284–305) und der von ihm begründeten Tetrarchie bekannt geworden ist. Zur Sicherung des in einer Wüstenlandschaft zwingend notwendigen Wasservorrats befanden sich außerhalb der Fortifikation drei Zisternen, jeweils eine im Norden, im Nordosten und im Westen. Die zweischalige Umwehrung des Kastells entstand aus Kalk- und Hornstein, der in grob zugerichteten rechteckigen Werkstücken verbaut wurde. In die größeren und kleineren Lücken zwischen den Blöcken ist als Füllmaterial kleineres Steinmaterial gesetzt worden. Zwischen die beiden Mauerschalen, die in ihrer Breite zwischen 1,70 (N-S) und 2 (O-W) Metern variieren, wurden Bruchsteine verfüllt. Die vier Kurtinen der Anlage wurden durch vier rechteckige Ecktürme verbunden, die, dem Bautyp des Quadriburgium entsprechend, weit aus dem Verband der Umwehrung herausragten. Von diesen Türmen, die eine Fläche von 8,20 Quadratmetern umfassen, ist lediglich noch der nordöstliche Turm besser erhalten. Das einzige Tor befindet sich im Osten. Obwohl das Kastellinnere stark zerstört ist, lassen sich die Spuren der an die Wehrmauer gebauten Raumfluchten noch erkennen. Vor allem entlang der westlichen Seite war für Parker dieses bauliche Detail noch gut zu erkennen.David L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 140–141.
Zeitliche Zuordnung Stratigraphien am Limes Arabicus Parker nutzte bei seinen Forschungsexpeditionen zum spätantiken Limes Arabicus ein stratigraphisches Schema auf, das der vereinfachten Zuordnung für die gesicherten römischen und byzantinischen Funde und Befunde dient. Nachfolgend ein Ausschnitt aus diesem Schema,Samuel Thomas Parker, John Wilson Betlyon, Michael R. Toplyn: Preliminary Report on the 1987 Season of the Limes Arabicus Project (= Bulletin of the American Schools of Oriental Research. Supplementary Studies 26). Preliminary Reports of ASOR-Sponsored Excavations 1983–1987, The American Schools of Oriental Research, 1990, S. 89–136; hier: S. 90.Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier. (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1. S. 11. wie es zum Abschluss des Limes-Arabicus-Projekts 2006 veröffentlicht wurde:Samuel Thomas Parker (Hrsg.): The Roman Frontier in Central Jordan. Final Report on the Limes Arabicus Project, 1980–1989. Band 2 (= Dumbarton Oaks Studies 40), Washington, D.C., 2006, ISBN 978-0-88402-298-5, S. 332.
Stratum Zeitstellung Ungefähre Datierung VII frührömisch I–IV ca. 63 v. Chr.–135 n. Chr. VI spätrömisch I–III ca. 135–284 VI spätrömisch IV ca. 284–324 VB frühbyzantinisch I ca. 324–363 VA frühbyzantinisch II ca. 363–400 IV frühbyzantinisch III–IV ca. 400–502 III spätbyzantinisch I–II ca. 502–551
Die Befestigung des Limes Arabicus in diesem Gebiet begann mit der Annexion des Nabatäerreiches während der Regierungszeit des Kaisers Trajan (98–117) im Jahr 106 n. Chr.Hans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Romanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 76. Zur Sicherung der neugewonnenen Gebiete ließ der Kaiser zwischen 107 und 114 n. Chr. mit der Via Traiana Nova eine von Süden nach Norden verlaufende Militärstraße entlang des Limes errichten, die von der Hafenstadt Aila (Akaba) am Roten Meer bis zum Legionslager Bostra im heutigen Syrien reichte. Die dort stationierte Legio III Cyrenaica zeichnete für den Bau der Straße verantwortlich.Hans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Romanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 36. Die römische Armee war über die Jahrhunderte gezwungen, die Grenzbefestigungen immer weiter auszubauen. Mit den bereits genannten Reformen Kaiser Diokletians und der wachsenden Bedrohung durch die Sassaniden erreichten diese Bemühungen einen Höhepunkt. Der Qasr eth-Thuraiya lag an einem der Via Traiana Nova vorgelagerten Straßenabschnitt. Dieser schloss archäologisch nachweisbar im Norden bei Amman wieder an die Via Traiana Nova an. Im Süden, hinter dem Praetorium Mobeni ist der Verlauf noch spekulativ. Doch ist auch hier eindeutig mit einer Verbindung zur Via Traiana Nova zu rechnen.
Keramik- und Münzauswertung Bei der von Parker 1976 geleiteten Feldbegehung konnten 162 Keramikfragmente und eine Münze geborgen werden. Aus dem Scherbenmaterial wählte Parker bei seiner Untersuchung im selben Jahr insgesamt 30 Stücke zur näheren Untersuchung aus.Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier. (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1. S. 178. Die chronologischen Perioden und Datierungen richten sich nach Parkers Darstellung von 2006.
Anzahl Zeitstellung Bemerkung 22 spätrömisch IV ca. 284–324 7 frühbyzantinisch I–III ca. 324–450 1 ayyubidisch-mamelukisch ca. 1174–1516