Paianios (, geboren wohl um 337,Das Geburtsjahr ergibt sich aus der Zeit seines Rhetorikstudiums bei Libanios und Akakios, das Paianios im Alter von 18–22 Jahren begonnen haben müsste. Siehe dazu Dionysios N. Trivolis: Eutropius Historicus καὶ οἱ Ἕλληνες μεταφράσται τοῦ Breviarium ab urbe condita. Athen 1941, S. 127–166, referiert von Johannes Irmscher: Byzantinoslavica. Band 16, 1955, S. 361–365 gestorben nach 379Paianios verfasste seine Übersetzung um das Jahr 379. Weitere Hinweise auf sein Wirken gibt es nicht.) war ein spätantiker griechischer Übersetzer und Rechtsanwalt, der im 4. Jahrhundert in Syrien im östlichen Teil des Römischen Reiches lebte. Er verfasste eine Übersetzung von Eutropius’ kurzgefasster römischer Geschichte (Breviarium ab urbe condita), die von der Gründung der Stadt durch Romulus (753 v. Chr.) bis zum Tod des Kaisers Jovian (364 n. Chr.) reicht. Im Gegensatz zu einer späteren Übersetzung desselben Werks (von Kapiton von Lykien, spätes 5./frühes 6. Jahrhundert) ist die des Paianios in mehreren Handschriften erhalten (direkt überliefert). Der erhaltene Teil der griechischen Übersetzung reicht bis zu Jovians Vorgänger Julian. Wie Eutropius’ Breviarium war Paianios’ Metaphrasis („Übersetzung“) im 17. und 18. Jahrhundert Anfängerlektüre im altsprachlichen Unterricht, verschwand jedoch mit dem Neuhumanismus aus dem Kanon der Schulautoren.

Leben Da Paianios in seinem Werk keine Aussagen über sich selbst macht, kann man seine Lebensumstände nur vermutungsweise rekonstruieren. Aus verschiedenen Einzelheiten, die er bei der Übersetzung eigenmächtig hinzufügte, lässt sich schließen, dass er sich mit der Topographie Kleinasiens und Syriens auskannte, weniger dagegen mit der der westlichen Reichsteile. Aus einer Bemerkung zu den Enkeln des persischen Großkönigs Narseh (Schapur II. und HormizdHierbei handelt es sich um einen Prinzen, der in den Thronkämpfen unterlag und dann ins Römische Reich floh, siehe Alireza Shapur Shahbazi: Hormozd (2), in: Encyclopædia Iranica.), die Paianios als seine (noch lebenden oder erst kürzlich verstorbenen) Zeitgenossen bezeichnet, lässt sich durch das Todesjahr Schapurs II. (379 n. Chr.) der späteste Zeitpunkt der Abfassung festlegen. Paianios schrieb also nur zehn Jahre nach dem Erscheinen des lateinischen Breviarium ab urbe condita.Ernst Schulze: De Paeanio Eutropii interprete. In: Philologus. Band 29, 1870, S. 285–299, hier 285–286.

In einem grundlegenden Aufsatz schlug Ernst Schulze (1870) vor, Paianios mit einem Rechtsanwalt aus Syrien zu identifizieren, der in mehreren Briefen des Rhetors Libanios erwähnt wird.Ernst Schulze: De Paeanio Eutropii interprete. In: Philologus. Band 29, 1870, S. 285–299. Siehe auch Paul Petit: Les étudiants de Libanius. Paris 1957, S. 22–25; 52. Diese Identifikation ist seitdem allgemein akzeptiert.

Paianios stammte demnach aus einer wohlhabenden und gebildeten Familie. Er war Sohn des Statthalters von Bithynien, Calliopius. Libanios erwähnt Paianios zuerst in einem Brief an Lemmatios aus dem Jahr 363. Er bezeichnet Paianios als seinen ehemaligen Schüler, um den er und der Rhetor Akakios von Kaisareia sich sehr bemüht hätten.Libanios, Epistula 1307,6 Foerster. Paianios hatte also Rhetorik in Antiochia studiert, während Libanios und Akakios dort gleichzeitig lehrten, nämlich in den Jahren 354–361. Dadurch lässt sich das Geburtsjahr des Paianios auf ungefähr 337 eingrenzen. Für das Jahr 364 berichtet Libanios von einer Reise des Paianios nach Macedonia und Konstantinopel, in die östliche Reichshauptstadt. Nach der Rückkehr im selben Jahr übersiedelte Paianios nach Palästina, um dort als Advokat zu arbeiten. Noch im selben Jahr (oder im folgenden) heiratete er die Tochter des Pompeianus, eines wohlhabenden Bürgers von Antiochia.

Über die persönliche Beziehung des Übersetzers Paianios zu dem Historiker Eutropius haben wir keine sicheren Informationen. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass sie sich gekannt haben, denn in einem Brief des Libanios aus dem Jahr 362 wird ein gewisser Eutropios genannt, der Schüler und Neffe des Akakios ist, mit Kaiser Julian in Kontakt steht und sich in Antiocheia aufhält.Siehe Libanios’ Brief an Eutropios, Nr. 754 Foerster = Nr. 27 in der zweisprachigen Ausgaben von Georgios Fatouros und Tilman Krischer: Libanios. Briefe, griechisch und deutsch. München 1980. Wenn man eine Identität dieses Eutropios mit dem Historiker annimmt, zählten beide, Paionios und Eutropius, zum Schülerkreis des Akakios und des Libanios.Georgios Fatouros, Tilman Krischer: Libanios. Briefe, griechisch und deutsch. München 1980, S. 321–322. Die Hypothese Otto Seecks, dass Eutropius selbst Paianios mit der griechischen Übersetzung beauftragt habe,Otto Seeck: Die Briefe des Libanius zeitlich geordnet. Leipzig 1906, S. 15. ist zwar plausibel, aber nicht beweisbar. Ebenso steht es mit einer Vermutung des Historikers Joseph Geiger, dass sowohl Eutropius als auch Paianios aus Caesarea Maritima in Palästina stammten.Joseph Geiger: How Much Latin in Greek Palestine? In: H. Rosén (Herausgeber): Aspects of Latin. Papers from the Seventh International Colloquium on Latin Linguistics. Innsbruck 1996, S. 39–58, besonders S. 39–41.

Werk Umfang und Inhalt Wie das lateinische Breviarium ab urbe condita ist die Übersetzung (Metaphrasis) des Paianios eine geraffte Zusammenfassung der römischen Geschichte von der Gründung der Stadt (753 v. Chr.) bis zum Tod des Kaisers Jovian (364 n. Chr.). Beide Werke sind in zehn Bücher geteilt, deren Grenzen jeweils durch epochale Ereignisse bestimmt sind. Bei Paianios fehlt allerdings die einleitende Widmung an Kaiser Valens. Das Ende der Metaphrasis mit der Regierung des Jovian ist nicht erhalten.

Buch 1: Von der Gründung Roms (753 v. Chr.) bis zur Belagerung des Kapitols durch die Gallier (387 v. Chr.). Buch 2: Von der Einsetzung der Militärtribunen (386 v. Chr.) und den Siegen des Camillus bis zum Ende des Ersten Punischen Krieges (241 v. Chr.): Aufstieg Roms zur Großmacht im westlichen Mittelmeerraum. Buch 3: Vom Ende des Ersten Punischen Krieges bis zum Ende des Zweiten Punischen Krieges (202 v. Chr.): Rom unterwirft alle Rivalen im westlichen Mittelmeerraum. Buch 4: Vom Makedonischen Krieg (200–197 v. Chr.) bis zum Jugurthinischen Krieg und Triumph über Jugurtha (104 v. Chr.) Buch 5: Von den Kimbernkriegen (113–101 v. Chr.) bis zum Ende des Bundesgenossenkrieges und Sullas Sieg im Bürgerkrieg über die Marianer (82 v. Chr.) Buch 6: Von der Fortsetzung der Bürgerkriege (77 v. Chr.) bis zur Ermordung Caesars (44 v. Chr.) Buch 7: Von den Machtkämpfen nach Caesars Ermordung bis zum Tod des Kaisers Domitian (96 n. Chr.): Julisch-claudische und flavische Kaiser Buch 8: Von Nerva (96 n. Chr.) bis zum Tod des Severus Alexander (235 n. Chr.) Buch 9: Von Maximinus Thrax, dem ersten Soldatenkaiser, bis zur Abdankung von Diokletian und Maximian (305 n. Chr.) Buch 10: Von Constantius I. und Galerius bis zu Jovian (364 n. Chr.)

Verhältnis zum lateinischen Original Paianios’ Übersetzung von Eutropius’ Breviarium ab urbe condita ist eine verhältnismäßig freie Übertragung, die an die Bedürfnisse seiner griechischsprachigen Leserschaft angepasst ist. Frühe Herausgeber wie Friedrich Sylburg und Hans Droysen urteilten eher negativ über ihren Wert, da sie historische und übersetzerische Fehler enthält, sehr frei an das Original angelehnt und somit für die Textkritik des lateinischen Breviarium nur bedingt brauchbar ist. Während Hans Droysen aus einigen Bindefehlern mit der Leidener Handschrift des lateinischen Eutropius-Textes schloss, dass sie denselben Überlieferungsstrang wie Paianios repräsentiere, zeigte Richard Duncker 1880 anhand zahlreicher Übereinstimmungen mit anderen, von der Leidener Handschrift unabhängigen Textzeugen, dass sich Paianios keinem der heute bekannten lateinischen Überlieferungsstränge eindeutig zuordnen lässt.Richard Duncker: De Paeanio Eutropii interprete. Schulprogramm, Greiffenberg in Pommern 1880. So auch Carl Wagener: Jahresbericht zu Eutropius. Teil 1. In: Philologus. Band 42, 1884, S. 379–400, besonders 394–402.

Das Verhältnis der Übersetzung zum Original wurde erstmals systematisch von Luigi Baffetti untersucht, der verschiedene Aspekte beschrieb und sie in drei Kategorien einteilte:Luigi Baffetti: Di Peanio traduttore di Eutropio. In: Byzantinisch-Neugriechische Jahrbücher. Band 3, 1922, S. 15–36 (Digitalisat). Ergänzungen zum Original Erläuterung lateinischer Fachbegriffe und römischer Realien (beispielsweise Senator, Diktatur, Legion, Miliarium) Nähere Bestimmung von Ortschaften (Alpen, Aquileia, Tarsos) Rückverweise Ergänzungen aus anderen Quellen (vermutlich aus Cassius Dio, beispielsweise die Gefangennahme des Gaius Mucius Scaevola) oder aus eigener Kenntnis Auslassungen und Kürzungen Namen und Namensbestandteile von Personen (vor allem Praenomina) Ortsbestimmungen Ämterbezeichnungen bei Personennamen Redundanzen und Wiederholungen Selbstverständlichkeiten persönliche Bemerkungen Eutrops Veränderungen größerer Passagen durch Umstellungen, Ergänzungen, Auslassungen oder Umformulierungen

Viele Unterschiede der Übersetzung zum Original erklärt Baffetti damit, dass Paianios aufgrund unvollkommener Lateinkenntnisse seine Vorlage oft missverstand und falsch wiedergab.Luigi Baffetti: Di Peanio traduttore di Eutropio. In: Byzantinisch-Neugriechische Jahrbücher. Band 3, 1922, S. 15–36, hier S. 36. Im Gegensatz zu diesem Negativurteil würdigten Forscherinnen wie Enrica Malcovati, Elizabeth Fisher, Paola Venini und Giuseppina Matino Paianios’ erfolgreiches Bemühen, ein nützliches, kurzgefasstes Geschichtswerk in ansprechendem Stil einem griechischsprachigen Publikum nahezubringen.

Malcovati charakterisierte Paianios’ Übersetzung anhand ihrer stilistischen und inhaltlichen Eigenheiten gegenüber dem Original und gelangte zu dem Schluss, dass Paianios seine Vorlage – von zahlreichen, unbedeutenden Details abgesehen – im Großen und Ganzen gewissenhaft und ansprechend, wenn auch nicht wörtlich wiedergegeben habe.Enrica Malcovati: Le traduzioni greche di Eutropio. In: Rendiconti dell’Istituto Lombardo, Classe di Lettere e Scienze Morali. Band 77, 1943/44, S. 273–304, besonders S. 278–297. Demgegenüber zeigte Elizabeth Fisher am Beispiel eines Vergilzitats, dass Paianios stellenweise wortgetreu übersetzte: Nicht nur gab er den lateinischen Vers Wort für Wort (allerdings nicht metrisch) wieder, sondern er erläuterte zusätzlich die zugrundeliegende Situation in der Aeneis, die Eutrop bei seiner lateinischen Leserschaft stillschweigend voraussetzte.Elizabeth Fisher: Greek Translations of Latin Literature in the Fourth Century. In: John J. Winkler, Gordon Willis Williams (Herausgeber): Later Greek Literature. Cambridge (MA) 1982, S. 173–216, besonders S. 189–192.

Paola Venini kam bei einer umfangreichen Analyse zu dem Schluss, dass Paianios bei seiner Übersetzung sehr sorgfältig darauf geachtet habe, missverständliche Formulierungen und Darstellungen bei Eutropius verständlich zu machen oder zu erklären. Paianios’ Übersetzung zeichne sich an vielen Stellen durch größere Klarheit und Genauigkeit aus als ihre Vorlage. Dabei habe Paianios deren bürokratischen und trockenen Stil in ein elegantes, von abwechslungsreichen Formeln und poetischen Phrasen geprägtes Griechisch verwandelt.Paola Venini: Peanio traduttore di Eutropio. In: Memorie dell’Istituto Lombardo, Accademia di scienze e lettere, Classe di lettere, scienze morali e storiche. Band 37,7, 1983, S. 421–447.