Aus der Mitte entspringt ein Fluß (Originaltitel A River Runs Through It) ist ein halbautobiografischer Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Norman Maclean, der erstmals im Jahr 1976 bei der University of Chicago Press publiziert wurde. Der Roman erschien in seiner Erstfassung unter dem Titel A River Runs Through It and Other Stories und enthielt neben der Titelgeschichte auch die beiden kürzeren Erzählungen Logging and Pimping and 'Your pal, Jim und USFS 1919: The Ranger, the Cook, and a Hole in the Sky. In Deutschland wurde Aus der Mitte entspringt ein Fluß erstmals 1991 im S. Fischer Verlag in einer Übersetzung von Bernd Samland veröffentlicht.

Handlung

Norman Maclean erzählt rückblickend aus der Ich-Perspektive als älterer Mann. Er schildert zunächst das gemeinsame Aufwachsen mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Paul unter der ebenso strengen wie liebevollen Erziehung seiner Eltern im ländlichen Montana im frühen 20. Jahrhundert. „In unserer Familie gab es keine klare Trennungslinie zwischen Religion und Fliegenfischen“, lautet der Einleitungssatz – beides ist in der presbyterianischen Familie des Pastors mit schottischer Abstammung, der mit seinen Söhnen immer wieder an den vielen Flüssen und Gewässern Montanas angeln geht, wichtig. Er erklärt seinen Söhnen, dass der Mensch eine verlorene Existenz sei und alles Schöne dieser Welt auf göttlicher Gnade beruhe: Bachforellen ebenso wie die Erlösung. „Fliegenfischer glauben, daß man schon an sie gedacht habe, als die Flüsse entstanden. Fliegenfischer haben so etwas wie eine ‚Theorie der Neugierde‘ entwickelt. Die Theorie besagt, daß Fische, wie Menschen, manchmal auf Sachen anspringen, nur weil sie gut aussehen, nicht weil sie gut schmecken. Der Verstand läßt viel schneller nach als der Körper.“ Im Fliegenfischen erhalten die Brüder so viele Unterrichtsstunden wie in den anderen geistigen Fächern.

Die Haupthandlung des Romans ist im Sommer 1937 angesiedelt, als Norman bereits verheiratet ist, während Paul als Lokalreporter in der Landeshauptstadt Helena lebt. Norman wird von seiner Frau Jessie Burns gebeten, mit ihrem Bruder Neal einen Angelausflug zu machen, der von der Westküste zu Besuch in seine alte Heimat kommt. Norman kann seinen aufschneiderischen und arroganten Schwager nicht ausstehen und bittet Paul, ob er nicht auch mitkommen wolle. Paul, dessen Talent im Fliegenfischen das seines Bruders bei Weitem überragt, willigt ein. Eines Nachts muss Norman seinen Bruder aus dem Gefängnis abholen, da dieser sich eine Schlägerei geliefert hatte. Norman hatte bereits zuvor registriert, dass Paul schon morgens Whiskey trank, und erfährt nun von der Polizei, dass Paul die Nächte beim Glücksspiel in schmierigen Clubs durchzecht und Spielschulden hat. Der diensthabende Polizist rät Norman, seinem Bruder zu helfen und mit ihm angeln zu gehen.

Norman versucht bei seinen Ausflügen mit Paul über dessen Probleme zu sprechen und bietet ihm Hilfe an, doch Paul scheint sich nicht dafür zu interessieren, er bleibt stur und wortkarg. Die Angelausflüge verlaufen dennoch schön, obwohl sich Neal nicht fürs Angeln begeistert und eher am Schlafen, Trinken sowie an sexuellen Erlebnissen mit der örtlichen Gelegenheitsprostituierten „Old Rawhide“ interessiert ist. Normans Frau wirft ihm vor, er kümmere sich nicht genug um den gescheiterten Tennisspieler Neal, dem sie wiederum zu helfen versucht. Die Situation scheint zu eskalieren, als Neal mit Rawhide an einem sonnigen Tag im Flussbett schläft und sich dabei Verbrennungen zweiten Grades holt. Doch die Frauen der Familie Burns bekunden ihre Liebe und Wertschätzung für Norman.

Am nächsten Tag geht Norman mit seinem Bruder und seinem gealterten, inzwischen pensionierten Vater ein letztes Mal zum Fischen. Ihm kommt es vor, als habe sich seit ihrer Kindheit nichts verändert – ausgenommen Pauls Wurfstil. Norman bringt dem Bruder stumme Bewunderung entgegen und sagt sich selbst: „'Paul ist ein Künstler geworden.'“ – „Du denkst schon wie eine Forelle“, rief Norman lachend, und Paul antwortet: „Gib mir noch drei Jahre.“ Doch dieses Geschenk erhält er nicht, im Mai folgenden Jahres wird Paul zu Tode geprügelt in einer Seitengasse gefunden. mini|Karte mit Handlungsorten des Buches wie dem Blackfoot River und den Städten Missoula und Helena Norman und sein Vater, der den Tod des Sohnes nicht überwinden kann, versuchen in Gesprächen den geliebten Menschen und dessen gewaltsamen Tod zu verstehen. Ihnen bleibt am Ende die Erkenntnis, dass man Menschen vollkommen lieben kann, ohne sie vollkommen zu verstehen – wie der Vater stets gepredigt hatte. Norman wird von seinem Vater gebeten, eines Tages die Geschichte seiner Familie zu erzählen, um zu verstehen, was passiert ist und warum. Der Vater meint: „Es sind die, mit denen wir leben und die wir lieben und die wir kennen sollten, die sich uns entziehen.“

Schließlich endet der Roman mit dem gealterten Norman, dessen geliebte, nicht verstandene Menschen aus seiner Jugend fast alle tot sind. Bei Angelausflügen an den Big Blackfoot River hört er im arktischen Halblicht des Canyons nach deren Stimmen, das Sein geht in einem Wesen mit seinen Erinnerungen und seiner Seele in den Geräuschen des Flusses auf. Aus der Mitte entspringe ein Fluss, wenn alle Dinge verschmelzen: „Der Fluss entstand durch die große Weltenflut, und er fließt über Felsen aus dem Urgrund der Zeit. Auf manchen Felsen sind zeitlose Regentropfen. Unter den Felsen sind die Worte, und manche der Worte sind ihrer. Ich werde von den Wassern verfolgt.“

Entstehungs- und Publikationsgeschichte Norman Maclean begann nach seiner Pensionierung nach langem Zögern eine autobiografische Erzählung über seine Familie und das Leben in Montana in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu schreiben. Die schriftstellerischen Gehversuche des Literaturwissenschaftlers gestalteten sich zunächst schwierig, worauf die sich teilweise sehr unterscheidenden Manuskripte im Entstehungsprozess des Romans hindeuten.George H. Jensen, Heidi Skurat Harris: Variations of Time. The Crafting of Norman Maclean’s “A River Runs through It”. In: Western American Literature, Jahrgang 55, Nr. 1, Frühjahr 2020, S. 34.

Die Erzählung ist weitgehend autobiografisch, von der Stellung des Fliegenfischens in seiner Familie bis zu den meisten der Figuren. Nach eigenen Angaben ließ sich Maclean aber literarische und zeitliche Freiheiten, da „oft Dinge im Leben nicht schnell genug passieren“.Norman Maclean, O. Alan Weltzien (Hrsg.): The Norman Maclean Reader. University of Chicago Press, 2008, S. 174. Norman Macleans drei Jahre jüngerer Bruder Paul war Zeitungsreporter und wurde im Mai 1938 in Chicago umgebracht, nachdem er Probleme mit Alkohol und Spielschulden hatte. Die Mörder konnten nie ermittelt werden. Der Mord an seinem Bruder war für Maclean ein unüberwindbares Trauma, wie er noch 1977 sagte. Auch in seinem zweiten großen Werk Junge Männer im Feuer (1992 postum veröffentlicht) über den tödlichen Mann-Gulch-Waldbrand setzte er sich mit der Bedeutung von Tragödien im menschlichen Leben auseinander.

Maclean bot sein Manuskript vergeblich einigen Verlagen in New York an.Norman Maclean, O. Alan Weltzien (Hrsg.): The Norman Maclean Reader. University of Chicago Press, 2008, S. 178. „Niemand fischt in New York“, war eine der Antworten. Letztlich wurde Macleans Roman vom Eigenverlag der Universität von Chicago, an der er über Jahrzehnte gelehrt hatte, herausgebracht. Es war das erste fiktionale Werk, das jemals bei der University of Chicago Press verlegt wurde. Nach dem Erfolg des Debütromans kommentierte Maclean, er habe den „Traum jedes abgelehnten Autors“ gelebt, dessen Werke plötzlich erfolgreich wären, sodass die zuvor ablehnenden Verleger nun den „Hintern küssen“ und seine Werke veröffentlichen wollten – und man diese dann getrost selbst ablehnen könne. Maclean kritisierte, dass Autoren aus dem ländlichen Westen der USA es auch bei guter Qualität viel schwerer bei den großen amerikanischen Verlagen in New York hätten, bemerkte aber ebenso, dass ländliche Autoren nicht nur vom „Viehtrieb“ schreiben, sondern auch universale Themen aufgreifen sollten.Norman Maclean, O. Alan Weltzien (Hrsg.): The Norman Maclean Reader. University of Chicago Press, 2008, S. 177–178.

Nach seiner Veröffentlichung gewann Macleans Buch sowohl eine größere Leserschaft sowie Anerkennung durch Kritiker. Alfred Kazin bescheinigte dem Roman: „Hier sind Passagen von physischer Entrückung in der Präsenz eines unberührten primitiven Amerikas, die so schön wie irgendetwas von Thoreau und Hemingway sind.“ Laut Maclean war von den rund 600 Kritiken, von denen er wusste, nur eine negativ gestimmt.Norman Maclean, O. Alan Weltzien (Hrsg.): The Norman Maclean Reader. University of Chicago Press, 2008, S. 178–179. Die Jury des Pulitzer-Preises empfahl Macleans Buch für die Auszeichnung im Bereich Belletristik, was aber der Vorstand des Pulitzer-Preises – der das letzte Wort hat – ablehnte. Daher wurde 1977 kein Pulitzer-Preis für Belletristik verliehen, mit der Begründung, dass es ein „mageres Jahr für Fiktion“ gewesen sei. Der Autor Pete Dexter kritisierte, dass die in New York sitzenden Verantwortlichen beim Pulitzer-Preis offensichtlich von dem ländlichen Schauplatz oder der Naturnähe der Geschichte abgestoßen worden seien. In ihrer Empfehlung des Romans hatte die Pulitzer-Jury hervorgehoben, dass „die Pallette von Emotionen und Einsichten weit und fesselnd sei“ und das Erzählwerk „trotz der Spezifität von Zeit und Raum einen Sinn für das Universelle“ habe.

Über die Jahrzehnte entwickelte sich Aus der Mitte entspringt ein Fluß zu einem Longseller und „amerikanischem Kultbuch“, das auch in Deutschland mehrere Neuausgaben erhielt.

Themen mini|Ein Fluss in Montana „Fliegenfischen“, schrieb Norman Maclean, „ist eine Kunst, die in einem Viertaktrhythmus ausgeführt wird.“ Das Fliegenfischen nimmt im Roman viel Platz ein, so gibt es seitenlange Beschreibungen Normans und Pauls, wie sie Fische zu fangen versuchen. Nach einer von Maclean gern zitierten Anekdote fasste ihm eine Studentin den Roman einmal so zusammen: „Die beiden Brüder gehen fischen, dann gehen sie nochmals fischen, dann trinken sie etwas, und später fischen sie wieder.“ Maclean stimmte der Studentin zu, allerdings freute er sich auch über die Beobachtung von Angelexperten, dass sein Buch wie eine Anleitung für das Fliegenfischen aufgebaut ist. Jeder neue Angeltrip im Roman elaboriert die Kunst des Fliegenfischens ein Stück weiter.Norman Maclean, O. Alan Weltzien (Hrsg.): The Norman Maclean Reader. University of Chicago Press, 2008. S. xx. Fliegenfischen ist für Normans Vater nicht nur eine erlösende und aufbauende Tätigkeit, sondern übt dem an sich fehlbaren Menschen auch Selbstdisziplin ein – etwa Pünktlichkeit für eine Verabredung beim Angeln oder die Verwendung des Viertaktrhythmus.Harold P. Simonson: Beyond the Frontier. Writers, Western Regionalism and a Sense of Place. Texas University Press, Fort Worth, 1989, S. 162. Für kurze Zeit gelingt es Paul bei seinen Fängen, das Fischen zu einer anderen und perfekten Welt zu transformieren, sodass sich für den Erzähler die „ganze Welt in Wasser verwandelt“.Harold P. Simonson: Beyond the Frontier. Writers, Western Regionalism and a Sense of Place. Texas University Press, Fort Worth, 1989, S. 169. Die Schönheit von Pauls Angelkünsten kann zumindest zeitweise in den Augen seines Bruders und seines Vaters dessen Probleme überstrahlen.Walter Hesford: Fishing for the Words of Life: Norman Mac Lean's "A River Runs through It". In: Rocky Mountain Review of Language and Literature. Vol. 34, No. 1 (Winter, 1980), S. 38.